Waldnacht

Wir waren kurz vor Sonnenuntergang von einem Ausflug im kleinen Boot

zurückgekehrt, müde nach der Schwüle und dem stundenlangen Plätschern

auf dem breiten braunen Strom zwischen den ewigen Wäldern. Wir waren dem

chinesischen Dampferchen begegnet, das jede Woche auf dem Batang Hari

fährt und heimwärts nach Djambi unterwegs war. Wir hatten ein paar

Tauben und einen Nashornvogel geschossen, eine Bambushütte

photographiert, die als letzter Rest einer vorjährigen Reispflanzung in

der Öde stand und wo sich ein alter Malaye mit seinem Weib sorglos vom

hereinwachsenden Dschungel belagern läßt, wir hatten ein paar große

grüne Schmetterlinge gefangen und uns schließlich beeilen müssen, um vor

der Nacht zurückzukommen.

Als wir anlegten und steif vom langen engen Sitzen über den kleinen

Ländefloß vor unserer Hütte stiegen, ging eben die Sonne dunstig über

dem Walde unter, der Strom blinkte trüb herauf, und die Ufer wurden

schon finster, als bräche der Wald von beiden Seiten herein und wolle

die schmale schwache Lichtbahn erdrücken.

Ehe die Nacht und die Krokodile kamen, war es eben noch Zeit, sich am

Ufer ein paar Eimer voll Flußwasser über den Kopf zu gießen, ein

frisches Hemd anzuziehen und sich auf unsere große Veranda zu begeben,

wo der dicke wohlwollende Chinese schon das Abendessen bereit hielt. Ich

blickte hinauf; es war schon dunkel geworden, und unsere Hütte stand mit

der schwach erleuchteten Veranda schön und breit zwischen dem Urwald und

dem steilen Flußufer, kaum hob sich noch das weiche Palmblätterdach vom

schwarzen Himmel ab. Was Nacht ist, weiß man nur in den Tropen. Wie ist

sie schön und fremd und feindlich, die tiefe satte Dunkelheit, der

schwere schwarze Vorhang, um so viel unergründlicher und finsterer, wie

der Tropenmittag glühender und prahlender ist als der nordische.

Wir setzten uns um den großen unbeweglichen Eisenholztisch, wir aßen

Fischchen in Öl und Zwieback, wir tranken von den vielen schweren,

guten, ungesunden Getränken Holländisch-Indiens. Zu sagen hatten wir uns

wenig, wir waren seit Tagen und Tagen beisammen, zu dreien, und wir

waren müde und trotz des Bades schon wieder heiß und feucht. In der

Finsternis schrien ringsum die hunderttausend großflügeligen Insekten,

gläsern und schrill oder tief und dunkel surrend, lauter als ein

Streichorchester. Wir halfen dem Chinesen den Tisch abräumen, nur die

Flaschen blieben stehen, das schwache Lampenlicht floß matt an der

geflochtenen Wand hin und in die offene Nacht hinaus. Die Flinten

lehnten am Eingang, das Schmetterlingsnetz daneben. Einer legte sich in

den Liegestuhl unter der Hängelampe und versuchte in einem Tauchnitzband

zu lesen, der andere begann die Flinten abzureiben und ich faltete

kleine Düten aus Zeitungspapier für die Schmetterlinge.

Früh, es war kaum halb zehn Uhr, sagten wir einander Gutnacht und gingen

hinein. Ich warf die Kleider ab und schlüpfte rasch im Dunkeln unter das

hohe Moskitonetz, streckte mich auf der guten weichen Matratze aus und

sank in den weichen müden Zustand von Halbschlummer, in dem ich seit

langem meine Nächte hinbrachte. Es war nicht nötig, die Augen zu

schließen, nur mit Mühe und gutem Willen vermochte ich das Viereck des

offenen Fensterloches zu erkennen. Da draußen war es kaum um einen

Schatten heller als zwischen meinen Bambuswänden und Bastmatten, aber

man spürte die wilde Natur draußen gären und kochen in ihrem nie

unterbrochenen geilen Treiben und Zeugen, man hörte hundert Tiere und

atmete den krautigen Geruch von üppigem Wachstum. Das Leben ist hier

wenig wert, die Natur schont nicht und braucht hier nicht zu sparen.

Aber wir Weißen sind schon dahinter her, wir haben unsere Bambushütte

und haben schon einen kleinen Kampong mit fast hundert Malayen, die uns

helfen müssen, den ewigen Urwald anzuzapfen, und seit kurzem klingt

hier, zum erstenmal seit die Welt steht, Axtschlag und Arbeitsgetöse

durch das Dickicht. Vor drei Jahren wurden hier noch in wilden schnöden

Streifzügen die Ureinwohner niedergeschossen, die dunkeln scheuen Kubus,

die sich nicht so lange halten konnten wie die listig grausamen Atschi

im Norden. Die Seelen der Gemordeten schweben nachts überm Fluß, aber

sie werden nur von ihren Brüdern gefürchtet, und wir Weißen schreiten

ruhig und herrisch durch die Wildnis, erteilen in unserem verdorbenen

Malayisch kalte Befehle und sehen die dunkeln uralten Eisenholzbäume

ohne Rührung fallen. Man braucht sie zum Werftenbau.

In blassen Halbgedanken dämmerte ich ein, hing müde schwüle Stunden

zwischen Traum und Wirklichkeit. Ich war ein Kind und war am Weinen, und

eine Mutter wiegte mich mit Gesumse, aber sie sang Malayisch, und wenn

ich die bleischweren Augen öffnen und sie ansehen wollte, so war es das

tausendjährige Angesicht des Urwaldes, das über mich gebeugt hing und

mir zuflüsterte. Ja, hier war ich am Herzen der Natur; hier war die Welt

nicht anders als vor hunderttausend Jahren. Man konnte Drahtseile an den

Gaurisankar nageln und den Eskimos ihre Fischjagd mit Motorbooten

verderben, aber gegen den Urwald würden wir noch eine gute Weile nicht

aufkommen. Da fraß die Malaria unsere Leute, der Rost unsere Nägel und

Flinten, da verwesten und vergingen Völker, und aus dem Aashaufen trieb

eilends und immerzu neues Völkergemisch empor, geil und nicht

umzubringen.

Eine mächtige Erschütterung weckte mich plötzlich; ich sprang

unmittelbar aus dem Schlaf in die Höhe, fiel wieder um, stand wieder auf

und zog, nun erwacht, den Mückenschleier auseinander. Ein wildes,

weißes, furchtbar grelles Licht schlug mir blendend entgegen, und erst

nach Augenblicken erkannte ich, daß es das Licht von vielen, ohne Pause

aufeinanderfolgenden Blitzen war. Der Donner rauschte mit Gekeuche

hinterher, die Luft war seltsam bewegt und voll von Elektrizität, die

ich in meinen Fingerspitzen zucken fühlte.

Benommen taumelte ich zum Fensterloch, das im Licht der Blitze vor mir

schwankte und seine Ränder verschob wie die Fensterreihe eines

vorüberrasenden Eisenbahnzugs. Da schaute, auf zwei Schritt Entfernung,

der Wald mich an, ein umgerührtes Meer von Formen, von Astgeschlinge,

Laubmengen und Fasern, wogend und in Verzweiflung sich wehrend, von den

Blitzen überflogen und jäh bis ins zuckende dunkle Herz hinein

verwundet, krachend und empört. Ich stand am Fenster und starrte in das

Unwesen, geblendet und betäubt, und fühlte mit überwachen Sinnen das

rasende Leben der Erde sich ergießen und vergeuden, und stand dazwischen

mit meinem europäischen Gehirn und Gefühlswesen, das sich dem Toben

nicht unterordnete, und sah neugierig zu und dachte an viele Nächte und

Tage meines Lebens, an alle die vielen, vielen Stunden, da ich so wie

hier irgendwo auf Erden gestanden war und fremde Dinge und Erscheinungen

betrachtet hatte, geführt und verlockt von dem seltsamen Trieb des

Zuschauens. Es kam mir nicht einen Augenblick sinnlos vor, daß ich im

Süden des Sumpfurwaldes von Sumatra stehe und einem tropischen

Nachtgewitter zusehe, ich empfand auch keinen Augenblick eine Ahnung von

Gefahr, sondern ich fühlte voraus und sah mich noch hundertmal, an weit

von hier entfernten Orten, einsam und neugierig stehen und dem

Unbegreiflichen mit Verwunderung zusehen, dem das Unbegreifliche und

Vernunftlose in mir selbst Antwort gab und sich verbrüderte. Genau mit

demselben Gefühl von Ergriffenheit und unverantwortlicher

Zuschauerschaft hatte ich als kleiner Knabe Tiere sterben oder

Schmetterlingspuppen aufbrechen sehen, mit demselben Gefühl hatte ich in

die Augen von Sterbenden und in die Kelche von Blumen gesehen – nicht

mit dem Wunsche, diese Dinge zu erklären, nur mit dem Bedürfnis, dabei

zu sein und ja keinen der seltenen Augenblicke zu versäumen, in denen

die große Stimme zu mir sprach und in denen ich und mein Leben und

Empfinden hinschwand und wertlos wurde, weil es nur ein dünner Oberton

zu dem tiefen Donner oder noch tieferen Schweigen des unbegreiflichen

Geschehens wurde.

Die Stunde war da, die seltene, lang erharrte, und ich stand und sah im

weißen Licht der tausend Blitze den Urwald sein Geheimnis vergessen und

in tiefer Todesangst erschauern, und was da zu mir sprach, das war genau

dasselbe, was ich zehn- und hundertmal im Leben gehört hatte, beim Blick

in eine Alpenschlucht, beim Fahren durch einen Meersturm, beim Sausen

des einbrechenden Föhns auf einer Skihalde, und was ich nicht ausdrücken

kann und doch immer wieder zu erleben trachten muß.

Und plötzlich war alles zu Ende, und das war sonderbarer und

schauerlicher als der ganze Gewitterlärm. Kein Blitz, kein Donner mehr,

nur namenlos dicke Finsternis und das Niederstürzen eines wilden,

gierigen, selbstmörderisch wütenden Regens. Ringsum nichts mehr als das

tiefe, wühlende Rauschen und der geile Geruch des aufgewühlten

Urwaldbodens, und eine so tiefe Müdigkeit und Schlafbereitschaft, daß

ich noch im Stehen einschlief und auf meine Matratze taumelte und nicht

wieder erwachte, bis beim gelben Sonnenaufgang der Wald vom

hundertstimmigen Gebrüll der Affen widerhallte.

Aus Indien · 第 15 / 45 题