Der Europäer, der mit anderen als geschäftlichen Absichten nach den
malayischen Inseln fährt, hat stets, und auch wenn er gar nicht auf
Erfüllung hofft, als Hintergrund seiner Vorstellungen und Wünsche die
Landschaft und die primitive Paradiesunschuld einer van Zantenschen
Insel. Reine Romantiker werden diese Paradiese gelegentlich auch finden
und eine Weile, bestochen von der gutartigen Kindlichkeit der meisten
Malayen, Teilhaber an einem köstlichen Urzustande zu sein glauben.
Mir ist der volle Genuß einer solchen Selbsttäuschung nie geworden, aber
einen kleinen weltfernen Kampong habe ich doch gefunden, wo ich eine
Zeitlang im Urwalde zu Gast war, wo mir wohl und heimisch wurde und der
in meiner Erinnerung die ganze Wald- und Stromwelt von Sumatra
kristallisiert und ausdrückt. Dieser kleine Kampong mit hundert
Einwohnern heißt Pelaiang und liegt zwei Tagereisen weit von Djambi
flußaufwärts im Inneren des noch wenig bekannten Djambigebietes, das
erst kürzlich pazifiziert wurde und zum größten Teil aus jungfräulichem
Urwald besteht.
Dort wohnten wir zu vieren samt unsrem chinesischen Koch Gomok in einer
Hütte aus Bambu, deren Dach und Wände aus Palmblättern geflochten waren
und die auf hohen Pfählen ruhte. Da hingen wir in unsrem gelben,
zierlich geflochtenen Käfig zweieinhalb Meter hoch in der Luft und
lebten, wie es uns gefiel. Die beiden Kaufleute taxierten die im Walde
ruhenden Kapitalien an Eisenholz, der Kunstmaler stieg mit dem
Aquarellkasten am Ufer herum und ärgerte sich über die Malayenweiber,
von denen gerade die hübschen sich durchaus nicht abzeichnen und nicht
einmal gern aus der Nähe anschauen ließen. Und ich ließ mich von
Tageszeit und Wetter treiben und lief in der endlosen Waldwelt herum wie
in einem fabelhaften Bilderbuch. Jeder ging seinen Weg und wurde auf
seine Weise mit den Moskiten, mit den wilden Gewittern, mit dem Urwald,
mit den Malayen und mit der ewig lastenden heißfeuchten Schwüle fertig.
Am Abend aber, der in den Tropen allzu früh einbricht, kamen wir stets
alle zusammen und saßen und lagen auf der Veranda beim Tisch und bei der
Lampe. Draußen brüllte der Gewitterregen oder schrie das rasende
Insektenkonzert des Urwalds, der uns in die Fensterlöcher schaute; wir
aber waren dann der Wildnis satt, wir wollten es gut haben und der
lästigen Tropenhygiene vergessen, wir wollten fröhlich sein und nichts
von der Welt wissen, und so lagen und saßen wir und schöpften aus vier
großen Kisten Flaschen mit Sodawasser und Whisky, mit Rotwein und
Weißwein, mit Scherry und mit Bremer Schlüsselbier. Und dann schliefen
wir unterm Mückennetz auf unseren guten Matratzen am Boden, jeder mit
dem Talisman der wollenen Leibbinde versehen, oder wir lagen still und
hörten dem Regen zu, wie er in Kübeln herabklatschte oder auch zart und
singend übers Blätterdach lief, bis am frühen Morgen der Nashornvogel
und die vielen unbekannten Singvögel ihr Lied begannen und die Affen mit
wahnsinnigem Geheule den Tag begrüßten.
Dann ging ich an den sechs oder sieben Hütten vorbei in den Wald, vor
den Blutegeln und Schlangen geschützt durch dieselben Lodengamaschen,
die ich im Winter in Graubünden trage, und alsbald nahm das zähe
Dickicht mich auf und lag zwischen mir und der Welt fremder und
trennender als alle Meere. Da liefen stille schöne Eichhörnchen vor mir
weg, schwarze mit weißem Bauch und roten Vorderbeinen, und große Vögel
sahen mich aus starren Waldaugen unfreundlich an, und bald erschienen in
zahlreichen Familien die Affen, rannten im grünen Astgeschlinge, durch
das kein Himmel blickte, wildfröhlich hinauf und hinab oder hockten hoch
im Gezweig und heulten toll in lang gedehnten schmerzlichen Tonleitern.
Schaukelnd flog manchmal einer von den großen schillernden
Schmetterlingen über mich hin, selig in seiner Schönheit, und am Boden
tat das kleine Gezücht seine Arbeit. Fußlange Tausendfüßler rannten in
blinder Eile durchs Gedränge, und überall strebten in dichten dunklen
Zügen mächtige Ameisenvölker, graue, braune, rote, schwarze, geordnet
nach gemeinsamen Zielen. Dicke faulende Baumstämme liegen umher,
tausendfach überwachsen von formenreichen Farnen und dünnem zähem
Dorngeschlinge. Hier gärt die Natur ohne Pause in erschreckender
Fruchtbarkeit, in einem rasenden Lebens- und Verschwendungsfieber, das
mich betäubt und beinahe entsetzt, und mit nordländischem Gefühl wende
ich mich jeder Erscheinung dankbar zu, die inmitten des erstickenden
Zeugungstaumels eine einzelne Form besonders ausgestaltet zeigt. Da
steht zuweilen, vom dicken Gewirre umgeben und als herrlicher Sieger
darüber empor gebrochen, ein einzelner Riesenbaum von unwahrscheinlicher
Stärke und Höhe, in dessen Krone tausend Tiere leben und nisten können,
und aus seiner fürstlichen Höhe hängen still und vornehm schnurgerade,
baumdicke Lianenfäden herab.
In diesem Walde wird seit kurzem auch von Menschen gearbeitet. Die
Djambi-Maatschappji hat in dem noch völlig brach liegenden Lande die
erste große Waldkonzession erworben und beginnt dort Eisenholzstämme zu
holen. Ich ließ mich eines Tages zu einer Stelle führen, wo vor kurzem
große Stämme gekappt und behauen worden waren, und sah eine Weile der
mühseligsten Waldarbeit zu. Da wurden Stämme von zwanzig Meter Länge,
schwer wie Eisen, von singenden und keuchenden Kulischaren mit Winden
und Hebeln, an Tauen und Ketten aus tiefen, urweltlich dämmernden,
sumpfigen Waldschluchten herauf geschleppt, auf Holzrollen und auf
primitiven Schlitten, über Sumpf und Dorngestrüppe, über Busch und
fettes feuchtes Gekräut hinweg, Elle für Elle gezerrt, gehalten,
unterstützt und wieder weiter geschleppt, jede Stunde ein kleines Stück
weiter. Ein kleiner Ast von diesem Holze, den ich spielend mit einer
Hand aufnehmen wollte, erwies sich als so schwer, daß ich ihn auch mit
beiden Armen und voller Kraft nicht zu heben vermochte. Dieser Schwere
wegen ist das Holz unendlich mühsam zu transportieren: Bahnen gibt es im
Lande noch nicht, die einzige Straße ist der Strom, und das Eisenholz
schwimmt nicht.
Es war großartig und merkwürdig zu sehen, aber es ist kein Vergnügen,
der Arbeit von Menschen zuzusehen, wo sie noch Last und Fluch und
Knechtung ist. Diese armen Malayen werden nie, wie es Europäer, Chinesen
und Japaner tun, als Herren und Unternehmer solche Werke betreiben, sie
werden immer nur Holzfäller und Schlepper und Säger sein, und was sie
dabei verdienen, das geht fast alles für Bier und Tabak, für Uhrketten
und Sonntagshüte wieder an die ausländischen Unternehmer zurück.
Unberührt von den paar winzigen Feinden, die da an seinem Reichtum zu
zapfen versuchen, steht noch immer der Urwald. Am Flußufer sonnen sich
die Krokodile, unerschöpflich glüht in der feuchten Hitze das Wachstum
weiter, und wo die Natives ein Stückchen roden, um Reis darauf zu bauen,
da steht in zwei Jahren schon wieder hoher Busch und in sechs Jahren
schon wieder hoher Wald.
Ehe wir abfuhren, versenkten wir unsre leeren Flaschen in den braunen
Fluß. Unsre Matratzen wurden in Bastmatten eingerollt und auf das Boot
gebracht und wir sahen unsre gelbe Bambuhütte am schwarzen Rande des
ewigen Waldes stehen und kleiner werden, bis mit der ersten Windung des
Flusses alles versank.