Von Singapur aus fuhr ich auf einem kleinen holländischen Küstendampfer
über den Äquator weg nach Südsumatra. Die Sache begann mit
Gepäckschwierigkeiten am Pier und wäre beinahe im ersten Anfang schon
verunglückt, denn kaum war das kleine Motorbötchen, das uns und unsre
vielen Kisten an Bord des Brouwer bringen sollte, vom Pier abgestoßen,
so fuhr uns ein etwas größeres Boot in eiliger Konkurrenz so wild mitten
in der Breitseite an, daß wir alle übereinander fielen und schon ans
Schwimmen dachten. Es war jedoch wider alle Wahrscheinlichkeit
Gerechtigkeit geschehen und der Angreifer war der Geschädigte; mit einem
großen Loch im Bug mußte er abziehen.
Auf dem Brouwer waren wir zu dreien die einzigen Passagiere der ersten
Klasse und hatten das Schiff für uns wie eine Privatjacht. Das kleine
Hinterdeck ward mit holländischer Behaglichkeit für uns eingerichtet,
ein weiß gedeckter Tisch mit altväterischen Lehnstühlen, daneben vier
von den nicht genug zu lobenden asiatischen Liegestühlen mit
Holzgestellen zum Hochlegen der Beine, weiter zwei naive biedere
Kanapees mit weiß und rot gestreiften Bezügen. Die gesamte Bedienung war
malayisch, und alsbald wurde uns von drei aufmerksamen, geschickten,
hübschen Javanen eine erste Mahlzeit aufgetragen, ein überaus
reichhaltiges, solides Reisessen, das ich nach den schlimmen Schaubroten
der indischen Gasthöfe mit Dankbarkeit begrüßte. In den Hotels der
Straits und Malay States wird man überall von chinesischen Boys bedient,
die fast ebenso schlecht und lieblos servieren wie europäische Kellner
in einem Durchschnittshotel. Die Javanen hier waren dagegen um unser
Wohlergehen mit der einschmeichelnden Treue guter Krankenschwestern
bemüht, sie umkreisten uns beständig mit Aufmerksamkeit und kamen jedem
kleinsten Bedürfnisse lächelnd und ohne Hast zuvor; sie trugen uns
Speisen auf, boten das Beste mit bescheidener Gebärde lobend an,
schenkten jedes Trinkglas nach jedem Schluck wieder sorglich voll,
verteilten den Rest der gemeinsamen Flasche mit liebevoller
Gerechtigkeit zwischen uns dreien, schützten uns vor der Sonne und vor
dem Winde, standen augenblicks mit brennendem Streichholz bereit, wenn
eine Zigarre ausgegangen war, und alle ihre Mienen und Bewegungen
drückten weder widerwilliges Diensttun noch feige Sklaverei aus, sondern
eitel freudige Dienerschaft und ergebenstes Wohlwollen.
Mittschiffs lagen drei Chinesen und spielten Karten, ohne zu sprechen,
aber genau mit demselben leidenschaftlich hoffenden Auftrumpfen der
guten und demselben resigniert ärgerlichen Hinschmeißen der schlechten
Blätter, wie man es bei schwäbischen Soldaten, bayrischen Jägern und
preußischen Matrosen sieht. Eine Malayenfamilie aus Tonkal lag auf ihrer
Reisebastmatte: ein Großvater, ein Elternpaar, vier Kinder. Die Kinder
hatten es gut, sahen wohlgehalten aus und trugen Halsketten und silberne
Fußspangen. Beim Sonnenuntergang suchte sich der Großvater einen freien
Raum, verneigte sich, kniete nieder, erhob sich wieder und vollzog mit
langsamer Würde die Übungen des abendlichen Gebets. Sein alter Rücken
krümmte und streckte sich in genauem Gleichtakt, sein roter Turban und
sein spitzer grauer Bart standen scharf in der einbrechenden Dämmerung.
Wir setzten uns mit den beiden Offizieren zu einem reellen holländischen
Abendessen. Sterne kamen herauf, das Meer dunkelte tiefschwarz und die
zackigen Silhouetten der kleinen Berginseln waren kaum mehr zu erfühlen.
Wir waren still geworden und wären gerne zu Bett gegangen, doch war es
allzu heiß, wir saßen alle ruhig und waren naß vom unablässig rieselnden
Schweiß.
Wir bestellten Whisky und hatten kaum danach gerufen, so sprang schon
einer der längst auf Deck schlafenden Jonges auf und lief nach Schnaps
und Sodawasser.
An hundert Inseln vorüber fuhren wir durch die brütende Nacht, manchmal
von Leuchttürmen begrüßt, wir nippten am lauen Getränk, rauchten
holländische Zigarren und atmeten langsam und unwillig unter dem heißen
schwarzen Himmel. Wir sprachen hin und wieder ein Wort, über das Schiff
oder über Sumatra, über Krokodile und Malaria, aber es war keinem
wichtig, und manchmal stand einer auf, trat an die Reling, ließ die
Asche seiner Zigarre ins Wasser fallen und suchte, ob in der Finsternis
etwas zu sehen wäre. Und wir gingen auseinander und lagen jeder für
sich, an Deck oder in der Kabine, und der Schweiß rann beständig an uns
nieder, und für diese Nacht waren wir alle reisemüde und verstimmt.
Am Morgen aber fuhren wir, schon jenseits des Äquators, in die breite
kaffeebraune Mündung eines der großen Ströme von Sumatra ein.