Den Vormittag hatte ich zwischen den Gärten der Europäer auf den
grasbewachsenen, laubig umrahmten Wegen Schmetterlinge gefangen, war in
der weißen Mittagsglut zu Fuß in die Stadt zurückgegangen und hatte den
Nachmittag mit Spazierengehen, Lädenbesuchen und Einkaufen in den
schönen, lebendig wimmelnden Straßen von Singapur hingebracht. Nun saß
ich im hohen Säulensaal des Hotels mit meinen Reisegefährten beim
Abendessen, die großen Flügel der Fächer surrten fleißig in der Höhe,
die weißleinenen Chinesenboys schlichen still und gelassen durch den
Saal und trugen das schlechte englisch-indische Essen auf, das
elektrische Licht blitzte in den kleinen schwimmenden Eisstückchen der
Whiskygläser. Müde und ohne Hunger saß ich meinen Freunden gegenüber,
schlürfte kaltes Getränk, schälte kleine goldgelbe Bananen und rief
frühzeitig nach Kaffee und Zigarren.
Die andern hatten beschlossen, in einen Kinematographen zu gehen, wozu
meine von der Arbeit in voller Sonne überangestrengten Augen keine Lust
hatten. Dennoch ging ich schließlich mit, nur um für den Abend versorgt
zu sein. Wir traten barhaupt und in leichten Abendschuhen vor das Hotel
und schlenderten durch die wimmelnden Straßen in gekühlter blauer
Nachtluft; in ruhigem Seitengassen hockten bei Windlichtern an langen
rohen Brettertischen Hunderte von chinesischen Kulis und aßen vergnügt
und sittsam ihre vielerlei geheimnisvollen und komplizierten Speisen,
die fast nichts kosten und voll unbekannter Gewürze stecken. Getrocknete
Fische und warmes Kokosöl dufteten intensiv durch die von tausend Kerzen
flimmernde Nacht, Rufe und Schreie in dunkeln östlichen Sprachen hallten
in den blauen Bogengängen wider, geschminkte hübsche Chinesinnen saßen
vor leichten Gittertüren, hinter denen reiche goldene Hausaltäre düster
funkelten.
Von der dunkeln Brettertribüne des Kinotheaters blickten wir über
unzählige langzopfige Chinesenköpfe hinweg auf das grelle Lichtviereck,
wo eine Pariser Spielergeschichte, der Raub der Mona Lisa und Szenen aus
Schillers Kabale und Liebe, alle in derselben seelenlosen
Anschaulichkeit, vorübergeisterten, doppelt gespensterhaft in der
Atmosphäre von Unwirklichkeit oder peinlicher Zweifelhaftigkeit, welche
diese westlichen Angelegenheiten hier zwischen Chinesen und Malayen
annehmen.
Meine Aufmerksamkeit war bald erlahmt, mein Blick ruhte zerstreut in der
Dämmerung des hohen Saales aus, und meine Gedanken fielen auseinander
und blieben leblos liegen wie die Glieder einer Marionette, die man im
Augenblick nicht braucht und weggelegt hat. Ich senkte den Kopf in die
aufgestützten Hände und war alsbald allen Launen meines denkmüden und
mit Bildern gesättigten Gehirns preisgegeben.
Es umgab mich zunächst eine schwach murmelnde Dämmerung, in der ich mich
wohl fühlte und über welche nachzusinnen ich kein Verlangen trug.
Allmählich begann ich zu merken, daß ich auf dem Deck eines Schiffes
lag, es war Nacht, und nur wenige Öllaternen brannten, neben mir lagen
viele andere Schläfer Mann an Mann, jeder am Boden auf seiner Reisedecke
oder Bastmatte hingestreckt.
Ein Mann, der mir zur Seite lag, schien nicht zu schlafen. Sein Gesicht
war mir bekannt, ohne daß ich seinen Namen wußte. Er bewegte sich,
stützte die Ellbogen auf, nahm eine goldene Brille ohne Ränder von den
Augen und begann sie mit einem weichen, flanellenen Tüchlein sorgfältig
zu reinigen. Da erkannte ich ihn; es war mein Vater.
„Wohin fahren wir?“ fragte ich schläfrig.
Er putzte, ohne aufzublicken, an seiner Brille weiter und sagte ruhig:
„Wir fahren nach Asien.“
Wir redeten Malayisch, mit Englisch vermischt, und dieses Englisch
erinnerte mich daran, daß meine Kindheit lang vorüber sei, denn damals
besprachen meine Eltern ihre Geheimnisse alle englisch, und ich verstand
nichts davon.
„Wir fahren nach Asien,“ wiederholte mein Vater, und plötzlich wußte ich
alles wieder. Jawohl, wir fuhren nach Asien, und Asien war nicht ein
Weltteil, sondern ein ganz bestimmter, doch geheimnisvoller Ort,
irgendwo zwischen Indien und China. Von dort waren die Völker und ihre
Lehren und Religionen ausgegangen, dort waren die Wurzeln alles
Menschenwesens und die dunkle Quelle alles Lebens, dort standen die
Bilder der Götter und die Tafeln der Gesetze. Oh, wie hatte ich das nur
einen Augenblick vergessen können! Ich war ja schon so lange Zeit
unterwegs nach jenem Asien, ich und viele Männer und Frauen, Freunde und
Fremde.
Leise sang ich unser Reiselied vor mich hin: „Wir fahren nach Asien!“
und ich gedachte des goldenen Drachens, des ehrwürdigen Bobaumes und der
heiligen Schlange.
Freundlich sah mich mein Vater an und sagte: „Ich lehre dich nicht, ich
erinnere dich nur.“ Und indem er es sagte, war er nicht mein Vater mehr,
sein Gesicht lächelte eine Sekunde lang genau so wie das Gesicht, mit
welchem in den Träumen unser Führer, der Guru, zu lächeln pflegt, und im
selben Augenblick erlosch das Lächeln, und das Gesicht war rund und
still wie die Lotosblüte und glich genau dem goldenen Bildnis Buddhas,
des Vollendeten, und wieder lächelte es, und es war das reife,
schmerzliche Lächeln des Heilands.
Der neben mir lag und gelächelt hatte, war nicht mehr da. Es war Tag,
und alle Schläfer hatten sich erhoben. Bestürzt raffte auch ich mich
empor und irrte auf dem ungeheuren Schiff umher, zwischen fremden
Menschen, und sah auf dem schwarz-blauen Meere Inseln mit wilden,
gleißenden Kalkfelsen und Inseln mit wehenden hohen Palmen und
tiefblauen Vulkanbergen. Kluge, braune Araber und Malayen standen mit
vor der Brust gekreuzten mageren Händen, verneigten sich bis zum Boden
und verrichteten die vorgeschriebenen Gebete.
„Ich habe meinen Vater gesehen,“ rief ich laut, „mein Vater ist auf dem
Schiff!“
Ein alter englischer Offizier in einem geblümten japanischen
Morgenkleide sah mich aus hellblauen Augen glänzend an und sagte: „Ihr
Vater ist hier und ist dort, er ist in Ihnen und außer Ihnen, Ihr Vater
ist überall.“
Ich gab ihm die Hand und erzählte ihm, daß ich nach Asien fahre, um den
heiligen Baum und die Schlange zu sehen und um in die Quelle des Lebens
zurückzugehen, in welcher alles seinen Anfang nahm und welche die ewige
Einheit der Erscheinungen bedeutet.
Aber ein Händler hielt mich eifrig an und nahm mich in Anspruch. Es war
ein Englisch redender Singhalese, er zog aus einem Körbchen kleine
Lappenbündel hervor, die er auseinanderwickelte und aus denen kleine und
große Mondsteine zum Vorschein kamen.
„_Nice moonstones, Sir,_“ flüsterte er beschwörend, und da ich mich
heftig abwenden wollte, legte jemand eine leichte Hand auf meinen Arm
und sagte: „Schenken Sie mir ein paar Steinchen, sie sind wirklich
hübsch.“ Die Stimme fing mein Herz alsbald ein wie eine Mutter ihr
entlaufenes Kind, ich wandte mich glühend um und begrüßte Miß Wells aus
Amerika. Unbegreiflich, daß ich sie so ganz hatte vergessen können!
„O Miß Wells,“ rief ich erfreut, „Miß Annie Wells, sind Sie denn auch
hier?“
„Wollen Sie mir einen Mondstein schenken, Deutscher?“
Ich griff schnell in die Tasche und zog den langen gestrickten
Geldbeutel hervor, den ich als Knabe von meinem Großvater bekommen und
als Jüngling auf meiner ersten Italienreise verloren hatte. Es war mir
lieb, ihn wiederzuhaben, und ich schüttete eine Menge silberner Ceyloner
Rupien heraus; aber mein Reisekamerad, der Maler, von dem ich nicht
gewußt hatte, daß er noch da sei und neben mir stehe, sagte lächelnd:
„Die können Sie als Hosenknöpfe tragen, sie gelten hier keinen Cent.“
Verwundert fragte ich ihn, wo er herkomme und ob er die Malaria wirklich
überwunden habe. Er zuckte die Achseln und sagte: „Man sollte die
modernen europäischen Maler alle einmal in die Tropen schicken, da
könnten sie sich ihre Orangepalette wieder abgewöhnen. Gerade hier kommt
man mit einer dunkleren Palette der Natur viel näher.“
Es war klar, und ich stimmte lebhaft bei. Aber die schöne Miß Annie
hatte sich inzwischen im Gedränge verloren. Beklommen ging ich auf dem
riesigen Schiffe weiter, wagte jedoch nicht, mich an einer Gruppe von
Missionsleuten vorbeizudrängen, die im Kreise sitzend die ganze
Deckbreite versperrten. Sie sangen ein frommes Lied, in das ich bald
einstimmte, da ich es von Hause her kannte:
Darunter das Herze sich naget und plaget
Und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget ...
Ich war damit einverstanden, und die schwermütig pathetische Melodie
stimmte mich traurig, ich dachte an die schöne Amerikanerin und an unser
Reiseziel Asien und fand so viel Ursache zur Ungewißheit und Kümmernis,
daß ich einen der Missionare fragte, wie denn das nun sei, ob sein
Glauben denn wirklich gut und auch für einen Mann wie mich zu brauchen
sei.
„Sehen Sie,“ sagte ich trostbegierig, „ich bin Schriftsteller und
Schmetterlingssammler – –.“
„Sie irren sich,“ sagte der Missionar.
Ich wiederholte meine Erklärung. Aber auf alles, was ich sagen mochte,
gab er mit einem hellen, kindlichen, bescheiden triumphierenden Lächeln
dieselbe Antwort: „Sie irren sich.“
Verwirrt floh ich davon. Ich sah, daß ich hier nicht zurecht kam, und
ich beschloß, auf alles zu verzichten und meinen Vater zu suchen, der
würde mir gewiß helfen. Wieder sah ich das Gesicht des ernsten
englischen Offiziers und glaubte seine Worte zu hören: „Ihr Vater ist
hier und ist dort, er ist in Ihnen und außer Ihnen.“ Ich begriff, daß
dies eine Mahnung war, und ich kauerte mich nieder, um mich zu versenken
und meinen Vater in mir selbst zu suchen.
So saß ich still und versuchte zu denken. Allein es ging schwer, die
ganze Welt schien auf diesem Schiffe versammelt, um mich zu stören. Auch
war es furchtbar heiß, und ich hätte gerne meines Großvaters gestrickten
Geldbeutel für einen frischen Whisky-Soda hingegeben.
Von diesem Augenblick an, wo sie mir zum Bewußtsein gekommen war, schien
diese satanische Hitze beständig anzuschwellen wie ein furchtbarer,
unerträglich gellender Klang. Die Menschen verloren alle Haltung, sie
soffen aus Korbflaschen gierig wie Wölfe, sie machten es sich auf die
seltsamsten Arten bequem, und es geschahen rings um mich her
unbeherrschte und sinnlose Taten; das ganze Schiff war offenbar im
Begriff, wahnsinnig zu werden.
Der freundliche Missionar, mit dem ich mich nicht hatte verständigen
können, war zwei riesengroßen chinesischen Kulis zum Opfer gefallen und
wurde von ihnen auf das schamloseste als Spielzeug benützt. Sie wußten
ihn durch einen heillosen Kunstgriff echt chinesischer Mechanik dazu zu
bringen, daß er auf einen Druck hin seine gestiefelten Füße zu seinem
eigenen Mund herausstreckte. Auf einen anderen Druck hin hing er beide
Augen lang wie Würste aus den Höhlen, und als er sie wieder zurückziehen
wollte, sah er sich dadurch verhindert, daß sie ihm Knoten darein
geschlungen hatten.
Es war grotesk häßlich, aber es focht mich weniger an, als ich gedacht
hätte, jedenfalls weniger als der Anblick, den Miß Wells mir bot, denn
sie hatte sich ihrer Kleider entledigt und trug in überraschend draller
Nacktheit nichts auf dem Leibe als eine wundervolle, braungrüne
Schlange, die sich rund um sie geringelt hatte.
Verzweifelt schloß ich die Augen. Ich hatte das Gefühl, unser Schiff
fahre sehr rasch abwärts in einen glühenden Höllenrachen.
Da hörte ich, dem Herzen tröstlich wie Glockengeläut einem im Nebel
verlaufenen Wanderer, vielstimmig ein feierliches Lied ertönen, das ich
alsbald mitsang. Es war das heilige Reiselied: „Wir fahren nach Asien,“
und es klangen darin alle menschlichen Sprachen, es rauschte darin alle
Ehrfurcht, alle müde Menschensehnsucht, die Not und das wilde Verlangen
aller Kreatur. Ich fühlte mich von Vater und Mutter geliebt, vom Guru
geleitet, von Buddha gereinigt und vom Heiland erlöst, und ob das, was
nun käme, Tod sei oder Seligkeit, schien mir durchaus gleichgültig.
Ich erhob mich und tat die Augen auf. Um mich her waren sie alle, mein
Vater, mein Freund, der Engländer, der Guru und alle, alle
Menschengesichter, die ich je mit Augen gesehen. Sie schauten geradeaus,
mit ergriffenen, schönen Blicken, und auch ich schaute, und vor uns tat
ein vieltausendjähriger Hain sich auf, aus himmelhoher Wipfeldämmerung
rauschte Ewigkeit, und tief in der Nacht des heiligen Schattens glänzte
golden ein uraltes Tempeltor.
Da fielen wir alle auf die Knie nieder, unser Sehnen war gestillt und
unsere Reise zu Ende. Wir schlossen die Augen, und wir beugten uns tief
und schlugen unsere Häupter an die Erde, einmal, und wieder, und
nochmals, in atemloser, rhythmischer Andacht.
Hart schlug meine Stirn auf und schmerzte, Lichtfunken drangen in meine
Augen, und mein Körper arbeitete sich mühsam aus tiefer Erstarrung.
Meine Stirn lag auf der hölzernen Kante der Brüstung, unter mir
dämmerten bleich die rasierten Schädel der chinesischen Zuschauer, die
Bühne war dunkel, und Beifallgemurmel hallte in dem großen
Kinematographentheater wider.
Wir standen auf und gingen. Es war quälend heiß und roch durchdringend
nach Kokosöl. Draußen aber wehte uns nächtliche Meerluft,
Lichtergeflimmer des Hafens und matter Sternenschein entgegen.