Architektur

Große und prächtige Bauten sieht man in der malayischen Welt eigentlich

nirgends; die paar Fürsten sind ziemlich bescheiden, und die Bevölkerung

hat nie das Bedürfnis gekannt, sich in Bauorgien an Tempeln und anderen

Kultusbauten auszutoben. Die buddhistischen und Hindutempel sind ohne

viel Variationen von Vorderindien übernommen, die Moscheen sind ohne

Originalität, von der meist ganz stillosen modernen Prachtmoschee bis

zur kleinen, idyllischen mohammedanischen Dorfkirche, deren Turm aus

vier unbehauenen Baumstämmen besteht. Das Klima zerstört alles

Menschenwerk hier sehr rasch, die Wohnungen sind nicht auf Stabilität

und Dauer, sondern nur aus dem momentanen Bedürfnis nach Schatten, Kühle

und Regenschutz angelegt.

Der ebene Boden der malayischen Länder ist großenteils sumpfig und gärt

in Fieberluft; Schlangen und Raubtiere sind zu fürchten; so ist heute

wie vor viel tausend Jahren der Pfahlbau hier der herrschende Häusertyp.

Der Fußboden ruht auf eingerammten oder auch einfach lebendig abgesägten

Baumstämmen anderthalb bis zweieinhalb Meter über der Erde, mit ihr

verbunden durch eine oder zwei leichte Holztreppen, die zum Schutz gegen

Schlangen und anderes Getier möglichst steil angelegt und manchmal

mühsam zu ersteigen sind. Der Fußboden besteht häufig aus Brettern,

meistens aber nur aus einer losen Lage von Stangen, ist übrigens in

allen Häusern mit reinen, schönen Bastmatten belegt. Darüber ruht ein

einfaches Giebeldach, dessen vordere Balken häufig wie beim

niedersächsischen Bauernhaus kreuzweise überstehen, das Dachgerippe aus

Bambusstäben ist mit Palmblättern dicht belegt, leicht, kühl und sehr

wasserdicht. Ich habe mehrmals im Urwald bei rasenden Tropenregen nachts

unter einem solchen Blätterdach gelegen, ohne naß zu werden. Neuerdings

sieht man, auch schon auf dem Lande, viele Hohlziegeldächer.

Das ist der Typ des hinterindischen Wohnhauses. An manchen Orten sind

die Dächer nach chinesischer Art elegant geschweift und mit

Hörnerschmuck versehen. Eine auffallende malayische Eigenart ist das

Gliedern des Hauses und Bewerten der Räume durch Niveauverschiebung, so

daß vom Eingang her jeder Raum des Hauses um zwei, drei Handbreiten

höher liegt als der vorhergehende.

In den Städten, soweit sie trockenen und gesunden Boden haben, fällt der

Pfahlunterbau weg; hier bestimmt der chinesische Typ das Straßenbild,

das malayische Fischer- und Bauernhaus ist in die Vorstädte verdrängt.

Die Chinesenstraßen, alte wie neue, sind ohne Ausnahme zusammenhängende

Reihen kleiner Häuser von zwei, seltener drei Stockwerken; das

Erdgeschoß ist Werkstatt oder Laden, das Obergeschoß sieht, wenn die

Fensterläden offenstehen, mit offenen, leicht vergitterten Räumen nach

der Straße und gibt ihr eine feine Luftigkeit, die Bauten sind farbig

verputzt, meist heftig waschblau, was im starken Licht der Tropen kühl

und nobel aussieht. Die Vorderräume der Obergeschosse ruhen auf

Pfeilern, und so entsteht auf beiden Seiten jeder Straßenflucht eine

Kolonnade, fröhlich anzusehen und voll von Bildern des kleinen Lebens.

Der reiche Chinese freilich hat sein Landhaus im Villenquartier,

luxuriös und meist europäisch beeinflußt, darum her ein stiller,

steifer, sonniger Garten, wo jede Pflanze erhöht und isoliert in einer

Vase steht.

Die Europäer haben nun alle Städte ganz neu gestaltet und damit viel

Hygiene und Bequemlichkeit, aber wenig Schönheit hereingebracht. Von

allen Europäerbauten hier draußen sind einzig die Bungalows schön, die

in den Villenvorstädten erquickend wohnlich und lieblich in der üppigen

Parklandschaft stehen. Diese Bungalows sind darum schön, weil sie

notgedrungen sich den Bedürfnissen des Klimas fügen und sich darum an

den Urtyp des indischen Wohnhauses halten mußten. Alles andere, was die

Weißen hier gebaut haben und bauen, wäre durchaus würdig, in einer

deutschen Bahnhofstraße aus den achtziger Jahren zu stehen. Die

Engländer tun Großes für ihre Kolonien, die Anlage vieler

Geschäftsstraßen, Häfen, Villenviertel und Parkvorstädte samt

Straßenbau, Bewässerung und Beleuchtung sind musterhaft und oft von

glänzender Großzügigkeit, aber schöne Häuser (mit Ausnahme des

Bungalowtyps) konnten auch sie nicht bauen. Und nun wütet falscher

Marmor, Wellblech und Gewerbeschulrenaissance weiter und verseucht auch

die Modernen und Wohlhabenden unter den einheimischen Bauherren.

Japanische Zahnärzte und chinesische Wucherer bauen sich Häuser, die in

die geschmacklosesten Straßen deutscher Mittelstädte passen würden.

Entsprechend sind Brücken, Brunnen und Denkmäler. Das Übelste aber sind

die Kirchen. Von einem feinen stillen Palmenwalde, von einer weitern

hübschen Malayendorfgasse oder von einer tiefblauen, diskret uniformen

Chinesenstraße aus auf eine Kirche zu blicken, die auf ödem Platz in

entwurzelter und entgleister englischer Gotik das kulturelle Unvermögen

des Westens predigt, das gehört weit mehr als Schmutz und Fieber zu den

Peinlichkeiten einer indischen Reise; denn hier fühlt man sich im

Innersten mitverantwortlich. Und diese Dinge sind alle, gleich einem

deutschen Postgebäude, ebenso solide wie häßlich gemacht. Ein

Malayenhaus, das gestern fertig wurde, wird in drei Monaten wetterfarben

und angepaßt und völlig eingewachsen sein, als stände es fünfzig Jahre

da; ein holländisches Residentenpalais aber, eine englische Kirche oder

ein französisch-katholisches Schulhaus wird unser Auge nicht erfreuen

können, ehe es seine schuldbeladene Existenz zu Ende gelebt und seine

Bestandteile der Natur zurückgegeben hat.

Aus Indien · 第 9 / 45 题