In Singapur besuchte ich wieder einmal ein malayisches Theater. Ich tat
es längst nicht mehr in der Hoffnung, hier etwas von Kunst und Volkstum
der Malayen zu sehen oder sonst wertvolle Studien machen zu können,
sondern lediglich in behaglicher Abendstimmung, wie man an einem müßigen
Abend in einer fremden Seestadt nach dem Essen und Kaffee Lust bekommt,
in ein Varietee zu gehen.
Die sehr geschickten Schauspieler, deren einer einen Europäer zu spielen
hatte, stellten eine moderne Ehegeschichte aus Batavia dar, die ein
Stückefabrikant auf Grund von Zeitungs- und Gerichtsnachrichten
dramatisiert hatte. Die Gesangseinlagen mit Begleitung eines alten
Klaviers, dreier Geigen, eines Basses, eines Horns und einer Klarinette
waren von rührender Komik. Unter den Frauen eine wunderschöne junge
Malayin, wohl Javanin, mit hinreißend edelm Gang.
Das Merkwürdige aber war eine magere junge Schauspielerin in der
seltsamen Rolle eines weiblichen Hanswurst. Die sehr sensible,
überintelligente, allen andern unendlich überlegene Frau stak in einem
schwarzen Sack, trug über ihrem schwarzen Haar eine fahlblonde
scheußliche Wergperücke und hatte das Gesicht mit Kalk beschmiert, auf
der rechten Wange einen großen schwarzen Klecks. In dieser toll
häßlichen Bettelmaske bewegte sich die nervös geschmeidige Person in
einer Nebenrolle, die zum Stück nur äußerst flüchtige Beziehungen hatte,
und war doch beständig auf der Bühne; denn sie spielte den vulgären
Hanswurst. Sie grinste und fraß auf affenhafte Art Bananen, sie
belästigte Mitspieler und Orchester, unterbrach die Handlung durch Witze
oder begleitete sie stumm mit parodierender Nachäffung; dann wieder saß
sie zehn Minuten lang teilnahmlos auf dem Fußboden, hielt die Arme
verschränkt und blickte mit gleichgültigen, krankhaft klugen, kalt
überlegenen Augen ins Leere oder fixierte uns Zuschauer der vordersten
Reihe mit kühler Kritik. In dieser Abseitigkeit sah sie nicht mehr
grotesk aus, eher tragisch, der schmale, brennend rote Mund teilnahmlos
ruhend, vom vielen Lachen ermüdet, die kühlen Augen aus dem fratzenhaft
bemalten Gesicht traurig, vereinsamt und erwartungslos blickend. Man
hätte mit ihr reden mögen wie mit einem Shakespeareschen Narren oder wie
mit Hamlet. Bis die Gebärde irgendeines Mitspielers sie reizte – dann
stand sie auf, von Leben durchflossen, und parodierte diese Gebärde mit
dem kleinsten Aufwande an Anstrengung in so hoffnungslos vernichtender
Übertreibung, daß die Mitspieler hätten verzweifeln müssen.
Aber diese geniale Frau war nur Hanswurst: sie durfte nicht italienische
Arien singen wie ihre Kolleginnen, sie trug das schwarze Kleid der
Erniedrigung, und ihr Name stand weder auf dem englischen noch auf dem
malayischen Theaterzettel.