Augenlust

Wenn aus der Flasche, die mein Boy eben öffnet, ein turmhoher Ifrit

emporrauchte und mir die Erfüllung dreier Wünsche gewährte, so würde ich

ohne Besinnen sagen: Gesund sein, eine schöne, junge Geliebte bei mir

haben und über zehntausend Dollar verfügen.

Alsdann würde ich eine Rikscha nehmen und einen Extra-Rikscha-Kuli für

die Pakete und würde in die Stadt fahren, die ersten paar tausend Dollar

lose in der Tasche. Ich würde nicht auf die bettelnden Kinder hören, die

sich zum Entsetzen meiner Schönen mit dem leidenschaftlichen Ausruf: „O

father, my father!“ um mich drängen. Dem kleinen elfjährigen

Chinesenmädchen hingegen, das täglich vor den Hotels seinen fliegenden

Handel mit Spielsachen betreibt, würde ich einen Dollar schenken. Sie

ist, wie gesagt, elf Jahre alt, und ihr Wuchs und Aussehen ist noch weit

kindlicher und minderjähriger; dennoch geht sie ihrem Straßenhandel

schon seit sechs Jahren nach. Sie hat mir das selbst erzählt, doch würde

ich es nicht weiterberichten, wenn nicht ein alter Singapurer es mir

bestätigt hätte. Das kleine, schmächtige Mädel hat das süße

Kindergesicht, das hübsche Chinesen oft bis zum Alter bewahren, aber sie

hat gescheite, kühle Augen und ist vielleicht das hoffnungsvollste und

smarteste Chinesenkind von Singapur, was sie auch sein muß, denn es

leben seit Jahren fünf Personen von ihrer Arbeit, und ihre Mutter geht,

so oft sie kann, Sonntags zum Spielen nach Johore. Die Kleine trägt

einen wundervollen Zopf, schwarze, weite Hosen und eine verschossene

blaue Bluse, und es wird dem ältesten Überseer nicht gelingen, sie beim

Feilschen und Scherzen einen Augenblick in Verlegenheit zu bringen.

Leider hat sie noch sehr wenig Kapital und noch keine Marktübersicht,

aber das wird kommen, und vielleicht ist es auch reine Klugheit von ihr,

daß sie gerade mit Kinderspielsachen handelt, so lange ihr leichtes

Kinderfigürchen und ihr glattes Kindergesicht diesen Handel suggestiv

unterstützen. Später wird sie mit Gegenständen handeln, die wohlhabende

junge Herren brauchen, dann wird sie heiraten und ihr Geschäft in

Porzellan, Bronzen und Altertümern machen, und schließlich wird sie nur

noch spekulieren und Geld verleihen und die Hälfte ihres Vermögens in

ein wahnsinnig luxuriöses Privathaus verbauen, wo in viel zu vielen

Zimmern viel zu viele Lampen brennen und wo der riesige Hausaltar von

Gold funkeln wird.

Sie soll also ihren Dollar haben, und nachdem sie ihn ohne Erstaunen und

ohne vielen Dank eingesteckt hätte, würden wir gegen die High Street hin

fahren. Erst würde ich noch in einer Seitenstraße beim besten

Rottangflechter halten lassen und für mich und meine Liebste je einige

Liegestühle bestellen, die beste Arbeit aus dem fehlerlosesten und

biegsamsten Material, jeder Stuhl unsern Körpermaßen bequem angepaßt und

mit einem kleinen Teegestell, einem kleinen Bücherkästchen, einem

Zigarettenbehälter und spaßeshalber mit einem schönen, feingeflochtenen

Vogelkäfig versehen.

In der High Street würden wir zuerst bei einem indischen Juwelier

vorfahren. Diese Leute haben zuviel Verbindung mit Europa und verstehen

selten mehr, ihre Sachen so naiv und edel zu fassen wie früher, sie

arbeiten nach englischen und französischen Dessins und beziehen aus Idar

und Pforzheim, aber ihre Steine sind meistens schön, und mit Geduld und

Sorgfalt würde ich sicher sein, mindestens ein edles, goldenes Armband

mit Rubinen und eine dünne, zarte Halskette mit bleichen, bläulichen

Mondsteinen zu finden. Zeit hätten wir ja genug, und die Händler mögen

in Asien sein wie sie wollen, jedenfalls ist ihre Zeit und Geduld und

Höflichkeit unermessen, und du kannst ruhig zwei Stunden lang einen

Laden besehen und nach allen Waren und Preisen fragen, ohne etwas zu

kaufen.

Lachend würden wir dann einen chinesischen Laden betreten, wo vorn

Blechkoffer und Zahnbürsten, im nächsten Raum Spiel- und Papiersachen,

im nächsten Bronzen und Elfenbeinschnitzereien und im hintersten alte

Götter und Vasen zu haben sind. Hier dringt der europäische

Operettenstil nur bis in die Mitte des Ladens, weiter hinten gibt es

wohl noch Imitationen und Fälschungen, aber die Formen sind echt, und

sie drücken alles aus, was ein Chinese fühlen kann, von der eisigsten

Würde bis zum tollen Vergnügen an wildester Groteskerie. Hier würden wir

einen eisernen Elefanten mit erhobenem Rüssel kaufen, zwei oder drei

alte Porzellanteller mit grün und blauen Drachen oder Pfauen und ein

altes Teeservice, rotbraun und golden, mit Familien- und Kriegerszenen

der alten Zeit.

Dann würden wir in einen von den japanischen Läden gehen. Der Schwindel

ist hier am größten, und wir kaufen weder Silber noch Porzellan, weder

Bilder noch Holzschnitte, aber eine Menge kleiner spielerischer Sachen

ohne Wert: kapriziöse Fächer aus dünnstem Holz, kleine duftende

Holzschachteln mit hübschen eingelegten Verzierungen, die nur durch

einen geheimen Fingerdruck zu öffnen sind, und hölzerne und beinerne

Geduldspiele von raffiniert erfinderischer Zusammensetzung, Kugeln, die

beim Anfassen in dreißig Teile zerfallen und mit deren Wiederherstellung

man eine Ferienwoche hinbringen kann, und kleine Figuren von Menschen

und Tieren, die hier für fünfzig Cents zu haben sind und die alle

deutschen Kunstgewerbler zusammen nicht so einfach und ausdrucksvoll

fertig bringen würden.

Nun aber kämen die javanischen und die Tamilgeschäfte an die Reihe. Alte

Battik-Sarongs mit Mustern von Vögeln und Blättern, Schnecken und

Dreiecken, Sarongs aus reichem, schwerem Goldbrokat vom Süden Sumatras,

satt leuchtend wie Sonnenuntergänge, und Kopftücher und Schärpen aus

chinesischer und indischer Seide, viel Goldgelb und Rotbraun und

Currygrün, und kleine steife Frauenschuhe, nadelspitz und gewölbt wie

eine japanische Holzbrücke, mit Silber und Perlen gestickt. Und für mich

selber will ich einen grünen Sarong und braune Saronghosen haben, dazu

eine grüne Samtmütze und eine luftig dünne Schlaf- und Morgenjacke aus

gelber Seide. Dann kämen die Spitzen dran, von denen ich nichts

verstehe und die darum am meisten kosten, und dann die schönen

Elfenbeinschnitzereien: Elefanten und Tempel, Buddhas und Götzen,

Jackenknöpfe und Stockgriffe, auch ganze Elefantenzähne und Würfel und

Spielzeug, Figürchen und Dosen.

Nicht vergessen dürften wir, auch ins Chinesenviertel hinüberzufahren

und weit draußen in der North Bridge Road auszusteigen, wo Laden an

Laden die Geschäfte der Trödler und Antiquitätenhändler stehen. Da sind

neben Stiefeln und silbernen Matrosentaschenuhren, neben abgelegten

Herrenkleidern und messingenen Tabakspfeifen schöne, alte bronzene

Schalen und Vasen zu finden, manchmal auch altes Porzellan, wenn man

Zeit und Geduld hat. Auf alle Fälle aber hängen und liegen dort in

Glaskasten, geheimnisvoll im düsteren Ladenwinkel glühend, die schönsten

chinesischen Schmucksachen: einfache alte Fingerringe aus Gold oder

Silber mit einfach und schön gefaßten Steinen oder Perlen, dünne, lange

Goldketten jeder Art, alles aus dem chinesischen hellgelben, freudig

heiteren Gold, und dickere Ketten, an denen ein gelbgoldener Fisch

hängt, ein grotesker schwänzelnder Fisch mit tausend zarten Schuppen und

mit vorstehenden, glotzenden Augen aus Opalen, Armbänder aus Gold oder

aus milchig-hellgrünem Jettstein, jedes Band aus einem Stück

geschnitten, Broschen aus alten chinesischen Goldmünzen, alles ein wenig

verblaßt und antiquiert und alles von derselben wunderbar exakten,

kapriziös-spielerischen Arbeit. Das gemünzte Geld gilt hier wie bei

allen naiven Völkern unbedingt als schmückendes Wertstück; die

Schwarzwälder Bauern trugen und tragen da und dort heute noch

Silbertaler als Jackenknöpfe, zum selben Zweck werden alte silberne

Tikals in Siam verwendet, ich selbst trage solche Tikalknöpfe an meiner

weißen Jacke; chinesische und siamesische Goldmünzen mit den schönen,

dekorativen Schriftzeichen sieht man überall als Broschen und

Manschettenknöpfe, und hier in einem Laden sah ich einmal eine ganze

Kollektion von modernen billigen Broschen, die alle aus Geldmünzen der

verschiedensten Länder gemacht waren; darunter war auch eine mit einem

alten deutschen Zwanzigpfennigstück, mit einem jener dünnen, winzigen

Silberstückchen, die längst abgeschafft und verschwunden sind. (In

Schwaben sagte früher jedermann, wenn er im Bäckerladen ein paar solche

Zwanziger herausbekam: „Das ist doch ein zu dummes Geld, überall

verliert man sie, sie sind halt zu klein!“ Worauf der Bäcker unfehlbar

erwiderte: „Ach was, wenn ich nur genug von denen hätte! Mir wären sie

nicht zu klein.“)

Und wenn ich das alles gekauft hätte und ruiniert wäre und meine

Geliebte mich verlassen hätte, dann würde ich immer noch zuweilen durch

die Ladenstraßen gehen. Ich würde vor den Auslagen stehen und durch die

Schaufenster blicken, würde an feinen Hölzern riechen, zarte Gewebe

betasten und meine Geschicklichkeit an den hunderterlei Geduldspielen

und Schnurrpfeifereien üben, und ich hätte dabei die Augenlust, die der

Osten bietet und auf die er ganz allein gestellt ist. Alles, was man um

Geld haben kann, ist hier in Asien zweifelhaft, vom Bett bis zum Essen,

vom Diener bis zum Geldwechseln, aber ringsum glänzt unerschöpft der

Reichtum und die Kunst Asiens, von allen Seiten her bedrängt, bestohlen,

unterhöhlt und vergewaltigt, vielleicht schon arg geschwächt und

vielleicht schon im Todeskampf, aber auch so noch reicher und

vielfältiger, als wir im Westen es uns träumen können. Überall liegen

Schätze zur Schau, und alle gehören dem, der seine Augenlust daran zu

finden weiß, denn ob ich für hundert Dollar einkaufe oder für

zehntausend, ich bekomme für alles Geld doch nur das hübsche einzelne,

das vielleicht bald enttäuscht, und vom Bild der gehäuften Schätze, von

dem großen, bunten asiatischen Basarglanz kann ich nichts mit nach

Westen nehmen als einen Abglanz im Gedächtnis. Ob ich später zu Hause

eine Kiste voll chinesischer und indischer Sachen auspacke oder zehn

Kisten, das ist, als ob ich vom Meere eine oder zwanzig Flaschen voll

Wasser mitbrächte. Brächte ich auch hundert Tonnen heim, es wäre doch

kein Meer.

Aus Indien · 第 7 / 45 题