Nichts Schöneres als bei gutem Wetter in Singapur spazieren zu fahren!
Man nimmt ein Rikschawägelchen, setzt sich hinein und hat nun außer der
übrigen Aussicht immerzu den beruhigenden Blick auf den Rücken des
ziehenden Kuli, der im Takt seines wiegenden Trabes auf- und
niederhüpft. Es ist ein nackter, goldig gelbbrauner Chinesenrücken und
darunter ein Paar nackte, starke, athletisch ausgebildete Beine von
derselben Farbe, dazwischen eine verwaschene Badehose aus blauem Leinen,
deren Farbe mit dem gelben Körper und der braunen Straße und mit der
ganzen Stadt und Luft und Welt ganz delikat zusammenklingt. Daß auch die
meisten Straßenbilder delikat und harmonisch aussehen, dafür müssen wir
ebenfalls den Chinesen dankbar sein, die sich zu kleiden und zu tragen
verstehen und deren hunderttausendköpfiges Gewimmel in Blau, Weiß und
Schwarz die Gassen füllt. Dazwischen schreiten stolz und heldenhaft mit
schwarzbraunen, hageren Gliedern und asketischen Augen hochgewachsene
Tamilen und andere Indier, deren jeder auf den ersten Blick wie ein
entthronter Radscha aussieht, die aber allesamt, nicht besser als die
Malayen, mit negerhafter Hilflosigkeit auf jeden Importartikel
hereinfallen und sich kleiden wie Dienstmägde am Sonntag. Man sieht da
wunderschöne, dunkle, nobel blickende Menschen genau in denselben
schreienden, grellen, schonungslos farbigen Kostümen einhergehen, wie
sie etwa auf heimatlichen Maskenbällen von jungen phantasievollen
Ladengehilfen getragen werden – wahre Karikaturen von Trachten! Die
klugen Kaufleute aus unserem Westen haben die indischen Seiden und
Leinen entbehrlich gemacht, sie färbten Baumwolle und druckten Kattune
viel greller, viel indischer, jubelnder, wilder, giftiger, als sie je in
Asien gesehen worden waren, und der gute Indier samt dem Malayen ist ein
dankbarer Kunde geworden und trägt um seine bronzenen Hüften die
billigen, farbengrellen Stoffe aus Europa. Zehn solche indische Figuren
genügen, um eine belebte Straße farbig unruhig zu machen und in ein
Stück unechten „Orient“ zu verwandeln. Aber sie kommen hier nicht auf,
sie mögen noch so königlich schreiten und noch so papageienhaft
leuchten, sie werden umschlossen und erstickt und still zugedeckt von
dem diskreten gelben Volk aus China, das in hundert Straßen dicht und
fleißig haust und wimmelt, von der uniformen, ameisenartigen Menge der
Chinesen, von denen keiner in Farben schwelgen und seine Person zum
König oder Hanswurst herausputzen will, deren unendlicher Schwarm in
Blau, Schwarz und Weiß die ganze Stadt Singapur erfüllt und beherrscht.
Den Chinesen verdanken wir auch die langen, ruhigen, wohltuend
gleichmäßigen Straßenzüge, wo Haus an Haus blau und bescheiden in der
blauen stillen Reihe steht und jedes das andere hält und gelten läßt und
hebt, mindestens so fein und diskret wie in Paris. Den Engländern aber
verdanken wir die breiten, schönen, reinen, bequemen Wege, die
anmutvollen Gartenvorstädte und die herrlichen Baumpflanzungen, die
vielleicht das Schönste von ganz Singapur sind.
Da ist gleich vorn am Meere, mitten zwischen den protzigen Gebäuden und
weiten, schönen Sportplätzen, die mittags so leer und kahl und
unwahrscheinlich groß in der unbarmherzigen Sonne glühen, die mächtige
Esplanade, eine fürstlich breite Allee von alten, herrlichen Bäumen,
eine immer kühle, immer schattige, ehrwürdige Riesenhalle aus Laub und
Ästen. Hier ist es schön am frühen Vormittag zu fahren, wenn über dem
glänzenden Meer und über den ungezählten Schiffen und Segeln und
schaukelnden Booten die heftige Sonne schräg herabbrennt und hinter Meer
und Schiffen und Inseln den ganzen Horizont entlang phantastisch in Form
von Türmen und riesigen Bäumen die steilen, weißen Morgenwolken stehen.
Und es ist schön am Mittag, wenn ringsum alles in der Hitze kocht und
brütet. Da ist die Einfahrt aus der blendenden Glut in diese dunkle
Baumkühle nicht anders als der Schritt von einem sommermittäglichen
Marktplatz in einen heilig kühlen Dom mit dunkeln Gewölben. Am Abend
aber ist das schräg einfallende Licht voll Gold und Wärme, vom Meer weht
frisch der duftende Wind, aufatmende Menschen fahren vergnügt in weißen
Kleidern spazieren und spielen Ballspiele auf grünen, flachen Plätzen,
deren Rasen im Abendlicht edelsteingrün leuchtet. Und nachts, da fährt
man in die Esplanade ein wie in eine Zauberhöhle, in den kleinen Lücken
zwischen den Baumkronen hängen grünfunkelnd die Sterne, im selben kühlen
Feuer schimmern die Schwärme der Leuchtkäfer, und auf dem Meere schwimmt
mit tausend roten Augen die geheimnisvolle Lichterstadt der Schiffe.
Ohne Ende sind die Gartenstraßen der äußern Stadt. Da fährst du auf
glatten, feinen, äußerst gepflegten Wegen immerzu, und überall zweigen
stille Wege ab und führen durch grüne reiche Baumgärten zu stillen,
luftigen Landhäusern, deren jedes Heimweh weckt und Glück zu hegen
scheint, und über dir und um dich her atmet ruhig und lebendig die
wunderbare Baumlandschaft, stundenlang, ein Park ohne Ende, mit Bäumen,
die an Eichen und an Buchen, an Birken und an Eschen erinnern, die aber
alle ein wenig ausländisch und märchenhaft schauen und größer, höher,
üppiger sind als unsere Bäume.
Plötzlich sind wieder Häuser da, man fährt an Werkstätten, Läden und
ernsthaftem Chinesenbienenleben vorüber, vergoldetes Porzellan und
hellgelbe Messingwaren glänzen in Schaufenstern, fette indische Händler
sitzen auf niederen Ladentischen zwischen Haufen von Seidenstoffen oder
lehnen neben Schaukasten voll Diamanten und grünen Jettsteinen. Das
heftige Straßenleben erinnert wohlig an italienische Städte, entbehrt
aber völlig des wahnsinnigen Gebrülls, mit dem in Italien jeder
Streichhölzerbub seine Bagatelle ausschreit.
Wieder kommen niedere Häuser, Bäume dazwischen, halbländliche
Vorstadtluft, und plötzlich ist man unter Kokospalmen. Niedere Hütten,
mit Palmblättern gedeckt, Ziegen, nackte Kinder, ein Malayendorf und,
soweit der Blick reicht, tausend und wieder tausend Palmen streng und
kahl, darunter flimmernd das weißlichgrüne Tageslicht.
Und kaum hat das Auge sich angepaßt und kaum hat das Bewußtsein mit
Genuß den heftigen Kontrast zwischen geradlinig stilisierter Palmenwelt
und laubig weicher, wirrer Parklandschaft verzeichnet, da geht alles
wankend auseinander, erschrocken fällt der Blick in eine ungeheure
Weite, man ist am Meere, an einem ganz neuen, stilleren und weiten Meere
mit flachem Palmenstrand und wenig Booten, und hinten im Bogen liegt mit
blauen Hügelsilhouetten Insel an Insel, alles überragt und klein gemacht
durch die große Form eines chinesischen Segels, das mit hundert feinen
Rippen wie ein Drachenflügel in den Himmel sticht.