Abend in Asien

Abends Ankunft in Penang. Im Eastern and Oriental Hotel (dem schönsten

Europäerhotel, das ich auf der hinterindischen Halbinsel traf) ward mir

eine fürstliche Wohnung von vier Räumen angewiesen, vor der Veranda

klatschte das braungrüne Meer an die Mauer, und im roten Sande standen

groß und ehrwürdig die abendlichen Bäume. Die rotbraunen und gelben

Segel vieler Dschunken, gebaut wie starksehnige Drachenflügel,

leuchteten im letzten Tageslicht, dahinter der weiße Sandstreifen des

Penangstrandes, die blauen siamesischen Berge und alle die winzigen,

dick bewaldeten Koralleninselchen der wundervollen Bucht.

Nach Wochen eines unbequemen Wohnens in der beängstigend schmalen

Schiffskabine genoß ich vor allem eine gute Stunde lang die Weite meiner

Räume; ich probierte die ausschweifend bequemen Liegestühle des luftigen

Vorzimmers, wo alsbald ein kleiner Chinese mit Philosophenaugen und

Diplomatenhänden lautlos Tee und Bananen auftrug, ich badete im Baderaum

und wusch mich im Ankleidezimmer. Dann kostete ich im hübschen

Speisesaal bei ganz guter Tafelmusik zum erstenmal mit leiser

Enttäuschung das üble Essen eines englisch-indischen Hotels. Inzwischen

war eine tiefe, schwarze Nacht ohne Sterne heraufgekommen, die großen

unbekannten Bäume rauschten wohlig im lauen, schweren Winde, und große

unbekannte Käfer, Zikaden und Hummeln sangen, schwirrten und schrien

überall heftig mit den scharfen eigenwilligen Stimmen junger Vögel.

Ohne Hut und in leichten Schlafschuhen trat ich auf die breite Straße

hinaus, rief einen Rikschamann heran, stieg mit frohem Abenteuergefühl

in den leichten Wagen und sprach mit Kaltblütigkeit meine ersten

malayischen Worte, welche der flinke, starke Kuli so wenig verstand wie

ich die seinen. Er tat, was jeder Rikschamann in diesem Falle tut, er

lächelte mir mit seinem guten, kindlich bodenlosen Asiatenlächeln

herzlich zu, wendete sich um und lief in frohem Trab davon.

Und nun erreichten wir die innere Stadt, und Gasse für Gasse, Platz für

Platz, Haus für Haus glühte in einem erstaunlichen, unerschöpflichen,

intensiven und doch wenig geräuschvollen Leben. Überall Chinesen, die

heimlichen Herrscher des Ostens, überall chinesische Läden, chinesische

Schaubuden, chinesische Handwerker, chinesische Hotels und Klubs,

chinesische Teehäuser und Freudenhäuser. Dazwischen je und je eine Gasse

voll Malayen oder Klings, weiße Turbane auf dunkelbärtigen Köpfen,

blanke, bronzene Männerschultern und stille, ganz mit Goldschmuck

behängte Frauengesichter rasch von einer Fackel beleuchtet, lachend oder

aufheulend dunkelbraune Kinder mit dicken Bäuchen und wunderschönen

Augen.

Hier gibt es keinen Sonntag, hier gibt es keine Nacht; ohne Ende und

ohne sichtbare Pause geht die gelassene, gleichmäßige Arbeit weiter,

nirgends nervös und übertrieben, überall fleißig und heiter. Klug und

geduldig kauert auf hohem Brett der kleine Straßenhändler über seiner

Bude, still und würdevoll arbeitet am Rande der brausenden Straße der

Barbier, zwanzig Arbeiter klopfen und nähen in der Werkstatt eines

Schuhmachers, freundlich breitet ein mohammedanischer Kaufmann auf

niederen, breiten Ladentischen seine schönen Tücher aus, die aber fast

alle aus Europa stammen. Japanische Dirnen sitzen kauernd am Steinrand

der Gosse und girren wie fette Tauben, aus chinesischen Freudenhäusern

glänzt golden der wohlbestellte steife Hausaltar, hoch über der Straße

in offenen Veranden hocken alte Chinesen mit kühlen Gebärden und heißen

Augen beim aufregenden Glücksspiel, andre liegen und ruhen oder rauchen

und hören der Musik zu, der feinen, rhythmisch unendlich komplizierten

und exakten chinesischen Musik. Köche sieden und braten auf der Gasse,

Hungrige speisen an langen Brettertischen gesellig und feinschmeckerisch

und sicher für zehn Cents nicht schlechter, als ich im Gasthaus für drei

Dollar gegessen habe, Fruchthändler bieten unbekannte Früchte an,

phantastische Erfindungen einer müßigen, überreichen Vegetation, kleine

Buden haben ihre ärmlichen Güter, eine Handvoll getrocknete Fische oder

drei Häuflein Betel, sorgsam mit Kerzen beleuchtet. Hier wandeln im

verschwenderischen Licht, das namentlich der Chinese liebt, unverändert

alle Gestalten der östlichen Märchen, nur die Könige, Wesire und Henker

sind zum Teil verschwunden, gleichwie vor Jahrhunderten arbeitet der

geschickte Barbier, tanzt die geschminkte Dirne, lächelt ergeben der

Diener und blickt stolz der Herr, wie immer kauern wartend die Träger

und Arbeitsuchenden, kauen Betel und erzählen einander Geschichten.

Ich besuchte ein chinesisches Theater. Da saßen still und rauchend die

Männer, still und teeschlürfend die Frauen, vor ihrer hohen Empore

turnte gefährlich auf schwankem Brett der Teeschenk mit mächtigem

Kupferkessel. Auf der geräumigen Bühne saß eine Schar Musikanten, das

Drama begleitend und seinen Takt kunstvoll betonend; auf jeden betonten

Schritt des Helden fiel ein betonter Schlag der weichtönenden

Holztrommel. Es wurde in alten Kostümen ein altes Stück gespielt, von

dem ich wenig verstand und nicht ein Zehntel sah, denn das Stück ist

lang und wird durch Tage und Nächte fortgespielt. Da war alles gemessen,

studiert, nach alten heiligen Gesetzen geordnet und in rhythmischem

Zeremoniell stilisiert, jede Gebärde exakt und mit ruhiger Andacht

ausgeführt, jede Bewegung vorgeschrieben und voll Sinn, studiert und von

der ausdrucksvollen Musik geführt. Es gibt in Europa kein einziges

Opernhaus, in dem Musik und Bewegungen des Bühnenbildes so tadellos, so

exakt und glänzend harmonisch miteinandergehen wie hier in dieser

Bretterbude. Eine schöne, einfache Melodie kehrte häufig wieder, eine

kurze, monotone Weise in Moll, die ich mir trotz aller Bemühungen nicht

einprägen konnte und die ich später tausendmal wieder hörte, denn es war

gar nicht, wie ich meinte, stets dieselbe Tonfolge, sondern es war die

chinesische Grundmelodie, deren zahllose Variationen wir zum Teil kaum

wahrnehmen können, da die chinesische Tonleiter viel kleiner

differenzierende Töne hat als unsre. Was uns dabei stört, ist der allzu

reichliche Gebrauch von Pauke und Gong; im übrigen ist diese Musik so

fein und klingt abends von der Veranda eines festlichen Hauses so

lebensfroh und oft so leidenschaftlich, lustbegierig, wie nur irgendeine

gute Musik bei uns daheim es tun kann. Im ganzen Theater war außer der

primitiven elektrischen Beleuchtung nichts Europäisches und Fremdes;

eine alte, durch und durch stilisierte Kunst schwang ihre alten,

heiligen Kreise weiter.

Leider ließ ich mich verführen, danach auch noch ein malayisches Theater

zu besuchen. Da prangten grelle, wahnsinnige Kulissen von grotesker

Häßlichkeit, von dem Chinesen Chek May in wohlgeglückter Spekulation auf

die Affeninstinkte der Malayen gemalt, eine Parodie auf alle

Entgleisungen europäischer Kunst, das ganze Theater von einer

beiselhaften Drolligkeit und Hoffnungslosigkeit, die nach kurzem,

krampfhaftem Lachvergnügen unerträglich wird. In üblen Kostümen

spielten, sangen und tanzten malayische Mimen in varieteehafter Weise

die Geschichte von Ali Baba. Hier wie später überall sah ich die armen

Malayen, liebe, schwache Kinder, rettungslos an die bösesten

europäischen Einflüsse verloren. Sie spielten und sangen mit

oberflächlicher Geschicklichkeit, neapolitanerhaft heftig und manchmal

improvisierend, und dazu spielte eine moderne Harmoniummaschine.

Als ich spät die innere Stadt verließ, klangen und glühten hinter mir

die Gassen weiter, noch die halbe Nacht hindurch, und im Hotel ließ ein

Engländer zu einsamem Nachtvergnügen ein Grammophon oberbayerische

Jodlerquartette spielen.

Aus Indien · 第 5 / 45 题