Nachts im Suezkanal

Seit zwei Stunden wird das Schiff von Moskitos belästigt; es ist sehr

warm, und die heitere Stimmung vom Mittelmeer hat sich erstaunlich rasch

verloren. Viele fürchten sich einfach vor der berüchtigten Hitze im

Roten Meer, die meisten aber kehren von kurzen Ferien und Besuchen in

der Heimat zurück oder reisen zum ersten Male aus, und für sie alle

beginnt jetzt erst die Heimat unterzusinken, und mit der Wärme, dem

Sand, den frühen Sonnenaufgängen und den Moskitos überfällt sie der

Osten, den sie alle nicht lieben, obwohl und weil sie draußen ihr Geld

verdienen. Nur im Restaurant der zweiten Klasse zechen ein paar junge

Deutsche, die meisten Passagiere sind schon in den Kabinen. Der

ägyptische Quarantänebeamte, der unser Schiff seit Port Said begleitet,

marschiert mißmutig auf und ab.

Ich versuche zu schlafen. Ich lege mich in meiner winzigen Kabine aufs

Bett, über mir saust schnurrend der elektrische Fächer, im kleinen

runden Fensterloch steht schwarzblau die heiße Nacht, knisternd singen

die kleinen Stechmücken. Seit Genua war keine Nacht an Bord so still;

seit Stunden kein Geräusch als das leise Rollen eines Eisenbahnzuges von

Kairo, der auf dem langen öden Damm auftauchte, in gespenstischer

Nachbarschaft vorüberschnob und wunderlich im Röhricht der weiten kahlen

Landschaft verschwand.

Noch ehe der Schlummer kommt, schreckt mich das plötzliche Verstummen

der Maschine auf. Wir liegen still. Ich kleide mich an und gehe aufs

Oberdeck. Ringsum eine unerhörte Stille, vom Sinai her kommt der

abnehmende Mond, bleiche Sandhaufen schauen im vorübergleitenden Blick

entfernter Scheinwerfer tot und glanzlos auf, im unendlichen schwarzen

Wasserstreifen blinken grelle giftige Reflexe, unterm schweren matten

Mond zucken hundert Seen, Sümpfe, Lachen, Binsenteiche gelb und lieblos

aus der traurigen Ebene. Unser Schiff fährt nicht mehr, kein Ruf oder

Pfiff, es liegt regungslos, verzaubert, aber voll tröstender

Wirklichkeit in der Wüste.

Auf dem Hinterdeck treffe ich einen kleinen, eleganten Chinesen aus

Schanghai. Er lehnt aufrecht an der Brüstung und verfolgt die

Scheinwerfer mit seinen dunklen, klugen Augen, und er lächelt dazu so

hübsch wie immer. Er kann das ganze Shi-King auswendig, er hat alle

chinesischen Examina gemacht und jetzt auch noch einige englische, er

spricht über das Mondlicht über dem Wasser zart und nett in geläufigem

Englisch und macht mir Komplimente über die schönen Landschaften

Deutschlands und der Schweiz. Es fällt ihm nie ein, China zu rühmen,

aber wenn er Lobendes über Europa zu sagen hat, klingt es bei aller

Höflichkeit so überlegen, wie wenn der große Bruder nett ist und dem

kleineren zu seinen starken Armen gratuliert. Wir wissen alle, daß in

China gerade in diesen Tagen die große Revolution neu beginnt, die

vielleicht dem Kaiser den Kopf kosten wird, und unser kleiner feiner

Mann aus Schanghai weiß sicher weit mehr als wir und ist vielleicht gar

nicht zufällig gerade jetzt unterwegs. Aber er ist still und arglos wie

ein Berggipfel in der Sonne und strahlt in seiner höflich verschanzten

Heiterkeit alle irgend unbequemen Fragen mit einer gewinnenden

Sonnigkeit zurück, die uns alle verwirrt und mich entzückt.

Am Ufer erscheint ein lichter kleiner Fleck. Es ist ein weißer Hund, er

läuft eine kleine Strecke weit den Strand entlang, streckt den mageren

Hals lang aus und schaut zu uns herüber. Aber er bellt nicht. Er schaut

eine Weile scheu und still herüber, riecht am trüben Wasser und trabt

lautlos davon, immer der schnurgeraden Uferlinie nach.

Der Chinese redet von den europäischen Sprachen, er rühmt die

Bequemlichkeit des Englischen und den Wohllaut des Französischen, er

bedauert entschuldigend, daß er nur ganz wenig Deutsch und gar kein

Italienisch gelernt hat. Er lächelt dazu lieb und wohlgestimmt und folgt

mit den feuchten, klugen Augen den Bewegungen der Schiffslichter.

Unterdessen fahren zwei große Dampfer langsam und unendlich behutsam an

uns vorüber. Unser Schiff ist am Ufer angebunden. Der große Kanal ist

kostbar und gebrechlich und wird wie Gold geschont.

Ein englischer Beamter aus Ceylon tritt zu uns. Wir stehen lange und

sehen ins tote Wasser, der Mond beginnt schon wieder zu sinken. Ich habe

das Gefühl, ich sei seit Jahren von der Heimat fort. Nichts spricht zu

mir, nichts ist mir nah und lieb, nichts tröstet mich als unser gutes

Schiff. Die paar Bretter und Klammern und Lichter sind alles, was ich

habe, und es macht mich unruhig, nach so viel Tagen plötzlich den

vertrauten Herzschlag der Maschine nimmer zu hören und zu spüren.

Der Chinese redet mit dem englischen Beamten über Gummipreise, und ich

höre immer wieder das Wort Rubber, das ich vor zehn Tagen noch nicht

kannte und das mir jetzt so geläufig ist, das beherrschende Wort des

Ostens. Er redet sachlich, hübsch und höflich, und er lächelt immerzu im

fahlen elektrischen Licht, wie ein Buddha.

Der Mond hat seinen kleinen Bogen beschrieben, er neigt sich und

versinkt hinter den grauen Schutthalden, und mit ihm versinken die

hundert kühlen, übelwollenden Blinklichter der Sümpfe und Seen, die

Nacht steht dick und schwarz, scharf durchschnitten von den Lichtbahnen

der Scheinwerfer, die ebenso unheimlich und lautlos und unendlich

geradlinig sind wie der furchtbare Kanal selber.

Aus Indien · 第 4 / 45 题