Du und Deine Meute, Ihr habt von jeher den Sieg behalten!
+Wilhelm+: Bleib’, Vaterchen! oder wenn Du gehst, laß mich diesmal mit
Dir gehen.
~Dr.~ +Scholz+ _(unwillkürlich zurückfahrend, zwischen Zorn und
Entsetzen)_: Laß mich zufrieden, -- Taugenichts! _(gedankenlos nach
seinen Sachen suchend)_: Banditen und Tagediebe! -- Taugenichtse!
+Wilhelm+ _(aufwallend)_: Vater! -- so nennst Du uns ... und bist es
doch gewesen, der uns .... Ach Väterchen nein, nein, das will ich ja
garnicht sagen! laß mich mit Dir gehn, ich will bei Dir bleiben, laß
mich Alles wieder gut machen, was ich _(er hat seine Hand auf des
Vaters Arm gelegt.)_
~Dr.~ +Scholz+ _(vor Schreck und Entsetzen wie gelähmt, retiriert)_:
Laß los! ich sage Dir -- die Ränke der Verfolger werden zufällig .....
werden zuverlässig -- zu Schanden werden. Sind das diese Leute, --
diese Mächtigen, -- und diese mächtigen Menschen sind das Männer? einen
Mann der, wie ich, einige Schuld hat, aber im Uebrigen dennoch ganz und
gar -- und -- durch und durch -- und kurz und gut.
+Wilhelm+: Vater! Vater! Väterchen! komm zu Dir, komm doch zu Dir!
~Dr.~ +Scholz+ _(sich im Rythmus der Worte bewegend, halblaut)_: Und
kurz und gut und ... ganz und gar ....
+Wilhelm+: _(ihn umarmend, mit der instinctiven Absicht, seinen
Actionsdrang zu hemmen)_: Faß Dich! nimm Dich zusammen!
~Dr.~ +Scholz+ _(sich wehrend, wie ein kleines Kind flehend)_: Ach,
schlag mich nicht! ach straf mich nicht!
+Wilhelm+: Aber um Gottes Himmels .....
~Dr.~ +Scholz+: Nicht schlagen! nicht -- wieder -- schlagen! _(er macht
krampfhafte Anstrengungen sich aus Wilhelms Umarmung zu befreien)._
+Wilhelm+: Abfaulen soll mir die Hand -- Väterchen glaub doch nicht,
.... Väterchen denk doch nicht ......!
~Dr.~ +Scholz+ _(hat sich befreit, flieht hülferufend von Wilhelm
gefolgt)_.
+Wilhelm+: Schlag mich Du! schlag Du mich!
~Dr.~ +Scholz+: Bitte, bitte, bitte, -- .... Hülfe.
+Ida+ _(aus der Thür des Seitengemaches, todtenbleich)_.
+Wilhelm+ _(ereilt den Vater, umarmt ihn auf’s neue)_:. Schlag Du mich
....
~Dr.~ +Scholz+ _(unter Wilhelms Umarmung auf einen Stuhl
zusammenbrechend)_: Ich ... a ... ah! a -- ah! ... ich -- glaube -- es
-- geht -- zu Ende -- mit -- mir.
+Wilhelm+: Vater!!!
_(Frau Scholz und Auguste sind einander entsetzt in die Arme gesunken.
Robert todtenbleich, hat sich nicht von der Stelle bewegt; sein Gesicht
hat den Ausdruck unerschütterlicher Festigkeit.)_
Dritter Vorgang.
_Im Saale herrscht Halbdunkel. Die Lichter sind verlöscht bis auf
einige auf dem Kronleuchter und ein einziges auf dem Christbaum. Vorn
in der Nähe des Ofens am Tisch, den Rücken dem Nebenzimmer zugewendet,
sitzt Wilhelm, die Ellbogen aufgestützt, sichtlich versunken in dumpfe,
trostlose Grübelei. Robert und Frau Scholz betreten gleichzeitig die
Halle, aus dem Nebenzimmer kommend._
+Frau Scholz+ _(Mit Zeichen der Erschöpfung, in gedämpftem Tone
redend)_: Ne, Junge! -- mach ok nich Geschichten! Jetzt -- ma weeß nich
hin, nich her. -- Wenn’s nu was Schweres is, was d’nn dann?
+Robert+: Du bist ja doch nicht allein, Mutter!
+Frau Scholz+: Aber sag mer nur! das kann doch nich Dein richt’ger
Ernst sein! Das ist ja überspannt! Wo willst Du denn jetzt mitten in
der Nacht blos hin?
+Robert+: Wenn’s weiter nichts is! alle Augenblicke gehen Züge -- und
fort muß ich! -- Diesmal kann ich’s wirklich nicht mehr aushalten --
überhaupt -- ’s ist für uns Alle das Beste!
+Frau Scholz+ _(weinerlich)_: ’S war immer so hibsch in den letzten
Jahren. Ich sag schon -- nu missen die wieder kommen! Seit die Buchners
hier sind, is’s wieder mal reen verdreht, Alles.
+Robert+: Sei froh, daß Du die hast, Mutter!
+Frau Scholz+: I, daß hätt’ ich ganz gutt selber machen können.
+Robert+: Ich denke, er leidet niemand von uns um sich --; Vater --?!
+Frau Scholz+ _(weinend)_: Accurat, als wenn ich ihm was Böses gethan
hätte -- und dabei bin -- ich -- doch gewiß -- immer -- diejenige
gewesen .... ich hab gewiß immer mei’ Bestes gethan -- sei mal gerecht,
Robert! -- Ich hab ihm sein schönes Essen gekocht -- er hat seine
warmen Strümpfe gehabt ....
+Robert+: Ach laß doch das, Mutter! -- was hilft das end--lose
Lamentiren?!
+Frau Scholz+: Ja, das sagst Du! -- Du hast gut reden! -- aber wenn
man sich abgerackert hat sei’ Leben lang -- man hat sich e’ Kopf
zerbrochen, wie man’s und wie man’s blos recht macht -- und nu’ kommen
fremde Menschen, und die werden vorgezogen!
+Robert+: Ida ist immer noch bei ihm?
+Frau Scholz+: Eine wildfremde Person -- ach ich möchte schon lieber
garnicht mehr leben -- und dieser Lump! -- dieser Friebe! -- dieser
Lump! -- wie der sich blos aufspielt! -- Gustel hat’s ihm aber
gesteckt! -- Auguste hat ihm die Wahrheit aber ordentlich gesagt! --
Dieser Kerl erdreistet sich -- er hat sie geradezu aus dem Zimmer
hinausgedrängelt. Das Mädel war außer sich. -- Und das is nu seine
Tochter .... ne ... wißt er Kinder: was ich in meinen Leben schon
ausgestanden habe! -- ich mecht’s Keenem wünschen.
+Robert+ _(unwillkürlich, mit einem kleinen Seufzer)_: Vater auch!
+Frau Scholz+: Was --?
+Robert+: Nichts. -- Vater auch sagte ich nur.
+Frau Scholz+: Wie denn?
+Robert+: Na -- Vater hat doch auch manches ausgestanden.
+Frau Scholz+: Na meinswegen gewiß nich. Mich hat er nich sehr gemerkt.
Ich bin gewiß anspruchslos.
+Robert+ _(skeptisch)_: -- ’tja! -- ’tja! -- ’tja!
+Frau Scholz+: Wart’ nur, wenn ich wer’ im Grabe liegen -- da werdt’er
dann schon einsehen ..
+Robert+: Ach, Mutter, laß doch nur; -- das hab ich ja schon hundertmal
gehört.
+Frau Scholz+: Mag’s doch! Ihr werd’t’s schon noch emal einsehen -- und
paß uff -- in gar nich langer Zeit.
+Robert+: Ach Mutter, ich bestreite ja doch garnicht, daß Du mancherlei
gelitten hast -- unter Vater -- Ihr habt eben Beide gelitten. Ich
begreife garnicht, weshalb Du mir das ....
+Frau Scholz+: Dummes Gerede! -- was hat ihm denn gefehlt, möcht ich
wissen?
+Robert+ _(unüberlegt)_: Wenn Du’s durchaus wissen willst: Verständniß!
+Frau Scholz+: Ich kann mich nicht klüger machen, wie ich bin.
+Robert+: Das hat ja auch kein Mensch verlangt. -- Ueberhaupt .... es
ist ja überhaupt Unsinn noch viel davon zu reden.
+Frau Scholz+: Na nu hört’s ganz uff -- _(weinend)_ nu bin ich am Ende
noch gar Schuld, daß er krank darnieder liegt, nu ....
+Robert+: Das sag ich ja gar nicht.
+Frau Scholz+: Das hast Du +wohl+ gesagt.
+Robert+: Ach Mutter ....! Ich gehe lieber -- ich .... Mutter, ich kann
wirklich nicht mehr.
+Frau Scholz+: Nein! -- ich möchte wissen -- was ich mir vorzuwerfen
hätte -- ich habe ein gutes Gewissen.
+Robert+: Das magst Du behalten das magst Du auch meinethalben in
Gottes Namen behalten! -- _(abwehrend)_ bitte -- nicht mehr!
+Frau Scholz+: Die Geschichte mit dem Gelde meinst Du wohl?
+Robert+: Ich meine gar keine Geschichte.
+Frau Scholz+: Meine Eltern haben’s sauer verdient -- welche Frau wird
sich das gefallen lassen? -- Dein Vater schmiß es geradezu zum Fenster
naus.
+Robert+: Aber Dein Onkel betrog Dich drum.
+Frau Scholz+: Das konnte man nich wissen.
+Robert+: Und Vater war gut zum Wiederverdienen?!
+Frau Scholz+: Er hätte sich eben so gut verspeculiren können.
+Robert+: _(lacht bitter.)_
+Frau Scholz+: Ich bin eben ’ne einfache Seele -- der Vater war eben
zu vornehm für mich. -- Seine Mutter hatte och so was Vornehmes. Aber
mei’ Vater war früher bluttarm -- in mir steckt eben das Armuthsblutt!
Ich kann mich nich anders machen. Na meinswejen -- die paar Jahre
wird’s wohl noch gehen. Der liebe Gott wird mich schon bei Zeiten
erlösen.
+Robert+: Von Gott erlöst sein möchte man lieber!
+Frau Scholz+: Pfui! das is e’ Hallunke, der das sagt. Ach --: von Gott
erlöst sein -- da nähm’ ich mir ne Nadel und stäch mer se -- hier --
in’s Herze -- in die Rippen. Wie scheußlich is das: von Gott erlöst
sein! Wo wäre ich blos geblieben, wenn ich meinen Gott nich gehabt
hätte. -- Willst Du d’nn wirklich fortgehn, Robert?
+Robert+ _(schon auf der Treppe)_: Ach schweig schon, Mutter! Ruhe
brauch ich -- Ruhe. _(ab)_
+Frau Scholz+: Je ja! -- je ja, -- Ihr macht ein’n’s Leben nicht
leicht! _(zu Wilhelm, der wie am Anfang noch immer antheillos am Tische
brütet.)_ Nu denk’ Dir blos an --: Robert will fort!
+Wilhelm+: Meinethalben!
+Frau Scholz+: Sag mer nur --: wast sitzt Du denn immer so? das nutzt
ja nischt, Du! -- sei doch nur vernünftig!
+Wilhelm+ _(seufzt tief auf)_: Ach, ja!
+Frau Scholz+: Das Seufzen nutzt gar nichts! sieh mich an! -- ich bin
alt -- wenn ich mich hinsetzen wollte, wie Du .... Was geschehn ist,
ist geschehn. -- Das ist nu mal nicht zu ändern. Hörst Du! lies was!
-- steh auf, nimm Dir ’n Buch und zerstreu Dich!
+Wilhelm+ _(seufzt)_: Ach, Mutter! -- laß mich doch nur machen! -- ich
störe ja doch Niemand! .... Ist Friebe vom Arzt zurück?
+Frau Scholz+: Nein, eben nicht. Ich sag ja schon, wenn man mal ’n Arzt
nöthig hat, da is gewiß keiner zu finden.
+Wilhelm+: Es ist bedenklich, nicht? -- Ob es überhaupt noch mal werden
wird?
+Frau Scholz+: Gott, ja! wer kann das wissen!
+Wilhelm+ _(starrt seine Mutter an, läßt plötzlich wild aufschluchzend
die Stirn auf die Hände sinken)_.
+Frau Scholz+: Ja, ja, mein Junge --: wer hätte das gedacht?! ich will
ja nicht sagen .... ich will ja Niemand die Schuld zuschieben -- aber
zanken hättet Ihr Euch doch heute nich grade wieder brauchen -- na --
ma muß eben’s Beste hoffen. -- Er phantasirt ja nu wenigstens nich
mehr. -- Wenn Ida doch nur ja nichts versähe! -- unser eins hat doch
hundertmal mehr Erfahrung. -- Warum kann er denn zu Ida freundlich
sein!? -- Ich beiße doch och nich! .... Ida is ja sonst ’n sehr ’n
liebes Mädel is sie ja wirklich. -- Und Du nu erst! _(ihm auf dem
Scheitel klopfend)_ Du kannst den lieben Gott schon danken -- da
kannst Du lange warten, bis Du wieder eine, wie Ida, findst! .......
_(vorsichtig, vertraulich)_ .... Sag’ doch mal -- sind die Buchners --
gut situirt?
+Wilhelm+ _(aufbrausend)_: Ach, laß mich zufrieden! -- wie soll ich das
wissen! -- was geht das mich an!
+Frau Scholz+: Was is denn da weiter?! -- ma’ wird doch ’mal fragen
können -- Brummbär Du!
+Wilhelm+: Ach, Mutter -- verschon’ mich! -- wenn Du eine Spur von
Mitleid mit mir hast --: verschon’ mich! .... bekümmere Dich nicht um
mich -- verschon’ mich!
+Frau Scholz+: Na ja doch, ja! -- ich bin Euch eben überall im Wege. --
So ’ne alte Frau, die is höchstens noch gutt zum anranzen.
_(Auguste und Frau Buchner hastig aus dem Nebenzimmer.)_
+Auguste+: Mutter!
+Frau Scholz+: O Gott! was denn?
+Auguste+: Friebe ist eben gekommen.
+Frau Buchner+: Friebe hat keinen Arzt mitgebracht.
+Auguste+: Der Vater hat ihn gefragt, und da hat er gesagt ....
+Frau Buchner+: Er will keinen Arzt!!
+Auguste+: Er schimpft so furchtbar -- er will ihn zur Thüre nauswerfen.
+Frau Buchner+: Friebe will nicht noch ’mal gehen.
+Auguste+: Sprich Du doch nur noch ’mal mit Friebe!
+Frau Buchner+: Ja, sprich Du mit ihm! es ist doch dringend nöthig, daß
........
+Auguste+: Ein Arzt muß kommen -- sonst lauf’ ich selbst, ich fürchte
mich nicht, und wenn ich bis Friedrichshagen laufen muß.
+Frau Scholz+: I warum nich gar! -- jetzt mitten in der Nacht -- wart’
nur, wart’ -- laß mich nur machen! _(Frau Scholz, Frau Buchner und
Auguste hastig zurück ins Nebenzimmer.)_
+Frau Buchner+ _(kaum verschwunden, erscheint wieder. Schon bevor sie
abging, hat sie ihren Blick verstohlen und kummervoll mehrmals auf
Wilhelm gerichtet, der immer noch stumm und düster auf seinem Platze
verharrt. Ein Blick überzeugt Frau Buchner, daß, außer Wilhelm und ihr
selbst, Niemand zugegen ist. Hastig zuerst, dann mehr zögernd, nähert
sie sich Wilhelm.)_
+Wilhelm+ _(hat ihre Annäherung bemerkt, hebt den Kopf)_: Was w...
wollen Sie? ich -- habe Ihnen -- ja doch -- Alles vorher gesagt.
+Frau Buchner+: Aber ich wollte es Ihnen nicht glauben. -- Ich konnte
mir das nicht vorstellen.
+Wilhelm+: Und jetzt glauben -- Sie es?!
+Frau Buchner+: Ich -- weiß -- nicht ....
+Wilhelm+: Weshalb belügen Sie mich? -- sagen Sie doch -- getrost, --
ja. -- Daß es so kommen mußte, war ja .... es war ja so lächerlich
selbstverständlich. -- Wie habe ich mich nur so können verblenden
lassen!
+Frau Buchner+ _(mit Fiebereifer)_: Wilhelm! ich halte Sie heute, wie
damals, für einen guten und edlen Menschen. Ich versichere Sie: nicht
einen Augenblick lang habe ich an Ihnen gezweifelt. Auch jetzt, wo mir
auf einmal so angst und bange wird ....
+Wilhelm+ _(erhebt sich, holt tief Luft ein, wie Jemand der
Beklemmungen fühlt)_: Es ist mir nur .... ich wußte es ja längst und
doch ......
+Frau Buchner+: Ich komme zu Ihnen, Wilhelm! -- ich sage Ihnen offen
.... es ist auf einmal so über mich gekommen. -- Ich sorge mich auf
einmal so entsetzlich um Ida.
+Wilhelm+: Ich muß gestehen ...... nur gerade jetzt -- --
+Frau Buchner+: Ich weiß ja, Sie lieben das Kind. Es kann sie ja
auch Niemand inniger lieben! -- Ich weiß, Sie werden mit allen
Kräften streben, meine Tochter glücklich zu machen. An Ihrem Willen
wird es nicht fehlen, aber nun .... nun habe ich so mancherlei
.... nun habe ich so viel gesehen hier und -- erfahren. Da ist mir
vieles ..... vieles von dem, was Sie mir früher gesagt haben, erst
verständlich geworden. Ich verstand Sie nicht. Ich hielt Sie für
einen Schwarzseher. Ich nahm Vieles gar nicht einmal Ernst. Mit einem
festen, frohen Glauben kam ich hierher. Ich schäme mich förmlich.
Was habe ich mir zugetraut! Solche Naturen wollte ich lenken, ich
schwache, einfältige Person! -- Nun wankt Alles. Ich fühle auf einmal
meine furchtbare Verantwortung: für mein Kind, für meine Ida bin ich
doch verantwortlich. Jede Mutter ist doch verantwortlich für ihr
Kind. Reden Sie mir zu, Wilhelm! sagen Sie mir, daß Alles noch gut
werden wird! Sagen Sie mir: wir werden glücklich! --: Sie und Ida.
Beweisen Sie mir, daß ich unnütz Furcht und Sorge habe, +Wilhelm+!
...................
+Wilhelm+: Warum -- haben Sie’s -- soweit -- kommen lassen? -- Ich habe
Sie gewarnt -- und gewarnt. Was habe ich Ihnen gesagt? ich habe gesagt:
wir Alle .... wir Geschwister .... daß wir unheilbar kranken ..... vor
allem ich .... daß wir an uns schleppen. -- Binden Sie Ihre Tochter
nicht an einen Krüppel, -- habe ich Ihnen gesagt. -- Warum haben Sie
mir nicht glauben wollen?
+Frau Buchner+: Ich weiß nicht. Ich weiß das selbst nicht.
+Wilhelm+: Nun haben Sie mich eingeschläfert, mein Gewissen
beschwichtigt, -- und jetzt -- halb toll bin ich geworden vor Glück.
-- Ich habe Augenblicke durchlebt -- durchkostet --! und auch andere
wieder ...... Die furchtbarsten Kämpfe meines Lebens -- und nun --
verlangen Sie .... nun man muß zusehen, -- vielleicht, ja vielleicht
....
+Frau Buchner+: Wilhelm! ich verehre Sie! -- ich weiß, daß Sie am Ende
doch jedes Opfer bringen. Aber Ida .... wenn es für sie zu spät ist
.... wenn sie daran zu Grunde geht!
+Wilhelm+: Warum haben Sie mir denn nicht glauben wollen? -- Sie wissen
nicht -- was mich das jetzt kostet. Stufe um Stufe mühsam gebaut habe
ich mir -- ach, so mühsam! so mühsam! ... Dies Haus hier lag hinter
mir. -- Gerettet war ich fast. -- Nun hat es mich wieder hereingerissen
... Warum mußten Sie es nur so weit kommen lassen? warum ......
+Frau Buchner+ _(unter Thränen)_: Ich weiß nicht! ich weiß das selbst
nicht! ich habe das Kind erzogen. Es ist mir Alles in Allem gewesen; an
seinem Glück zu arbeiten ist auf der Welt mein’ einziger Beruf gewesen.
-- Nun kamen -- Sie in unser Haus. -- Ich gewann Sie lieb. -- Ich
dachte auch an Ihr Glück, ich ..... Das hätte ich vielleicht nicht thun
sollen .... Ich dachte vielleicht eben so sehr an Ihr Glück -- und --
wer weiß? -- am Ende -- zu -- allermeist -- an -- +Ihr+ Glück _(einen
Augenblick lang starren Beide einander bestürzt in die Augen)_.
+Wilhelm+: Frau Buchner!!!
+Frau Buchner+ _(das Gesicht mit den Händen bedeckend, wie Jemand, der
sich schämt, weinend ab durch den Treppenausgang)_.
+Wilhelm+ _(thut mechanisch ein paar Schritte hinter ihr drein, steht
still, sucht seiner inneren Bewegung Herr zu werden, muß sich aber
plötzlich, von Weinen geschüttelt, an der Wand stützen.)_
+Ida+ _(ihr Gesicht ist bleich, ihre Mienen drücken Ernst und Besorgniß
aus. Sie tritt leisen Schrittes zu Wilhelm, umfaßt ihn und drückt ihre
Wange an die seine)_: Ach, Willy! sieh’ ’mal: es kommen trübe und -- es
kommen -- nicht, Willy? -- es kommen auch wieder helle Tage. Wer wird
sich gleich so ..... so ganz und gar muthlos machen lassen.
+Wilhelm+ _(leidenschaftlich stammelnd)_: Ida! -- Einzige!! --
Liebste!! -- Süße -- wie soll ich denn nur ..... wie sollt ich denn nur
jetzt leben ohne Dich? -- Deine Stimme, Deine Worte, Dein ganzes süßes,
wunderbares Wesen, Deine Hände ...... Deine milden, treuen Hände.
+Ida+: Denkst Du ich? -- Denkst Du ich möchte leben, ohne Dich? -- Nein
Du! -- wir wollen uns umschlingen und nicht los lassen -- fest -- fest
-- und so lange es so ist ......
+Wilhelm+: Ja, ja! -- aber -- wenn’s nun ’mal anders würde?
+Ida+: Ach, sprich nicht so!
+Wilhelm+: Ich meine ja nur .... man kann doch nie wissen ... Eins kann
sterben ....
+Ida+: Ach, wir sind jung.
+Wilhelm+: Wenn auch. -- Einmal kommt’s doch auch -- alt werd’ ich so
wie so nicht.
+Ida+ _(heiß)_: Dann umarm’ ich Dich -- dann drück’ ich mich an Dich --
dann geh’ -- ich -- mit Dir.
+Wilhelm+: Ida! -- das sagt man so. -- Das thust Du doch nicht.
+Ida+: Das thue ich!
+Wilhelm+: Du denkst Dir das jetzt so -- Du weißt nicht wie schnell man
vergißt.
+Ida+: Ich könnte nicht athmen ohne Dich!
+Wilhelm+: Das bildet man sich ein ....
+Ida+: Nein, nein, nein, Wilhelm! .....................
+Wilhelm+: So zu lieben -- wäre aber -- sogar eine Thorheit. Man wird
doch nicht alles auf +eine+ Karte setzen.
+Ida+: Ich -- versteh’ Dich -- nicht ganz.
+Wilhelm+: Nur so .... ich .... sieh’ ’mal _(in ärgerlichem Tone)_.
Ach, Du! -- das Thema ist unerquicklich! ...... wie geht es Vater?
+Ida+: Er schläft jetzt -- aber was hast Du denn nur?
+Wilhelm+ _(umhergehend)_: Das kommt so -- man weiß nicht wie.
_(Plötzlich knirschend)_ -- Es giebt Momente, sag’ ich Dir ....! wenn
einen die Wuth der Verzweiflung übermannt ..... in solchen Augenblicken
kann ich mir denken .... in solchen Augenblicken kommt’s dazu, daß
Menschen sich fünf Stock hoch -- den Kopf zuerst -- auf das Pflaster
stürzen; -- förmlich wollüstig wird einem diese Vorstellung.
+Ida+: Gott behüte! -- Solchen Vorstellungen mußt Du nicht nachhängen,
Willy!
+Wilhelm+: Warum denn nicht, möchte ich wissen? warum sollen Kerls,
wie ich, zwischen Himmel und Erde herumschmarotzen? --: Nichtsnutzige
Geschöpfe! -- Sich selbst ausmerzen -- das wäre doch noch was, -- dann
hätte man doch +einmal+ etwas Nützliches gethan.
+Ida+: Es ist ja im Grunde nicht zu verwundern: -- Du bist überreizt
und abgespannt ...
+Wilhelm+ _(in schroffen abweisenden Tone)_: Laß mich zufrieden Du, das
verstehst Du nicht! _(über sich selbst erschrocken, verändert.)_ Ach,
Du! -- Du mußt mir’s nicht übel nehmen. -- Geh’ doch lieber jetzt! Ich
möchte Dich nicht verletzen. Und wie mir nun ’mal zu Muthe ist -- kann
ich nicht -- einstehen für mich.
+Ida+ _(küßt Wilhelm stumm auf den Mund, dann ab in das Seitengemach)_.
+Wilhelm+: _(blickt ihr nach, geht, steht still, zeigt ein Gesicht voll
Schrecken und Staunen und faßt sich an die Stirn, wie Jemand, der sich
auf bösem Wege ertappt hat. Während dies geschieht, ist Robert durch
den Treppenbogen eingetreten)_.
+Robert+ _(den Hut in der rechten Hand, über’m Arm den Ueberzieher und
eine Reisedecke, in der Linken einen Plaidriemen, begiebt sich bis an
den Tisch, wo er die Sachen ablegt)_.
+Wilhelm+ _(bemerkt ihn und sagt, nachdem er ihn eine Weile
beobachtet)_: Wohin -- willst Du?
+Robert+: Fort.
+Wilhelm+: Jetzt?
+Robert+: Warum nicht? -- _(den Plaidriemen ausbreitend)_. Ich habe
genug -- über und über sogar! -- Mutter wird künftig ..... wird künftig
die Weihnachtstage -- ohne mich auskommen müssen -- _(nach dem Ofen
umblickend)_. Es ist kalt hier.
+Wilhelm+: Draußen friert’s.
+Robert+ _(die Reisedecke rollend)_: So! -- um zehn thaute es doch.
+Wilhelm+: Es ist umgeschlagen.
+Robert+: Wie wird man nur den Berg ’runter kommen bei der Glätte?
+Wilhelm+: Der Mond scheint ja!
+Robert+: Wenn auch.
..................
+Wilhelm+: Er phantasirt nicht mehr.
+Robert+: So, so!
..................
+Wilhelm+: Er will keinen Arzt.
+Robert+: So, so!
..................
+Wilhelm+: Es ist so plötzlich gekommen, man --
+Robert+: Hm -- ja, ja!
+Wilhelm+: Es muß doch in ihm gesteckt haben.
+Robert+: Natürlich -- sonst wäre er doch wohl nicht nach Hause
gekommen .........
..................
+Wilhelm+: Mir graut -- was daraus werden soll?!
+Robert+: Was soll man machen?!
..................
+Wilhelm+: Meiner Seele -- ich weiß nicht, was ich anfange, -- wenn
er einmal stirbt ..... Mit meinem Bewußtsein! mit dem, was ich jetzt
erkannt habe! ..... ich wüßte wirklich nicht ..... und nun noch die
Reue, die Gewissensbisse ..... ä! -- was da! -- was liegt schließlich
daran?!
+Robert+: I, Du! -- da hätte man viel zu thun ..... der Alte ist ein
Bischen anders -- na ja -- unsere Vorstellung stimmte nicht ganz.
Gott, ja! aber das ändert doch nichts an der Sache.
+Wilhelm+: Ich sage Dir -- es ist mir heiliger Ernst -- mit Wollust
würde ich heut verzichten, auf das ganze elende Bischen Leben, wenn es
ihm zu Gute käme.
+Robert+ _(den Ueberrock anziehend)_: Das hat wenig Sinn Du -- meiner
Ansicht nach -- Sieh mal, ich gehe jetzt in ein kleines, geheiztes
Comptoirchen, setze mich mit dem Rücken an den Ofen -- kreuze die Beine
unter dem Tisch -- zünde mir diese ..... selbe Pfeife hier an und
schreibe -- in aller Gemüthsruhe hoffentlich, solche ..... na, Du weißt
schon solche Scherze, ..... solche Reclamescherze: Afrikareisender
..... nahe am Verschmachten, na ..... und da laß ich denn gewöhnlich
eine Caravane kommen, die unsern Artikel führt. -- Mein Chef ist
sehr zufrieden -- es geht durch den Inseratentheil aller möglichen
Zeitungen; und was die Hauptsache ist --: Wenn ich da so sitze, siehst
Du, und die Gasflamme den ganzen Tag so über mir fauchen höre -- von
Zeit zu Zeit so’n Blick in den Hof -- so’n Fabrikhof ist nämlich was
Wunderbares! -- was Romantisches, sag ich Dir! ..... mit einem Wort, da
summt mich keine Hummel an.
+Wilhelm+: Dann lieber gleich todt sein.
+Robert+: Geschmacksache! -- Für mich ist es ein idealer Winkel
geradezu; -- soll man sich denn immerfort aus dem Gleichgewicht bringen
lassen, soll man sich denn kopfverwirrt machen lassen, -- ich werde
so wie so zwei bis drei Tage gebrauchen um mich -- auf mein Bischen
Lebensweisheit zu besinnen.
+Wilhelm+: Sag was Du willst: das nenn ich feig.
+Robert+: Na item, nenn es so. Früher oder später kommst Du doch
auf meinen Standpunkt. Vater ist auch zuletzt auf diesen Standpunkt
gekommen. Vater und Du, Ihr ähnelt einander zum verwechseln. Ihr seid
dieselben Idealisten. Anno 48 hat Vater auf den Barrikaden angefangen,
und als einsamer Hypochonder macht er den Schluß. -- Man muß sich an
die Welt und an sich selbst +bei Zeiten+ gewöhnen, Du! -- eh man sich
die Hörner abgelaufen hat.
+Wilhelm+: Oder aber an sich arbeiten, um anders zu werden.
+Robert+: Das sollte mir einfallen, ich bin, wie ich bin. Ich habe ein
Recht so zu sein, wie ich bin.
+Wilhelm+: Dann fordere Dein Recht auch offen!
+Robert+: Ich werde mich hüten, denn ich will zu meinem Rechte
+kommen+. Die Moralphilister sind nun mal in der Mehrheit. -- Uebrigens
ich muß nun doch gehen -- also .... und wenn ich Dir rathen soll, Du:
nimm Dich vor den sogenannten guten Vorsätzen in Acht!
+Wilhelm+ _(kalt)_: Wie meinst Du denn das?
+Robert+: Ganz einfach: man muß nicht +Dinge+ leisten wollen, die man
seiner ganzen Naturanlage nach nun mal nicht leisten kann.
+Wilhelm+: Zum Beispiel?