+Auguste+ _(an seinem Halse)_: Mein Herzensväterchen!

+Robert+ _(plötzlich entschlossen tritt er auf seinen Vater zu und

schüttelt ihm die Hand)_.

+Frau Scholz+ _(giebt des Doctors Hand frei und führt ihm Ida zu)_.

~Dr.~ +Scholz+ _(blickt erst Ida dann Wilhelm an und richtet einen

fragenden Blick auf Frau Buchner)_.

+Frau Buchner+ _(nickt bejahend)_.

~Dr.~ +Scholz+ _(macht eine Gebärde, die etwa ausdrückt: ich will

nichts verreden, ich kann mich vielleicht täuschen. Hierauf streckt er

dem Mädchen seine Hand entgegen)_.

+Ida+ _(kommt, nimmt seine Hand, beugt sich darauf nieder und küßt

sie)_.

~Dr.~ +Scholz+ _(zieht seine Hand gleichsam erschreckt zurück)_.

+Wilhelm+ _(seufzt tief auf. Alle erschrecken)_.

+Auguste+ _(in der Thür zum Nebengemach winkt Frau Scholz, dann ab)_.

+Frau Scholz+ _(macht dem Doctor Zeichen, die besagen: man solle sich

in’s Nebengemach begeben, des Patienten wegen)_.

~Dr.~ +Scholz+ _(nickt bestätigend und entfernt sich Hand in Hand mit

Frau Scholz behutsam)_.

+Frau Buchner+ _(der Ida bedeutet hat, sie wolle bei Wilhelm bleiben,

ebenfalls ab in’s Nebenzimmer)_.

+Robert+ _(leise)_: Fräulein Ida, würden Sie ... möchten Sie mir wohl

die Wache diesmal überlassen?

+Ida+ _(freudig überrascht)_: Herzlich gern! _(Händedruck ab in’s

Nebengemach.)_

+Robert+ _(rückt einen Stuhl neben den Wilhelm’s und läßt sich, den

Schlafenden beobachtend, darauf nieder. Nach einem Weilchen zieht er

seine Tabakspfeife aus der Tasche, um sie in Brand zu setzen, erinnert

sich aber zur rechten Zeit der Gegenwart des Patienten und steckt sie

sogleich wieder ein)_.

+Wilhelm+ _(seufzt, streckt die Glieder)_.

+Robert+ _(leise und behutsam)_: Wilhelm.

+Wilhelm+ _(räuspert sich, schlägt die Augen fremd und verwundert auf

und sagt nach einer Weile -- als hätte ihn die Anrede Roberts erst

jetzt getroffen)_: -- Ja!

+Robert+: Wie ist Dir denn jetzt?

+Wilhelm+ _(nachdem er Robert eine Weile nachdenklich angeblickt hat,

mit schwacher Stimme)_: Robert? -- nicht?

+Robert+: Ja -- ich bin’s ... Robert .. wie geht’s Dir denn?

+Wilhelm+: Gut _(räuspert sich)_ ganz gut -- jetzt. _(er lächelt

gezwungen, macht einen schwachen Versuch, sich zu erheben, der fehl

schlägt.)_

+Robert+: O, Du! das ist doch wohl noch ein Bischen gar zu zeitig,

nicht?

+Wilhelm+ _(nickt bejahend, seufzt, schließt erschöpft die Augen)_

..................

+Wilhelm+ _(schlägt die Augen groß und ruhig auf und spricht leise aber

klar)_: Was ist denn eigentlich passirt? -- hier? --

+Robert+: Ich glaube, Wilhelm! es wird das Beste sein, wir lassen das

vorläufig auf sich beruhen ..... Die Versicherung geb’ ich Dir: etwas

... ich jedenfalls hätte es niemals für möglich gehalten.

+Wilhelm+ _(vergeistigt)_: -- Ich -- auch nicht.

+Robert+: -- Wie soll man denn auch ... ä! Kohl! das war ja auch

absolut nicht vorauszusehen! -- aber es ist eben doch vorgefallen.

+Wilhelm+: Ja -- nun fällt mir -- nach und nach ... es -- war --

lieblich! _(seine Augen füllen sich mit Thränen.)_

+Robert+ _(mit leisem Beben in der Stimme)_: Ein sentimentales

Weibsbild ist man doch ......................... So viel steht wieder

’mal bombenfest: man hat wieder ’mal so in’s Blaue ’nein verdammt.

Gekannt haben wir den Alten doch nicht, -- das können wir doch wohl

nich’ gerade behaupten.

+Wilhelm+: Vater? -- nein! wir sind ja Alle -- so blind, so blind!

+Robert+: Das -- weiß Gott! -- sind wir ....................

+Wilhelm+: Wie mir das vorkommt! -- wunderfremd. Er liebt uns ja! der

alte Mann ist ja so himmlisch gut!

+Robert+: Das +kann+ er sein, und das wußte ich bis jetzt nicht.

+Wilhelm+: Mir dämmert manches! ......................

+Robert+: Mit dem Verstande -- und so -- sieh ’mal -- hat ich das ja

längst erfaßt. -- Alles ist +geworden+. Verantwortlich hab’ ich Vater

nicht gemacht. -- Heißt das, schon seit Jahren nicht mehr. -- Nicht für

mich, überhaupt für Keinen von uns. Aber heut hab’ ich’s +gefühlt+;

und das ist, kannst Du glauben, noch ganz was andres ................

Ehrlich, mich hat’s geradezu aus dem Gleichgewicht gebracht. -- Als

ich ihn so sah -- so um Dich bemüht ... förmlich, wie ein Schlag war

mir da! -- und nun muß ich mir immer sagen: -- warum ist denn das nun

nicht ..... na warum denn nicht? es ist doch jetzt in uns lebendig

geworden, es war doch also in uns -- warum ist es nicht schon früher

hervorgebrochen? In Vater, in Dir -- und in mir wahrhaftigen Gott auch?

es war doch in uns! Und nun hat er das so in sich hinein gewürgt --

Vater mein ich -- na und wir ja auch -- so viele Jahre lang .....

+Wilhelm+: Das ist mir nun aufgegangen: ein Mensch kehrt nicht

nur jedem seiner Mitmenschen eine andere Seite zu, sondern er ist

thatsächlich jedem gegenüber von Grund aus anders ........

+Robert+: Warum muß denn das so sein zwischen uns! warum müssen denn

wir uns nur immer und ewig abstoßen?

+Wilhelm+: Das will ich Dir sagen: Herzensgüte fehlt uns! nimm z. B.

Ida! Was Du Dir erklügelt hast, das lebt in ihr. Sie sitzt nie zu

Gericht, Alles greift sie so weich, so mitleidig an -- die zartesten

Dinge -- das schont so, verstehst Du! das ... und das glaub’ ich ist es

.............................

+Robert+ _(manlig werdend, sich erhebend)_: Wie ist Dir jetzt so? --

+Wilhelm+: Recht frei ist mir doch jetzt ....

+Robert+: Ä -- was nutzt das Alles! .... Ja -- was ich wollte -- sagen?

vielleicht wird’s doch gut mit Euch!

+Wilhelm+: Was denn?

+Robert+: Na, wie denn? Du und ... na, und Ida natürlich.

+Wilhelm+: Vielleicht! ... Die Beiden haben eine Macht -- auch Frau

Buchner -- aber doch Ida hauptsächlich. Ich habe gedacht, das könnte

mich retten .......... Zuerst wehrte ich mich ja ...............

+Robert+ _(gedankenvoll)_: Das haben sie! -- sie haben eine Macht und

deshalb ..... anfänglich -- offen gesagt, hab’ ich’s Dir verübelt.

+Wilhelm+: Das fühlte ich wohl.

+Robert+: Na, nimm ’mal an: ich hörte von einer Verlobung, und nun sah

ich Ida; treppauf, treppab sang sie und so fröhlich -- ohne eine Idee

von ....

+Wilhelm+ _(erhebt sich)_: Ich verstand Dich ja auch, ich gab Dir ja

sogar recht, was willst Du!

+Robert+: Nu ja doch! -- ich bin ja auch ... es ist ja auf diese Weise

ganz was anders. -- Ich muß ja zugeben ... wie gesagt ... überhaupt ..

ganz frisch schon?

+Wilhelm+: Vollkommen.

+Robert+: Dann kommst Du wohl also bald?

+Wilhelm+: Ich will nur noch .... geh doch einstweilen Du!

+Robert+: Schön! _(geht, kommt zurück)_ hör ’mal Du! ich kann nicht

anders, ich muß Dir sagen, Deine ganze Handlungsweise -- Vater

gegenüber -- und auch -- überhaupt, ist hochachtenswerth. Ich hab’ Dich

auch so -- überfallen förmlich -- mit meiner verfluchten Bornirtheit.

Man .... hol’s der Teufel! Ich habe seit langer Zeit wieder zum ersten

Male so ’ne Art unabweisbares Bedürfniß, verstehst Du! mich selbst

anzuspucken. Das genügt Dir doch, wie? -- na, Du wirst mir doch nun

auch die Liebe thun und -- wenn ich Dich .... ja wohl, gekränkt habe

ich Dich ununterbrochen, seit Du hier bist. Also -- es thut mir leid!

hörst Du!

+Wilhelm+: Bruder! _(sie schütteln sich mit Rührung die Hände.)_

+Robert+ _(zieht ruhig die Hand aus der Wilhelms, bringt seine

Tabackspfeife hervor, entzündet sie, pafft, und sagt dabei vor sich

hin)_: Acrobaten -- seele! -- pf! pf! na ~item~. _(Hierauf wendet

er sich zum Gehen. Bevor er die Thüre des Seitengemaches ausklinkt,

spricht er über die Schultern zu Wilhelm:)_ Ich -- will sie Dir

herausschicken!

+Wilhelm+: Ach -- Du laß doch! .... na -- wenn Du ....

+Robert+ _(nickt bejahend, verschwindet in der Thür. Ab.)_

+Wilhelm+ _(athmet befreit auf. Volle Freude über das Geschehene

bemächtigt sich seiner.)_

+Ida+ _(kommt aus dem Nebenzimmer, fliegt in seine Arme)_: Willy!!!

+Wilhelm+: -- Jetzt -- jetzt .... Du .... Ihr .... Ihr beiden goldnen

Seelen habt mich losgekämpft. Jetzt -- ein ganz neues Leben! .... Du

glaubst nicht, wie mich das hebt! ordentlich groß stehe ich vor mir

da! -- O Du! das merke ich jetzt erst -- das hat doch furchtbar auf

mir gelastet .... Und nun fühl’ ich auch Kraft! Kraft fühle ich, Du!

-- verlaß Dich d’rauf, ich erreiche es nun doch noch! ich werd’s ihm

zeigen, was der Taugenichts kann! ich werde Vater den Beweis liefern.

Ich werde ihm beweisen, daß etwas in mir lebt: eine Kraft, eine Kunst,

vor der sie sich beugen sollen .... die starrsten Köpfe werden sich

beugen, ich fühl’s! -- das hat mich nur niedergeknebelt, glaubst Du!

es kribbelt mir in den Fingerspitzen, glaubst Du! .... Ich möchte

schaffen, schaffen! ....

+Ida+: Siehst Du, so ist’s recht! nun endlich hast Du Dich

wiedergefunden. -- Liebster, ich möchte jauchzen. -- Jauchzen

möcht ich. -- jubeln .... Siehst Du, wie ich recht hatte; nichts

ist erstorben in Dir! es schlief nur! Es wacht Alles wieder

auf, sagt’ ich Dir immer. Es ist aufgewacht, siehst Du nun!

..................................

_(Sie umarmen, küssen sich und schreiten dann in einander verschlungen

in stummer Glückseligkeit durch den Saal.)_

+Wilhelm+ _(bleibt stehn, schaut mit glücklichem Staunen in die

Augen seiner Braut, dann läßt er den Blick weiter schweifen, rings

herum durch den Raum und sagt)_: In diesen eiskalten Mauern .... wie

Frühlingszauber ist das!

_(Einige Küsse; eng verschlungen stumm im Glück schreiten sie weiter.)_

+Ida+ _(singt piano mit schelmischer Beziehung auf etwas in der

Vergangenheit; etwas, wie: nun, siehst Du wie recht ich hatte.)_

Wenn im Hag der Lindenbaum Wieder blühet, Huscht der alte

Frühlingstraum ...

+Frau Scholz+ _(tritt ein, gewahrt die Beiden, will sich schnell wieder

entfernen)_.

+Ida+ _(hat es bemerkt, bricht ihr Lied ab, fliegt auf Frau Scholz

zu)_. Nicht fortlaufen, Schwiegermuttelchen!

+Frau Scholz+: I warum nich’ gar! Ihr könnt mich ja garnicht brauchen.

+Wilhelm+: _(umarmt und küßt seine Mutter und hilft sie mit

hereinziehen)_.

+Frau Scholz+ _(launig)_: Du bist wohl nich’ recht gescheidt. Ihr seid

wohl ... Ihr reißt mir ja ...

+Wilhelm+: Ach was, Mutter! das ist ja jetzt Alles einerlei -- Mutter!

Du siehst einen anderen Menschen vor Dir _(zwischen Mutter und Braut,

beider Hände haltend.)_ Komm, altes Mamachen; -- seht Euch in die

Augen! -- so -- gebt Euch die Hände!

+Frau Scholz+: Närr’scher Kerl!

+Wilhelm+: Küßt Euch!

+Frau Scholz+ _(nachdem sie sich mit der Schürze über den Mund

gefahren)_: Na, dummer Kerl! -- das .... da ist doch weiter nichts

dabei .... da brauchst Du uns doch nicht .... gelt Ida! _(sie küssen

sich lachend)._

+Wilhelm+: Und nun Friede!

+Frau Scholz+: Nich berufen, Junge!

+Friebe+: _(eine dampfende Punschterine tragend, aus der Küche in das

Nebengemach)_.

+Wilhelm+: Oho!!! -- na dann also ... Friebe! ist er gut?

+Friebe+ _(im Vorübergehen)_: I, von det Zeich kenn’n Se mer dreiste

wat vorsetzen, da bring ick ooch noch keen’n Schluck nich ieber de

Lippen.

+Wilhelm+: Nich’ möglich, Friebe!

+Friebe+: Friher, ja -- jetzt, bin ick -- längst abjeschmissen. Jetz’

trink ick -- nur -- mehrschtentheels -- b. -- bitt’ren Schnaps _(ab)_.

+Ida+ _(hat Wilhelm die Cravatte in Ordnung gebracht und den Rock

zurecht gerückt)_: So nu ....

+Wilhelm+: Schon gut, Du! -- ist Vater heiter?

+Frau Scholz+: Er erzählt so. -- Manchmal versteht man’s garnicht.

+Wilhelm+: Das Herz pocht mir doch wieder!

+Frau Scholz+: Wenn nur Robert nich’ so viel tränke.

+Wilhelm+: Ach Mutter heut .... heut ist das ja Alles einerlei! heut

....

+Ida+: Nun komm schnell, eh Dir erst wieder ...

+Wilhelm+ _(zu Frau Scholz)_: Gehst Du mit?

+Frau Scholz+: Geht nur, geht!

_(Ida und Wilhelm ab in’s Nebenzimmer.)_

+Frau Scholz+ _(... steht, sinnt nach, streicht sich mit der Hand die

Stirne und begiebt sich zu Folge eines plötzlichen Einfalls an die Thür

des Nebengemachs, wo sie lauscht.)_

+Friebe+ _(tritt durch eben dieselbe Thür ein. Man merkt nun deutlich:

er ist angeheitert)_: Frau Doktor!

+Frau Scholz+: Was wollen Sie?

+Friebe+ _(pfiffig geheimnißvoll)_: Ma hat sei Wunder, Frau Sch--olzen.

+Frau Scholz+ _(zurückschreckend)_: Sie haben -- zu viel getrunken! Sie

...

+Friebe+: Ick -- lauer’ schon -- uf alle Arten, det ick .... det ick

und ick wollte Sie wat mittheilen.

+Frau Scholz+: Na ja, ja, ja! sagen Sie nur schnell, was Sie zu sagen

haben.

+Friebe+: Na, ick meen man blos ....

+Frau Scholz+: So reden Sie doch nur, Friebe!

+Friebe+: Ick meen man blos! -- det is doch nich taktmäßig. In diese

F ..... Funktion -- da sind ooch all noch ville Sachen -- wo ick ooch

verschweigen muß .... ick meen man blos -- Ihr +Mann+ -- der kann’t

unmeejlich mehr lange machen ....

+Frau Scholz+: O Jesis, Jesis, Friebe! hat er denn .... o Jesis! hat er

denn geklagt? is’ er denn krank?

+Friebe+: Na, uff so wat -- versteh ick mir doch?!

+Frau Scholz+: Ueber was klagt er denn?

+Friebe+: Ick sollt’ ja -- aber -- nich’ -- sagen.

+Frau Scholz+: Is’ es denn ernst? _(Friebe nickt bestätigend.)_ Er kann

doch aber nich’ vom Tode gesprochen haben?

+Friebe+: Er hat sich -- sogar -- noch mehr -- sone Sachen bedient,

aber ...

+Frau Scholz+: Na nu drücken Sie sich doch endlich deutlich aus. Trinkt

der Mensch ....!

+Friebe+ _(aufgebracht)_: Ja ick .... na Järtner -- un’ Schuhwichser

.... un’ was da allens vorfallen duht .... nee! -- ick brauch mir det

nich’ .... in jede Funktion .... das .... in diese Funktion kommt --

allens vor -- aber nee! .... da haben se -- det Janze ........ klar

.... punkt! .... _(er macht kehrt, ab in die Küche)_.

+Frau Scholz+: Der Mensch ist verrückt geworden.

+Ida+ _(im Hin durch die Thüre des Nebenzimmers, diese hinter sich

zudrückend. Sie ein klein wenig wieder öffnend, ruft sie ins Gemach

zurück)_: Warten, Herrschaften! ruhig und folgsam warten!

+Wilhelm+ _(sich hineindrängend)_: Ich will Dir ja nur helfen.

+Ida+: Aber sonst Niemand!

_(Ida und Wilhelm entzünden die Christbaumlichte.)_

+Frau Scholz+: Du! -- hör ’mal! -- Wilhelm!

+Wilhelm+ _(beschäftigt)_: Gleich, Mutterchen! -- wir sind gleich

fertig.

_(Der Christbaum, die Girandolen und der Kronleuchter stehen im Licht.

Ida nimmt eine große Decke, welche über die Geschenke auf der Tafel

gebreitet war, von diesen herunter.)_

+Wilhelm+ _(tritt zur Mutter)_.

+Ida+ _(ruft durch die Thüre des Seitengemachs)_: Jetzt.

+Frau Scholz+ _(ist im Begriff Wilhelm etwas mitzutheilen, als sie

durch den Eintritt des ~Dr.~ Scholz gestört wird. Es folgen nun:

Auguste, Robert und Frau Buchner.)_

~Dr.~ +Scholz+ _(vom Trinken geröthetes Gesicht. Mit affektirtem

Staunen.)_ Ah! ah!

+Frau Buchner+: Feenhaft!

+Auguste+ _(befangen lächelnd.)_

+Robert+ _(umgeht, die Pfeife im Munde, erst befangen, dann mehr und

mehr ironisch lächelnd, den Raum)_.

+Ida+ _(hat Wilhelm, der darob äußerst betreten ist, zu dem Platze

geführt, wo seine Geschenke liegen)_: Lach’ mich nicht aus, Willy!

_(sie hält ihm die Börse hin.)_

+Wilhelm+: Nein aber, Ida! -- ich hab’ Dich doch gebeten ....

+Ida+: Ich hatte sie ’mal für Vater gehäkelt. Das letzte Jahr vor

seinem Tode hat er sie viel getragen. Da dacht’ ich ....

+Wilhelm+ _(unter den Blicken der Beobachter mit steigender

Verlegenheit)_: Ja wohl ... so so ... vielen Dank, Ida!

+Robert+: Die Dinger müßten nur praktischer sein.

+Frau Scholz+ _(durch Frau Buchner ebenfalls an den Tisch geführt)_:

Aber was machst Du denn nur für Geschichten? ich kann Euch ja garnichts

.... ich hab’ ja garnichts für Euch _(vor einem gehäkelten Tuche)_ nein

... nein ... ne Du -- thu mer die Liebe! das hast Du für mich gehäkelt?

ne sag’ mer nur -- fer mich alte Frau? na da dank’ ich Dir auch

vielmals schön _(sie küssen sich.)_

+Frau Buchner+: Ach ich -- freu’ mich nur, wenn Dir’s gefällt.

+Frau Scholz+: Prachtvoll! -- wundervoll -- wunderschön! wie viele Zeit

und Mühe! ne! ....

+Ida+: Auch für Sie hätt’ ich was Herr Robert! Sie dürfen mich aber

nicht auslachen!

+Robert+ _(über und über roth werdend)_: Ä -- zu was denn!

+Ida+: Ich hab mir’ gedacht -- Ihre +Tabakspfeife+ -- die wird

Ihnen nächstens die Nasenspitze verbrennen -- und da hab ich mich

Ihrer erbarmt und noch gestern schnell .... _(sie zieht eine neue

Tabakspfeife, die sie auf dem Rücken gehalten, hervor und überreicht

sie ihm)_ da ist das Prachtstück!

_(Allgemeine Heiterkeit.)_

+Robert+ _(ohne ihr die Pfeife abzunehmen)_: Sie scherzen, Fräulein!

+Ida+: Na ja! aber mit dem Schenken ist’s mir bitter Ernst.

+Robert+: Ach nein doch, nein doch, das glaub’ ich nicht!

+Frau Scholz+ _(entrüstet leise zu Wilhelm)_: Robert ist

+unausstehlich+!

+Ida+: Aber nein, wirklich!

+Robert+: Sehen Sie -- dies Ding da .... ich habe mich so d’ran gewöhnt

.... i, und Sie scherzen ja auch wirklich nur!

+Ida+ _(die Augen voll Thränen. Ihren Schmerz bemeisternd und mit

zitternder Stimme)_: Nun -- ja -- wenn Sie -- meinen _(sie legt das

Geschenk auf den Tisch zurück)_.

+Frau Buchner+ _(hat während des letzten Gesprächs mehreremals leise

Ida gerufen: nun eilt sie auf sie zu)_: Idchen -- hast Du denn

vergessen?

+Ida+: Was denn Mama?

+Frau Buchner+: Du weißt doch! _(Zu den Uebrigen)_ nun sollen sie noch

etwas zu hören bekommen.

_(Ida, froh auf diese Weise ihre Bewegung verbergen zu können, folgt

ihrer Mutter, die sie an der Hand gefaßt hat, in’s Nebenzimmer.)_

+Frau Scholz+ _(zu Robert)_: Warum hast Du ihr die Freude verdorben?

+Wilhelm+ _(geht, die Enden seines Schnurrbartes nervös kauend, unruhig

umher und wirft ab und zu drohende Blicke auf Robert.)_

+Robert+: Was denn? wie denn? ich weiß garnicht, was Du willst?

+Auguste+: Na, freundlich war das allerdings nicht gerade.

+Robert+: Laßt mich doch zufrieden! und überhaupt: was soll ich denn

damit.

_(Gesang und Klavierspiel, aus dem Nebenzimmer dringend, unterbricht

die Sprechenden. Alle blicken einander erschrocken an.)_

+Idas+ Stimme:

Ihr Kinderlein kommet,

O kommet doch all!

Zur Krippe herkommet

In Bethlehems Stall,

Und seht, was in dieser

Hochheiligen Nacht

Der Vater im Himmel

Für Freude uns macht!

~Dr.~ +Scholz+ _(ist über das Verhalten Roberts immer finsterer

geworden. Bei Beginn des Gesanges blickt er scheu -- wie Jemand, der

einen Angriff fürchtet -- umher und sucht einen gewissen Abstand

zwischen sich und jedem der Anwesenden möglichst unauffällig

festzuhalten)_.

+Frau Scholz+ _(bei Beginn des Gesanges)_: Ach wie schön! _(einen

Augenblick lauscht sie hingegeben, dann bricht sie in Schluchzen aus.)_

+Robert+ _(bewegt sich langsam, macht wie der Gesang anhebt ein

Gesicht, wie: na nu hört’s auf, schreitet weiter, lächelt ironisch und

schüttelt mehrmals den Kopf. Im Vorübergehen sagt er halblaut etwas zu

Auguste)_.

+Auguste+ _(halb und halb gerührt, platzt nun heraus)_.

+Wilhelm+ _(hat bisher, ein Spiel widersprechender Empfindungen, an die

Tafel gelehnt -- auf der Platte nervös Clavier spielend -- gestanden;

nun steigt ihm die Röthe der Entrüstung in’s Gesicht.)_

+Robert+ _(scheint gegen Ende des Gesanges unter den Tönen physisch zu

leiden. Die Unmöglichkeit, sich den Eindruck derselben zu entziehen,

scheint ihn zu foltern und mehr und mehr zu erbittern. Unmittelbar nach

Schluß des Verses entfährt ihm -- gleichsam als Trümmerstück eines

inneren Monologes -- unwillkürlich das Wort)_: Kinderkomödie, _(in

einem beißenden und wegwerfenden Tone)_.

_(Alle, auch der Doktor, haben das Wort gehört und starren Robert

entsetzt an.)_

+Frau Scholz+:} } Robert!!! +Auguste+: }

~Dr.~ +Scholz+ _(unterdrückt eine Aufwallung von Jähzorn)_.

+Wilhelm+ _(macht in bleicher Wuth einige Schritte auf Robert zu.)_

+Frau Scholz+ _(stürzt sich ihm entgegen, umarmt ihn)_: Wilhelm! -- thu

mir die einzige Liebe!

+Wilhelm+: Gut --! Mutter!

_(Er geht, sich überwindend, erregt umher. In diesem Augenblick

hebt der zweite Vers an. Kaum berühren die ersten Töne sein Ohr, so

erzeugt sich in ihm ein Entschluß, in Folge dessen er auf die Thür des

Seitengemaches zuschreitet.)_

Da liegt es, ach Kinder!

Auf Heu und auf Stroh;

Maria und Josef

Betrachten es froh,

Die redlichen Hirten

Knieen betend davor,

Hoch oben schwebt jubelnd

Der Englein Chor.

+Frau Scholz+ _(stellt sich ihm in den Weg)_: Wilhelm! -- was machst Du

denn!

+Wilhelm+ _(ausbrechend)_: Sie sollen aufhören zu singen.

+Auguste+: Du bist wohl nicht bei Trost.

+Wilhelm+: Laßt mich zufrieden! ich sage sie sollen aufhören.

+Frau Scholz+: Aber sei doch .... Du bist ja wirklich .... na gutt,

dann siehst Du mich diesen Abend nicht mehr.

+Robert+: Bleib doch Mutter! laß ihn doch machen! es ist ja seine

Privatsache!

+Wilhelm+: Robert! treib’s nicht zu weit! nimm meinen Rath an! Du

hast mir vorhin eine Rührscene vorgemacht, das macht Dich nur noch

wiederwärtiger.

+Robert+: Sehr richtig: -- Rührscene. -- Bin selbst der Meinung .....

+Wilhelm+ _(geht abermals auf das Seitengemach zu.)_

+Frau Scholz+ _(ihn abermals aufhaltend.)_ O, Gottogottogott Junge,

warum willst Du sie denn? .... _(der zweite Vers ist beendet)._

+Wilhelm+: Weil Ihr es Alle miteinander nicht werth seit.

+Robert+ _(dicht an Wilhelm herantretend, mit einem frechen,

vielsagenden Blick in seine Augen)_: Du, vielleicht?

+Frau Scholz+: O, Jesis ne, Ihr treibt’s doch wieder so weit _(der

dritte Vers hebt an)_.

Manch Hirtenkind trägt wohl

Mit heiterem Sinn

Milch, Butter und Honig

Nach Bethlehem hin,

Ein Körbchen voll Früchte

Das purpurroth glänzt,

Ein schneeweißes Lämmchen,

Mit Blumen bekränzt.

+Wilhelm+: Sie sollen aufhören!

+Frau Scholz+ _(ihn wiederum festhaltend)_: Junge!!!

+Wilhelm+: Einfach -- unter aller Würde. Es ist Blasphemie! es ist ein

Verbrechen an diesen Menschen, wenn wir sie ...... ich .... ja auf Ehre

ich werde schamroth für Euch alle!

+Auguste+ _(pikirt)_: Na -- so ganz besonders schlecht und verächtlich

sind wir am Ende doch wohl auch nicht.

+Wilhelm+: Auguste -- mich ekelt’s!

+Auguste+: Mag’s doch! -- ja, ja; nu’ auf einmal ist man hinten

runtergerutscht. Nu’ giebt’s auszusetzen an der Schwester an allen

Ecken und Enden. Da is’ das nich’ recht, da is’ jen’s nich’ recht. Aber

das Fräulein Ida .....

+Wilhelm+ _(außer sich, sie unterbrechend)_: Sprich nicht den Namen

aus!!!

+Auguste+: Na, so ’was! ich werd’ wohl von Ida ....

+Wilhelm+: Laß den Namen aus dem Spiel, sag’ ich Dir.

+Auguste+: Du bist wohl verrückt geworden, ich werd’ doch ..... die is’

doch wahrhaftig auch kein Engel vom Himmel.

+Wilhelm+ _(schreiend)_: Schweig’ still, sag’ ich!

+Auguste+ _(wendet ihm den Rücken)_: Ach, was denn, Du bist einfach

verliebt.

+Wilhelm+ _(Auguste unsanft an der Schulter packend)_: Frauenzimmer,

ich! .....

+Robert+ _(packt Wilhelms Arm, spricht kalt und jedes Wort betonend)_:

Wilhelm! -- hast -- Du -- etwa -- wieder Absichten? ...........

+Wilhelm+: Teufel!

+Auguste+: Das sagst Du? -- pfui, Du!? der die Hand gegen seinen eignen

Vater erhoben hat.

~Dr.~ +Scholz+ _(mit zornbebender Stimme in absolut befehlendem Tone)_:

Auguste! -- Du wirst Dich entfernen! -- augenblicklich!!

+Auguste+: Na -- ich möchte wissen ....

~Dr.~ +Scholz+: Du wirst Dich augenblicklich entfernen!

+Frau Scholz+: O Du lieber Gott, warum nimmst Du mich denn nicht zu

Dir! _(weinerlich)_ Auguste! Du hörst! -- folge dem Vater!

+Robert+: I, -- Mutter! das würd’ ich ihr denn doch sehr verdenken.

Sie ist doch kein kleines Kind mehr. Die Zeiten haben sich doch

wahrhaft’gen Gott sehr verändert.

~Dr.~ +Scholz+: Aber, ich habe mich nicht verändert. Ich bin der Herr

im Hause. Ich werde Euch das beweisen.

+Robert+: .... lachhaft!

~Dr.~ +Scholz+ _(schreiend)_: Räu -- ber -- und -- Mör -- der --!!!

-- -- -- ich -- -- -- -- -- enterbe Euch!!! ich werfe Euch auf die

Straße!

+Robert+: Das ist ja direkt komisch.

~Dr.~ +Scholz+: _(bemeistert einen furchtbaren Zornausbruch und spricht

mit unheimlicher Ruhe und Festigkeit)_: Du, oder ich, einer von uns

verläßt das Haus -- augenblicklich.

+Robert+: Ich natürlich -- mit Herzensfreude.

+Frau Scholz+ _(halb befehlend, halb bittend)_: Robert, Du bleibst!

~Dr.~ +Scholz+: Er geht.

+Frau Scholz+: Fritz! hör’ mir zu! er ist der einzige ..... in den

langen, einsamen Jahren hat er uns nicht vergessen, er .....

~Dr.~ +Scholz+: Er, oder ich --!

+Frau Scholz+: Gieb nach, Fritz, thu’ mir die Liebe!

~Dr.~ +Scholz+: Laß mich zufrieden! er, oder ich!

+Frau Scholz+: Ach, -- Ihr braucht ja meinswegen einander nicht

begegnen, es geht ja ganz gut einzurichten ... aber ...

Das Friedensfest · 第 3 / 5 段