mir den Kopf wer weiß wie heiß machen, von Idealen schwatzen. Man
müsse für die menschheitlichen Ideale kämpfen, was weiß ich! -- ich
und für Andere kämpfen! fabelhafte Zumuthung! -- und für was und zu
was denn? -- Na aber wie ich Dich kenne, Dich beunruhigt so was, Du
würdest herumlaufen, wie einer der gestohlen hat: was bin ich für ein
Jammerkerl! würdest Du Dir in einem fort sagen. Hab ich nicht Recht? na
und dann käme schließlich der gute Vorsatz, und der drückt einen dann,
das kenne ich. Ich bin auch früher mit hunderterlei solcher Vorsätze
herumgelaufen. -- Jahrelang -- und das ist kein Vergnügen sag ich Dir!
+Wilhelm+: Ich weiß nicht recht, auf was Du hinaus willst?
+Robert+: Etwas Bestimmtes habe ich auch durchaus nicht im Auge: --
die Unruhe -- an der Du jetzt laborirst -- hat ja auch noch andre
Ursachen ...... Ich jedenfalls ..... wenn ich früher merkte .... in
früheren Zeiten habe ich ja auch ähnliches durchgemacht -- aber sobald
ich merkte, daß die Geschichte über meine Kräfte ging, habe ich ihr
gewöhnlich kurz entschlossen den Rücken gewandt.
+Wilhelm+: Soll das ein Wink sein?
+Robert+: Wink? -- ich wüßte nicht ..... also nochmals -- laß Dir’s gut
gehen und .....
+Wilhelm+: Sag mir doch mal Du -- rein objektiv -- es hat ein gewisses
Interesse für mich .... es ist nur weil ....
+Robert+: Bitte, -- was wünschest Du zu hören?
+Wilhelm+: Du hast selbst vorhin etwas gesagt.
+Robert+: Wann, vorhin?
+Wilhelm+: Als wir über Vater sprachen.
+Robert+: Ach richtig, ja -- was soll ich denn da gesagt haben?
+Wilhelm+: Du sagtest, es würde vielleicht doch gut werden mit Ida und
mir.
+Robert+: Ja so, -- Euer Verhältniß, -- das hätte ich gesagt. --?
+Wilhelm+: Das hast Du gesagt.
+Robert+: Nu ja, ich habe da +manches+ gesagt.
+Wilhelm+: Das heißt so viel, als -- Du bist von manchem, was Du da
gesagt hast, zurückgekommen.
+Robert+: Ganz recht, das bin ich.
+Wilhelm+: Auch was die .... diese selbe Sache anbelangt ....?
+Robert+: Euer Verhältniß?
+Wilhelm+: Ja.
+Robert+: Ist Dir das denn wichtig?
+Wilhelm+: Ja, vielleicht.
+Robert+: Ja.
+Wilhelm+: Du bist also nicht mehr der Ansicht -- daß wir .....
+Robert+: Nein.
+Wilhelm+: Schön -- ich danke Dir -- Du bist offen -- ich danke Dir.
-- Aber nehmen wir mal an -- setzen wir den Fall, ich kehre der ganzen
Sache den Rücken -- sehen wir zunächst mal ganz davon ab, was das für
mich bedeuten würde angenommen -- also, ich ginge auf der Stelle mit
Dir -- was sollte dann -- aus Ida -- werden?
+Robert+: Hm -- Ida? -- Ida? _(zuckt die Achseln)_ hm ja, ja -- das
läßt sich nicht so schnell .... das heißt -- besorgen würde mich das
wirklich nicht so sehr.
+Wilhelm+: Du!!! das ist Deine alte Perfidie! das kenne ich.
+Robert+: Perfid? wieso denn? nein da täuschest Du Dich! um perfid zu
sein ist mein Interesse doch nicht ausreichend -- mein Interesse an der
Sache mein ich. Ich glaube wirklich nicht .....
+Wilhelm+: Das weiß ich besser, Du. Du wirst mich doch nicht dieses
Mädchen kennen lehren wollen?! es ist nun mal so -- verlaß Dich darauf!
sie hat nun mal ein Gefühl für mich, ich kann’s nicht ändern -- ich
bilde mir nichts ein darauf. -- Was wird also aus ihr werden, wenn ich
davon laufe?
+Robert+: Hm -- machst Du Dir also wirklich ernstlich darüber Gedanken?
+Wilhelm+: Allerdings -- ja -- allerdings.
+Robert+: Antworte mir doch gefälligst erst mal darauf: wenn Ihr Euch
heirathet, was wird dann aus Ida?
+Wilhelm+: Das kann kein Mensch wissen.
+Robert+: O doch, Du! das weiß man --: Mutter.
+Wilhelm+: Als ob Ida mit Mutter zu vergleichen wäre.
+Robert+: Aber Du mit Vater.
+Wilhelm+: Jeder Mensch ist ein +neuer+ Mensch.
+Robert+: Das möchtest Du gern glauben. Laß gut sein! da verlangst
Du zu viel von Dir. Die fleischgewordene Widerlegung bist Du ja doch
selbst.
+Wilhelm+: Das möchte ich wissen.
+Robert+: I, das weißt Du sehr genau.
+Wilhelm+: Schließlich kann man sich darüber hinaus entwickeln.
+Robert+: Wenn man danach erzogen ist nämlich.
+Wilhelm+: Ach, es hat keinen Sinn weiter zureden.
+Robert+: Durchaus meine Ansicht.
+Wilhelm+: Das kann ja doch zu nichts führen _(ausbrechend, außer
sich.)_ Ihr wollt mich zu Grunde richten! -- Ich bin das Opfer eines
Complots! -- Ihr habt Euch gegen mich verschworen, Ihr wollt mich
abthun! -- Ihr wollt mich endgültig abthun!
+Robert+: Das war Vaters zweites Wort.
+Wilhelm+: Das ist lächerlich, -- Deine Bemerkungen sind einfach
lächerlich! -- Habe ich etwa nicht Grund, das zu sagen -- wollt Ihr
mich etwa nicht von Ida trennen? Es ist ..... aufrichtig gesagt -- mir
fehlen die Worte ..... Es liegt eine so fabelhafte Anmaßung .... eine
Brutalität liegt darin -- über alle Begriffe geradezu! Mit Ida soll ich
Mitleid haben! -- wer hat denn mit mir Mitleid, sag mal? nenn mir einen
Menschen! -- wer denn?
+Robert+: Selbstverständlich! -- wenn Du so sprichst,
selbstverständlich!
+Wilhelm+: Man verlangt Opfer von mir. -- Auf einmal soll ich die
unsinnigsten Opfer bringen! Ich soll ....
+Robert+: Du kannst Dir jedes Wort getrost sparen. -- Unter solchen
Verhältnissen selbstverständlich. -- Es ist Dein gutes Recht, das
Mädchen fest zu halten.
+Wilhelm+: Unter solchen Verhältnissen? -- unter was für Verhältnisse?
sag mir doch bitte!
+Robert+: Du sprachst von Ida -- vorhin -- meines Wissens ...
+Wilhelm+: Nun ja -- also was --?
+Robert+: Jetzt sprichst Du von Dir -- es kam so heraus -- na --
mit einem Wort, wenn es Dir gleichgültig ist, was aus dem Mädchen
wird -- wenn Du die nöthige Dosis .... nun sagen wir meinetwegen
Rücksichtslosigkeit auf Lager hast .... wenn Du sie so nimmst .... so
wie einen neuen Rock oder Hut oder so was ......
+Wilhelm+: Robert! -- so durch und durch herzlos, wie Du bist, -- Du
hast doch diesmal Recht -- ich gehe mit Dir .... hier aus dem Hause --
heißt das -- gehe ich mit Dir .... ein Stück -- nicht weit -- und nun
.... nun .... bin ich fertig -- mit Euch Allen. -- Ja, ja, jetzt bin
ich -- rede nicht erst! -- jetzt bin ich wirklich fertig -- ganz und
gar .......
+Robert+ _(sieht ihn erstaunt an und zuckt dann mit den Achseln.)_
+Wilhelm+ _(mit steigender Heftigkeit)_: Du, Du! -- gieb Dir keine Mühe
-- es gelingt Dir nicht -- mich kannst Du nicht täuschen mit Deiner
harmlosen Ruhe. -- Recht hast Du allerdings, aber was Dich auf den
rechten Gedanken gebracht hat, das sag ich Dir in’s Gesicht, das ist
jämmerlicher Neid ..... das ist einfach tief klägliche Mißgunst! -- Du
weißt sehr gut, daß ich ehrlich kämpfen würde, doch ihrer schließlich
einigermaßen würdig zu werden. -- Du weißt sehr gut, wie dieses Mädchen
mit ihrer Reinheit mich reinigt. Aber Du willst es nicht! Du willst
mich nicht gereinigt wissen. -- Warum willst Du es nicht? -- nun weil
.... weil Du selbst so bleiben mußt, wie Du bist ...... weil sie mich
liebt und nicht Dich! -- Und deshalb hast Du mir diesen ganzen Abend
mit Deinem Polizeiblick aufgelauert ..... hast mir immer und immer
wieder zu erkennen gegeben, daß Du etwas von mir weißt -- ja wohl!
Du hast ganz Recht! ich bin ein durch und durch lasterhafter Mensch.
Nichts ist mehr rein an mir. Besudelt, wie ich bin gehöre ich nicht
neben diese Unschuld, und ich bin auch entschlossen, kein Verbrechen zu
begehen. Aber Du Robert! Du wirst dadurch nicht reiner; ein Glück für
Dich, daß Du Dich nicht mehr schämen kannst!
+Robert+ _(hat während des letzten Drittels von Wilhelms Rede seine
Sachen genommen und ist dem Ausgang zugeschritten. Die Klinke in der
Hand bleibt er stehen, als ob er reden wollte, besinnt sich eines
anderen, zuckt resignirt mit den Achseln und entfernt sich sehr ruhig.
Ab.)_
+Wilhelm+ _(dem Davongegangenen nachrufend)_: Robert! -- Robert! --
+Ida+ _(aus dem Nebenzimmer eintretend)_: Wen rufst Du denn?
+Wilhelm+: Ach -- Du bist hier.
+Ida+: Der Arzt ist drin, Wilhelm -- er sagt -- es sei doch ernst, es
....
+Stimme der Frau Scholz+ _(jammernd)_: Mein lieber guter Mann, ach!
.... ach, mein lieber, guter Mann!
+Wilhelm+: Was habe ich gethan! was habe ich nun wieder gethan!
+Ida+: Es drückt mir das Herz ab. -- Ich möchte Dich gern -- nicht
fragen, ich .... aber es muß etwas .... Du hast etwas Willy!
+Wilhelm+: Gar Nichts habe ich -- in die Einsamkeit möchte ich wieder
-- dort ist unser Platz, Ida.
+Ida+: Weshalb --? ich verstehe garnicht.
+Wilhelm+ _(barsch und heftig)_: Ja, ja, ja! das ist ja die alte
Leier --: ich versteh Dich nicht, ich versteh Dich nicht! -- Mutter
und Vater haben auch ihr Leben lang verschiedene Sprachen gesprochen;
Du verstehst mich nicht! Du kennst mich nicht! -- Du hast platte
Backfischillusionen, und da habe ich nichts weiter zu thun, als mich
zu verstecken vor Dir und zu verstecken -- bis ich ganz und gar zum
elendesten Betrüger und Schurken werde.
+Ida+ _(hat Wilhelm bestürzt angeblickt, nun weint sie)_.
+Wilhelm+: Da siehst Du nun: dies ist mein wahres Gesicht. Und ich
brauche nur einen Augenblick lang zu vergessen, was ich Dir gegenüber
für eine Rolle spiele, da kommt es auch schon hervor. Du kannst mein
wahres Gesicht nicht ertragen. Du weinst und Du würdest Jahre hindurch
weinen, wenn ich nicht Mitleid mit Dir hätte. -- Nein, Ida, es darf
zwischen uns nichts werden ..... ich bin zu dem festen Entschluß
gekommen.
+Ida+ _(An seinen Hals fliegend)_: Das ist nicht wahr! -- das ist nun
und nimmermehr wahr!
+Wilhelm+: Denk’ an das, was Du hier gesehen hast! sollen wir es von
neuem gründen? -- sollen wir dieses selbe Haus von neuem gründen?
+Ida+: Es wird anders werden! es wird besser werden, Wilhelm.
+Wilhelm+: Wie kannst Du das sagen?
+Ida+: Das +fühle+ ich.
+Wilhelm+: Aber Du stürzst Dich blindlings in’s Verderben, Ida! ich
reiße Dich in’s Verderben!
+Ida+: Ich habe keine Furcht, -- davor habe ich keine Furcht, Wilhelm!
hab’ nur wieder Vertrauen! gieb’ mir nur wieder Deine Hand! Dann werd’
ich Dir etwas sein können -- stoß mich nur nicht von Dir ........
+Wilhelm+: Gieb’ mich frei! -- zum ersten Mal liebst Du! -- Du liebst
eine Illusion. Ich habe mich weggeworfen, wieder und wieder. Ich habe
Dein Geschlecht in Andern geschändet. -- Ich bin ein Verworfener. --
+Ida+ _(jauchzend und weinend ihn umhalsend)_: Du bist +mein+! Du bist
+mein+!
+Wilhelm+: Ich bin Deiner nicht werth!
+Ida+: O sage das nicht! vor Dir bin ich klein, ach, wie klein! wie
eine kleine, kleine Motte bin ich nur. Wilhelm, ich bin nichts ohne
Dich! ich bin Alles durch Dich -- zieh’ Deine Hand -- nicht -- von mir
-- armseligen -- Geschöpfe!
+Wilhelm+: Ida!!! -- ich Dir? Ida ich? ... _(umarmen und küssen sich
unter Lachen und Weinen.)_ Ich soll meine Hand nicht von Dir ziehen? --
Ja -- was -- sagst Du denn da -- was sagst Du -- denn nur -- da -- Du
-- böse .....
+Ida+: Nun -- versprichst Du -- mir -- nun ...
+Wilhelm+: Ich schwöre Dir -- jetzt .... _(ein markdurchdringender
Aufschrei aus dem Nebenzimmer schneidet die Rede ab. Betroffen und
entsetzt starren Ida und Wilhelm einander in die Augen)_.
+Stimme der Frau Scholz+: Mein Mann -- stirbt ja! -- mein -- guter,
lieber Mann -- stirbt ja doch -- mein Mann .... _(lautes Weinen)_.
+Wilhelm+: Gott! -- mein Gott -- was? -- Vater!!! Vater!!! _(will sich
in’s Nebenzimmer stürzen; halbwegs kommt Ida ihm zuvor.)_
+Ida+: Wilhelm! -- komm’ zu Dir selbst! -- und -- geh’ nicht -- ohne
mich!
_(+Friebe+ kommt von Schluchzen geschüttelt aus dem Nebenzimmer und
verschwindet in der Küche.)_
+Auguste+ _(folgt Friebe auf dem Fuße. Vor Wilhelm stehen bleibend,
stößt sie mühsam hervor)_: Wer -- trägt nun -- die Schuld? -- wer? wer
--? -- _(Sie bricht am Tisch zusammen, ein dumpfes und hohles Stöhnen
entringt sich ihrer Brust. Das laute Weinen der Frau Scholz ist noch
immer hörbar.)_
+Wilhelm+ _(will ausbrechen)_: Auguste!
+Ida+ _(an Wilhelm’s Brust beschwichtigend, mit bebenden Lauten)_:
Wilhelm, -- ich glaube -- Dein Vater -- ist nicht mehr.
_(Wilhelm will auf’s Neue ausbrechen, wird abermals durch Ida
beschwichtigt, kämpft seinen Schmerz nieder, sucht und findet Ida’s
Hand, die er krampfhaft in seiner drückt, und geht Hand in Hand mit dem
Mädchen aufrecht und gefaßt auf das Nebengemach zu.)_
[Illustration]
Druck von +A. Klarbaum+, Berlin ~S.O.~