gewesen wäre ..... Mutter hat ja gewiß nicht gewußt, daß es Dir so,
+so+ schwer werden würde und ich ... ich dachte ja nur ... weil es
Mutter sagte ... ich wollte es ja garnicht. Aber nun ... nun bist Du
einmal so weit, nun sei auch .... hörst Du? .... thu mir die Liebe!
.... ach _(sie umarmt ihn)_.
+Wilhelm+ _(von Idas Armen ein wenig weiter hereingezogen, mit Zeichen
tiefer, innerer Erschütterung)_: .. Jeder Schritt vorwärts .... was hab
ich hier nicht Alles durchlebt!
+Ida+: Nur nicht aufwühlen! nicht das Alte aufwühlen!
+Wilhelm+: Sieh mal! -- jetzt wird mir doch klar -- Deine Mutter hätte
mir das +nicht+ rathen sollen. -- Sie ist immer so zuversichtlich,
so ..., ich hab’s ja gewußt, ich sagte es ihr -- aber diese naive,
felsenfeste Zuversicht .... hätt ich mich doch nur nicht verblenden
lassen!
+Ida+: Ach wie Du doch Alles schwer nimmst, Wilhelm! glaub mir, Du
wirst morgen anders sprechen -- wenn Du sie erst Alle wiedergesehen
hast! .... Du bist dann doch wenigstens vor Dir selbst gerechtfertigt.
Du hast bewiesen, daß es Dir ernstlich darum zu thun war, mit Deiner
Familie in Frieden zu leben.
+Wilhelm+: Wenn man so Alles wiedersieht, -- die alten Plätze alle --
Alles tritt so heraus --, so hervor, weißt Du! -- die Vergangenheit
kommt einem so nah, -- so aufdringlich nah; man kann sich ... förmlich
wehrlos ist man.
+Ida+ _(ihn weinend umhalsend)_: Wenn ich Dich so sehe, Wilhelm ....
ach glaub nur ja nicht .... glaub doch nur um Himmelswillen nicht etwa,
ich hätte Dich dazu gedrängt, wenn ich .... wenn ich auch nur geahnt
hätte .... glaub doch +das+ nur nicht! Du thust mir ja so furchtbar
leid.
+Wilhelm+: Ida! -- zu Dir gesagt -- ich kann Dich versichern, daß ich
hier fort muß. -- Offenbar! -- ich bin diesem Ansturm nicht gewachsen
-- offenbar! -- es ruinirt mich möglicherweise -- auf immer. -- Du
bist ja ein Kind! -- ein süßes, reines Kind, Ida -- was weißt Du. --
Gott sei ewig Dank, daß Du nicht einmal ahnen kannst, was mich ... was
der Mensch neben Dir .... zu Dir gesagt -- Haß! Galle! -- schon als ich
hereintrat ...
+Ida+: Wollen wir gehen? wollen wir augenblicklich von hier fortgehen?
+Wilhelm+: Ja, -- denn -- in dieser Umgebung -- selbst Du! -- ich
unterscheide Dich kaum mehr von den Andern. -- Ich verliere Dich! -- es
ist ein Verbrechen von mir, schon allein, daß +Du hier+ bist.
+Ida+: Wenn Du doch nur deutlich sein könntest, Wilhelm! es muß doch --
hier etwas Furchtbares passirt sein, was ....
+Wilhelm+: Hier? ein Verbrechen! um so furchtbarer, weil es nicht als
Verbrechen gilt. Man hat mir hier mein Leben gegeben und hier hat
man mir dasselbe Leben -- zu Dir gesagt -- fast möchte ich sagen:
systematisch verdorben -- bis es mich anwiderte -- bis ich daran trug,
schleppte, darunter keuchte wie ein Lastthier -- mich damit verkroch,
vergrub, versteckte, was weiß ich -- aber man leidet namenlos -- Haß,
Wuth, Reue, Verzweiflung -- kein Stillstand! -- Tag und Nacht dieselben
ätzenden, fressenden Schmerzen _(deutet auf die Stirn)_ da! ....
_(deutet auf’s Herz)_ und -- auch -- da!
+Ida+: Was soll ich nur thun, Wilhelm? ich getraue mir garnicht mehr --
Dir etwas zu rathen -- ich bin so ....
+Wilhelm+: Ihr hättet zufrieden sein sollen -- daß ich glücklich so
weit war, +wie+ ich war. -- Es war ja Alles glücklich so weit abgeblaßt
-- jetzt erst erkenne ich, +wie+ weit _(überwältigt von Erregung bricht
er auf einen Stuhl zusammen)_.
+Ida+ _(mit unterdrücktem Aufschrei)_: Wilhelm!
+Frau Buchner+ _(in fliegender Hast durch den Treppenbogen. Auf Wilhelm
zustürzend)_: Wilhelm, hören Sie mich, Wilhelm! -- jetzt denken Sie an
das, was wir gesprochen haben. Jetzt -- wenn ich Ihnen so viel gelte
.... Ich beschwöre Sie .... Jetzt zeigen Sie .... Ja ich fordre ....
Ich verlange von Ihnen als Mutter meines Kindes ..... Wilhelm! ....
Es liegt nun an Ihnen, -- an Ihnen allein .... Wilhelm, Sie haben
furchtbar gefehlt! -- Sie haben eine furchtbare Schuld -- Sie werden
wieder froh werden. -- Ich hab es gethan .... ich habe mit Ihrem Vater
geredet, er ....
+Wilhelm+ _(steif in die Höhe schnellend, mit starrem Ausdruck und
lallender Stimme)_: V--Vater? -- -- wie? -- m... mit m...einem
V...ater? _(er wankt, taumelt wie ein Blödsinniger und sucht seine
Sachen zu ergreifen.)_
+Ida+ _(tief erschrocken)_: Wil... W...
+Wilhelm+ _(giebt durch Zeichen zu verstehen, man soll ihn nicht
unterbrechen)_:
+Ida+: Ach -- Mutter -- Wilhelm -- ... Du .... Du hättest ihm -- das
nicht -- gleich sagen sollen.
+Frau Buchner+: Wilhelm! sind Sie ein Mann?! Sie können uns doch nicht
belogen haben. Wenn Sie noch einen Funken Liebe für uns, -- für Ida ...
Ich fordre Sie auf ... Ich, eine Frau ...
+Ida+ _(wirft sich Wilhelm, der schon seine Sachen ergriffen hat,
entgegen und hält ihn -- indem sie ihn umschlingt -- fest)_: Du darfst
nicht fort, oder ich .... Mutter! wenn er geht -- ich gehe mit ihm!
+Wilhelm+: Warum -- habt Ihr mir das verschwiegen?
+Ida+: Nichts ... Du mußt doch nicht gar so schlecht von uns .... Wir
haben Dir nichts verschwiegen.
+Frau Buchner+: Wir alle, Ihre Mutter, Ihre Schwester, wir waren alle
ahnungslos, -- eben so ahnungslos, wie Sie. Vor wenigen Minuten ist er
angekommen -- ohne sich vorher anzumelden; und, sehen Sie, da dachte
ich gleich ....
+Wilhelm+: Wer -- hat Ihnen +das+ -- mitgetheilt?
+Frau Buchner+ _(unter Thränen seine Hand ergreifend)_: Sie haben
furchtbar, furchtbar gefehlt.
+Wilhelm+: Sie wissen also --?
+Frau Buchner+: Ja, jetzt ....
+Wilhelm+: Alles?
+Frau Buchner+: Ja Alles; -- und, sehen Sie, daß ich Recht hatte, --
daß Sie noch etwas mit sich herumschleppten? das +war+ das Geheimniß.
+Wilhelm+: Sie wissen, daß ich ....?
+Frau Buchner+ _(nickt bejahend)_.
+Wilhelm+: Und Ida --? soll sie einem Menschen zum Opfer fallen, wie
... wie ich bin, -- des ... weiß sie’s? ... weißt Du’s -- Ida -- auch?
+Ida+: Nein Wilhelm -- aber -- ob ich das weiß oder nicht; -- das ist
wirklich ganz gleichgültig.
+Wilhelm+: Nein. -- Diese Hand, die Du ... die Dich oft ... diese Hand
hat ... _(zu Frau Buchner)_ Ist es das?
+Frau Buchner+ _(nickt bejahend)_.
+Wilhelm+ _(zu Ida)_: Wie schändlich hab’ ich Dich betrogen! -- ich
bring’s nicht über mich. -- Später! .......
+Frau Buchner+: Wilhelm! Ich weiß, was ich verlange, aber ich ... Sie
+müssen+ sich vor Ihrem +armen+ Vater erniedrigen -- erst dann werden
Sie sich wieder ganz frei fühlen. Rufen Sie ihn an! beten Sie ihn an!
ach Wilhelm! das müssen Sie thun! Seine Kniee müssen Sie umklammern --
und wenn er Sie mit dem Fuße tritt, wehren Sie sich nicht! reden Sie
kein Wort! geduldig wie ein Lamm! glauben Sie mir -- einer Frau, die
Ihr Bestes will.
+Wilhelm+: Sie wissen +nicht+ ... Sie wissen doch nicht, was Sie von
mir ... O Sie müssen Gott dankbar sein, Frau Buchner, daß er Ihnen
Ihre eigene Grausamkeit verborgen hat. Ruchlos mag das sein. Was
ich gethan habe, mag ruchlos sein. Aber was ich durchgemacht habe,
-- da! -- innerlich durchgekämpft, durchlitten -- diese furchtbaren
Peinigungen .... Er hat Alles auf mich geladen -- und am Ende zu allem
noch diese +verfluchte+ Schuld ......... Aber dennoch .......! _(nach
einem langen, tiefen Blick, in Ida’s Augen, sich aufringend, bis zu
einem festen Entschluß)._ Vielleicht -- gelingt es mir -- +dennoch+!
Zweiter Vorgang.
_Der Raum ist leer. Sein Licht erhält er zum Theil von einer
im Treppenraum angebrachten rothen Ampel, dann aber, und zwar
hauptsächlich, durch die offenen Thüren linker Hand aus dem
Seitengemach. Hier sitzt man, wie das Klingen der Gläser, das Klappern
und Klirren von Tellern und Bestecks verräth, bei Tafel._
_(Ida, gleich darauf Wilhelm aus dem Nebengemach)._
+Ida+: Endlich! _(einschmeichelnd.)_ Du mußt doch nun an Vater denken,
Willy! sei mir nicht böse, aber wenn Du Vater etwas -- abzubitten hast,
dann mußt Du doch nicht warten, bis +er+ zu Dir +herunter+ ..........
+Wilhelm+: Wollte Vater zu Tisch ’runterkommen!
+Ida+: Versteht sich! Mama hat ihn ....
+Wilhelm+ _(umschlingt und preßt Ida plötzlich, mit impulsiver
Leidenschaftlichkeit stürmisch an sich)_.
+Ida+: Ei ..... ach -- Du -- wenn Jemand .... mein Haar wird ja ......
+Wilhelm+ _(läßt die Arme schlaff an ihr heruntergleiten, faltet die
Hände, senkt den Kopf und steht, jäh ernüchtert, wie ein ertappter
Verbrecher vor ihr)_.
+Ida+ _(ihr Haar ordnend)_: Was für ein stürmisches Menschenkind Du
doch bist.
+Wilhelm+: Stürmisch nennst Du das. -- Ich nenne es -- ganz -- anders
.........
+Ida+: Aber Willy! -- warum denn nun auf einmal wieder so
niedergeschlagen? unverbesserlich bist Du doch.
+Wilhelm+ _(ihre Hand krampfhaft fassend, den Arm um ihre Schulter
legend, zieht er sie hastigen Schrittes mit sich durch den Saal)_:
Unverbesserlich. Ja, siehst Du! das eben ..... ich fürchte ja nichts so
sehr, als daß ich ..... als daß alle Deine Mühen um mich vergebens sein
könnten. Ich bin so entsetzlich wandelbar! _(auf die Stirn deutend)_ da
hinter ist kein Stillstand! Schicksale in Secunden! mich selbst fürcht’
ich. Vor sich selbst auf der Flucht sein: kannst Du Dir davon einen
Begriff machen? Siehst Du, und so fliehe ich -- mein Leben lang.
+Ida+: Am Ende .... ach nein das paßt nicht -- --
+Wilhelm+: Sag’ doch!
+Ida+: Manchmal .... ich hab’ mir nur schon manchmal gedacht ....
wirklich, es ist mir manchmal so vorgekommen, als ob -- sei nicht böse
-- als ob garnichts da wäre, wovor Du fliehen müßtest. Ich habe selbst
schon ....
+Wilhelm+: O Du, das glaube nicht! hast Du Robert beobachtet, hast Du
gesehen?
+Ida+: Nein -- was?
+Wilhelm+: Hast Du bemerkt, wie er mich begrüßte? Der, siehst Du, der
weiß, daß ich vor mir fliehen muß, der kennt mich. Frage den nur, der
wird Dich aufklären! Damit droht er mir nämlich. Du, Du, das weiß ich
besser. Gieb nur Acht, wie er mich immer anblickt! Ich soll Angst
kriegen, ich soll mich fürchten. Ha ha ha, -- nein, lieber Bruder,
so erbärmlich sind wir denn doch nicht. Und nun siehst Du wohl ein,
Ida, daß ich das nicht zulassen darf, -- ich meine, Du darfst Dir
keine Illusionen machen über mich. Es giebt nur eine Möglichkeit: ich
muß offen sein gegen Dich. Ich muß es soweit bringen ..., Ich ringe
darnach. Wenn Du mich ganz kennst, dann .... Ich meine wenn Du mich
dann noch erträgst .... oder wenn Du -- mich noch lieben kannst ....
dann .... das wäre ein Zustand .... dann würde etwas in mich kommen
.... was Muthiges, Stolzes sag’ ich Dir .... dann lebte doch Einer, und
wenn sie mich Alle verachteten ................................. _(Ida,
voller Hingebung, schmiegt sich an ihn.)_
+Wilhelm+: Und jetzt .... jetzt werde ich Dir auch .... bevor ich zu
Vater hinaufgehe .... Du weißt was ich meine?!
+Ida+ _(nickt)_.
+Wilhelm+: Jetzt sollst Du .... Ich muß es über mich gewinnen Dir zu
sagen, was mich -- mit meinem -- Vater .... Ja, Ida, -- ich will’s
thun ........, ....... _(Arm in Arm schreitend)_ Stelle Dir vor! ich
war hier zu Besuch .... nein -- so kann ich nicht anfangen. -- Ich muß
weiter zurückgehen. -- Du weißt ja, als ich mich damals schon eine
lange Zeit selbst durchgeschlagen ........ das hab’ ich Dir wohl noch
garnicht erzählt?
+Ida+: Nein, .... aber ruhig .... nur ja nicht unnöthig .... rege Dich
nur nicht auf, Willy!
+Wilhelm+: Siehst Du das ist wieder so ein Fall: ich bin feig! ich
habe es bis jetzt nicht gewagt, Dir von meiner Vergangenheit zu
erzählen .... auf jedenfall ist es auch ein Wagniß. -- Man wagt
etwas, -- auch vor sich selbst .... einerlei! wenn ich das nicht mal
über mich brächte, wie sollt’ ich’s dann fertig bringen -- zu Vater
hinaufzugehen?!
+Ida+: Ach, Du! quäle Dich nicht! -- jetzt stürmt so vielerlei auf Dich
ein.
+Wilhelm+: Du hast wohl Furcht? -- wie? Du fürchtest wohl Dinge zu
hören ....?
+Ida+: Pfui, pfui, so mußt Du nicht sprechen!
+Wilhelm+: Nun also -- dann stelle Dir vor: hier oben wohnte Vater. Bis
er Mutter nahm hatte er einsam gelebt, und so wurde es bald wieder; er
führte sein einsames Sonderlingsleben weiter ........ Mit einem Mal
verfiel er dann auf uns -- Robert und mich, um Auguste hat er sich
garnicht gekümmert. -- Volle zehn Stunden täglich hockten wir über
Büchern .... Wenn ich das Kerkerloch sehe -- heutigen Tags noch ......
es stieß an sein Arbeitszimmer. Du hast’s ja gesehen!
+Ida+: Der große Saal oben --?
+Wilhelm+: Ja, der -- Wenn wir in diesen Raum eintraten, da mochte
die Sonne noch so hell zum Fenster ’reinscheinen, -- für uns war es
dann Nacht .... Na siehst Du -- da .... da liefen wir eben zur Mutter
.... Wir liefen ihm einfach fort -- und da spielten sich Scenen ab --:
Mutter zog mich am linken, Vater am anderen Arm .... Es kam soweit:
Friebe mußte uns hinauftragen. Wir wehrten uns, wir bissen ihm in die
Hände; natürlich half das nichts, unser Dasein wurde nur unerträglicher
............. Aber widerspenstig blieben wir, und nun weiß ich, fing
Vater an uns zu hassen. Wir trieben es so lange, bis er uns eines Tages
die Treppe hinunterjagte. Er konnte uns nicht mehr ertragen -- unser
Anblick war ihm ekelhaft.
+Ida+: Aber Dein Vater -- das giebst Du doch zu? -- eine gute Absicht
hat er doch gehabt mit Euch. Ihr solltet eben viel lernen, wie ....
+Wilhelm+: Bis zu einem gewissen Grade mag er ja auch damals eine gute
Absicht -- vielleicht gehabt haben. Aber wir waren ja zu der Zeit erst
Jungens von neun oder zehn Jahren und von da ab, hört die gute Absicht
auf. -- Im Gegentheil: damals hat er die Absicht gehabt, uns total
verkommen zu lassen. -- Ja, ja! Mutter zum Possen .... Fünf Jahre lang
waren wir im verwegensten Sinne uns selbst überlassen .... Banditen und
Tagediebe waren wir .......... Ich hatte noch etwas, ich verfiel auf
die Musik. Robert hatte nichts -- Aber wir verfielen auch noch auf
ganz andre Dinge -- deren Folgen wir wohl kaum jemals verwinden werden
.........................
Schließlich schlug Vater wohl das Gewissen. Es gab fürchterliche Scenen
mit Mutter. Am Ende wurden wir doch aufgepackt und in einer Anstalt
untergebracht. Und als ich mich an das Sklavenleben dort nicht mehr
gewöhnen konnte und davonlief, ließ er mich einfangen und nach Hamburg
schaffen; Der Taugenichts sollte nach Amerika ... Der Taugenichts lief
natürlich wieder davon. Ich ließ Eltern Eltern sein und hungerte und
darbte mich auf meine eigene Faust durch die Welt. Robert hat ungefähr
die gleiche Carrière hinter sich.
Aber Taugenichtse sind wir deshalb in Vaters Augen doch geblieben ....
-- später war ich einmal so naiv eine Unterstützung von ihm zu fordern
-- nicht zu bitten! Ich wollte das Conservatorium besuchen. Da schrieb
er mir auf einer offenen Postkarte zurück: Werde Schuster. -- Auf diese
Weise, Ida! sind wir so eine Art ~self made man~ -- aber wir sind nicht
besonders stolz darauf.
+Ida+: -- Wahrhaftig Willy .... ich kann wahrhaftig nicht anders ....
ich fühle Dir +wirklich Alles+ nach; aber -- ich kann augenblicklich
nicht ernst .... Sieh mich nicht so fremd an, bitte, bitte!
+Wilhelm+: O Du, -- das ist bitter -- und nicht zum Lachen.
+Ida+ _(ausbrechend)_: ’S ein +Jubel+gefühl, Wilhelm! ich muß Dir
sagen .... es mag selbstsüchtig sein, -- aber ich freue mich so
furchtbar -- daß Du, das so brauchen kannst .... Ich will Dich ja so
lieb haben, Wilhelm! .... Ich sehe so mit einem Mal Zweck und Ziel.
Ach, ich bin ganz confus! Ich bedaure Dich ja so sehr. Aber je mehr ich
Dich bedaure, je mehr freue ich mich. Verstehst Du, was ich meine? Ich
meine ...... ich bilde mir ein, -- ich könnte Dir vielleicht Alles,
was Du entbehrt hast .... alle Liebe, die Du entbehrt hast, mein ich,
könnte ich Dir vielleicht reichlich ....
+Wilhelm+: Wenn ich’s nur -- verdiene, -- Du! -- denn nun kommt --
etwas, -- was mich allein -- betrifft ............ Vor Jahren ....
nein -- es ist .... Ich kam nämlich später hie und da besuchsweise zur
Mutter. -- Mach’ Dir’ mal klar, Ida! -- wenn ich so das ganze Elend
wiedersah .... mach Dir ’mal klar wie mir da -- zu Muthe werden mußte.
+Ida+: Deine Mutter -- litt wohl -- sehr?
+Wilhelm+: In manchen Dingen, denk’ ich ja heut’ anders über Mutter.
Immerhin, die Hauptschuld trägt Vater doch. Damals kam mir’s vor, als
ob er Mutter widerrechtlich hier gefangen hielte. Ich wollte gerade,
sie sollte sich von ihm trennen.
+Ida+: Aber -- das konnte Deine Mutter -- garnicht, das, --
+Wilhelm+: Sie folgte mir ja auch nicht. Sie hatte nicht den Muth. --
Nun -- mit welchen Augen ich Vater ansah .... nun, das kannst Du Dir
vielleicht denken.
+Ida+: Sieh’ mal Wilhelm! -- Du warst vielleicht doch nicht ganz
gerecht gegen Deinen Vater .... Ein Mann ....
+Wilhelm+ _(ohne Ida’s Einwurf zu beachten)_: Einmal -- beging ich --
die Thorheit -- einen Freund von mir .... Unsinn Freund .... flüchtiger
Bekannter, -- ein Musiker .... Ich brachte ihn also mit hierher. Das
war eine Auffrischung für Mutter. Sie spielte nämlich -- eine Woche
lang --, täglich mit ihm vierhändig ........ Da also .... haarsträubend
.... so wahr wie ich vor Dir stehe --; kein Schatten einer Möglichkeit!
-- und am Ende der Woche -- schrieen es ihr -- Dienstboten -- in’s
Gesicht.
+Ida+: Verzeih’! .... Ich .... Um was --?
+Wilhelm+: Mutter! .... Mutter sollte .... Meine Mutter sollte ....
Sie sollte -- denke Dir! sie wagten es ihr offen vorzuwerfen, daß sie
-- ein schlechtes -- Verhältniß -- mit .... das heißt! ich stellte die
Person zur Rede .... frech .... der Kutscher hätte es ihr gesagt ....
ich zum Kutscher und der .... der .... der will es .... der sagt mir
geradezu, ich habe es vom Herrn .... vom Herrn selber -- .... Natürlich
.... wo werde ich ihm denn so was glauben?! -- oder -- wenigstens --
sträubte ich mich -- bis -- ich -- ein Gespräch -- belauschte, -- was
Vater -- im Stall .... im Pferdestall mit dem Burschen -- hatte, --
und -- Du kannst mir -- glauben: -- die Hände -- starben -- mir -- ab,
-- wie ich -- ihn da -- über meine -- Mutter -- reden hörte.
+Ida+: Sei doch nur .... Laß Dich doch nur .... reg’ Dich doch blos
nicht so +furchtbar+ auf. Du bist ja ganz ....
+Wilhelm+: Ich weiß nicht mehr .... Ich weiß nur .... Es steckt etwas
in uns Menschen .... der Wille ist ein Strohhalm .... man muß so etwas
durchmachen .... Es war wie ein Einsturz ... Ein Zustand wie ....
und in diesem Zustand befand ich mich plötzlich in Vaters Zimmer.
-- Ich sah ihn. -- Er hatte irgend etwas vor -- ich kann mich nicht
mehr besinnen was. -- Und da -- hab’ ich ihn -- buchstäblich -- mit
-- diesen -- bei -- den Händen -- ab--ge--straft. _(Er hat Mühe sich
aufrecht zu erhalten)._
+Ida+ _(Ihre Augen stehen voll Thränen, die sie trocknet. Bleich und
erschüttert starrt sie einige Augenblicke auf Wilhelm hin, dann küßt
sie still weinend seine Stirn)_.
+Wilhelm+: Du -- Barmherzige.
_(Man hört die Stimme des Doktors von der Treppe her.)_
+Wilhelm+: Und nun, -- wenn je! _(Er rafft sich auf, Ida küßt ihn
nochmals. Er hat krampfhaft ihre Hand gefaßt. Wie die Stimme des
Doktors schweigt, hört man fröhliches Gelächter aus dem Nebenzimmer.)_
+Wilhelm+ _(mit Bezug auf das Lachen, wie auch auf das Kommen des
Doktors, den man die Treppe herunter steigen hört.)_: Ihr habt eine
wunderbare Macht! _(Ein Händedruck beiderseitiger Ermuthigung, dann
trennt sich Ida von Wilhelm. Bevor sie abgeht, kehrt sie noch mal um,
faßt Wilhelms Hand und sagt:)_ Sei tapfer! _(ab.)_
~Dr.~ +Scholz+: _(noch auf der Treppe.)_ Ä! großer Unsinn! .... rechts
Friebe! -- ä! Ellbogen .... nicht halten, nicht halten! Donnerwetter!!!
+Wilhelm+ _(je weiter der Doktor herunterkommt, um so aufgeregter
erscheint Wilhelm. Seine Farbe wechselt oft, er fährt sich durch die
Haare, athmet tief, macht die Bewegungen des Klavierspielens mit der
Rechten ⁊c. Hierauf ist deutlich wahrzunehmen, wie Strömungen für und
wieder in ihm kämpfen, -- wie er in seinem Entschluß wankend wird. Er
scheint fliehen zu wollen, da bannt ihn das Hervortreten des Doktors.
Er hat eine Stuhllehne gefaßt, um sich zu stützen und steht zitternd
und bleich da. Der Doctor ist ebenfalls, zu seiner vollen imponirenden
Größe aufgerichtet stehen geblieben und mißt seinen Sohn mit einem
Blick, der nacheinander Schreck, Haß und Verachtung ausdrückt. Es
herrscht Stille; Friebe, der den Doctor stützend und ihm vorleuchtend
ebenfalls eingetreten in, benützt dieselbe, um sich davonzuschleichen,
ab in die Küche. Wilhelm scheint einen Seelenkampf physisch
durchzuringen. Er will reden, die Kehle scheint ihm zu versagen, es
kommt nur zu lautlosen Bewegungen der Lippen. Er nimmt die Hand von
der Stuhllehne und schreitet auf den Alten zu. Er geht unsicher, er
taumelt, er kommt in’s Wanken, steht, will auf’s Neue reden, vermag es
aber nicht, schleppt sich weiter und bricht die Hände gefaltet, zu des
Alten Füßen nieder. In des Doctors Gesicht hat der Ausdruck gewechselt:
Haß, Staunen, erwachendes Mitgefühl, Bestürzung.)_
~Dr.~ +Scholz+: Junge .... mein lieber Junge! mein .... _(er sucht ihn
bei den Händen zu erheben.)_ Steh, doch nur -- auf! .... _(er faßt
Wilhelm’s Kopf, der schlaff hängt, zwischen beide Hände und kehrt ihn
sich zu.)_ Sieh’ mich .... Junge .... sieh’ mich doch ’mal -- an. Ach,
was ist denn -- mit ....?
+Wilhelm+ _(bewegt die Lippen)_.
~Dr.~ +Scholz+ _(mit bebender Stimme)_: Was ... was ... sagst Du zu
mir? ich ...
+Wilhelm+: V ... Vater -- ich ....
~Dr.~ +Scholz+: Wie -- meinst Du --?
+Wilhelm+: Ich -- habe Dich .. habe Dich .... h ... h ...
~Dr.~ +Scholz+: Unsinn, Unsinn! jetzt nicht von solchen .....
+Wilhelm+: Ich bin -- an Dir -- zum Verbrecher ....
~Dr.~ +Scholz+: Unsinn, Unsinn! ich weiß garnicht, was Du willst? alte
Sachen sind alte Sachen. Thu mir die einzige Liebe, Junge! ...
+Wilhelm+: Nun -- nimm’s von mir! nimm -- die Last von mir!
~Dr.~ +Scholz+: Vergeben und vergessen, Junge! vergeben und vergessen
.....
+Wilhelm+: Dank .... _(er athmet tief auf, das Bewußtsein verläßt ihn.)_
~Dr.~ +Scholz+: Junge! was machst Du mir denn für Sachen! was .....
_(Er hebt und schleppt den Ohnmächtigen allein bis in einen in der Nähe
stehenden Lehnstuhl. Bevor er ihn niedergesetzt hat, kommen +Ida+,
+Robert+, +Auguste+, +Frau Scholz+ und +Frau Buchner+ hastig aus dem
Nebengemach, +Friebe+ aus der Küche.)_
~Dr.~ +Scholz+: Wein! schnell etwas Wein!
+Ida+ _(geht und ist sogleich mit Wein zurück)_.
+Frau Scholz+: O Gottogottogott! Wasser! .. gleich mit Wasser
besprengen!
~Dr.~ +Scholz+ _(flößt ihm Wein ein)_.
+Auguste+: Was war denn?
+Ida+ _(bleich und in Thränen, legt ihre Wange an die Wilhelms)_: Wie
eiskalt er sich anfühlt.
+Frau Scholz+: Ueber was hat sich denn der Junge blos so aufgeregt, das
möcht’ ich blos wissen: ... das ist mir doch rein ....
+Robert+ _(ihre Hand fassend und zugleich ihre Rede abschneidend,
verweisend)_: Mutter!!!
+Frau Buchner+: Besprengen, besprengen, Herr Doctor!
~Dr.~ +Scholz+: Pst, pssst, habt Ihr .. haben Sie vielleicht ~eau de
Cologne~?
+Frau Buchner+: Ja _(sie giebt ihm ein Flacon)_, bitte.
~Dr.~ +Scholz+: Danke _(er bestreicht dem Ohnmächtigen die Stirn)_.
+Ida+ _(zum Doctor)_: Es ist -- doch hoffentlich ... nicht
wahr? nur ... _(sie bricht in Schluchzen aus)_ ach er sieht so
schrecklich rührend aus, wie ..... wirklich wie -- todt sieht er aus.
+Robert+ _(tröstet Ida)_.
+Frau Scholz+: Wie der Junge blos schwitzt! _(sie wischt ihm die
Stirn.)_
+Wilhelm+ _(gähnt)_.
~Dr.~ +Scholz+: Pst. _(er und Alle blicken mit Spannung auf Wilhelm.)_
+Wilhelm+ _(räuspert sich, dehnt sich, öffnet und schließt die Augen,
wie ein Schlaftrunkener, legt den Kopf wie zum Schlaf zurück.)_
~Dr.~ +Scholz+ _(hörbar)_: Gott sei dank!
_(Er richtet sich auf, wischt sich die Stirn mit dem Taschentuch
und mustert gerührt und halb verlegen seine Umgebung. Ida ist ihrer
Mutter unter Lachen und Weinen um den Hals gefallen. Robert steht
kaum Herr seiner Bewegung mit gefalteten Händen da und läßt seine
Blicke abwechselnd über alle Anwesenden hingleiten. Auguste geht, das
Taschentuch zusammengeballt vor dem Munde, hastig auf und ab, und
hält jedes Mal im Vorübergehen einen Augenblick vor Wilhelm inne, um
ihn forschend zu betrachten. Friebe geht auf den Zehenspitzen ab. Des
Doctors Blick trifft den seiner Frau. Schüchtern und gerührt wagt sie
sich näher, faßt leise seine Hand und klopft ihn auf den Rücken.)_
+Frau Scholz+: Alterchen --!
+Auguste+ _(ahmt die Mutter nach, umarmt und küßt dann den Vater, was
dieser geschehen läßt, ohne seine Hand aus der seiner Frau zu nehmen.)_