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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1894 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Der Ausdruck ‚et cetera‘ wird im ursprünglichen Text mit Hilfe
der Tironischen Note ‚Et‘ dargestellt. Da diese Note in vielen
Zeichensätzen nicht enthalten ist, wird in der vorliegenden Fassung
die im Deutschen gebräuchliche Abkürzung ‚etc.‘ verwendet.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
Regieanweisungen: _Unterstriche_ (kleinere Schriftgröße)
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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Das Friedensfest.
[Illustration]
Von =Gerhart Hauptmann= erschienen im gleichen Verlage:
=Vor Sonnenaufgang.=
Soziales Drama.
6. Auflage.
=Einsame Menschen.=
Drama.
3. Auflage.
=Die Weber.=
Schauspiel aus den vierziger Jahren.
6. Auflage.
=College Crampton.=
Comödie.
2. Auflage.
=Der Biberpelz.=
+Eine Diebscomödie.+
2. Auflage.
Jeder Band eleg. geh. Mark 2.--
„ „ eleg. geb. „ 3.--
=Der Apostel.= -- =Bahnwärter Thiel.=
Novellistische Studien.
Geheftet Mark 1,50, gebunden Mark 2,50.
=Hannele.=
+Eine Traumdichtung.+
Reich illustrirt.
Geheftet Mark 5.--, in Prachtband gebunden Mark 7.50.
GERHART HAUPTMANN.
[Illustration]
Das
Friedensfest.
=Eine Familienkatastrophe.=
Bühnendichtung.
Sie finden in keinem Trauerspiele Handlung, als
wo der Liebhaber zu Füßen fällt ⁊c. ...
Es hat ihnen nie beifallen wollen, daß auch
jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede
Folge von verschiedenen Gedanken, wo eine die
andere aufhebt, eine Handlung sei; vielleicht
weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen,
als daß sie sich irgend einer Thätigkeit dabei
bewußt wären. -- Ernsthaft sie zu widerlegen,
wurde eine unnütze Mühe sein.
+Lessing.+
Abhandlungen über die Fabel.
[Illustration]
=Berlin 1894.=
+S. Fischer, Verlag.+
Den Bühnen gegenüber Manuscript.
=Dem Dichter=
=Theodor Fontane=
ehrfurchtsvoll
zugeeignet.
Handelnde Menschen.
=~Dr. med.~ Fritz Scholz,= 68 Jahre alt. } Soweit möglich,
=Minna Scholz,= dessen Ehefrau, 46 Jahre alt.} muß in
=Auguste,= 29 Jahre alt } } den Masken
=Robert,= 28 Jahre alt } deren Kinder. } eine Familienähnlichkeit
=Wilhelm,= 26 Jahre alt } } zum Ausdruck
} kommen.
=Frau Marie Buchner,= 42 Jahre alt.
=Ida,= ihre Tochter, 20 Jahre alt.
=Friebe,= Hausknecht, 50 Jahre alt.
* * * * *
Die Vorgänge dieser Dichtung spielen sich ab an einem Weihnachtsabend
der 80er Jahre in einem einsamen Landhaus auf dem Schützenhügel bei
Erkner. (Mark Brandenburg).
[Illustration]
Der Schauplatz
_aller drei Vorgänge ist eine hohe, geräumige Halle, weiß getüncht,
mit alterthümlichen Bildern, wie auch mit Geweihen und Thierköpfen
aller Art behangen. Ein Kronleuchter aus Hirschgeweihen in der Mitte
der Balkendecke angebracht, ist mit frischen Lichtern besteckt.
Mitten in der Hinterwand ein nach innen vorspringendes Gehäuse mit
Glasthür durch die man das schwere, geschnitzte Eichenportal des Hauses
erblicken kann. Oben auf dem Gehäuse befindet sich ausgestopft ein
balzender Auerhahn. Seitlich über dem Gehäuse rechts und links je ein
Fenster, befroren und zum Theil mit Schnee verweht._
_Die Wand rechts weist einen offenen, thorartigen Bogen auf, der nach
der Treppe in die oberen Stockwerke führt. Von zwei niedrigen Thüren
derselben Wand führt die eine nach dem Keller, die andere zur Küche.
Die gegenüberliegende Wand hat ebenfalls zwei Thüren, welche beide
in ein und dasselbe Zimmer führen. Zwischen diesen Thüren eine alte
Standuhr, auf deren Dach ein ausgestopfter Kauz hockt. Die Möblirung
des Raumes besteht aus alten, schweren Eichenholztischen und Stühlen.
Parallel mit der Seitenwand, rechts vom Zuschauer eine weiß gedeckte
Tafel. Rechts im Vordergrund ein eisernes Oefchen mit längs der Wand
hingehender Rohrleitung. Alle Thüren sind bunt, die Thürfüllungen mit
primitiven Malereien, Papageien ⁊c. darstellend versehen._
Erster Vorgang.
_Die Halle ist mit grünen Reisern ausgeschmückt. Auf den Steinfliesen
liegt ein Christbaum ohne Fuß. +Friebe+ zimmert auf der obersten
Kellerstufe einen Fuß zurecht. Einander gegenüberstehend zu beiden
Seiten der Tafel beschäftigen sich Frau +Buchner+ und Frau +Scholz+
damit, bunte Wachslichte in den dazu gehörigen Tüllen zu befestigen.
Frau Buchner ist eine gesundaussehende, gut genährte, freundlich
blickende Person, einfach, solid und sehr adrett gekleidet. Schlichte
Haartracht. Ihre Bewegungen sind bestimmt, aber vollständig
ungezwungen. Ihr ganzes Wesen drückt eine ungewöhnliche Herzlichkeit
aus, die durchaus echt, auch wenn die Art, mit der sie sich kund
giebt, zuweilen den Eindruck der Ziererei macht. Ihre Sprache ist
geflissentlich rein, in Momenten des Affects deklamatorisch. Ein Hauch
der Zufriedenheit und des Wohlbehagens scheint von ihr auszugehen.
-- Anders Frau Scholz: Sie ist eine über ihre Jahre hinaus gealterte
Person mit den beginnenden Gebrechen des Greisenalters. Ihre
Körperformen zeigen eine ungesunde Fettansammlung. Ihre Hautfarbe
ist weißlichgrau. Ihre Toilette ist weniger als schlicht. Ihr Haar
ist grau und nicht zusammengerafft; sie trägt eine Brille. Frau
Scholz ist schußrig in ihren Bewegungen, ruhelos, hat eine zumeist
weinerliche oder winsliche Sprechweise und erregt den Eindruck
andauernder Aufgeregtheit. Während Frau Buchner nur für andere zu
existiren scheint, hat Frau Scholz vollauf mit sich selbst zu thun.
-- Auf der Tafel zwei fünfarmige, mit Lichtern besteckte Girandolen.
Weder der Kronleuchter noch die Girandolen sind angesteckt. Brennende
Petroleumlampe._
+Friebe+ _(führt mit dem Beil einen Schlag)_: Da jeht mer ooch keen
Schlag nich fehl.
+Frau Scholz+: -- ffff!!! Ich kann’s doch aber nich hören, Friebe! wie
oft hab’ ich Ihn’n schon ... wie leicht kann Ih’n das Beil abfahren.
Auf Steinen hackt man nich Holz!
+Friebe+: Da jarantir ick for. Wofor wär ick d’nn sonst zehn Jahre
Rejimenter jewesen?
+Frau Buchner+: Regimenter?
+Frau Scholz+: Er war Vorarbeiter in den königlichen Forsten.
+Friebe+: Keen -- _(er schlägt zu)_ -- Schlag da -- ä! _(er schlägt)_
komm ich for uff.
_(Er steigt herauf, betrachtet, was er gemacht hat, bei der Lampe und
befestigt dann den Christbaum, so daß er aufrecht steht. Friebe ist
klein, bereits ein wenig gebeugt, obeinig und hat eine Glatze. Sein
kleines, bewegliches Affengesichtchen ist unrasirt. Kopfhaare und
Bartstoppeln spielen in’s Gelblichgraue. Er ist ein Allerweltsbastler.
Der Rock, welchen er trägt, ein Ding, das von Putzpulver, Oel,
Stiefelwichse, Staub ⁊c. starrt, ist für einen doppelt so großen
Mann berechnet, deshalb die Aermel aufgekrempt, die Rockflügel
weit übereinander gelegt. Er trägt eine braune, verhältnißmäßig
saubre Hausknechtsschürze, unter welcher er von Zeit zu Zeit eine
Schnupftabacksdose hervorzieht, um mit Empfindung zu schnupfen. Der
Baum ist befestigt, Friebe hat ihn auf die Tafel gehoben, steht
davor und betrachtet ihn)._ Een janzet -- schönet -- richtijet --
Tannenbäumken! _(mit wegwerfender Ueberlegenheit zu den Frauen
hinüber)_ ’t is woll jar keens, wat?
+Frau Buchner+: Als ehemaliger Forstmann müssen Sie ja das wohl
unterscheiden können.
+Friebe+: Na jewiß doch, det wär ja noch verrückter! was de nu de
Fichte is ....
+Frau Scholz+ _(unterbricht ihn ungeduldig)_: Wir dürfen uns beileibe
nich aufhalten Friebe. Meine Tochter hat extra gesagt: Daß Du mir
Frieben schickst.
+Friebe+: Na .... i! .... meinswejen doch _(mit einer wegwerfenden
Handbewegung ab durch die Küchenthür.)_
+Frau Buchner+: An dem habt Ihr wohl was?
+Frau Scholz+: I warum nich gar! ’n ganz verdrehter Zwickel.
Wenn nich mei Mann .... na sehen Se, so war mei Mann; diese alte
Schnupftabacknase, die war nu für ihn, die mußt’ er den ganzen Tag um
sich haben, sonst war ihm nich wohl. Ein zu merkwürdiger Mann!
+Auguste+ _(in Hast und Bestürzung von draußen herein. Innen angelangt
schlägt sie die Glasthür heftig in’s Schloß und stemmt sich dagegen,
wie um Jemand den Eintritt zu verwehren.)_
+Frau Scholz+ _(auf’s heftigste erschrocken schnell nach einander)_: O
Gottogottogott!!!
+Frau Buchner+: -- Ja -- was ...?
_(Auguste ist lang aufgeschossen und +auffallend+ mager, ihre
Toilette ist hochmodern und geschmacklos. Pelzjacke, Pelzbarrett,
Muff. Gesicht und Füße sind lang; das Gesicht scharf mit schmalen
Lippen, die fest aufeinander passen und Zügen der Verbitterung. Sie
trägt eine Lorgnette. Mit der Aufgeregtheit der Mutter verbindet sie
ein pathologisch offensives Wesen. Diese Gestalt muß gleichsam eine
Atmosphäre von Unzufriedenheit, Mißbehagen und Trostlosigkeit um sich
verbreiten.)_
+Auguste+: Draußen .... meiner Seele .... es ist Jemand hinter mir
hergekommen.
+Frau Buchner+ _(die Uhr ziehend)_: Wilhelm vielleicht schon -- nein,
+doch+ nicht. Der Zug kann noch nicht da sein, _(zu Auguste)_ warten
Sie doch mal! _(sie greift nach der Thürklinke, um sie zu öffnen)._
+Auguste+: Nich doch, nich doch!
+Frau Buchner+: Sie sind nervööös, liebes Kind, _(sie geht durch die
Glasthür und öffnet das Außenportal. Ein wenig zaghaft)_ Ist Jemand
hier? -- _(resolut)_ Ist Jemand hier? _(Pause, keine Antwort.)_
+Frau Scholz+ _(erbost)_: Großartig wirklich -- Ich dächte ma hätte
gerade genug Aufregung. Man kann ja den Tod davon haben. Was Du och
immer hast.
+Auguste+: Haben! haben! _(batzig)_ was ich nur immer haben soll?!
+Frau Scholz+: Du bist ja recht liebenswürdig zu deiner Mutter!
+Auguste+: Ach, meinswegen! -- soll man sich etwa nicht fürchten, wenn
man .... im Stockfinstern -- mutterseelenallein ....
+Frau Buchner+ _(die Hände von rückwärts um ihre Taille legend,
begütigend)_: Hitzkopf, Hitzkopf! -- wer wird denn immer gleich soo
sein?! -- Kommen Sie _(ist ihr beim Ablegen behülflich)_ so -- sehen
Sie!?
+Auguste+: Ach Frau Buchner, ’s is’ auch wahr!
+Frau Buchner+: Hört mal, Herrschaften! vier lange Tage sind wir nun
schon bei Euch. Ich dächte .... wollt Ihr mich nicht Du nennen? --
ja?! -- schön! also .... _(umarmt und küßt Auguste, desgleichen Frau
Scholz)._
+Frau Scholz+ _(bevor sie die Umarmung entgegennimmt)_: Wart nur wart,
ich habe Wachshände.
+Frau Buchner+ _(zu Auguste, welche an das Oefchen getreten ist, um
sich zu wärmen)_: Gelt, jetzt ist Dir schon gemüthlicher? -- war die
Bescheerung hübsch?
+Auguste+: Na, ich geh jedenfalls nicht mehr hin. Schlechte Luft, eine
Hitze zum Umkommen.
+Frau Buchner+: Hat der Herr Pastor schön gesprochen?
+Auguste+: So viel steht fest: wenn ich arm wäre, ich hätte auf die
Rede des Großmann hin .... wahrhaftig den ganzen Bettel hätte ich ihnen
vor die Füße geschmissen.
+Frau Buchner+: Es ist aber doch ein großer Segen für die armen Leute.
_(Man hört hinter der Scene durch eine helle, schöne Frauenstimme
gesungen:)_
[1] „Wenn im Haag der Lindenbaum
Wieder blüht,
Huscht der alte Frühlingstraum
Durch mein treu Gemüth.“
[1] Herzenstestament. Komponirt von +Max Marschalk+.
_(Ida tritt ein von der Treppe her. Sie ist zwanzig Jahre alt und
trägt ein schlichtes, schwarzes Wollkleid. Sie hat eine schöne, volle
Gestalt, sehr kleinen Kopf und trägt das lange, gelbe Haar bei ihrem
ersten Auftreten offen. In ihrem Wesen liegt etwas Stillvergnügtes,
eine verschleierte Heiterkeit und Glückszuversicht; demgemäß ist der
Ausdruck ihres klugen Gesichts meist heiter, geht aber auch mitunter
plötzlich in einen milden Ernst über oder zeigt spontan tiefes
Versonnensein.)_
+Ida+ _(ein Handtuch um die Schultern gelegt, einige Cartons auf dem
Arm)_: Es kam doch Jemand?
+Frau Scholz+: Auguste hat uns ’n schönen Schreck eingejagt.
+Ida+ _(rückwärts nach der Treppe deutend)_: Da oben ist’s auch recht
ungemüthlich; _(lachend)_ ich hab gemacht, daß ich runter kam.
+Frau Scholz+: Aber Kindel! über Dir wohnt ja jetzt noch Robert.
+Ida+ _(stellt die Cartons auf den Tisch; öffnet sie und entnimmt ihnen
einige Gegenstände)_: Wenn auch! der ganze Stock ist doch immer +leer+.
+Frau Buchner+: Dein Haar müßte doch nun bald trocken sein, höre?
+Ida+ _(den Kopf anmuthig wendend und zurückwerfend)_: Fühl mal!
+Frau Buchner+ _(thut es)_: O bewahre! -- du hätt’st zeitiger baden
sollen, Kind.
+Ida+: Was die alte Mähne doch für Mühe macht, eine ganze halbe Stunde
hab ich am Ofen gehockt. _(sie hat einem der Cartons eine gelbseidne
Börse entnommen, die sie Augusten hinhält.)_ Die Farbe ist nett, wie?
’S is ja nur so ein kleines Späßchen. Hat er schon manchmal Börsen
gehabt?
+Auguste+ _(über ihr Peluchejaquet hinweg, an dem sie herumreinigt,
achselzuckend)_: Weiß nicht _(sie bringt ihre kurzsichtigen Augen
prüfend in nächste Nähe der Börse)_. Bischen sehr locker im Muster
_(sogleich wieder in ihre vorige Arbeit vertieft)_. Der Peluche ist hin.
+Ida+ _(ein Kistchen Cigarren aufbauend)_: Ich freu mich recht! -- daß
Ihr nur nie einen Baum geputzt habt --?
+Auguste+: Wenn man’s recht bedenkt: eigentlich ist das doch auch
nichts für Erwachsene.
+Frau Scholz+: Nie! da hätt ich ihm nur kommen sollen, mei Mann hätt
mich schöne gestenzt. Bei meinen seligen Eltern .... ja wenn ich denke
.... was war das für ein scheeenes Familienleben! Kein Weihnachten
ohne Baum _(gleichsam Gang und Maniren des Vaters copirend)_, wenn der
Vater so am Abend aus dem Bureau kam und die +schööö+nen Lehmannschen
Pfefferkuchen mitbrachte! _(sie bringt Daumen und Zeigefinger, als ob
sie ein Stückchen dieses superben Kuchens damit hielte, in die Nähe
des Mundes)_, ach ja, das sind vergangene Zeiten! +Mei+ Mann, -- der
aß nich mal Mittags mit uns zusammen. Er wohnte oben, wir unten; der
reine Einsiedler. Wollte man was von ihm, dann mußte man sich weeß Gott
hinter Frieben stecken.
+Auguste+ _(am Ofen, wo sie anlegt)_: Ach, red doch nicht immer so!
+Frau Scholz+: Heiz Du lieber nich so unsinnig.
+Auguste+: Ja, soll’s denn nicht warm werden?
+Frau Scholz+: Die ganze Hitze fliegt ja heut zum Schornstein ’naus.
+Auguste+ _(unschlüssig, erbost)_: Ja, soll denn nu nicht angelegt
werden?
+Frau Scholz+: Laß mich zufrieden!
+Auguste+ _(wirft die Kohlenschaufel geräuschvoll in den Kasten)_: Na,
dann nicht! _(wüthend links ab)._
+Ida+: Ach, Gustchen, bleibt da! _(zu Fr. Scholz)_ paß auf, ich werd’
sie schon wieder fidel machen _(ihr nach, ab.)_
+Frau Scholz+ _(resignirt)_: So sind meine Kinder alle! -- nein, so ein
Mädel wirklich! -- und kein Halten. Bald möcht’ se das, bald jen’s.
-- Da fällt’s ihr uffemal ein .... da muß se lernen. Dann steckt se
oben und red wochenlang ke Wort -- dann kommt se sich wieder mal ganz
überflüssig vor. -- Ach Du mein Gott ja, Du bist zu beneiden! So’n
liebes Dingelchen wie +Deine+ Tochter is ....
+Frau Buchner+: Aber +Gustchen+ doch +auch+.
+Frau Scholz+: So allerliebst, wie sie Clavier spielt, und diese
reizende Stimme! wie gern +ich+ so ein paar +Töne+ höre! ....
+Frau Buchner+: Warum spielst Du denn garnicht?
+Frau Scholz+: I! da käm ich scheen an, da wäre mein bischen Ruhe
vollends hin. Auguste ist ja +so+ nervös ....! gerade wie ihr Vater,
den konnte man auch jagen mit dem Clavierspiel.
+Frau Buchner+: Deinen +Wilhelm+ solltest Du jetzt spielen hören; +der+
hat sich vervollkommnet! -- was wäre denn Ida ohne +ihn+? von +ihm hat+
sie ja doch alles gelernt, was sie kann.
+Frau Scholz+: Ach ja, Du sagtest’s ja schon. Talentvoll ist er; davon
is nicht die Rede. Es war ’ne Lust, ihn zu unterrichten.
+Frau Buchner+: Ach und er denkt mit solcher Rührung an die Zeit
zurück, wo sein Muttelchen ihm die Anfangsgründe beibrachte.
+Frau Scholz+: So?! mein Gott ja, schöne Zeiten waren das ja auch. --
... Damals dacht ich: -- ... Alles kommt anders .... -- es regt mich
doch sehr auf.
+Frau Buchner+: Es regt Dich .... was?
+Frau Scholz+: Nu, daß er kommt; wie sieht er denn jetzt eigentlich so
aus?
+Frau Buchner+: Gut -- dick -- gesund -- Du wirst Dich freuen über
Deinen Sohn.
+Frau Scholz+: Ich muß mich wirklich wundern, daß der Junge kommt. Mei
Herz hat mir manchmal richtig weh gethan; und was ich blos für Papier
verschrieben hab’. Nich mal geantwortet hat er seiner alten Mutter.
Wie hast Du ihn nur dazu gebracht? das kann ich nich +begreifen+, das
+kann+ ich nich begreifen.
+Frau Buchner+: Ich? o nein, Ida hat das über ihn vermocht.
+Frau Scholz+: Robert kümmert sich ja auch nicht viel um uns, aber er
kommt doch wenigstens alle Jahr einmal um die Weihnachtszeit ein paar
Tage. Das lobt man sich doch! aber Wilhelm .... sechs volle Jahre ist
er nich hiergewesen: er und mein Mann sechs volle Jahre! Kommt sie denn
mit ihm aus?
+Frau Buchner+: Ida? sehr gut, in jeder Hinsicht.
+Frau Scholz+: Das ist aber doch zu wunderlich Du kannst Dir nämlich
nich denken, +wie+ verschlossen der Junge immer war, ganz wie der
Vater. Keinen Spielkameraden, keinen Schulfreund, kein Nichts hatte er.
+Frau Buchner+: Ja, ja, so war er anfänglich auch uns gegenüber. --
Er wollte durchaus nicht anders als zu den Clavierstunden unser Haus
betreten.
+Frau Scholz+: Na und dann is er doch gekommen?
+Frau Buchner+: Das heißt .... ja. Er sagte; wir sollten ihn nur
vorläufig in Ruhe lassen, und wenn er so weit wäre, dann würde er schon
selbst kommen. Wir waren so vernünftig, ihm seinen Willen zu lassen,
und richtig, nachdem wir ein halbes Jahr gewartet -- eigentlich schon
+nicht mehr+ gewartet -- kam er. Von da ab Tag für Tag. Da ist es denn
nach und nach so ganz anders geworden.
+Frau Scholz+: Ihr müßt hexen können. Die Verlobung +allein+ schon ist
ja ein ganz unbegreifliches Wunder für sich.
+Frau Buchner+: Mit Künstlern muß man umzugehen wissen. Ich hab’s
gelernt, -- mein seliger Mann war auch einer.
+Frau Scholz+: Und -- die -- Geschichte mit -- Vater? -- hat er Euch
auch in -- diese Geschichte eingeweiht?
+Frau Buchner+: N--ein liebe Freundin. -- Siehst Du, das ist der
allereinzigste Punkt, das ist .... In diesem Punkt hat er sich noch
nicht überwinden können. Es läge ja nichts daran, aber Du kannst mir
glauben, er leidet an der Erinnerung furchtbar. Bis auf den heutigen
Tag leidet er. Nicht am wenigsten freilich dadurch, daß er die Sache
geheim hält. Jedenfalls muß er darüber hinweg kommen, auch über diese
Sache.
+Frau Scholz+: I’ Gott bewahre -- nee, nee, nee, Alles was recht is.
Ehre Vater und Mutter: die Hand, die sich gegen den eigenen Vater
erhebt .... aus dem Grabe wachsen solche Hände. Wir haben uns gezankt,
ja doch! wir haben beide Fehler mei Mann und ich; aber das sind +unsre+
Sachen. Kein Mensch hat sich da ’neinzumischen, am wenigsten der eigne
Sohn. -- Und wer hat die Sache ausbaden müssen? natürlich ich. So ’ne
alte Frau die hat ’n breiten Puckel. Mei Mann ging aus dem Hause, noch
am selbigen Tage, und eine halbe Stunde später auch Wilhelm. Da half
kein reden. Erst dachte ich, sie würden wiederkommen, aber wer nicht
kam, das waren sie. Und Wilhelm allein, kein andrer Mensch is Schuld
d’ran, kein andrer Mensch.
+Frau Buchner+: Wilhelm mag eine schwere Schuld haben, davon bin ich
überzeugt, aber sieh mal, wenn man Jahre lang gebüßt hat und -- -- --
+Frau Scholz+: Ne, ne! i Gott! wo denkst Du hin?! darüber kann man nich
so leicht hinweggehen. Das wäre noch schöner! es ist ja sehr schön von
Dir, daß Du Dich des Jungen so angenommen hast, -- es ist ja auch sehr
hübsch, daß er kommt, ja warum denn nicht? Aber im Grunde, was nützt
das alles? so leicht sind die Klüfte nicht auszufüllen. -- Ja, ja, es
sind Klüfte, -- richtige -- tiefe Klüfte zwischen uns Familiengliedern.
+Frau Buchner+: Ich glaube doch, daß wir Menschen mit dem festen,
ehrlichen Willen ....
+Frau Scholz+: Der Wille, der Wille! geh mer nur damit! das kenn ich
besser. Da mag man wollen und wollen und hundertmal wollen, und Alles
bleibt doch beim Alten. Ne, ne! das ist ’n ganz andrer Schlag Deine
Tochter: die is so, und Wilhelm is so, und beide bleiben, wie sie sind.
Viel zu gutte Sorte für Einen von uns, viel, viel zu gutt. -- Gott ja
der Wille der Wille! -- ja ja Alles gutter Wille -- Dein Wille ist sehr
gutt, aber ob Du damit was erreichen wirst --? ich glaube nicht.
+Frau Buchner+: Aber ich hoffe es um so fester.
+Frau Scholz+: Kann ja alles sein. Ich will ja nichts verderben. Im
Grunde freue ich mich ja auch von ganzem Herzen auf den Jungen, nur
regt es mich sehr, sehr auf und paß auf: Du stellst es Dir viel zu
leicht vor.
+Ida+ _(links hereinkommend zu Fr. Scholz, zuthunlich)_:
Schwiegermütterchen, sie vergoldet Nüsse.
+Frau Buchner+: Es wird Zeit Idchen! Du mußt Dich hübsch machen. Er
kann jetzt jeden Augenblick hier sein.
+Ida+ _(erschrocken)_: Soo? schon?
+Frau Scholz+: Ach macht ok keene Geschichten! für den Jungen is sie
viel zu schön.
+Frau Buchner+: Ich hab Dir das Blaue zurechtgelegt _(Ida’n
nachrufend)_ und steck die Broche an, hörst Du! _(Ida ab)_
+Frau Buchner+ _(fortfahrend zu Fr. Scholz)_: Auf Schmuck giebt sie
garnichts.
_(Das Außenportal des Hauses geht.)_
+Frau Scholz+: Wart .... wer? .... _(zu Fr. Buchner)_ thu mer den
Gefallen Du .... ich kann ihn jetzt noch nicht sehen, ich ....
+Frau Buchner+ _(an der Treppenthür hinaufrufend)_: Ida! Dein Wilhelm
kommt.
_(~Dr.~ Scholz tritt ein durch die Glasthür.)_
_~Dr.~ Scholz ist ungewöhnlich groß, breitschultrig, stark
aufgeschwemmt. Gesicht fett, Teint grau und unrein, die Augen
zeitweilig wie erstorben, zuweilen lackartig glänzend, vagirender,
Blick. Er hat einen grauen und struppigen Backenbart. Seine Bewegungen
sind schwerfällig und zitterig. Er spricht unterbrochen von keuchenden
Athemzügen, als ob er Mehl im Munde hätte und stolpert über Silben._
_Er ist ohne Sorgfalt gekleidet: ehemals braune, verschossene
Sammetweste Rock und Beinkleider von indifferenter Färbung. Mütze
mit großem Schild, steingrau, absonderlich in der Form. Rohseidnes
Halstuch. Wäsche zerknittert. Zum Schnäuzen verwendet der Doctor ein
großes, türkisches Taschentuch. Er führt bei seinem Eintritt ein
spanisches Rohr mit Hirschhornkrücke in der Rechten, hat einen großen
Militär-Reisehavelock umgehängt und trägt einen Pelzfußsack über den
linken Arm._
~Dr.~ +Scholz+: ~Servus! servus!~
+Frau Scholz+ _(den Doctor wie eine überirdische Erscheinung
anstarrend)_: Fritz! -- --
~Dr.~ +Scholz+: Ja wie Du sehen kannst.
+Frau Scholz+ _(mit einem Schrei ihren Mann umhalsend)_: Fritz!!!
-- -- --
+Auguste+ _(öffnet die Thür links, fährt zugleich zurück)_: Der Vater!
_(Fr. Buchner mit starrem Ausdruck rückwärts schreitend, ab durch linke
Seitenthür.)_
~Dr.~ +Scholz+: Ich bin’s, wie Du siehst. Vor allem, Du: ist Friebe da?
+Friebe+ _(guckt durch die Küchenthür, erschrickt, kommt vollends
hervor)_: Herr Doctor!! _(er stürzt auf ihn zu, faßt und küßt seine
beide Hände)_ nu bitt’ ick eenen Menschen! Jott soll mir’n Thaler
schenken!
~Dr.~ +Scholz+: Pssst! -- sehen Sie mal nach -- schließen Sie die
Hausthür fest _(Friebe nickt und vollführt den Befehl mit freudigem
Eifer.)_
+Frau Scholz+ _(vor Staunen außer sich)_: Aber sag mer nur Fritz! sag
mer nur .... die Gedanken fliegen mer davon, _(ihn weinend umhalsend)_
ach Fritz! was hast Du mir für Kummer gemacht in der langen Zeit!
~Dr.~ +Scholz+ _(seine Frau sanft zurückdrängend)_: Ach, Du .... mein
Leben ist auch .... wir wollen uns doch lieber nicht von Anfang an mit
Vorwürfen .... Du bist doch immer die alte wehleidige Seele, _(mit
gelinder Bitterkeit)_ übrigens würde ich Dich sicher nicht belästigt
haben, wenn nicht .... _(Friebe nimmt ihm Mantel, Fußsack ⁊c. ab.)_
Es giebt Lebenslagen, liebe Minna .... wenn man wie ich einflußreiche
Gegner hat.
_(Friebe ab durch den Treppenausgang, mit den Sachen des Doctor.)_
+Frau Scholz+ _(gutmüthig schmollend)_: Es hat Dich doch Niemand
geheißen Fritz! Du hatt’st doch hier ’n sichres, warmes Zuhause. So
schön hätt’st Du leben können!
~Dr.~ +Scholz+: Sei nicht böse, aber: daß verstehst Du nicht!
+Frau Scholz+: Na ja; ich bin ja nur ’ne einfache Person, das mag ja
möglich sein, aber Du warst ja wirklich auf Niemand angewiesen, es war
doch garnicht nöthig, daß Du ....
~Dr.~ +Scholz+: Pssst, es war sehr nöthig _(halbwegs geheimnißvoll)_
auf Schuld folgt Sühne, auf Sünde folgt Strafe.
+Frau Scholz+: Na ja -- freilich Fritz -- es hat wirklich auch viel an
Dir mitgelegen _(sie wirft von jetzt ab bis zum Schluß des Gesprächs
fortwährend ängstliche Blicke nach der Hausthür, als befürchte sie
jeden Augenblick die Ankunft Wilhelms)_, wir hätten doch so ruhig --
so zufrieden .... wenn Du nur gewollt hätt’st.
~Dr.~ +Scholz+: +Alles+ hat an mir gelegen, ganz und gar +Alles+.
+Frau Scholz+: Da bist Du nu auch wieder ungerecht.
~Dr.~ +Scholz+: I! ich will ja auch nicht bestreiten: viel Gemeinheit
hat sich verbunden gegen mich; das ist ja bekannt: -- zum Beispiel
denke Dir: in den Hotels -- die Kellner -- keine Nacht konnte ich
durchschlafen, hin und her, hin und her auf den Corridoren und gerade
immer vor +meiner+ Thür.
+Frau Scholz+: Aber sie werden Dich doch am Ende nicht +absichtlich+
gestört haben.
~Dr.~ +Scholz+: Nicht? -- Du, hör mal, das verstehst Du nicht!
+Frau Scholz+: Na es kann ja sein; die Kellner sind ja mitunter
niederträchtig.
~Dr.~ +Scholz+: Niederträchtig! ja wohl, niederträchtig! -- übrigens
wir können ja später darüber reden. Ich habe etwas Kopfschmerz _(faßt
nach dem Hinterkopf)_ da! Auch so eine Infamie! ich weiß ganz gut, wem
ich das zu verdanken habe .... ich will mich nur noch vergewissern, ob
ich sie durch einen gesunden Schlaf vertreibe. Ich bin +sehr+ müde.
+Frau Scholz+: Aber oben ist nicht geheizt! Fritz.
~Dr.~ +Scholz+: Denk Dir mal an, in einer Tour von Wien. Nicht geheizt?
macht nichts: Friebe besorgt das schon. -- Sag mal, wie steht’s mit
Friebe? -- was ich fragen wollte? ist er noch so zuverlässig?
+Frau Scholz+: Friebe is, wie er immer war.
~Dr.~ +Scholz+: Das dacht ich mir doch! -- auf Wiedersehen!
_(nachdem er seiner Frau die Hand gedrückt, wendet er sich mit tief
nachdenklichem Ausdruck und schreitet auf den Treppenausgang zu. Den
Tannenbaum bemerkend, bleibt er stehen und starrt ihn verloren an.)_
Was heißt denn das?
+Frau Scholz+: _(zwischen Furcht, Beschämung und Rührung)_: Wir feiern
Weihnachten!
~Dr.~ +Scholz+: Feiern? -- -- _(nach einer langen Pause, in Erinnerung
verloren)_ das -- ist -- lange -- her! _(sich wendend mit echter
Empfindung redend)_ Du bist +auch+ weiß geworden.
+Frau Scholz+: Ja Fritz, -- wir beide ....
~Dr.~ +Scholz+ _(nickt, wendet sich weg. Ab durch den Treppenausgang)_.
+Frau Buchner+ _(hastig von links)_: Also Dein Mann ist wieder da?!
+Frau Scholz+: Daß is wie so .... wie wenn .... ich weeß nich! Jesus,
was soll ich nur davon denken?
+Frau Buchner+: Daß es eine Schickung ist, liebe Freundin! für die wir
alle dankbar sein müssen.
+Frau Scholz+: Ach, der sieht aus! -- +der+ hat gelebt! So ein Leben,
wie der geführt haben mag: von einem Land in’s andre, von einer Stadt
.... ach! der hat eingelegt!
+Frau Buchner+ _(will die Treppe hinauf)_.
+Frau Scholz+ _(erschreckt)_: Wo denn hin?
+Frau Buchner+: Ida von dem freudigen Ereigniß verständigen! _(ab durch
den Treppenausgang)_.
+Frau Scholz+: O Gott ja! ne ne, wo denkst Du hin! Das dürf’n mer
’n nich merken lassen! Da kenn ich meinen Mann zu gutt! wenn der
rauskriegt, daß noch Jemand außer ihm oben wohnt .... da käm ich schön
an!
+Frau Buchner+ _(schon auf der Treppe)_: Ich werd’ schon ganz leise ....
+Frau Scholz+: Nur ganz leise! das wär’ so was!
+Frau Buchner+: Ganz leise geh ich.
+Frau Scholz+: O Gottogott! nur schon +ja+ ganz leise!
+Frau Scholz+ _(außer Fassung)_: Na natürlich! was soll man nu machen?
und nu der Wilhelm noch. Todtenangst hab ich ausgestanden. Wenn er nu
mit Vater zusammengetroffen wäre? Jeden Augenblick konnte er eintreten.
Was werde ich alte Frau noch Alles erleben müssen!
+Auguste+: Ein zu merkwürdiges Gefühl, Mama, zu merkwürdig! Man hatte
sich so daran gewöhnt. -- Wie wenn ein Todter nach Jahren wieder
aufsteht. Ich hab Angst, Mama.
+Frau Scholz+: Am Ende ist er mit seinem Gelde alle geworden?
+Auguste+: Na das wäre doch ....! meinswegen! das wäre noch das letzte.
+Frau Scholz+: Na auf welche Weise wir dann blos auskommen sollten ...
da könnten wir nur gleich betteln geh’n.
+Ida+ _(in Toilette von oben, freudig. Augusten die Hand drückend,
innig.)_ Gustchen! also wirklich?! ach das freut mich. _(Frau Scholz
und Auguste peinlich berührt)._
+Robert+ _(aus einer der Thüren links. Er ist mittelgroß, schmächtig,
im Gesicht hager und blaß. Seine Augen liegen tief und leuchten
zuweilen krankhaft. Schnurr- und Kinnbart. Er raucht aus einer Pfeife
mit ganz kurzem Rohr türkischen Taback.)_
+Robert+ _(leichthin)_: Es wird ungemüthlich bei Dir Mutter!
+Frau Scholz+: Nanu fängt der +auch+ noch an!
+Auguste+: Meinswegen _(verstohlen, scheele Blicke auf Idas Toilette)_.
+Robert+ _(zu Ida die ihn angeblickt hat)_: Ja, so bin ich nun mal,
Fräulein Ida!
+Ida+ _(schüttelt ungläubig den Kopf)_:. Nein -- nein.
+Robert+: Wieso nicht? -- Ich halte es nicht für der Mühe werth, ’n
paar gleichgültige Gefühle zu heucheln. -- Wirklich nicht!
+Ida+: Nein -- nein.
+Auguste+ _(ausbrechend)_: Du bist empörend, Robert!
+Robert+: Nicht mit Absicht. Empöre sich Niemand!
+Auguste+: Meinswegen.
+Robert+: Na item.
+Auguste+: Item, item -- Quatsch!
+Robert+ _(mit geheucheltem Erstaunen)_: Verzeih’, -- ich glaubte ....
aber Du hältst ja nichts mehr auf äußere Reize.
+Ida+ _(schlichtend)_: Ach Herr Robert ....
+Robert+: Ja -- soll ich mich denn nicht meiner Haut ....?
+Auguste+ _(von Thränen halb erstickt)_: Ganz Du! -- ganz Du! Dein
ganzes .... mein Alter .... geradezu perfid! -- Frau Buchner! das
soll nicht gemein sein? -- mir .... ich -- die ich hier gesessen hab
.... bei der Mutter hier -- die schönste .... schönste Zeit meines
.... Lebens verbracht, während Ihr .... ich .... geradezu wie eine
Dienstmagd ....
+Robert+: Das klingt sehr echt, -- in der That! -- geh doch zur Bühne!
-- _(mit verändertem Ton, brutal)_ mach keine schlechten Scherze! hör
mal: Du und der Märtyrernimbus, das wirkt einfach putzig. Du bist eben
wo anders noch weniger auf Deine Rechnung gekommen, als zu Hause, das
ist die Wahrheit!
+Auguste+: Mutter! Du bist Zeuge: hab ich nicht drei Anträge abgewiesen!
+Robert+: Hui! Wenn Mutter nur mit dem nöthigen Gelde rausgerückt
hätte, dann hätten Dich die Herren gewiß mit in Kauf genommen.
+Frau Scholz+: Geld? _(auf Robert zutretend, ihm die Hand hinhaltend)_
da nimm ein Küchenmesser! -- schneid mir’s raus! schneid mir das Geld
aus der Hand!
+Auguste+: +Sie mich?+ willst Du die Absagebriefe sehen?
+Frau Scholz+ _(unterbechend)_: Kinder! _(sie macht eine Bewegung,
als ob sie ihre Brust für den Todesstoß entblößen wollte)_ da hier!
-- macht mich doch lieber gleich todt! habt ihr denn nich +so+ viel
Rücksicht für mich? nich +so+ viel? -- wie ....? großer Gott nich fünf
Minuten .... ich weiß nich, was das blos für Kinder ...., nich fünf
Minuten halten sie Frieden.
+Robert+: Na ja freilich! ich sag ja schon: -- es wird eben wieder
ungemüthlich.
+Friebe+ _(geschäftig aus dem oberen Stockwerk. Er flüstert Fr. Scholz
etwas zu, worauf hin diese ihm einen Schlüssel einhändigt. Friebe ab in
den Keller)_.
+Robert+ _(hat stillstehend den ganzen Vorgang beobachtet. Im selben
Augenblick, als Friebe in der Kellerthür verschwindet)_: Aha!
+Auguste+ _(hat ihrerseits Robert im Auge behalten. Nun bricht sie aus,
entrüstet)_: Pietätlos bist Du -- durch und durch.
+Robert+: Na item.
+Auguste+: Aber Du spielst Komödie; Du lügst ganz erbärmlich, und das
ist das Widerwärtige daran!
+Robert+: In Hinsicht auf Vater meinst Du?!
+Auguste+: Allerdings in Hinsicht auf Vater.
+Robert+ -- _(achselzuckend)_: -- Wenn Du meinst ....
+Auguste+: Ja -- das .... das .... ja -- denn -- wenn es anders wäre,
dann .... ja .... dann wärst Du ein Wicht.
+Frau Scholz+ _(dazwischen redend)_: Wird denn das irgend bald aufhören
oder was ....
+Robert+ _(gleichmüthig)_: Dann +bin+ ich ein Wicht. Nun, und?
_(Ida seit geraumer Zeit unruhig in Erwartung ab durch die Glasthür.)_
+Auguste+: Pfui, schamlos!
+Robert+: Schamlos, ganz recht, das bin ich.
+Frau Buchner+: Herr Robert! ich glaube Ihnen nicht .... Sie sind
besser, als Sie uns glauben machen wollen, -- besser, als Sie selbst
glauben sogar.
+Robert+ _(mit gelindem, sich steigerndem Sarkasmus, kalt)_: Verehrte
Frau Buchner! -- es ist ja vielleicht äußerst liebenswürdig .... aber
wie gesagt: -- ich weiß nicht recht, wie ich zu der Ehre .... ja ich
muß sogar Ihre Liebenswürdigkeit geradezu ablehnen. Meine Selbstachtung
ist vorläufig wenigstens noch keineswegs so gering, daß ich Jemand
nöthig hätte mich ....
+Frau Buchner+ _(in gelinder Verwirrung)_: Das ist ja auch garnicht
meine Absicht. -- Nur .... Ihr Vater -- ....
+Robert+: Mein Vater ist für mich ein ~Doctor medicinae~ Fritz Scholz.
+Auguste+: Ja, ja, red’ nur!
+Robert+: Und wenn ich diesem Menschen nicht ganz so gleichgültig
gegenüberstehe, als irgend einem X- oder Y-Narren, so liegt das
+da+ran, daß ich .... na ~item~ .... _(er raucht)_ weil ich .... na
eben: ich bin eben gewissermaßen ein Produkt seiner Narrheit.
+Frau Buchner+ _(gleichsam betäubt)_: Verzeihen Sie! -- hier kann ich
nun doch nicht mehr mit -- So etwas wagen Sie auszusprechen!? mich
überläuft es förmlich.
+Frau Scholz+ _(zu Fr. Buchner)_: Laß gut sein, laß gut sein! Du wirst
bei uns noch Dinge erleben ....
+Auguste+: Was das nun auch wieder heißen soll, Mutter! -- wir sind,
wie wir sind. Andre Leute, die wer weiß +wie+ thun, sind um nichts
besser.
+Robert+: Es giebt in der That noch immer naive Seelen, die sich
nicht wohl fühlen, wenn sie nicht an ihren Mitmenschen herumbessern und
herumflicken können. Veralteter Zauber! -- Zopf!
+Frau Buchner+ _(Robert bei beiden Händen fassend, herzlich)_: Herr
Robert! ich fühle mich im Dienste einer +bestimmten+ Sache. Das feit
mich. Aus Herzensgrund: Sie haben mich nicht beleidigt.
+Robert+ _(ein wenig aus der Fassung)_: Sie sind eine +merkwürdige+
Frau.
+Friebe+ _(kommt aus dem Keller. Er trägt in der linken Hand drei
Flaschen Rothwein -- und zwar so, daß die Finger geklemmt sind -- unter
der linken Achselhöhle eine Flasche Cognac. Mit der rechten Hand hält
er die Kellerschlüssel. Zu Fr. Scholz tretend, geschäftig)_: Nun man
fix die Cigarren!
+Frau Scholz+: Gott ja, Friebe! ich weiß ja garnicht ....
+Robert+: Im Schreibtisch, Mutter.
+Frau Scholz+: Ach so .... _(sie nimmt das Schlüsselbund und sucht
fahrig nach dem rechten Schlüssel)_.
+Auguste+: Du kennst doch den Schreibtischschlüssel.
+Robert+: Mit gradem Bart.
+Frau Scholz+: Richtig! -- wart! ....
+Robert+: Gieb mal ....
+Frau Scholz+: Wart nur, wart! -- hier! ach nein doch! -- ich bin ganz
verwirrt. _(Robert das Bund hinreichend.)_ Da.
+Robert+ _(den richtigen Schlüssel abziehend und Friebe hinreichend)_:
Da -- Lassen Sie Sich meines Vaters Cigarren gut schmecken.
+Friebe+: Na ooch noch! det krijt den ollen Zacken den janzen Tach nich
aus de Kinnladen _(es wird stark an der Klingel gerissen)_ komm schon!
_(Friebe ab nach oben.)_
+Frau Scholz+: Da wird der Wein bald alle werden .... Großer Gott,
wohin soll das führen? der viele Wein! immer die theuren, schweren
Cigarren! ich sag ja, er wird sich noch zu Grunde richten.
+Robert+: Das muß Jedem unbenommen bleiben.
+Frau Buchner+: Was meinen Sie?
+Robert+: Sich auf seine eigne Art zu vergnügen. Ich wenigstens würde
mir dieses Recht auf keine Weise verkümmern lassen. Selbst nicht durch
Gesetze. Sonderbar übrigens! --
+Frau Buchner+: Wie? ....
+Robert+: Sonderbar! --
+Frau Buchner+: Weshalb betrachten Sie mich so eingehend? ist es an
mir, -- das Sonderbare?
+Robert+: Wie man’s nimmt. Sie sind mehrere Tage bei uns und denken
noch immer nicht an’s Abreisen.
+Auguste+: So’n Gerede!
+Frau Scholz+: Das hört nich auf! _(schüttelt verzweifelt den Kopf)._
+Robert+ _(mit brutaler Heftigkeit)_: Na Mutter, ist es etwa nicht
wahr? -- Hat es bei uns irgend ein Fremder je länger als einen halben
Tag ausgehalten? -- haben sie sich nicht alle von uns zurückgezogen,
Nitzssches, Lehmann’s ....?
+Auguste+: Als ob wir auf fremde Leute angewiesen wären. -- Meinswegen!
wir sind uns selber genug ....
+Robert+: Ja, vollauf wirklich: _(brutal im Ton)_ ich saaage Ihnen,
Frau Buchner! in Gegenwart wildfremder Menschen kamen sie sich derart
in die Haare, daß die Fetzen flogen. Die Mutter riß das Tischtuch
herunter, der Vater zerkeilte die Wasserflasche. -- Heiter! nicht? --
heitre Scenen, heitre Kindheitseindrücke!?
+Auguste+: Du solltest Dich verkriechen vor Scham, gemeiner Mensch!
_(schnell ab.)_
+Frau Scholz+: Siehst Du nu? daran bin ich nu seit Jahrzehnten, seit
Jahrzehnten gewöhnt! _(ab in Bewegung.)_
+Robert+ _(unbeirrt fortfahrend)_: Kein Wunder allerdings. Ein Mann von
vierzig heirathet ein Mädchen von sechzehn und schleppt sie in diesen
weltvergessenen Winkel. Ein Mann, der als Arzt in türkischen Diensten
gestanden und Japan bereist hat. Ein gebildeter, unternehmender Geist.
Ein Mann, der noch eben die weittragendsten Projekte schmiedete,
thut sich mit einer Frau zusammen, die noch vor wenigen Jahren
fest überzeugt war, man könne Amerika als Stern am Himmel sehen. Ja
wirklich! ich schneide nicht auf. Na und darnach ist es denn auch
geworden: ein stehender, fauler, gährender Sumpf, dem wir zu entstammen
das zweifelhafte Vergnügen haben. Haarsträubend! Liebe -- keine Spur.
Gegenseitiges Verständniß -- Achtung -- nicht Rühran -- und dies das
Beet, auf dem wir Kinder gewachsen sind.
+Frau Buchner+: Herr Robert! ich möchte Sie recht sehr bitten ....
+Robert+: Schön! -- am Reden liegt mir garnichts. Die Geschichte ist
außerdem ....
+Frau Buchner+: Nein, nein. Ich möchte Sie nur um etwas bitten; es eilt.
+Robert+: Bitten? -- mich?
+Frau Buchner+: Könnten Sie’s nicht +mir+ zu Liebe thun .... könnten
Sie nicht .... Wäre es denn garnicht möglich .... Könnten Sie nicht für
diesen Abend einmal Ihre Maske ablegen?
+Robert+: Sehr gut! -- Maske ablegen?
+Frau Buchner+: Ja, denn es ist wirklich nicht Ihr wahres Gesicht, was
Sie herauskehren.
+Robert+: Was Sie sagen!
+Frau Buchner+: Versprechen Sie mir, Herr Robert ....
+Robert+: Aber ich weiß ja garnicht ....
+Frau Buchner+: Wilhelm .... Ihr Bruder Wilhelm kann jeden Augenblick
kommen und ....
+Robert+ _(unterbrechend)_: Frau Buchner! wenn -- Sie -- mir -- doch
-- glauben wollten! Ihre Bemühungen -- ich versichere Sie -- sind ganz
umsonst. Dies alles führt zu nichts -- zu garnichts. Wir sind alle von
Grund aus verpfuscht. Verpfuscht in der Anlage, vollends verpfuscht in
der Erziehung. Da ist nichts mehr zu machen. Es sieht Alles recht gut
aus: Weihnachtsbaum -- Lichter -- Geschenke -- Familienfest, aber es
ist doch nur obenhin; eine gequälte, plumpe Lüge -- weiter nichts! --
Und nun gar noch der Vater. Wenn ich nicht wüßte, wie unzugänglich er
ist -- auf Ehre! ich würde glauben, Sie hätten ihn hierher gebracht.
+Frau Buchner+: Bei Gott, nein! das gerade hat meine Hoffnung belebt.
Das kann kein Zufall sein, das ist Fügung. Und deshalb aus Grund meiner
Seele: seien Sie freundlich und gut zu Ihrem Bruder! Wenn Sie wüßten,
wie gut er von Ihnen spricht, mit welcher Liebe und Achtung ....
+Robert+ _(unterbrechend)_: Ja, und der Zweck?
+Frau Buchner+: Wie.
+Robert+: Weshalb soll ich zu ihm freundlich und gut sein?
+Frau Buchner+: Das fragen Sie?!
+Robert+: Ja.
+Frau Buchner+: Nun -- doch wohl zunächst, um ihm die Rückkehr in’s
Elternhaus nicht von vornherein zu verleiden.
+Robert+: O, wir tangiren einander nicht, wie Sie zu glauben scheinen,
und -- übrigens, wenn Sie meinen, daß sich seiner beim Eintritt in
diese Räume etwa eine subtile Rührung bemächtigen wird ....
+Frau Buchner+: Ihr Bruder ist ein so guter, im Grunde so edler Mensch!
-- Er hat einen Riesenkampf gekämpft, bevor er sich zu diesem Schritt
entschloß. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, er kommt mit dem
heißen Wunsche einer Aussöhnung.
+Robert+: Ich begreife garnicht, was das heißen soll! Aussöhnen?! mit
was will er sich denn aussöhnen? Ich verstehe so was garnicht. Wir
verstehen uns doch sonst untereinander so ziemlich, wir Geschwister.
Das ist mir ganz neu. Ich habe ihm nichts vorzuwerfen. Andererseits
sind Thatsachen nicht zu vertuschen. -- Ich frage Sie: Glauben Sie, daß
ich besondere Hochachtung vor meinem Vater empfinde --? Nicht wahr?
nein --? Oder lieb’ ich ihn vielleicht? -- Empfinde ich vielleicht
kindliche Dankbarkeit? -- Nun sehen Sie, zu alledem habe ich auch nicht
den mindesten Grund. Wir sind uns gegenseitig zeitlebens im besten
Falle Luft gewesen. -- Zu Zeiten, als wir uns gegenseitig für unser
Unglück verantwortlich machten, haben wir uns sogar geradezu gehaßt.
-- Nun, zwischen Vater und Wilhelm ist dieser selbe Haß ausgeartet.
Das ist mir durchaus begreiflich. Wenn ich nicht wie Wilhelm verfahren
bin, so ist das vielleicht Zufall. Also, ich habe nichts gegen ihn, --
notabene, wenn ich ihn nicht sehe. Seh’ ich ihn aber, dann geht alle
meine Ueberlegung zum Teufel, dann bin ich etwas .... etwas .... na,
wie soll ich sagen? dann .... dann seh’ ich eben nur den Menschen, der
+meinem+ Vater -- nicht seinem, sondern meinem Vater -- in’s Gesicht
geschlagen hat.
+Frau Buchner+: O du großer Gott!
+Robert+: Und da steh’ ich für garnichts ein, durchaus für garnichts.
+Frau Buchner+: O du großer Gott! das also ist es. -- Geschlagen,
sagten Sie? -- in’s G--esicht? -- seinen +eignen+ Vater?
+Robert+: Na item. --
+Frau Buchner+ _(halb von Sinnen)_: O du großer Gott! o du großer Gott!
aber -- dann .... dann kann ich ja .... dann muß ich ja auf der Stelle
mit Ihrem guten, alten Vater reden, dann ....
+Robert+ _(tief erschrocken)_: Mit wem?
+Frau Buchner+ _(halb weinend)_: Mit Ihrem guten, alten, armen,
gemißhandelten Vater.
+Robert+ _(sucht sie festzuhalten)_: Um Himmelswillen, mit wem wollen
Sie ....?
+Frau Buchner+: Lassen Sie mich! ich muß, muß. _(ab durch den
Treppenausgang.)_
+Robert+ _(ihr nachrufend)_: Frau Buchner! _(sich wendend)_ Hysterie,
verdammte!
_(Er zuckt mit den Achseln und durchmißt den Raum; mehrmals noch
nimmt er plötzlich einen Anlauf, wie um ihr nachzueilen, ändert aber
jedesmal seinen Entschluß, giebt ihn schließlich ganz auf und beruhigt
sich gewaltsam bis zu einem Stadium scheinbaren Gleichmuths. In diesem
Stadium beschäftigt ihn anfänglich seine Tabakspfeife: er klopft sie
aus, füllt sie mit neuem Tabak, den er einem Beutel entnimmt, setzt
sie in Brand und scheint mehrere Augenblicke dem Genuß des Rauchens
ganz allein hingegeben. Sein Interesse fängt in der Folge an, sich dem
Christbaum und den Geschenken auf der Tafel zuzuwenden, breitbeinig
davorstehend und Alles überblickend lacht er, die Pfeife im Munde,
wiederholt bitter auf. Plötzlich stutzt er dann und beugt sich,
nachdem er die Pfeife in die Hand genommen, tief über die Tafel. Sich
aufrichtend, scheint er jetzt erst die Entdeckung zu machen, daß er
allein ist. Scheu wie ein Dieb umherblickend, beugt er sich abermals,
ergreift mit Hast die gelbseidne Geldbörse, führt sie den Augen
näher und mit einer jähen leidenschaftlichen Bewegung an die Lippen.
Dieser Moment zeigt das Aufblitzen einer unheimlichen, krankhaften
Leidenschaftlichkeit. Ein Geräusch stört ihn. Augenblicklich liegt die
Börse an ihrem alten Platz. Auf den Zehen gehend, sucht Robert sich
davon zu schleichen. Im Begriff durch die erste Seitenthür links zu
verschwinden, bemerkt er, wie durch die Nebenthür seine Mutter, Frau
Scholz, eintritt, und steht seinerseits still.)_
+Frau Scholz+ _(geht schwerfällig aber eilig quer durch den Saal bis
zum Treppenausgang; hier horcht sie)_.
+Robert+ _(sich zurückwendend)_: Sag’ mal, Mutter! -- was +will+ denn
eigentlich diese Frau?
+Frau Scholz+ _(erschreckt)_: O Gottogottogott!! -- Du erschrickst
ein’n aber auch ....
+Robert+: Was .... w .... was beab .... was die Buchner hier eigentlich
beabsichtigt, möchte ich gerne wissen.
+Frau Scholz+: Wenn ich lieber wüßte, -- was der Vater .... Was will er
denn eigentlich? ja -- sag’ mir! -- was -- will er?
+Robert+: Na, die Unterkunft wirst Du ihm doch wohl nicht verweigern
wollen?
+Frau Scholz+ _(halb weinerlich trotzend)_: Ich seh nicht ein, -- so
lange hat er mich nicht nöthig gehabt. Man war doch wenigstens sei’
eigner Herr. Nu wird’s wieder schön losgehen, das Gekujenire. Nu wird
man woll uff seine alten Tage noch wie e kleenes Kind pariren müssen.
+Robert+: Du mußt immer übertreiben! Es geht partout nicht anders:
übertrieben muß werden.
+Frau Scholz+: Paß Du nur uff, wenn er morgen das leere Glashaus sehen
wird. Ich kann doch für den Prast nicht extra eenen Gärtner halten!?
-- und die Ameisenkästen sind ooch weg. Meinswegen brauchen keene
Blumen wachsen, man krigt doch blos Kopfschmerzen davon! Und erscht das
Ungeziefer! -- ich weiß nich, was er daran blos hat. Und deshalb muß
man sich runterlumpen lassen. Das Halloh blos! ich ängst’ mich schon zu
Tode -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ach ’s is nich mehr hibsch uff der
Welt.
+Robert+ _(hat, während Frau Scholz noch redet, sich achselzuckend zum
Gehen gewendet; nun steht er still und spricht zurück)_: Ist’s irgend
früher mal hübscher gewesen?
+Frau Scholz+: Nun +das+ -- dächt ich!!!
+Robert+: So? na dann muß das wohl +vor+ meiner Zeit gewesen sein. _(ab
durch die erste Thür links.)_
+Frau Scholz+ _(schon wieder lauschend an dem Treppenausgang)_: Wenn
ich zurückdenke .... oben wird ja gesprochen .... _(sie schließt auf,
sieht sich allein, horcht abermals unruhig und verschwindet schließlich
-- die Hand am Ohr -- mit einem Gesicht voll Gram, Kummer und Neugier
durch den Treppenausgang)_.
_(+Ida+ und +Wilhelm+ durch die Glasthür. +Wilhelm+: mittelgroß,
kräftig, wohlaussehend. Blonder kurzgeschorener Kopf, Kleidung
gutsitzend, nicht geckenhaft. Paletot, Hut, Reisetasche. Seine Linke
ist um die Schultern Ida’s gelegt, die ihn ihrerseits mit dem rechten
Arm umfaßt hält und den leise Widerstrebenden vorwärts drängt.)_
+Ida+: Siehst Du, nu bist Du drin! die Hauptsache ist nu schon
überstanden.
+Wilhelm+ _(schwer aufseufzend)_: O nein, Du!
+Ida+: Du kannst mir glauben, Deine Mutter freut sich sehr, sehr auf
Dich. Auch Gustchen _(sie zieht ihm die Winterhandschuhe ab)_. Wo hast
Du denn +die+ her?
+Wilhelm+: Du kennst also nun meine -- Mutter?
+Ida+: Alle, Schatz! -- seit heute dutzen wir uns sogar.
+Wilhelm+: Wie bist Du mit -- ihnen zufrieden?
+Ida+: Seelensgute Menschen, das weißt Du ja selbst.
+Wilhelm+ _(von jetzt ab befangener mit jedem Augenblick, gedehnt und
wie im Selbstgespräch redend)_: Merk--würdig _(seine Augen haften
an dem Christbaum, in den Anblick desselben versinkend, ist er
unwillkürlich stehen geblieben)_.
+Ida+ _(ihm den Paletot aufknöpfend)_: Aber Schatz! das ist doch nicht
der erste Christbaum, den Du ...
+Wilhelm+: Hier ja -- und Du kannst, +kannst+ mir nicht nachfühlen --
+wie+ sonderbar ....
+Ida+ _(ihm -- was er mechanisch geschehen läßt -- den Paletot
abziehend)_: Bitte, bitte Willy! _(den Paletot über’m Arm, Hut und
Reisetasche in der Hand, vor ihm stehend)._ Willy! -- sieh mich an ...
_(anfeuernd)_ stark .... _(einen Augenblick lang steht sie straff
aufgerichtet, dann legt sie die Sachen schnell beiseite und kehrt zu
Wilhelm zurück)._ Du -- hast mir ver--sprochen ....
+Wilhelm+: Hast Du mal .... Ida! .... hast Du mal .... ein Gruftgewölbe
mit Kränzen und ....
+Ida+ _(erschrocken)_: Aber Wilhelm! _(ihn stürmisch umarmend, außer
sich)_ das ist bös! das ist wirklich bös! das ist wirklich sehr, sehr
bös.
+Wilhelm+ _(sie sanft zurückdrängend, mit unterdrückter Bewegung)_:
Ach, dabei ist ja garnichts _(kühl, abwesend)_. Sei gut, sei gut!
............
+Ida+: Ach, wie Du doch bist!
+Wilhelm+ _(den Baum durchmusternd)_: Sonst -- Alles -- beim Alten
....... Ida! -- das mußt Du mir wirklich wirklich -- anrechnen!