II. Das Für und Wider des beschränkten Nachwuchses

»Das Kind -- des Himmels Gabe.«

_Tennyson._

Obgleich ich es bei legitim Verheirateten für den größtmöglichen

Mißgriff halte, aus irgend welchen anderen Gründen als geistiger oder

körperlicher Degeneration absichtlich kinderlos zu bleiben, bin ich

andererseits entschieden gegen die Lutheranische Doktrin von der

unbeschränkten Vermehrung. Die Zeiten haben sich seit Luthers Tagen

geändert, und im 20. Jahrhundert sind kleine Familien -- außer bei den

sehr Wohlhabenden -- direkt notwendig. Wo das Geld keine Rolle spielt

und die Eltern durch und durch gesund sind, mag der Luxus einer

zahlreichen Familie gestattet sein. Und es ist ein Luxus, mögen die

Zyniker spotten, soviel sie wollen. Wir modernen Eltern mit unseren zwei

oder drei Kindern oder unserem einzigen Nesthäkchen, das aus den

Augen zu verlieren wir uns kaum trauen, weil es unseren einzigen

Schöpfungsversuch verkörpert -- wir vermissen viel von dem echten

häuslichen Frohsinn, den unsere Mütter und Väter mit dreizehn bis

vierzehn lustigen Buben und Mädeln gekannt haben müssen. Unsere Kinder

können nicht einmal eine Partie Tennis stellen, ohne sich eins oder

mehrere von einer anderen Familie auszuborgen. So manches von der Angst

und Qual, die wir unserer spärlichen Nachkommenschaft halber erleiden,

war zu jenen Zeiten unbekannt, wo der Kindersegen reichlich war und die

Nachkommenschaft selbstverständlich eine zweiziffrige Zahl erreichte.

Heutzutage sind diese Freuden der Luxus der Wohlhabenden, die sich

jedoch selten dieses besondere Vorrecht der Reichen zunutze machen. Wo

die Bedürfnisse des täglichen Lebens mit jedem Jahr im Preise steigen,

eine ständige Panik auf dem Geldmarkt herrscht, und der Konkurrenzkampf

beängstigende Formen annimmt, ist eine kleine Familie von zwei bis drei

Kindern alles, was der Mann mit mittlerem Einkommen sich erlauben kann.

Vier ist schon eine Ausnahmezahl, aber sie ist einige Opfer wert.

Professor E. A. Roß hat kürzlich in »+The American Journal of

Sociology+« konstatiert, daß, obgleich »die Beschränkung des Nachwuchses

die Ausbreitung wirtschaftlichen Wohlstandes zur Folge hat, die

Kindersterblichkeit herabsetzt, die Übervölkerung verhindert, welche die

Hauptursache von Krieg, Massenarmut, dem Konkurrenzkampf bis aufs Messer

und dem Klassenstreite ist, ihr dennoch beunruhigende Wirkungen

anhaften, und in Ein- oder Zweikinderfamilien den Eltern sowie den

Kindern viele der besten Lehren des Lebens abgehen; der zum Vorbild zu

erhebende Typus ist nicht die Familie mit ein bis drei, sondern mit vier

bis sechs Kindern.« Auch der deutsche Gelehrte Möbius hat der Ansicht

Ausdruck gegeben, daß die allgemeine Einführung des Zweikindersystems

zur Degeneration der Rasse führen würde.

Ob aber die Kinderzahl eins oder sechs ist, das ist dem Jesuitenpater

Bernard Vaughan ganz gleich, der in seinem heftigen Angriff auf die

modernen Eltern keinen Unterschied kennt zwischen dem reichen Mann, der

nur ein Kind, und dem schwer arbeitenden Gewerbsmann, der mehrere hat.

Den Familiennachwuchs überhaupt zu beschränken ist in seinen Augen eine

abscheuliche und verwerfliche Sünde, »ein gemeiner Kniff«, und die

Leute, die es tun, sind »Verräter an der hochwichtigen Formel im

geheiligten Ehevertrag, zu dem sie Gott als Zeugen anriefen und den sie

zu halten versprachen.« Das letztere ist kaum logisch -- niemand von uns

ist verantwortlich für den Wortlaut des Ehezeremoniells, und wir können

ja nicht das Hersagen der barbarischen Formel mit der Erklärung

unterbrechen, daß unserem Wunsche nach Vermehrung Grenzen gesteckt sind.

Der Pater Vaughan sagt auch, daß diese Abneigung gegen die Fortpflanzung

»das Erlöschen der christlichen Sittlichkeit« bedeutet und »Trotz gegen

Gott« darstellt. Es ist mir nicht klar, warum ein ehrsames Paar aus dem

Mittelstande, das zu dem Schluß gekommen ist, bei einem Einkommen von --

sagen wir -- 300 Pfund im Jahre drei Kinder für angezeigter zu halten

als zwölf oder vierzehn, wegen dieses Beweises von Klugheit und

Selbstbeherrschung des »Trotzes gegen Gott« geziehen werden sollte.

Herrscht die Vorstellung, daß die Kinder uns nur geschenkt werden, wenn

der Allmächtige sie uns zu schenken wünscht und ist es deshalb gottlos,

die Zahl zu regeln? Geradesogut könnte man ein junges Mädchen, das

einige Heiratsanträge ausschlägt, beschuldigen, »Gott zu trotzen«, da

ER sie offenbar zu verheiraten wünscht. Körperkrankheiten und Unfälle

kommen mutmaßlich von derselben göttlichen Instanz, und doch hält es

niemand für eine Sünde, gegen dieselben durch Mittel zu kämpfen, die die

Wissenschaft für solche Zwecke in Bereitschaft hält. Warum macht man uns

mit den Mitteln zur Beschränkung des Nachwuchses bekannt, wenn wir sie

bei bedrohlicher Übervölkerung nicht anwenden sollen? Die Lehre vom

»Freien Willen« wird geradezu zur Posse, wenn der Pater Vaughan recht

hat. Wenn er seine Bemerkungen auf jene beschränken würde, die

vorsätzlich gar keine Kinder haben wollen, dann hätte er viele Anhänger

gefunden, aber er wird durch die Übertriebenheit seiner Anklagen unserer

Sympathie verlustig. Sogar das Bestreben, die Geburten nicht zu rasch

aufeinanderfolgen zu lassen, was für die Gesundheit der Mutter von

solcher Wichtigkeit ist, brandmarkt er als unmoralisch. Er scheint es

angemessen zu finden, wenn eine Frau ungefähr alle elf Monate ein

Kleines bekommt, ungeachtet des beschränkten Einkommens des Mannes, bis

sie ein kränkelndes, gebrochenes Wesen wird oder infolge der zu vielen

Geburten stirbt und eine mutterlose Kinderschar zurückläßt. Seine

Bemerkungen richten sich natürlich hauptsächlich an die »vornehme Welt«,

aber da der Pater Vaughan Mittellosigkeit nicht als Entschuldigung für

eine »vorsätzliche Regulierung des Nachwuchses« gelten läßt, muß seine

Kritik auf alle Gesellschaftsklassen bezogen werden. Man wäre versucht,

mit einer Person aus »+The Merry-Go-Round+« auszurufen: »In dieser Welt

sind's die Braven, die alles Unglück anrichten!«

Im Jahre 1872 erschien, noch bevor die Geburtsziffer merklich zu sinken

begann, ein Artikel von Montagu Crackenthorpe in der »Fortnightly

Review«, der behauptete, daß kleine Familien eher ein Zeichen des

Fortschrittes als des Rückschrittes seien. Dieser Artikel erschien

kürzlich in einem Buche »Bevölkerung und Fortschritt« wieder. Über

dieses Thema gibt es eine Menge anderer Bücher, und auf sie muß ich jene

meiner Leser verweisen, die ausgebreitetere Kenntnisse über diesen

höchst wichtigen Gegenstand zu erwerben wünschen. Der Raum hier

gestattet mir leider keine erschöpfende Behandlung desselben. Die Sache

wird von den meisten von einem engen, persönlichen Standpunkt aus

betrachtet; denn man kann unmöglich von Leuten, die im Daseinskampfe

stecken, erwarten, daß sie »imperalistisch« denken und die Bedürfnisse

des »Imperiums« über die Beschränkungen ihres Einkommens setzen. Vom

volkswirtschaftlichen Standpunkt aus wurde die Frage von dem Meister der

Nationalökonomie, Sidney Webb, in einer Broschüre unter dem Titel »Das

Sinken der Geburtsziffer« (im Verlage der Fabian Society) erschöpfend

behandelt.

Ich wollte, ich könnte die Leute davon überzeugen, was für ein Unrecht

es ist, nur ein Kind zu haben. Der Verlust für die Eltern ist schwer und

für das Kind unberechenbar. Alle Eltern, die in dieser Lage waren,

kennen die Nachteile bei der ersten Erziehung, »wenn niemand da ist, mit

dem man spielen kann« und niemand, der das Spiel wieder aufgibt und das

Kind sich selbst überläßt, -- vielleicht die wichtigsten Lehren, die das

Leben uns erteilt. Zwei oder mehrere Kinder, die zusammen aufwachsen,

sind noch einmal so leicht zu lenken und zu unterrichten als eines

allein und in jeder Hinsicht unvergleichlich glücklicher. Später füllen

Schulkameraden bis zu einem gewissen Grade die Lücke aus, aber das

einzige Kind ist ebenso wie seine Eltern noch immer zu bedauern. Alle

Hoffnungen der Eltern konzentrieren sich auf das eine Kind, und da die

Umstände fast unausweichlich dazu beitragen, es zu verderben, werden

ihre Hoffnungen mehr oder weniger getäuscht. Zu spät sehen dann die

Eltern ein, daß sie einen Fehler begangen haben.

Ich war vor kurzem in einer Kindergesellschaft, wo solche »einzige

Hoffnungen« in der Majorität waren. Ein herziges kleines Familientrio,

aus einem Knaben und zwei winzigen Mädchen bestehend, wurde viel

bewundert, und die Mutter geradezu beneidet. Mehrere der anwesenden

Mütter meinten, sie hätten sich oft für John oder Tommy ein Brüderchen

oder Schwesterchen gewünscht; da wenige der betreffenden Kinder älter

als fünf Jahre waren, schien die Schwierigkeit nicht unüberwindlich zu

sein. Aber es herrschte nur _eine_ Meinung unter den Damen: daß es zu

spät sei, »wieder mit der Kleinkinderstube zu beginnen«. »Es täte nur

gut, wenn beide zusammen aufwachsen könnten; fünf Jahre sei ein zu

großer Altersunterschied« und so weiter. Gewiß werden sie dereinst ihre

Zaghaftigkeit bitter bereuen, wie es bei vielen Frauen aus meiner

persönlichen Bekanntschaft der Fall war. -- John oder Tommy können ihnen

genommen werden, oder, was schlimmer ist, sie können lieblos und

ungehorsam werden, und in jener traurigen Zeit werden sie kein anderes

Kind als tröstenden Ersatz haben.

Wenn die seichten Verfasser jener endlosen Zeitungsartikel über die

Degeneration der modernen Frauen ihre Sache wirklich gut machen wollen,

dann sollten sie ihre törichten Klagen aufgeben über die Unfähigkeit der

Frauen, das Spinnrad zu drehen oder Früchte einzulegen oder zu anderen,

durch den maschinellen Fortschritt unnötig gewordenen Leistungen. Statt

dessen sollten sie ihre auf den Beweis der Degeneration zielende

Aufmerksamkeit lieber auf die seltsame Hilflosigkeit lenken, die den

Frauen des Mittelstandes bei Aufziehung ihrer Kinder eigen ist, und auf

ihr Grauen vor Komplikationen in der Kleinkinderstube. Ich kenne so

manche Frau, deren finanzielle Begabung und organisatorische Fähigkeit

ans Geniale grenzt, die gewiß nicht in Verlegenheit wäre, mit einem

Einbrecher zu verhandeln, jedoch unter keiner Bedingung den Schrecken

einer längeren Eisenbahnfahrt mit ihrem zwei Jahre alten Kinde trotzen

würde, während die Tatsache, das Kleine einmal während der Abwesenheit

der Kinderfrau nachts übernehmen zu müssen, ein nervenerschütterndes

Experiment bedeutet, das zumindest einen Tag vollständiger Bettruhe

nötig macht.

»Mit der Kleinkinderstube und ihrem vielverzweigten Apparat wieder zu

beginnen«, wenn das »Einzige« über das Zahnen hinaus ist, gehen, allein

essen kann und umgänglich ist, das ist eine Sache, vor der die modernen

Mütter zu verzagen scheinen. Um dem abzuhelfen, sollte man die Zahl der

kleinen Stubenbewohner vermehren, ehe Nr. 1 der Kinderstube entwachsen

ist, so daß dieselbe um viele Jahre länger belebt ist, als es heutzutage

modern, jedoch durchaus nicht eine unbegrenzte Zeit lang, wie es der

Pater Vaughan und andere im Zölibat lebende, der Kleinkinderstube und

ihrer Forderungen total unkundige Priester lehren!

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 37 / 45 题