»Die Ehe wurzelt daher vielmehr in der Familie als die Familie in
der Ehe.«
_Westermarck._
Wenn wir die Kinder aus dem Spiel lassen könnten, wäre die Neugestaltung
der Ehebedingungen recht einfach. Aber meine Freundin Amoret hat dieses
Problem sehr richtig »die Sackgasse aller Reformen« genannt. Jedes
System, sei es Probeehe, freie Liebe, Polygamie, Polyandrie, Duogamie --
jedwedes System, das die Vaterschaft des Kindes zu verschleiern oder das
Kind der erprobten Vorteile eines ständigen Heims zu berauben trachtet
-- ist von Anbeginn aussichtslos. Das bezieht sich jedoch nur auf
Ehepaare, die Kinder haben. Früher erwarteten alle jene, die heirateten,
Nachkommenschaft und waren enttäuscht, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt
wurde. Daß es möglich ist, die Zahl der Nachkommenschaft zu beschränken
oder gar die Elternschaft ganz zu vermeiden, wußten sie natürlich nicht.
Heute ist das alles anders, und die Malthusianischen Lehren herrschen
überall.
Bernard Shaw sagt: »Daß man die Ehe künstlich unfruchtbar machen kann,
ist die revolutionärste Errungenschaft des 19. Jahrhunderts.« Gewiß
ermöglicht sie die umstürzlerischen Vorschläge über die Ehe oder würde
sie vielmehr durchführbar machen, wenn man die »Errungenschaft«
allgemein in Praxis umsetzte.
So muß denn der Satz aufgestellt werden, daß da, wo Kinder sind,
keinerlei Änderung unseres gegenwärtigen Ehesystems ratsam ist, und daß
die Leute, die es mit neuen Ehesystemen versuchen wollen, entschiedenst
die »Sackgasse aller Reformen« vermeiden und kinderlos bleiben müssen.
Kinder oder keine Kinder -- das ist heutzutage die Frage. Es gibt
kaum ein Thema, über das die Ansichten mehr auseinandergehen. Manche
Leute betrachten die Elternschaft als das schrecklichste Unglück;
andere wieder meinen, daß es nutzlos leben hieße, wenn man ohne
Nachkommenschaft sterben wollte. Ich hörte ein Mädchen einst sagen: »Ich
hasse Kinder; es ist viel besser, sich ein paar liebe Hunde zu halten,«
und das war kein unwissendes oder lebensfremdes Mädchen, sondern ein
gesundes, kluges, voll entwickeltes junges Weib von 26 Jahren. Und vor
kurzem teilte mir ein anderes Mädchen ihre Verlobung mit und fügte
gleich hinzu, daß sie durchaus nicht die Absicht habe, Kinder zu
bekommen. George Moore sagt in seinem düsteren und abstoßenden Buch »Die
Beichte eines jungen Mannes«: »Möge ich kinderlos sterben, damit, wenn
meine Stunde kommt, ich mein Antlitz zur Mauer wenden und mir sagen
kann, daß ich das große Unheil menschlichen Lebens nicht vermehrt habe
-- dann werden meine Sünden in Dunst vergehen wie eine Wolke -- und wäre
ich auch ein Mörder, Zuhälter, Dieb und Lügner gewesen. Aber derjenige,
dessen Sterbebett Kinder umstehen -- und wäre sein Leben in allem
anderen ein vortreffliches gewesen --, wird von dem wahrhaft Weisen für
gottlos gehalten werden und der Makel wird ewig auf seinem Andenken
haften.« (Bei diesen Zeilen wundert man sich, warum George Moore das
»große Unheil menschlichen Lebens« in seiner eigenen Person weiter
aufrecht erhält, wo er doch seine Existenz so leicht beenden könnte,
ohne irgend jemanden zu betrüben!)
Aber ich habe viele Leute, Männer und Frauen, ledige und verheiratete,
sagen hören, daß ohne Kinder die Ehe keinen Sinn hat, welcher Meinung
ich von Herzen beipflichte. So manches warmblütige, lebensvolle, tapfere
junge Weib vertraute mir an, daß sie -- gleichviel, ob sie heiraten
würde oder nicht -- um jeden Preis Mutter zu werden wünsche. Es ist eine
der traurigen Folgen der Scheu der Männer vor der Ehe, daß solche
prächtige Frauen vorsätzlich ihre herrliche Sehnsucht nach Mutterschaft
unterdrücken müssen, -- oder dafür, daß sie ihr unterliegen, einen
fürchterlichen Preis zahlen müssen, den nicht sie allein entrichten,
sondern auch das in die Welt gesetzte Kind. Solche Frauen trifft man
jedoch nicht oft.
Und jetzt kommen wir zu den Gründen, um deretwillen die Leute keine
Kinder haben wollen.
»Wir können es nicht erschwingen«, ist die zumeist gehörte, aber
verächtlich selbstsüchtige Entschuldigung. Ich sagte oben, daß jeder
Mann es sich erlauben könne, zu heiraten -- wenn er die rechte Frau
findet.
Nun muß ich hinzufügen, daß jeder Mann, der eine Frau erhalten, auch ein
Kind erhalten kann. Leute, die zu egoistisch sind, um für zwei Kinder
den Unterhalt zu erübrigen (oder wenigstens für eines, wie traurig es
auch für das Kleine ist, weder Bruder noch Schwester zu haben), sollten
überhaupt nicht heiraten. Manche Leute sagen, daß sie auch ohne Kinder
ganz glücklich sind. Sehr viele Frauen verzichten vorsätzlich auf ihre
Mutterschaftschancen, weil sie ihre Vergnügungen unterbrechen, die
Jagdsaison verderben, und ihrer Reiselust oder ihren Spielpassionen in
die Quere kommen würden. Vielleicht werden sie dereinst einsehen, daß
sie ihren Passionen zuliebe einen zu hohen Preis gezahlt haben. Andere
können Kinder wirklich nicht leiden und wüßten nicht, was sie mit ihnen
anfangen sollten, wenn sie welche hätten. Solche Leute sollten füglich
keine Kinder haben; man merkt es den armen Kleinen immer an, wenn sie
unwillkommen waren.
Auch »Schwächlichkeit« führen nervöse Frauen als Entschuldigung an,
die nicht im geringsten zu schwach sind, zu gebären. Bei wirklicher
Kränklichkeit oder einer konstitutionellen Schwäche oder Anomalie ist
diese Entschuldigung nur sehr angebracht. Eine sichtlich gesunde Frau
sagte mir einmal ganz im Ernst, daß sie gerne ein Kind haben möchte, nur
habe sie oft im Winter einen so bösen Husten und möchte nicht riskieren,
ihn zu »vererben«. Ihre Lungen waren vollkommen gesund, und es
belästigte sie nur ein zeitweiser Husten. Bei derselben Gelegenheit
bemerkte eine andere anwesende Dame, daß sie auch gerne ein Kind haben
möchte, nur »wäre nicht genug Platz in unserer Wohnung und sie ist so
passend, wir möchten nicht gerne ausziehen«.
Meinem durch diese Bemerkungen erzeugten Gemütszustand hätte ich nur
dadurch Ausdruck verleihen können, daß ich diese beiden Damen zu Boden
geworfen und mit Füßen getreten hätte, und da diese Aufführung bei
unserer Gastgeberin keinen Anklang gefunden hätte, so mußte ich mich
damit begnügen, bloß recht grob gegen die beiden zu sein.
Ich glaube, all das wurzelt darin, daß der mütterliche Instinkt nicht
so allgemein wie früher ist. Die Gründe davon nachzuweisen, bin ich
nicht klug genug. Viel mag der größeren Befreiung der Frauen, der
Erweiterung ihres Lebens und ihrer ehrgeizigen Bestrebungen, den neuen
Beschäftigungen, den neuen Interessen zugeschrieben werden, welche die
weibliche Existenz so umgewandelt haben. Die Mutterschaft und die
schmerzhaften und belästigenden Vorgänge ihrer Erfüllung wirken störend
auf all das ein. Der Instinkt der Mutterschaft ist gewiß der Majorität
noch angeboren; wenn die Kleinen, oft unwillkommen, das Licht der Welt
erblicken, macht sich der Instinkt in der Regel wieder geltend; aber
gewiß ist es bei der heutigen Durchschnittsfrau nicht allgemein, daß er
sich vor der Ehe oder der auftretenden Mutterschaft in ihr regt, und ich
bin überzeugt, daß die Zahl der Frauen, die gleich der weiblichen Biene
dieses Instinktes ermangeln, jährlich wächst. Es ist mir oft
vorgekommen, daß die Männer größere Liebe zu Kindern haben als die
Frauen. In meinem eigenen Kreise kenne ich keinen Mann, der Kinder nicht
gern hat, während ich viele Frauen kenne, die Kinder direkt nicht leiden
können und viele andere, die nur die eigenen erdulden, weil sie es eben
müssen. Ich habe auch beobachtet, daß ganz zärtliche Mütter alle anderen
Kinder nicht ausstehen können, während Männer, wenn sie überhaupt Kinder
gern haben, jedem Kind gewogen sind. Man beobachte nur einmal, wie
Männer im Eisenbahnkupee ein gar nicht besonders reizendes Kind
beachten, während die anwesenden Frauen ganz gleichgültig bleiben. Eine
Dame, die viele Jahre eine Mädchenschule hatte, erzählte mir neulich,
daß ihrer Ansicht nach das Wesen der Mädchen sich ändert und die
Vorliebe für Puppen und kleine Kinder sichtlich in Abnahme begriffen
ist. Kann man das verallgemeinern? Und wäre es möglich, daß die höhere
Frauenbildung solche bedenkliche Kehrseiten hätte?
Zum Glück für die Ehre und die Ideale unseres Landes ist das Nachwuchs
liebende Element noch in überwältigender Majorität und viele Leute,
die sich aus verschiedenen Gründen gerade keine Kinder wünschen,
bewillkommnen den Storch recht herzlich, wenn er sie mit seinem Besuche
beehrt. Nach Jahren werden sie einem dann sagen, daß sie sich gar
nicht vorstellen können, wie das Leben ohne das Getrippel kleiner
Füßchen im Hause, das Geplapper der süßen Stimmchen und die zarten
Kindergesichtchen gewesen wäre.