»O seliger Gatte! Seliges Weib!
Der köstlichste Segen, den der Himmel gewährt,
Das lieblichste Kleinod aus des Lenzes Kranz,
Wird eurem Lebenspfad beschert!«
_Gerald Massey._
Man wird mir vielleicht vorwerfen, daß ich das Ehethema zu oberflächlich
behandle. Die meisten Abhandlungen, die ich gelesen habe, haben in
entgegengesetzter Richtung gefehlt und den Gegenstand von einem ermüdend
transzendentalen Gesichtspunkt aus erörtert. Ich habe absichtlich
versucht, über Wirklichkeiten, Tatsachen, über die Ehe, wie sie in der
alltäglichen Welt wirklich ist -- das heißt, wie sie mir wirklich
erscheint -- zu sprechen, und nicht, wie sie in einer erhabenen idealen
Welt edler Seelen sein mag.
Der Ehe -- wie sie von der großen Majorität durchgeführt wird -- scheint
meiner Ansicht nach wirklich nicht viel Heiliges innezuwohnen. Was ist
an zwei menschlichen Wesen Heiliges, die sich aus rein sozialen oder
häuslichen Rücksichten, welche oft von stark kommerziellen Beweggründen
durchsetzt sind, dahin einigen, zu eigenem Behagen miteinander zu leben?
Gewiß liegt in jeder Liebe eine gewisse Heiligkeit, aber unter den
verschiedenen Spielarten menschlicher Liebe scheint die Geschlechtsliebe
am wenigsten Heiligkeit an sich zu haben. Die Familienliebe, bei der die
Bande des Blutes bestehen, die Liebe zwischen Freunden -- die reinste
von allen Neigungen -- sind oft im Kerne heiliger als die sogenannte
»heilige Gattenliebe.«
Die Ehe, die bloße soziale und physische Verbindung von Mann und Weib,
_abgesehen von der Elternschaft_, ist einfach eine Gemeinschaft -- aus
der, ich gebe es zu, eine ungeheure Steigerung an Glücksmöglichkeiten
für die beiden Teilhaber ersteht -- im großen und ganzen ein
ausgezeichneter Kontrakt, aber alles in allem ein bloß weltlicher
Kontrakt. Aber wenn die Kinder kommen, wenn das göttliche und herrliche
Wunder vollbracht ist, dann ist die Ehe wohl auf einen ganz anderen
Grund gestellt, und ich streife gerne die Schuhe von den Füßen, wenn ich
ihren Bereich betrete, denn es ist heilig.
Bei der Geburt eines Kindes erhält die Ehe, der es entsprossen, eine
unsterbliche Bedeutung. Die Verbindung, die früher nur für die beiden
Beteiligten von Wichtigkeit war, ist jetzt von Bedeutung für den Staat
und die Nachwelt, und daher fällt den Eltern eine wirklich schreckliche
Verantwortung zu. Von dem Physischen, dem Charakter, der Intelligenz
jedes Kindes kann das Schicksal zukünftiger Generationen abhängen. Wenn
wir unser Kind nicht ordentlich ernähren, kann es rhachitisch werden,
und eine künftige Generation kann durch unsere Sorglosigkeit verkrüppelt
sein. Wenn wir ihm die Pflicht der Selbstbeherrschung nicht gründlich
einprägen, kann es ein Trunkenbold oder ein Wüstling werden, und der
Fluch von tausend daraus entstehenden Übeln kann auf unseren Enkeln
lasten. »Vor der Verantwortung, das Dasein einer Rasse mit all ihren
unermeßlichen Möglichkeiten an Sünden und Leiden fortzupflanzen, mögen
wohl die Kühnsten zurückweichen. Aber das einzige tatsächliche Mittel,
das Los der Menschen zu verbessern, ist, eine neue Generation von
besserer Beschaffenheit aufzuziehen. Denn die Umgehung der Elternschaft
zu erwägen, hieße die Zukunft der Brut unüberlegten Sinnenfrönens
überlassen. Auf dem großen Schlachtfeld der Welt gibt es keine höhere
Pflicht, als die Reihen derer, die für das Licht kämpfen, wohl besetzt
zu erhalten. Nicht zum Feiern sind unsere Nachkommen berufen, nein, zu
einem langen, schweren Kampf, der mit dem unvermeidlichen Tod endet.«
(W. T. Stead, +Review of Reviews, January 1908+.)
Es ist sehr richtig behauptet worden, daß die Kinder der Wohlstand der
Nationen sind: wenn wir unsere Elternschaft wirklich sehr ernst nehmen
würden -- viel, viel ernster als es jetzt der Fall ist --, dann würde
sie gewiß den stärksten Schutz gegen den sittlichen und physischen
Verfall bieten, von dem wir so oft hören. Ich möchte die Elternschaft
zur Würde eines hohen geistigen Ideals erhoben sehen. Nicht, daß ich der
übertriebenen Verhimmlung der bloßen Fortpflanzung das Wort rede,
obgleich es eine köstliche Sache ist, schöne und gesunde Kinder in die
Welt zu setzen, eine Sache, auf die Männer und Frauen sehr stolz sein
sollten, aber: »eine unsterbliche Seele ins Leben zu rufen -- was
kann sich damit vergleichen?« Den neugeborenen Geist der Sonne
entgegenwachsen zu lassen, die edleren Möglichkeiten des vielfältigen
menschlichen Organismus durch stetes Bemühen zur Entwicklung zu bringen
und aus ihm »einen aufrechten, himmelstürmenden Redner« zu machen --,
welch besseres Lebenswerk kann ein Mann oder eine Frau zu vollenden
hoffen, welch größeres Denkmal hinterlassen?
Würde die Elternschaft ein hohes Ideal werden, dann würde nach einiger
Zeit die öffentliche Meinung -- jene mächtige Waffe -- so stark werden,
daß eine unwürdige Elternschaft von allen anständigen Leuten mißliebig
aufgenommen würde. Die Untauglichen dürften es nicht wagen, das
Verbrechen der Fortpflanzung ihrer Gattung zu begehen und der dieser
Sünde gegen die Gemeinschaft anhaftende Makel würde vielleicht sogar dem
Makel gleichkommen, der heutzutage dem schrecklichen Verbrechen des
Falschspiels anhaftet! -- Erfüllt von dem Ideal edler Elternschaft,
würden die jungen Mädchen bei ihren Bewerbern auf das väterliche Gemüt
sehen, die Männer würden bei den Mädchen, die sie freien, die schönen,
mütterlichen Eigenschaften suchen, und die materiellen Erwägungen, die
jetzt beide Teile so sehr beeinflussen, würden immer weniger
ausschlaggebend sein. Hundertfach würde das Eheband befestigt werden.
Die Untreue wäre seltener, denn die Gatten, die mit Kindern gesegnet
sind, würden fühlen, daß ihrer Verbindung die Weihe verliehen wurde und
sie wahrhaft unlöslich geworden ist. Vater und Mutter, die sich zum
erstenmal über dem kleinen Körper ihres ersten Kindes küssen, könnten
diesen unbeschreiblichen Augenblick nie vergessen. Der Mann und die
Frau, denen ein Kindlein zusammengehörte, die es sprechen und spielen
gelehrt und seine ersten strauchelnden Schritte gelenkt haben, könnten
nie leichthin die Schwüre außer acht lassen, die sie aneinander banden.
Die sanften kleinen Kinderhände sind dazu geschaffen worden, die Herzen
von Mann und Frau aneinander zu schmieden, und sie erfüllen wunderbar
ihre Sendung!
»Erst wenn wir Väter und Mütter werden, vollbringen wir all das, was
unsere Väter und Mütter für uns getan haben« -- und welche Offenbarung
ist es! Welch neuer Himmel, welch neue Erde werden uns durch den Zauber
erschlossen, den die Gegenwart eines kleinen Kindes in unserem Hause
ausübt -- des kleinen Körpers, der geheimnisvoll nach unserem Ebenbilde
geschaffen, der kleinen Seele, die unserer Fürsorge anheimgegeben wurde!
Wärs nicht der Kinder wegen, die Ehe wäre wirklich ein allgemeiner
Mißgriff. In ihrem Interesse ist sie geschaffen worden, und sie nur
machen sie möglich. Kinder machen eine glückliche Ehe vollkommen und
eine gleichgültige glücklich. Sehr oft gestalten sie eine recht
verfahrene Ehe zu einer wenigstens erträglichen Gemeinschaft. Wenn eine
kinderlose Ehe glücklich ist, -- wirklich glücklich, dann ists
gewöhnlich, weil Mann und Frau einander besonders zugetan oder Leute von
ungewöhnlichem Charakter sind.
Man kennt seltene Beispiele, wo die Gatten sich eben deshalb fester und
liebevoller aneinanderschlossen, weil sie keinen anderen Gegenstand
hatten, auf den sich ihre Neigung erstrecken konnte. Die Frau, die
weniger Sorgen hat und die die Geliebte nicht in der Mutter aufgehen
lassen muß, bleibt in den Augen des Mannes jugendlicher, als es sonst
möglich wäre, während sie an den Mann ebenso ihre mütterliche als ihre
weibliche Hingabe, verschwendet und er ihr Gatte und Kind zugleich ist.
In einer solchen Ehe kann man etwas Heiliges sehen, obzwar sie keine
Kinder hervorgebracht hat; ein solches Paar scheint die Kleinen, die nie
kommen, nicht zu vermissen. Dasselbe findet sich manchmal bei Künstlern,
deren ganze Interessen und schöpferische Energien in ihrem Werke
aufgehen.
Von ganzem Herzen verachte ich jene verheirateten Leute, die, in vollem
Besitz von Gesundheit und Kraft, vorsätzlich kinderlos bleiben. Von
ganzem Herzen bedauere ich die Ledigen und Jene, denen Kinder versagt
sind. Jedoch haben sie Entschädigungen; wenn ihnen die Wonne entgeht, so
bleiben ihnen auch die endlosen Sorgen, die zahllosen Kümmernisse, die
ständige Selbstaufopferung, die oft bitteren Enttäuschungen erspart. Die
Kinder machen einem gar manche andere Schmerzen als die der Geburt.
Tennyson sagt: »Das traurigste Wesen auf der Welt ist jene Mutter, die
ein Kind hat und es vom Pfade abirren sieht!« Und doch sind durch
geheimnisvolles Naturwalten die Saiten des Mutterherzens oft für die
Kinder, die irren, am zärtlichsten gestimmt. Zu den schönsten Versen,
die je geschrieben wurden, gehören meiner Ansicht nach jene in Stephen
Philips »Marpessa«: als die junge Marpessa den Gott ihres geringen
sterblichen Liebhabers halber verschmäht, sagt sie von diesem:
»Und er wird warmfühlende Kinder mir schenken,
Keinen strahlenden Gott, der die irdische Mutter verachtet,
Nein, Wesen mit zappelnden Gliedern und kleinen Herzen, die irren!«
Aber die »zappelnden Glieder« werden bald so groß, daß man sie nicht
wieder erkennt; die kleinen Herzen werden klug und weltlich und irren
auf weniger erwünschte Weise -- unsere warmfühlenden Kinder entwachsen
uns heutzutage schnell. Das ist die wahre Tragödie der Mutterschaft --
_daß die Kinder ihr entwachsen_.