III. Die Elternschaft -- die höchste Bestimmung

»O seliger Gatte! Seliges Weib!

Der köstlichste Segen, den der Himmel gewährt,

Das lieblichste Kleinod aus des Lenzes Kranz,

Wird eurem Lebenspfad beschert!«

_Gerald Massey._

Man wird mir vielleicht vorwerfen, daß ich das Ehethema zu oberflächlich

behandle. Die meisten Abhandlungen, die ich gelesen habe, haben in

entgegengesetzter Richtung gefehlt und den Gegenstand von einem ermüdend

transzendentalen Gesichtspunkt aus erörtert. Ich habe absichtlich

versucht, über Wirklichkeiten, Tatsachen, über die Ehe, wie sie in der

alltäglichen Welt wirklich ist -- das heißt, wie sie mir wirklich

erscheint -- zu sprechen, und nicht, wie sie in einer erhabenen idealen

Welt edler Seelen sein mag.

Der Ehe -- wie sie von der großen Majorität durchgeführt wird -- scheint

meiner Ansicht nach wirklich nicht viel Heiliges innezuwohnen. Was ist

an zwei menschlichen Wesen Heiliges, die sich aus rein sozialen oder

häuslichen Rücksichten, welche oft von stark kommerziellen Beweggründen

durchsetzt sind, dahin einigen, zu eigenem Behagen miteinander zu leben?

Gewiß liegt in jeder Liebe eine gewisse Heiligkeit, aber unter den

verschiedenen Spielarten menschlicher Liebe scheint die Geschlechtsliebe

am wenigsten Heiligkeit an sich zu haben. Die Familienliebe, bei der die

Bande des Blutes bestehen, die Liebe zwischen Freunden -- die reinste

von allen Neigungen -- sind oft im Kerne heiliger als die sogenannte

»heilige Gattenliebe.«

Die Ehe, die bloße soziale und physische Verbindung von Mann und Weib,

_abgesehen von der Elternschaft_, ist einfach eine Gemeinschaft -- aus

der, ich gebe es zu, eine ungeheure Steigerung an Glücksmöglichkeiten

für die beiden Teilhaber ersteht -- im großen und ganzen ein

ausgezeichneter Kontrakt, aber alles in allem ein bloß weltlicher

Kontrakt. Aber wenn die Kinder kommen, wenn das göttliche und herrliche

Wunder vollbracht ist, dann ist die Ehe wohl auf einen ganz anderen

Grund gestellt, und ich streife gerne die Schuhe von den Füßen, wenn ich

ihren Bereich betrete, denn es ist heilig.

Bei der Geburt eines Kindes erhält die Ehe, der es entsprossen, eine

unsterbliche Bedeutung. Die Verbindung, die früher nur für die beiden

Beteiligten von Wichtigkeit war, ist jetzt von Bedeutung für den Staat

und die Nachwelt, und daher fällt den Eltern eine wirklich schreckliche

Verantwortung zu. Von dem Physischen, dem Charakter, der Intelligenz

jedes Kindes kann das Schicksal zukünftiger Generationen abhängen. Wenn

wir unser Kind nicht ordentlich ernähren, kann es rhachitisch werden,

und eine künftige Generation kann durch unsere Sorglosigkeit verkrüppelt

sein. Wenn wir ihm die Pflicht der Selbstbeherrschung nicht gründlich

einprägen, kann es ein Trunkenbold oder ein Wüstling werden, und der

Fluch von tausend daraus entstehenden Übeln kann auf unseren Enkeln

lasten. »Vor der Verantwortung, das Dasein einer Rasse mit all ihren

unermeßlichen Möglichkeiten an Sünden und Leiden fortzupflanzen, mögen

wohl die Kühnsten zurückweichen. Aber das einzige tatsächliche Mittel,

das Los der Menschen zu verbessern, ist, eine neue Generation von

besserer Beschaffenheit aufzuziehen. Denn die Umgehung der Elternschaft

zu erwägen, hieße die Zukunft der Brut unüberlegten Sinnenfrönens

überlassen. Auf dem großen Schlachtfeld der Welt gibt es keine höhere

Pflicht, als die Reihen derer, die für das Licht kämpfen, wohl besetzt

zu erhalten. Nicht zum Feiern sind unsere Nachkommen berufen, nein, zu

einem langen, schweren Kampf, der mit dem unvermeidlichen Tod endet.«

(W. T. Stead, +Review of Reviews, January 1908+.)

Es ist sehr richtig behauptet worden, daß die Kinder der Wohlstand der

Nationen sind: wenn wir unsere Elternschaft wirklich sehr ernst nehmen

würden -- viel, viel ernster als es jetzt der Fall ist --, dann würde

sie gewiß den stärksten Schutz gegen den sittlichen und physischen

Verfall bieten, von dem wir so oft hören. Ich möchte die Elternschaft

zur Würde eines hohen geistigen Ideals erhoben sehen. Nicht, daß ich der

übertriebenen Verhimmlung der bloßen Fortpflanzung das Wort rede,

obgleich es eine köstliche Sache ist, schöne und gesunde Kinder in die

Welt zu setzen, eine Sache, auf die Männer und Frauen sehr stolz sein

sollten, aber: »eine unsterbliche Seele ins Leben zu rufen -- was

kann sich damit vergleichen?« Den neugeborenen Geist der Sonne

entgegenwachsen zu lassen, die edleren Möglichkeiten des vielfältigen

menschlichen Organismus durch stetes Bemühen zur Entwicklung zu bringen

und aus ihm »einen aufrechten, himmelstürmenden Redner« zu machen --,

welch besseres Lebenswerk kann ein Mann oder eine Frau zu vollenden

hoffen, welch größeres Denkmal hinterlassen?

Würde die Elternschaft ein hohes Ideal werden, dann würde nach einiger

Zeit die öffentliche Meinung -- jene mächtige Waffe -- so stark werden,

daß eine unwürdige Elternschaft von allen anständigen Leuten mißliebig

aufgenommen würde. Die Untauglichen dürften es nicht wagen, das

Verbrechen der Fortpflanzung ihrer Gattung zu begehen und der dieser

Sünde gegen die Gemeinschaft anhaftende Makel würde vielleicht sogar dem

Makel gleichkommen, der heutzutage dem schrecklichen Verbrechen des

Falschspiels anhaftet! -- Erfüllt von dem Ideal edler Elternschaft,

würden die jungen Mädchen bei ihren Bewerbern auf das väterliche Gemüt

sehen, die Männer würden bei den Mädchen, die sie freien, die schönen,

mütterlichen Eigenschaften suchen, und die materiellen Erwägungen, die

jetzt beide Teile so sehr beeinflussen, würden immer weniger

ausschlaggebend sein. Hundertfach würde das Eheband befestigt werden.

Die Untreue wäre seltener, denn die Gatten, die mit Kindern gesegnet

sind, würden fühlen, daß ihrer Verbindung die Weihe verliehen wurde und

sie wahrhaft unlöslich geworden ist. Vater und Mutter, die sich zum

erstenmal über dem kleinen Körper ihres ersten Kindes küssen, könnten

diesen unbeschreiblichen Augenblick nie vergessen. Der Mann und die

Frau, denen ein Kindlein zusammengehörte, die es sprechen und spielen

gelehrt und seine ersten strauchelnden Schritte gelenkt haben, könnten

nie leichthin die Schwüre außer acht lassen, die sie aneinander banden.

Die sanften kleinen Kinderhände sind dazu geschaffen worden, die Herzen

von Mann und Frau aneinander zu schmieden, und sie erfüllen wunderbar

ihre Sendung!

»Erst wenn wir Väter und Mütter werden, vollbringen wir all das, was

unsere Väter und Mütter für uns getan haben« -- und welche Offenbarung

ist es! Welch neuer Himmel, welch neue Erde werden uns durch den Zauber

erschlossen, den die Gegenwart eines kleinen Kindes in unserem Hause

ausübt -- des kleinen Körpers, der geheimnisvoll nach unserem Ebenbilde

geschaffen, der kleinen Seele, die unserer Fürsorge anheimgegeben wurde!

Wärs nicht der Kinder wegen, die Ehe wäre wirklich ein allgemeiner

Mißgriff. In ihrem Interesse ist sie geschaffen worden, und sie nur

machen sie möglich. Kinder machen eine glückliche Ehe vollkommen und

eine gleichgültige glücklich. Sehr oft gestalten sie eine recht

verfahrene Ehe zu einer wenigstens erträglichen Gemeinschaft. Wenn eine

kinderlose Ehe glücklich ist, -- wirklich glücklich, dann ists

gewöhnlich, weil Mann und Frau einander besonders zugetan oder Leute von

ungewöhnlichem Charakter sind.

Man kennt seltene Beispiele, wo die Gatten sich eben deshalb fester und

liebevoller aneinanderschlossen, weil sie keinen anderen Gegenstand

hatten, auf den sich ihre Neigung erstrecken konnte. Die Frau, die

weniger Sorgen hat und die die Geliebte nicht in der Mutter aufgehen

lassen muß, bleibt in den Augen des Mannes jugendlicher, als es sonst

möglich wäre, während sie an den Mann ebenso ihre mütterliche als ihre

weibliche Hingabe, verschwendet und er ihr Gatte und Kind zugleich ist.

In einer solchen Ehe kann man etwas Heiliges sehen, obzwar sie keine

Kinder hervorgebracht hat; ein solches Paar scheint die Kleinen, die nie

kommen, nicht zu vermissen. Dasselbe findet sich manchmal bei Künstlern,

deren ganze Interessen und schöpferische Energien in ihrem Werke

aufgehen.

Von ganzem Herzen verachte ich jene verheirateten Leute, die, in vollem

Besitz von Gesundheit und Kraft, vorsätzlich kinderlos bleiben. Von

ganzem Herzen bedauere ich die Ledigen und Jene, denen Kinder versagt

sind. Jedoch haben sie Entschädigungen; wenn ihnen die Wonne entgeht, so

bleiben ihnen auch die endlosen Sorgen, die zahllosen Kümmernisse, die

ständige Selbstaufopferung, die oft bitteren Enttäuschungen erspart. Die

Kinder machen einem gar manche andere Schmerzen als die der Geburt.

Tennyson sagt: »Das traurigste Wesen auf der Welt ist jene Mutter, die

ein Kind hat und es vom Pfade abirren sieht!« Und doch sind durch

geheimnisvolles Naturwalten die Saiten des Mutterherzens oft für die

Kinder, die irren, am zärtlichsten gestimmt. Zu den schönsten Versen,

die je geschrieben wurden, gehören meiner Ansicht nach jene in Stephen

Philips »Marpessa«: als die junge Marpessa den Gott ihres geringen

sterblichen Liebhabers halber verschmäht, sagt sie von diesem:

»Und er wird warmfühlende Kinder mir schenken,

Keinen strahlenden Gott, der die irdische Mutter verachtet,

Nein, Wesen mit zappelnden Gliedern und kleinen Herzen, die irren!«

Aber die »zappelnden Glieder« werden bald so groß, daß man sie nicht

wieder erkennt; die kleinen Herzen werden klug und weltlich und irren

auf weniger erwünschte Weise -- unsere warmfühlenden Kinder entwachsen

uns heutzutage schnell. Das ist die wahre Tragödie der Mutterschaft --

_daß die Kinder ihr entwachsen_.

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 38 / 45 题