»Geschaffen hat euch Gott, aber verheiraten müßt ihr euch selbst.«
_R. L. Stevenson._
Am Tage nach der höflichen Tafelrunde kamen Isolda, Miranda und Amoret
zu mir zum Tee, und ich erzählte ihnen von der Diskussion des vorigen
Abends über die Polygamie.
»Ich verstehe schon den Standpunkt des 'Blaustrumpfs'«, sagte Isolda
nachdenklich. »Die Polygamie mag für die überflüssige Frau, die unter
den gegenwärtigen Bedingungen nicht heiraten kann, annehmbar sein, für
das unbefriedigte alte Mädchen, das des Ledigseins so überdrüssig ist,
daß es sogar die Polygamie vorziehen würde, aber nie wäre sie es für die
Frau, die sich verheiraten kann und sich verheiratet.«
»Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein«,
sagte Miranda. »Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres
Gatten verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder
anderer gesellschaftlicher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so
ergeben sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als
allein ohne ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie
hinnehmen?«
»Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte«, rief Isolda aus.
»Das mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit
ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit
Kindern, die den unseren gleichgestellt werden -- niemals!«
»Gut, vielleicht nicht,« gab Miranda zu, »ich vermute, eine gesetzliche
und ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man
ja nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch
reden. Die oberen und die unteren Gesellschaftsschichten sind so
polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei
so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.«
»Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,« sagte Amoret träge.
»Es ist unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den
Gesellschaftsbau zusammen.«
»Zugegeben«, sagte Isolda. »Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal
zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist.
Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und
eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist
eine zu große Stütze der Schicklichkeit, und eine Nation muß, in der
Theorie wenigstens, Schicklichkeit haben, wenn schon nicht in der
Praxis, sonst würden wir -- hm -- dem Niedergang zusteuern wie die
Römer.«
»Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,« warf
Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse
humoristische Verschmitztheit besitzt. »Das ist ein unvermeidlicher Zug
aller Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem
Vorschlag verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet
werden sollten, um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht
jeder der Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein
langes Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist
mir eine glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.«
»Sag sie uns«, riefen die drei Anwesenden einstimmig.
»Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem
Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt
hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.«
Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser
Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.
»Ja wirklich, ich hab es getan,« fuhr sie fort, »und was ich
herausfinden konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die
Ehe ihren Niedergang verursachten, sondern ihre -- wie soll ich's
nennen? -- allgemeinen lockeren Sitten . . .«
»Ich weiß es,« sagte Isolda, ihr zu Hilfe kommend, »ich las neulich ein
riesig interessantes Buch darüber: Kaiserlicher Purpur. Es war das
Erlöschen aller Ideale, die Freigabe aller fleischlichen Begierden, der
durch Ausschweifungen und üppiges Leben entstehende äußerste Mangel an
sittlichem Halt, der die Römer zugrunde richtete; aber wenn eine
tüchtige, kaltblütige Nation wie die unserige die beengenden
Ehebedingungen lockern wollte und an der Neuerung genau festhielte, dann
ist es Unsinn, zu behaupten, daß alle unsere Ideale entarten und
infolgedessen das Reich zusammenstürzen würde!«
»Hört, hört! Ganz wie der 'Blaustrumpf'!«
»Gut,« sagte Miranda. »Ich will also auf eure Ideen über die Römer
eingehen, schon damit wir in unserem Thema weiterkommen. Nun laß uns
deine großartige Idee hören, Amoret.«
»Also folgendes: Duogamie«, sagte Amoret.
»Duo -- zwei?«
»Sehr richtig -- zwei Partner für jedes. Wir sind heutzutage alle so
kompliziert, daß einer uns unmöglich befriedigen kann. Zwei würden
gerade genügen. Zwei würden die Spannung des Ehelebens lockern, und doch
nicht zu dem führen, was die Zeitungen »Ausschweifung« nennen. Jeder
hätte eine zweite Chance, und was dem ersten Partner fehlt, das würde
der zweite einem ersetzen.«
»Es ist keine üble Idee«, sagte Isolda nachdenklich. »Lancelot könnte
zur zweiten Frau eine solche wählen, die gut marschiert und Bridge
spielt, und ich würde einen Mann zu finden trachten, der die Karten haßt
und nie einen Schritt geht, wo er reiten kann.«
»Ich glaube, es ist eine grandiose Idee!« rief Miranda begeistert.
»Lysander könnte eine Frau finden, die ihn am Klavier begleitet und
Opern gern hat, und ich würde mich nach einem Mann umsehen, der
das ernste Schauspiel pflegt und zwei ständige Sperrsitze im
Vedrenne-Barker-Theater hätte.«
»Das wäre ja geradezu die Lösung für alles«, rief Amoret verzückt.
»Wenn Theodor unausstehlich gewesen ist, würde ich auf und davon
gehen zu meinem »Zweiten« -- und doch mit dem Gefühl, ihn nicht zu
vernachlässigen, da er zu _seiner_ »Zweiten« gehen könnte! Sie wäre
wahrscheinlich eine treffliche, beschränkte, einer Stütze bedürftige
Dame, die keinen meiner Fehler hätte, und wenn er von ihrer beschränkten
Hilfsbedürftigkeit genug hätte, dann würde er zu mir zurückkehren, und
wißt ihr, sogar meine Fehler würden ihm -- dem Gesetz des Kontrastes
zufolge -- gefallen, und umgekehrt.«
»Es ist wirklich eine wunderbare Idee,« sagte Isolda nachdenklich, »es
wundert mich, daß niemand früher darauf gekommen ist. Es gäbe weniger
alte Jungfern, denn die Männer würden die Ehe nicht so scheuen, wenn sie
wüßten, daß es noch immer eine zweite Chance gibt. Sie würden von einer
Frau auch nicht soviel erwarten wie jetzt. Und stellt euch nur vor, was
für eine gute Wirkung es auch auf unser Verhalten ausüben würde -- wie
lieb und höflich und beherrscht wir wären, aus Furcht, im Vergleich mit
der 'Andern' in ungünstigem Lichte zu erscheinen.«
»Ja, es würde uns gewiß auf einem Niveau erhalten, auf dem wir den
Erwartungen genügen würden,« bemerkte Miranda, »unordentliche Frauen
würden sich bemühen, nett zu werden, und zänkische würden ihrer Zunge
Einhalt tun. In ihrem Bestreben, den 'Andern' aus dem Felde zu schlagen,
würden die Ehemänner galant und aufmerksam wie Liebhaber werden.«
»Es würde alle Verwicklungen lösen,« erklärte Amoret, »nehmt nur einmal
die uns persönlich bekannten Fälle. Die Smiths zum Beispiel haben schon
drei Jahre nicht miteinander gesprochen, weil Fred sich in Fräulein
Brown verliebte und fast seine ganze Zeit mit ihr verbringt. Frau Smith
ist tiefbekümmert, Fred sieht recht elend aus -- ein Heim, in dem man
nichts spricht, muß ja eine Hölle sein --, und die junge Brown droht
immer, sich etwas anzutun. Die Sache hat den Smith direkt das Leben
verdorben und für die Kinder muß es sehr hart sein, in solch einer
Atmosphäre heranzuwachsen. Mein Plan würde all diesem Elend abhelfen:
Fred hätte Fräulein Brown heiraten und zeitweise ganz glücklich mit Frau
Smith leben können.«
»Aber was würde Frau Smith in den Zwischenpausen tun? Sie hat zufällig
keine 'entgegengesetzte Anziehungskraft' gefunden.«
»Nun vielleicht, wenn die Duogamie üblich wäre, hätte sie sich nach
einer umgesehen,« sagte Amoret, »ich bin überzeugt, die meisten Frauen
könnten einen zweiten Gefährten finden. Aber übrigens ist ja kein System
vollkommen, und es gibt eine Menge Frauen, die überhaupt keinen zweiten
Mann haben möchten und nur zu froh wären mit einer Ruhepause, in der man
keine Diners anzuschaffen braucht. Nehmt dann den Fall Robinson: Dick
Jones verehrt Frau Robinson sehr und ist äußerst unglücklich, weil er
ihr nicht mehr als ein Freund sein kann. Sie hat ihn sehr gern und auch
ihren Mann; sie könnte beide sehr glücklich machen, wenn sie sich teilen
wollten.«
»Ich habe oft empfunden, daß ich zwei Männer beglücken könnte«, sagte
Isolda. »Einige meiner besten Eigenschaften sind an Lancelot
verschwendet. Er wird auch nie des Landlebens und seines geliebten Golfs
überdrüssig, ich aber wohl, und wenn mich wieder einmal meine Sehnsucht
nach London überkommt, würde ich mich schnell nach der Stadt aufmachen
und eine famose Zeit mit meinem Londoner Gatten verleben.«
»Ohne das Gefühl, irgend ein Unrecht zu tun,« ergänzte Amoret, deren
sichtliche Erfahrung in Gewissensskrupeln mir etwas verdächtig erschien.
»Liebe Kinder, es tut nicht gut«, sagte Miranda plötzlich. »Es tut nicht
gut--aus ist's mit der Duogamie! Denkt an die Dienstboten!«
»Entsetzlich, die Dienstboten!« sagte Isolda bestürzt.
»Ja, ich fürchtete, daß ihr den wunden Punkt bald herausfinden würdet«,
sagte Amoret bedauernd. »Natürlich wäre es schrecklich, zweierlei
Dienstboten zu beaufsichtigen zu haben. Ein Gatte könnte sich vier oder
fünf leisten und der andere nur ein bis zwei, und jede Dienerschaft
würde in Abwesenheit der Frau außer Rand und Band geraten.«
»So hätte man anstatt eines vollständig glücklichen Lebens mit zwei
Gatten, die uns um die Wette zu gefallen bestrebt sind, eine
fürchterliche Existenz durch fortwährendes Abrichten der Dienerschaft.
Kaum, daß man A.'s Dienerschaft in Ordnung gebracht hätte, wäre es Zeit,
zu B. zurückzukehren und dort mit dem gleichen zu beginnen.«
»Nein, dafür dank ich,« sagte Isolda entschieden, »die Dienstboten
_eines_ Hauses sind mir gerade genug. Ich habe schon hundertmal gesagt,
daß ich bloß wegen der leidigen Dienstboten nicht geheiratet haben
möchte. Es wäre verrückt, sich jetzt diese Plage noch zu verdoppeln. Du
kannst mich aus der Liste der Duogamistinnen streichen, Amoret, bis die
Dienstbotenfrage durch die Erfindung irgend einer neuen Maschine oder
den Import von Chinesen gelöst ist.«
»Vielleicht«, warf Amoret hoffnungsvoll ein, »würde dein 'Zweiter'
darein willigen, im Hotel zu leben?«
»Solches Glück habe ich nicht,« sagte Isolda traurig, »wenn ein Mann
heiratet, so ist es meistens wegen des Heims -- warum sollte er sonst
heiraten, abgesehen von den Kindern? Guter Gott! Ich habe ja an die
Kinder ganz vergessen. Natürlich gibt das der Sache den Rest.«
»Die 'Sackgasse aller Reformen'!« sagte Amoret tragisch. »Es ist
unmöglich, irgend eine Neuerung im Ehesystem vorzuschlagen, die nicht
gleich durch die Komplikation des Nachwuchses annulliert wird.«
Wie saßen alle schweigsam in Gedanken versunken; Isolda schauerte
zusammen.
»Mit der Duogamie ist's nichts!« sagte sie pathetisch, »und ich bin so
enttäuscht!«