VI. Ein Wort für die Duogamie

»Geschaffen hat euch Gott, aber verheiraten müßt ihr euch selbst.«

_R. L. Stevenson._

Am Tage nach der höflichen Tafelrunde kamen Isolda, Miranda und Amoret

zu mir zum Tee, und ich erzählte ihnen von der Diskussion des vorigen

Abends über die Polygamie.

»Ich verstehe schon den Standpunkt des 'Blaustrumpfs'«, sagte Isolda

nachdenklich. »Die Polygamie mag für die überflüssige Frau, die unter

den gegenwärtigen Bedingungen nicht heiraten kann, annehmbar sein, für

das unbefriedigte alte Mädchen, das des Ledigseins so überdrüssig ist,

daß es sogar die Polygamie vorziehen würde, aber nie wäre sie es für die

Frau, die sich verheiraten kann und sich verheiratet.«

»Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein«,

sagte Miranda. »Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres

Gatten verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder

anderer gesellschaftlicher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so

ergeben sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als

allein ohne ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie

hinnehmen?«

»Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte«, rief Isolda aus.

»Das mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit

ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit

Kindern, die den unseren gleichgestellt werden -- niemals!«

»Gut, vielleicht nicht,« gab Miranda zu, »ich vermute, eine gesetzliche

und ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man

ja nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch

reden. Die oberen und die unteren Gesellschaftsschichten sind so

polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei

so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.«

»Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,« sagte Amoret träge.

»Es ist unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den

Gesellschaftsbau zusammen.«

»Zugegeben«, sagte Isolda. »Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal

zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist.

Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und

eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist

eine zu große Stütze der Schicklichkeit, und eine Nation muß, in der

Theorie wenigstens, Schicklichkeit haben, wenn schon nicht in der

Praxis, sonst würden wir -- hm -- dem Niedergang zusteuern wie die

Römer.«

»Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,« warf

Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse

humoristische Verschmitztheit besitzt. »Das ist ein unvermeidlicher Zug

aller Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem

Vorschlag verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet

werden sollten, um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht

jeder der Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein

langes Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist

mir eine glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.«

»Sag sie uns«, riefen die drei Anwesenden einstimmig.

»Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem

Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt

hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.«

Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser

Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.

»Ja wirklich, ich hab es getan,« fuhr sie fort, »und was ich

herausfinden konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die

Ehe ihren Niedergang verursachten, sondern ihre -- wie soll ich's

nennen? -- allgemeinen lockeren Sitten . . .«

»Ich weiß es,« sagte Isolda, ihr zu Hilfe kommend, »ich las neulich ein

riesig interessantes Buch darüber: Kaiserlicher Purpur. Es war das

Erlöschen aller Ideale, die Freigabe aller fleischlichen Begierden, der

durch Ausschweifungen und üppiges Leben entstehende äußerste Mangel an

sittlichem Halt, der die Römer zugrunde richtete; aber wenn eine

tüchtige, kaltblütige Nation wie die unserige die beengenden

Ehebedingungen lockern wollte und an der Neuerung genau festhielte, dann

ist es Unsinn, zu behaupten, daß alle unsere Ideale entarten und

infolgedessen das Reich zusammenstürzen würde!«

»Hört, hört! Ganz wie der 'Blaustrumpf'!«

»Gut,« sagte Miranda. »Ich will also auf eure Ideen über die Römer

eingehen, schon damit wir in unserem Thema weiterkommen. Nun laß uns

deine großartige Idee hören, Amoret.«

»Also folgendes: Duogamie«, sagte Amoret.

»Duo -- zwei?«

»Sehr richtig -- zwei Partner für jedes. Wir sind heutzutage alle so

kompliziert, daß einer uns unmöglich befriedigen kann. Zwei würden

gerade genügen. Zwei würden die Spannung des Ehelebens lockern, und doch

nicht zu dem führen, was die Zeitungen »Ausschweifung« nennen. Jeder

hätte eine zweite Chance, und was dem ersten Partner fehlt, das würde

der zweite einem ersetzen.«

»Es ist keine üble Idee«, sagte Isolda nachdenklich. »Lancelot könnte

zur zweiten Frau eine solche wählen, die gut marschiert und Bridge

spielt, und ich würde einen Mann zu finden trachten, der die Karten haßt

und nie einen Schritt geht, wo er reiten kann.«

»Ich glaube, es ist eine grandiose Idee!« rief Miranda begeistert.

»Lysander könnte eine Frau finden, die ihn am Klavier begleitet und

Opern gern hat, und ich würde mich nach einem Mann umsehen, der

das ernste Schauspiel pflegt und zwei ständige Sperrsitze im

Vedrenne-Barker-Theater hätte.«

»Das wäre ja geradezu die Lösung für alles«, rief Amoret verzückt.

»Wenn Theodor unausstehlich gewesen ist, würde ich auf und davon

gehen zu meinem »Zweiten« -- und doch mit dem Gefühl, ihn nicht zu

vernachlässigen, da er zu _seiner_ »Zweiten« gehen könnte! Sie wäre

wahrscheinlich eine treffliche, beschränkte, einer Stütze bedürftige

Dame, die keinen meiner Fehler hätte, und wenn er von ihrer beschränkten

Hilfsbedürftigkeit genug hätte, dann würde er zu mir zurückkehren, und

wißt ihr, sogar meine Fehler würden ihm -- dem Gesetz des Kontrastes

zufolge -- gefallen, und umgekehrt.«

»Es ist wirklich eine wunderbare Idee,« sagte Isolda nachdenklich, »es

wundert mich, daß niemand früher darauf gekommen ist. Es gäbe weniger

alte Jungfern, denn die Männer würden die Ehe nicht so scheuen, wenn sie

wüßten, daß es noch immer eine zweite Chance gibt. Sie würden von einer

Frau auch nicht soviel erwarten wie jetzt. Und stellt euch nur vor, was

für eine gute Wirkung es auch auf unser Verhalten ausüben würde -- wie

lieb und höflich und beherrscht wir wären, aus Furcht, im Vergleich mit

der 'Andern' in ungünstigem Lichte zu erscheinen.«

»Ja, es würde uns gewiß auf einem Niveau erhalten, auf dem wir den

Erwartungen genügen würden,« bemerkte Miranda, »unordentliche Frauen

würden sich bemühen, nett zu werden, und zänkische würden ihrer Zunge

Einhalt tun. In ihrem Bestreben, den 'Andern' aus dem Felde zu schlagen,

würden die Ehemänner galant und aufmerksam wie Liebhaber werden.«

»Es würde alle Verwicklungen lösen,« erklärte Amoret, »nehmt nur einmal

die uns persönlich bekannten Fälle. Die Smiths zum Beispiel haben schon

drei Jahre nicht miteinander gesprochen, weil Fred sich in Fräulein

Brown verliebte und fast seine ganze Zeit mit ihr verbringt. Frau Smith

ist tiefbekümmert, Fred sieht recht elend aus -- ein Heim, in dem man

nichts spricht, muß ja eine Hölle sein --, und die junge Brown droht

immer, sich etwas anzutun. Die Sache hat den Smith direkt das Leben

verdorben und für die Kinder muß es sehr hart sein, in solch einer

Atmosphäre heranzuwachsen. Mein Plan würde all diesem Elend abhelfen:

Fred hätte Fräulein Brown heiraten und zeitweise ganz glücklich mit Frau

Smith leben können.«

»Aber was würde Frau Smith in den Zwischenpausen tun? Sie hat zufällig

keine 'entgegengesetzte Anziehungskraft' gefunden.«

»Nun vielleicht, wenn die Duogamie üblich wäre, hätte sie sich nach

einer umgesehen,« sagte Amoret, »ich bin überzeugt, die meisten Frauen

könnten einen zweiten Gefährten finden. Aber übrigens ist ja kein System

vollkommen, und es gibt eine Menge Frauen, die überhaupt keinen zweiten

Mann haben möchten und nur zu froh wären mit einer Ruhepause, in der man

keine Diners anzuschaffen braucht. Nehmt dann den Fall Robinson: Dick

Jones verehrt Frau Robinson sehr und ist äußerst unglücklich, weil er

ihr nicht mehr als ein Freund sein kann. Sie hat ihn sehr gern und auch

ihren Mann; sie könnte beide sehr glücklich machen, wenn sie sich teilen

wollten.«

»Ich habe oft empfunden, daß ich zwei Männer beglücken könnte«, sagte

Isolda. »Einige meiner besten Eigenschaften sind an Lancelot

verschwendet. Er wird auch nie des Landlebens und seines geliebten Golfs

überdrüssig, ich aber wohl, und wenn mich wieder einmal meine Sehnsucht

nach London überkommt, würde ich mich schnell nach der Stadt aufmachen

und eine famose Zeit mit meinem Londoner Gatten verleben.«

»Ohne das Gefühl, irgend ein Unrecht zu tun,« ergänzte Amoret, deren

sichtliche Erfahrung in Gewissensskrupeln mir etwas verdächtig erschien.

»Liebe Kinder, es tut nicht gut«, sagte Miranda plötzlich. »Es tut nicht

gut--aus ist's mit der Duogamie! Denkt an die Dienstboten!«

»Entsetzlich, die Dienstboten!« sagte Isolda bestürzt.

»Ja, ich fürchtete, daß ihr den wunden Punkt bald herausfinden würdet«,

sagte Amoret bedauernd. »Natürlich wäre es schrecklich, zweierlei

Dienstboten zu beaufsichtigen zu haben. Ein Gatte könnte sich vier oder

fünf leisten und der andere nur ein bis zwei, und jede Dienerschaft

würde in Abwesenheit der Frau außer Rand und Band geraten.«

»So hätte man anstatt eines vollständig glücklichen Lebens mit zwei

Gatten, die uns um die Wette zu gefallen bestrebt sind, eine

fürchterliche Existenz durch fortwährendes Abrichten der Dienerschaft.

Kaum, daß man A.'s Dienerschaft in Ordnung gebracht hätte, wäre es Zeit,

zu B. zurückzukehren und dort mit dem gleichen zu beginnen.«

»Nein, dafür dank ich,« sagte Isolda entschieden, »die Dienstboten

_eines_ Hauses sind mir gerade genug. Ich habe schon hundertmal gesagt,

daß ich bloß wegen der leidigen Dienstboten nicht geheiratet haben

möchte. Es wäre verrückt, sich jetzt diese Plage noch zu verdoppeln. Du

kannst mich aus der Liste der Duogamistinnen streichen, Amoret, bis die

Dienstbotenfrage durch die Erfindung irgend einer neuen Maschine oder

den Import von Chinesen gelöst ist.«

»Vielleicht«, warf Amoret hoffnungsvoll ein, »würde dein 'Zweiter'

darein willigen, im Hotel zu leben?«

»Solches Glück habe ich nicht,« sagte Isolda traurig, »wenn ein Mann

heiratet, so ist es meistens wegen des Heims -- warum sollte er sonst

heiraten, abgesehen von den Kindern? Guter Gott! Ich habe ja an die

Kinder ganz vergessen. Natürlich gibt das der Sache den Rest.«

»Die 'Sackgasse aller Reformen'!« sagte Amoret tragisch. »Es ist

unmöglich, irgend eine Neuerung im Ehesystem vorzuschlagen, die nicht

gleich durch die Komplikation des Nachwuchses annulliert wird.«

Wie saßen alle schweigsam in Gedanken versunken; Isolda schauerte

zusammen.

»Mit der Duogamie ist's nichts!« sagte sie pathetisch, »und ich bin so

enttäuscht!«

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 32 / 45 题