V. Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung?

In W. Sommerset Maughams sehr interessanter psychologischer Studie »Mrs.

Craddock« sagt eine der Personen: »Es können nämlich wenige Frauen mit

nur einem Manne glücklich sein. Ich glaube, daß die einzige Lösung des

Eheproblems die legalisierte Polyandrie[2] ist.«

[Anmerkung 2: Gesetzlich geregelte Vielmännerei.]

Es ist nur ehrenwert, diese Sorte von Behauptungen mit Entsetzen

entgegenzunehmen; aber wenn die Geheimnisse des weiblichen Herzens

bekannt wären, käme heraus, daß ein gut Teil dieses Entsetzens

erheuchelt ist. Ich lehne es ab, mein Geschlecht irgendwie auszuliefern.

Maugham ist ja ein im Studium des weiblichen Herzens sehr erfahrener

Mann und ich kann wohl sagen, er weiß, wovon er spricht. Überdies ist er

sicherlich unverheiratet. Aber selbst er verschanzt sich hinter einem

der Charaktere seiner Novelle, und warum sollte man von mir größeren Mut

erwarten?

Freilich liegt in dem Wort legalisiert eine wunderbare Kraft. Die

profansten und entsetzlichsten Ehen zwischen schönen jungen Mädchen und

reichen, adeligen Mummelgreisen, Trunkenbolden oder Trotteln werden als

ganz gehörig und ehrenwert betrachtet, weil sie legalisiert sind. Und

dennoch würden die Leute, die diese Abscheulichkeiten hinnehmen,

wahrscheinlich äußerst schockiert sein bei der bloßen Andeutung der

Polyandrie, eines weit schicklicheren Geschlechtsverhältnisses, weil es

durch wirkliche Geschlechtsanregung geregelt und voraussichtlich frei

von krämerischen Rücksichten wäre. Aber gleichviel, ob die legalisierte

Polyandrie die eigentliche Lösung des Eheproblems ist oder nicht, sie

ist gewiß eine unmögliche für das frauenreiche England, und obgleich die

Frauen in den letzten Jahren erschreckend breit ausgegriffen und

sich von ungeahnter Lebenskraft besessen erwiesen haben, ist es

unwahrscheinlich, daß sie ihre überflüssigen Energien nach dieser

Richtung hin verausgaben werden.

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 31 / 45 题