In W. Sommerset Maughams sehr interessanter psychologischer Studie »Mrs.
Craddock« sagt eine der Personen: »Es können nämlich wenige Frauen mit
nur einem Manne glücklich sein. Ich glaube, daß die einzige Lösung des
Eheproblems die legalisierte Polyandrie[2] ist.«
[Anmerkung 2: Gesetzlich geregelte Vielmännerei.]
Es ist nur ehrenwert, diese Sorte von Behauptungen mit Entsetzen
entgegenzunehmen; aber wenn die Geheimnisse des weiblichen Herzens
bekannt wären, käme heraus, daß ein gut Teil dieses Entsetzens
erheuchelt ist. Ich lehne es ab, mein Geschlecht irgendwie auszuliefern.
Maugham ist ja ein im Studium des weiblichen Herzens sehr erfahrener
Mann und ich kann wohl sagen, er weiß, wovon er spricht. Überdies ist er
sicherlich unverheiratet. Aber selbst er verschanzt sich hinter einem
der Charaktere seiner Novelle, und warum sollte man von mir größeren Mut
erwarten?
Freilich liegt in dem Wort legalisiert eine wunderbare Kraft. Die
profansten und entsetzlichsten Ehen zwischen schönen jungen Mädchen und
reichen, adeligen Mummelgreisen, Trunkenbolden oder Trotteln werden als
ganz gehörig und ehrenwert betrachtet, weil sie legalisiert sind. Und
dennoch würden die Leute, die diese Abscheulichkeiten hinnehmen,
wahrscheinlich äußerst schockiert sein bei der bloßen Andeutung der
Polyandrie, eines weit schicklicheren Geschlechtsverhältnisses, weil es
durch wirkliche Geschlechtsanregung geregelt und voraussichtlich frei
von krämerischen Rücksichten wäre. Aber gleichviel, ob die legalisierte
Polyandrie die eigentliche Lösung des Eheproblems ist oder nicht, sie
ist gewiß eine unmögliche für das frauenreiche England, und obgleich die
Frauen in den letzten Jahren erschreckend breit ausgegriffen und
sich von ungeahnter Lebenskraft besessen erwiesen haben, ist es
unwahrscheinlich, daß sie ihre überflüssigen Energien nach dieser
Richtung hin verausgaben werden.