Der letzte Gesichtspunkt, aus welchem alle das Betragen der Menschen
beurteilen, ist das daraus folgende Glück oder Unglück.
Ein Verhalten, dessen mittelbare oder unmittelbare Endresultate
schädlich sind, ist ein schlechtes Verhalten.
_Herbert Spencer._
Die freie Liebe ist die gefährlichste und trügerischeste Form aller
Ehesysteme genannt worden. Sie ist auf einem ganz unmöglichen ethischen
Standpunkt begründet. In der Theorie ist sie die ideale Verbindung der
Geschlechter, aber sie wird nur dann praktisch möglich sein, wenn Mann
und Frau sich sittlich total verändert haben werden. Wenn die Leute alle
treu, beständig, seelenrein und äußerst selbstlos sind, dann mag die
freie Ehe in Betracht gezogen werden. Selbst dann hätten die Unschönen
und Reizlosen keine Chancen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat noch kein in _offener_ freier
Liebe lebendes Paar dieselbe erfolgreich durchgeführt, ich meine mit
einem gediegenen, ständigen Erfolg. Ich glaube, es gibt Paare, die ohne
ein dauerhafteres Band als ihre gegenseitige Liebe glücklich miteinander
leben, aber sie stellen sich klugerweise unter den achtunggebietenden
Schutz des Eherings und nennen sich Mann und Frau. So braucht die eben
flügge gewordene freie Liebe nicht gegen die gewaltige Kraft des
gesellschaftlichen Bannes zu kämpfen, und überdies hat man kein Mittel,
zu erfahren, wie lange diese Verbindung den Versuchungen der Zeit
widersteht. Die zwei bemerkenswerten modernen Beispiele von freier
Liebe, an die ich mich hier natürlich erinnere, sind George Eliot und
Mary Godwin. Aber bei beiden waren die Männer schon verheiratet. Sobald
Harriet gestorben war, heiratete Mary Godwin den Dichter Shelley und als
George Lewes dahinschied, heiratete George Eliot einen anderen Mann,
eine Handlungsweise, welche die meisten Leute viel weniger verzeihlich
finden als ihr ungeregeltes Verhältnis mit Lewes. Selbst die berühmten
Perfektionisten von Oneida fielen nach dem Tode ihres Führers Noyes auf
seinen eigenen Wunsch in die gewöhnliche Eheform zurück.
Im Ostende von London ist die Institution der freien Liebe sehr
verbreitet, aber nach den Erfahrungen der Polizeibehörde sind ihre
Resultate sicher nicht ermutigend. Ich hörte auch, daß sie bei den
Kattunarbeitern von Lancashire sehr allgemein ist; das System der
+»collage«+ herrscht auch in den arbeitenden Klassen Frankreichs vor und
scheint sich recht gut bewährt zu haben. Aber nur da, wo die Fähigkeit
und Gelegenheit der Frauen, sich selbst zu erhalten, vorhanden ist, ist
die freie Ehe vom ökonomischen Standpunkt überhaupt durchführbar, und
selbst dann bleibt die ernste Frage der unehelichen Kinder. Alle billig
Denkenden müssen einsehen, daß die Haltung der Gesellschaft den
unehelichen Kindern gegenüber äußerst ungerecht und grausam ist, da sie
die vollkommen Unschuldigen straft. Aber jeder erwachsene Mensch kennt
diese Haltung, und jene, welche ihr trotzen, um ihrer Annehmlichkeit
willen oder der Befriedigung einer Experimentierlaune zuliebe, tun es im
vollen Bewußtsein, daß auf ihrem Kind sicher der Druck lebenslänglicher
Benachteiligung lasten wird. Vielleicht werden viele durch dieses
Bewußtsein davon abgeschreckt, das Sittengesetz zu durchbrechen; aber
die Zahl der in England und Wales geborenen unehelichen Kinder war im
Jahre 1905 37300 und ich glaube, es ist im Interesse dieser
unglücklichen Opfer der Selbstsucht anderer _höchste Zeit_, daß eine
gütigere und weniger engherzige Haltung ihrer entrechteten Stellung
gegenüber eingenommen wird.
Ich erinnere mich, als junges Mädchen ein Stück gesehen zu haben mit dem
Titel »Ein Veilchenstrauß«. -- Die Heldin entdeckt, daß die frühere Frau
ihres Mannes noch lebt, und ihr Kind daher unehelich ist. Sie sagt ihrer
Tochter, sie möge zwischen ihren Eltern wählen und erklärt ihr die
Vorteile des Verbleibens bei ihrem reichen und einflußreichen Vater.
Die Ansprache schließt mit den Worten: »Bei mir wirst du arm und in
Schmach leben, und du kannst nie heiraten!« Zweifelsohne wurde dieser
Gesichtspunkt einzig und allein in Anbetracht der jungen Mädchen im
Zuschauerraum festgehalten, aber seine Unvernunft stieß mich ab. Selbst
der beschränkten Intelligenz einer Siebzehnjährigen ist es klar, daß ein
unehelich geborenes Mädchen lieber so schnell als sie nur kann heiraten
sollte, um einen bürgerlichen Namen zu erhalten, wenn schon ein Name von
solcher Bedeutung im Leben ist. Es wurde kürzlich viel über die
freie Liebe im Zusammenhang mit dem Sozialismus diskutiert, und
höchstwahrscheinlich dank der Entstellungen gewisser Zeitungen scheint
die Vorstellung Platz gegriffen zu haben, daß die Abschaffung der Ehe
und ihr Ersatz durch die freie Liebe ein Teil des sozialistischen
Programms sei. Es könnte unmöglich eine unwahrere Anklage erhoben
werden, wie die Umfrage bei den Führern der verschiedenen
sozialistischen Körperschaften rasch erweisen wird.
Die Leute, welche für die freie Liebe plädieren, führen gern ins
Treffen, daß eine so persönliche Angelegenheit nur sie selbst angeht.
Alle, die so denken, sollten sich eine +cause célèbre+ der letzten Zeit
zur Warnung dienen lassen, in welcher Selbstmordversuch, krüppelhafter
Nachwuchs und ein die unschuldigen Kinder bis zur dritten Generation
umstrickendes Gewirr von Elend sich als die Folgen einer vor fast
dreißig Jahren geschlossenen freien Verbindung ergaben. Diese und noch
viele andere Tragödien der freien Liebe, die von Zeit zu Zeit in den
Zeitungen veröffentlicht werden, scheinen zu beweisen, wie irrtümlich
die Anschauung ist, daß wir für keine unserer Handlungen Rechenschaft
abzugeben haben. Ein Verhältnis, welches die zukünftige Generation
beeinträchtigt, kann nie eine private und persönliche Angelegenheit
sein. Vor einigen Jahren veröffentlichte E. R. Chapman einen sehr
interessanten Essay über die Ehe, in welchem er sagte: »Die gesetzliche
Ehe gegen bloß freiwillige Verbindungen, bloß zeitweise Gemeinschaft
austauschen, heißt nicht die Liebe frei machen, sondern ihr den
Todesstoß versetzen durch Loslösung von jenem menschlichen Faktor, der
die richtig verstandene Ehe ist und der die Rücksicht für die Ordnung,
die Rücksicht für das allgemeine Wohl über das persönliche Interesse und
die bloße Selbstbefriedigung des Augenblicks stellt.«