Ein Dialog im Jahre 1999

»Eines fürchten die Frauen mehr als das Zölibat -- nämlich, daß man

sie verschmäht.«

_Marcel Prévost._

(Katharine und Margarete, zwei reizende Frauen im kritischen Alter der

Vierziger, nehmen zusammen ihr Frühstück ein. Sie sind alte Freundinnen

und haben einander jahrelang nicht gesehen.)

Margarete: Wie hübsch ist es, wieder beisammen zu sein. Aber es tut mir

leid, daß du so verändert bist. Du siehst nicht glücklich aus. Was ist

dir?

Katharine: Ich sollte glücklich aussehen. Ich habe wirklich Glück

gehabt, aber ich bin, aufrichtig gestanden, schrecklich müde. Die

Eheverhältnisse sind heutzutage entsetzlich ermüdend, findest du nicht?

M.: Ja, wir entbehren freilich jenes Gefühl des Friedens und der

Sicherheit, von dem unsere Mütter sprachen, aber wir haben auch nicht

jene entsetzliche Eintönigkeit. Denke dir nur, Jahr um Jahr, dreißig,

vierzig, fünfzig Jahre mit demselben Mann zu leben! Wie würde man seiner

Launen überdrüssig werden!

K.: Das weiß ich gerade nicht. Die Gleichförmigkeit der Stimmungen ist

noch immer besser als die Abwechslung. Alle Leute haben Stimmungen. Und

dann kommt es mir vor, daß mit unseren Vätern durchaus nicht so schwer

auszukommen war wie mit unseren Gatten. Sieh, in früheren Zeiten wußten

sie, daß sie fürs Leben gebunden waren, und das gebot ihnen Einhalt. Das

scheint ihnen heutzutage zu fehlen.

M.: Ja, ja, es ist etwas daran. Ich erinnere mich, daß meine Großmutter,

die am Ende des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, zu sagen pflegte,

ihr Mann sei ihr _Rettungsanker_, und er nannte sie seinen _Hafen des

Friedens_.

K.: Oh, wie beneide ich sie. Das brauche ich eben so sehr: einen Anker,

einen Hafen. Wie friedlich müssen sie gelebt haben, bevor dieses

schreckliche neue Ehesystem aufkam.

M.: Die Leute fanden das offenbar nicht; denn wozu sollten sie dann

Abänderungen getroffen haben? Aber was hast du gegen das System? Du hast

vier Männer gehabt und bist von den beiden ersten fast so rasch fort als

das Gesetz es erlaubt.

K.: Ja, und ich bin erst einundvierzig Jahre alt. Ich habe zu früh

angefangen: mit achtzehn; und man nimmt die Ehe unwillkürlich leicht,

wenn man weiß, daß sie nur fünf Jahre zu dauern braucht. Man geht sie

ebenso gedankenlos ein, wie unsere glücklichen Mütter ihre Flirts

einzugehen pflegten.

M.: Aber die Folgen sind doch ernster. Wir sind enttäuschte Frauen in

einem Alter, in dem sie noch frohmütige junge Mädchen waren.

K.: Ja, der Familiennachwuchs macht die Sache so schwer. Die Vaterschaft

ist heutzutage direkt ein Kultus geworden. Alle meine Gatten waren

Fanatiker der Nachkommenschaft, und ich habe acht Kinder gehabt.

M.: Acht Kinder! Dann ist es kein Wunder, daß du herabgekommen

aussiehst.

K.: Ganz richtig. Meine Mutter wäre entsetzt gewesen. Zwei oder drei,

höchstens vier war die richtige Anzahl zu ihrer Zeit, und fünf war ein

Verhängnis und sehr selten.

M.: Gut, meine Liebe, du hättest doch nicht so viele haben müssen. Du

hättest den Vaterschaftskultus etwas eindämmen sollen. Keine Frau kann

heutzutage gezwungen werden, Kinder zu haben, wie unsere unglücklichen

Großmütter. Hast du alle acht bei dir?

K.: Nein, das ist es eben. Ich mochte nicht so viele haben, aber wenn

sie schon einmal da sind, so möchte ich sie auch bei mir haben, und ihre

Väter wollen sie natürlich auch.

M.: Oh, meine Liebe, wie ärgerlich. Wenn man heutzutage Kinder hat, ist

das das Unangenehmste daran. Manchmal bin ich froh, daß ich keine habe.

K.: Dann kennst du vielleicht nicht das Gesetz über die Kinder in

unserem jetzigen Ehesystem? Eine gewisse Summe muß jährlich für jedes

Kind in den großen Staatskindertrust eingezahlt werden; wenn die Ehe

gelöst wird, wird bloß der Mutter die Aufsicht übertragen, falls der

Vater sich nicht daran zu beteiligen wünscht. In letzterem Fall

verbringen die Kinder ein halbes Jahr bei der Mutter, ein halbes beim

Vater.

M.: Das ist schön.

K.: Das glaube ich. Aber, ach! schrecklich hart für eine Mutter. Meine

zwei älteren Mädchen sind beinahe schon erwachsen; sie waren einige

Jahre im Pensionat, und es war für George und mich ganz leicht, ihre

Ferien zwischen uns zu teilen. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr in der

Schule lassen, und sie werden das halbe Jahr bei ihm verbringen. Gott

sei Dank ist er schon einige Zeit nicht verheiratet und scheint es auch

nicht zu beabsichtigen. So habe ich nicht den Einfluß einer fremden Frau

zu fürchten; aber wie kann ich sie leiten, wie kann ich die richtige

Kontrolle über sie haben oder irgendeinen Einfluß unter diesen Umständen

auf sie ausüben?

M.: Ja, das muß sehr traurig für dich sein.

K.: Es ist schrecklich, aber es gibt noch etwas viel Ärgeres. Gordon,

der Vater von Arthur und Maggie, hat wieder geheiratet, und seine Frau

ist auf die ältesten Kinder eifersüchtig und sehr ärgerlich, wenn sie

bei ihm sind. Und mein kleiner Arthur ist so zart, er braucht soviel

Sorgfalt und Studium. Ich habe keinen glücklichen Augenblick, wenn er

bei ihnen ist. Er gedeiht auch nicht recht bei den anderen Kindern.

Immer, wenn er von den Besuchen zurückkommt, sieht er krank und

unglücklich aus. Ich kann dir nicht schildern, was ich wegen Arthur

gelitten habe. Oh, wenn ich an ihn denke, könnte ich dieses

niederträchtige Ehesystem verwünschen. Es ist wider die Natur.

M.: Ach, meine Liebe, man muß ja auch die Gesetze nicht ausnützen. Warum

bist du nicht mit Gordon geblieben oder in erster Ehe mit George? Das

kommt sogar jetzt oft vor.

K.: Ich weiß es, ich weiß es, aber George und ich, wir paßten

schrecklich schlecht zusammen. Wir heirateten als halbe Kinder. Bei dem

alten System kamen gewöhnlich vernünftige Eltern dazwischen, und die

jungen Leute mußten warten, bis sie ihrer selbst sicher waren. Aber du

weißt ja, wie es jetzt ist. In der ersten jugendlichen Verliebtheit

glaubt man auf wenigstens fünf Jahre sicher zu sein, und darüber hinaus

braucht man ja nicht zu sorgen.

M.: Gut. Also du warst vierundzwanzig, als du Gordon heiratetest; warum

hast du _ihn_ nicht vorsichtiger gewählt?

K.: Das war zum großen Teil eine »wirtschaftliche Sache«, wie ich in

einem alten Stück, genannt das »Frauenstimmrecht« vor einiger Zeit las

-- wie wunderlich waren dazumal die Vorstellungen. Es kam auch etwas

anderes darin vor, darüber daß »vierundzwanzig Jahre im allgemeinen

nicht so jung wäre, es aber mit der Auffassung der Zeit geworden sei.«

Ich war wohl alt genug, um vernünftig zu handeln, aber ich war

leichtlebig und liebte den Luxus, und ich konnte mit dem wenigen, was

George mir dem Gesetz nach auszuzahlen hatte, nicht auskommen. Ich gebe

ihm ja keine Schuld, denn es war alles, was er tun konnte, wenn er die

für die Kinder nötige Taxe bestreiten sollte. So heiratete ich Gordon

eines Heims halber, und freilich war das abscheulich.

M.: Und dein dritter Mann starb?

K.: Ja, der eine, der hätte leben sollen, stirbt gewöhnlich. Ich verlor

ihn nach bloß zweijähriger Ehe, aber ich kann gar nicht von ihm

sprechen. Er war für mich das Ideal eines Gatten.

M.: Ach, es freut mich, daß du das gehabt hast.

K.: Oh, ich habe noch Glück gehabt bei allen Mißlichkeiten, ich sagte

dir's ja. Ich blieb vier Jahre, nachdem ich meinen Liebsten verloren

hatte, ledig, und ihm wäre ich gerne ewig treu geblieben. Aber ich war

nicht stark genug. Trotz der lieben Kinder war ich sehr einsam, da die

älteren immer in der Schule waren.

M.: Ja freilich, und man braucht ja auch einen Mann, der einen betreut.

K.: Das ist richtig. Das ist eine verhängnisvolle Schwäche. So heiratete

ich zum Schluß meinen lieben, guten Duncan, hauptsächlich um einen

Gefährten zu haben. Ich wählte ihn vorsichtig genug. Die Erfahrung hat

mich so manches gelehrt, und ich wollte nicht mit vierzig Jahren im

Stich gelassen werden, wie es so vielen geschieht.

M.: Es freut mich, daß er gut gegen dich ist. Ja, es ist wirklich

entsetzlich, wie viele Frauen verlassen sind, gerade, wenn sie die

Fürsorge und die Liebe am meisten brauchen, wenn ihr jugendlich frisches

Aussehen dahin und ihre Energie geschwächt ist. Aber warum bist du

eigentlich so abgehärmt, wenn du das nicht zu fürchten hast?

K.: Ich bin nicht gerade abgehärmt -- ich bin verbraucht. Zwanzig Jahre

unsichere häusliche Verhältnisse sind genug, um einen zu erschöpfen. Ich

konnte mich nirgends endgültig daheim fühlen oder mich einer

Anhänglichkeit für einen Ort hingeben oder auch nur einen Garten für

mich pflanzen. Der Freundeskreis wechselt immer, die Leute scheinen

jetzt keine Häuser und Güter zu kaufen oder sich irgendwo festzuwurzeln.

Wie beklagten sie sich vor vierzig Jahren über das gewohnheitsmäßige

Leben! Sie wußten wenig davon, wie elend das Leben sein kann aus Mangel

einer Gewohnheit.

M.: Ich mag die Einförmigkeit nicht, aber sie hat gewiß ihre Vorteile.

Erinnerst du dich an meinen ersten Mann, Dick? So ein schöner Mensch. Er

war total vernarrt ins Golf und die Freiluftspiele, und ich nahm ganz

seine Lebensgewohnheiten an. Da war es denn eine harte Prüfung für mich,

als ich Cecil Innes heiratete, der das Freie nicht mochte und sich nur

für Bücher und Herumstöbern in Museen interessierte.

K.: Warum hast du Dick verlassen?

M.: Ich wollte ihn nicht verlassen. Wir lebten sehr traulich

miteinander. Aber er verliebte sich in eine andere Frau. Er war ganz

vernarrt in sie und verlangte, daß ich ihn freigebe. Da ich keine Kinder

hatte, hielt ich es nur für anständig, nachzugeben. Cecil interessierte

mich im Anfang sehr, und er vergötterte mich. Aber ich hatte ein

düsteres Leben bei ihm. Du weißt, ich bin nicht ein bißchen literarisch

angehaucht, und er war so schöngeistig und ein solcher Bücherwurm. Er

ödete mich tödlich an. Ich war froh, an seiner Statt Jack zu nehmen,

meinen jetzigen Mann, aber Cecils Kummer, als ich ihn verließ, war so

entsetzlich, daß ich ihn nie vergessen werde, und als er bald nachher

starb, hatte ich das Gefühl, eine Mörderin zu sein.

K.: Das muß eine schmerzliche Erfahrung gewesen sein. Aber man gewöhnt

sich an diese Tragödien. Man hört von so vielen. Immer will eines frei

sein und eines gebunden bleiben.

M.: Ja; und die stillschweigende Tradition, daß es eine Ehrensache ist,

den unfreiwilligen Gefährten nie zum Bleiben bestimmen zu wollen, hebt

das Gesetz auf, daß die Ehe nur enden kann, wenn beide Teile es

wünschen.

K.: Ich bin überzeugt, daß die Tragödien der Trennung, von denen man

heutzutage hört, weit ärger sind als die durch die Ehefesseln

gelegentlich hervorgerufenen Tragödien der guten alten Zeit -- und auch,

daß sie viel häufiger sind.

M.: Es wäre keine solche Ironie, wenn _irgend jemand_ etwas davon hätte.

Aber soweit ich es beurteilen kann, leiden die Männer fast ebensoviel

darunter wie die Frauen, besonders wenn sie alt sind. Den Zeitungen aus

dem Anfang des Jahrhunderts zufolge, konnte ein alter Junggeselle oder

ein Witwer immer eine junge und reizende Frau bekommen. Aber heute wird

niemand einen ältlichen Mann heiraten, ausgenommen eine alte Frau, und

an denen liegt den Männern nichts.

K.: Das ist sehr schade. Sie würden auf diese Weise vielem Unglück

steuern, das man allerwärts sieht. Auf seine alten Tage ganz verlassen

dazustehen, muß schrecklich sein.

M.: Da wir gerade von den Zeitungen reden, muß ich dir sagen, wie

belustigend es ist, sie im British Museum zu lesen und aus ihnen zu

ersehen, was für Wunder von dem System der Ehe auf Probe erwartet

wurden, als man es zuerst gesetzmäßig festlegte. Alle die Mißstände des

alten Systems sollten verschwinden: die Scheidung, der Ehebruch, die

Prostitution, die Verführung, mit all diesen sozialen Übeln sollte

gründlichst aufgeräumt werden.

K.: Wie unsinnig kurzsichtig waren die Leute damals! Die Scheidung ist

allerdings abgeschafft, aber die Skandale und der Kummer, die

gebrochenen Herzen und die zerstörten Familienleben, die sie

verursachte, sind vertausendfacht. Die Untreue mag jetzt weniger häufig

sein, aber wenn die Leute dazu Lust und Gelegenheit haben, dann haben

sie keine Lust, eine gewisse Anzahl von Jahren zu warten, bis es dem

Gesetz nach keine Sünde mehr ist. Ebenso ist es mit den anderen

Mißständen. Es wird immer eine große Zahl von Männern geben, die die Ehe

aus finanziellen oder anderen Gründen hinausschieben, und eine große

Zahl Frauen, die nur auf eine Weise ihr Leben zu verdienen verstehen,

und der älteste Erwerbszweig der Welt wird immer im Gang gehalten

werden. Auch die Verführung wird nicht aufhören, so lange die Gesetze

dieses Vergehen so milde beurteilen. Es wird immer unwissende, dumme und

unbeschützte Mädchen geben und immer Männer, die daraus ihren Vorteil

ziehen.

M.: Es scheint auch ebensoviele alte Jungfern zu geben wie früher; die

Frauen, welche für die Männer nichts Anziehendes haben, bleiben bei

jedem System dieselben, und oft sind sie die besten Frauen.

K.: Wie seltsam muß es sein, _nie einen Mann gehabt zu haben_.

M.: Es muß jedenfalls recht friedlich sein. Aber die alten Jungfern

sehen durchaus nicht glücklicher aus als die verheirateten Frauen.

K.: Ich sehe nur ein gutes Resultat des Systems der Ehe auf Probe: daß

die Frauen sich jetzt ebensosehr nach der Mutterschaft sehnen als sie im

Anfang des Jahrhunderts bestrebt waren, sie zu vermeiden. Wir altern mit

der Furcht vor fast sicherer Verlassenheit und Vereinsamung, und die

einzige Hoffnung für unser Alter sind unsere Kinder -- ach, verzeihe,

ich vergaß, daß du keine hast.

M.: Ach geh -- ich denke ja oft daran, und wenn Jack gegen eine andere

Frau aufmerksam ist oder sie bewundert, fürchte ich mich schrecklich

davor, daß er eine neue Anziehungskraft gefunden hat und mich verlassen

könnte. Was für dummes Zeug sie früher über die Notwendigkeit der freien

Liebe zusammengeschrieben haben! Als wenn die Freiheit etwas so

Herrliches wäre. Wir sind ja doch alle Sklaven irgendeiner Konvention,

einer Leidenschaft oder einer Theorie. Niemand von uns ist wirklich

frei, und wenn wir es wären, würde es uns gar nicht befriedigen. Für die

romantische Liebe in den Romanen mag die »Freiheit in der Liebe« ja ganz

schön sein; aber jenes eigene Bedürfnis der Geschlechter nacheinander,

das wir in Ermanglung eines besseren Ausdrucks im praktischen Leben

»Liebe« nennen, das muß in ein festes Band geschmiedet werden; oder wie

sollen wir arme schwankende Sterbliche uns sonst helfen? Die Liebe muß

ein Anker im wirklichen Leben sein -- nichts anderes ist gut für uns!

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 28 / 45 题