Wenn die Mädchen in bezug auf geschlechtliche Dinge vernünftiger erzogen
wären, würde es weit weniger unglückliche Frauen in der Welt geben, und
weniger Männer würden dazu getrieben werden, ihr Glück außerhalb des
Heims zu suchen. Wenn man den Mädchen, sobald sie in die geeigneten
Jahre kommen, die elementarsten Umrisse der Lebensbedingungen beibringen
würde, anstatt sie wie es jetzt geschieht, in der äußersten Unwissenheit
zu lassen, dann würden die außerordentlich falschen Anschauungen über
das Geschlecht, die sie jetzt überall auflesen, nicht mehr vorwalten,
und viel Kummer könnte so vermieden werden. Jetzt wird den Mädchen
_schweigend_ zu verstehen gegeben, daß das Geschlechtsthema abstoßend
ist und sich nicht eignet, von ihnen in Betracht gezogen zu werden, und
daß die Geschlechtsfunktionen widerwärtig, obgleich notwendig sind. Ich
schreibe absichtlich _schweigend_, denn den meisten Mädchen wird nicht
das Geringste über diesen Gegenstand gesagt. Es ist wirklich merkwürdig,
wie die Vorstellungen ihnen ohne Worte beigebracht, aber dennoch auf
irgendeine Weise eingeimpft werden, und es ist schwer zu verstehen,
wie die Mütter diese Unterweisungen mit ihrem offenkundigen Wunsch
vereinigen, ihre Mädchen zu verheiraten. Das heutzutage den Mädchen
gegenüber aufrecht erhaltene Ideal ist offenbar das geschlechtslose
Schicksal der Diana -- nicht bloß Keuschheit, sondern Unfruchtbarkeit.
Die meisten jungen Mädchen kennen von früher Jugend auf die
gesellschaftlichen Vorteile und die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe
und wachsen mit dem lebhaften Wunsch heran, sie in angemessener Weise zu
erreichen, obgleich sie sich insgeheim wegen ihrer absurden verkehrten
Begriffe von der physischen Seite der Ehe vor ihr fürchten. Warum kann
man die Mädchen -- und auch die Knaben natürlich -- nicht die volle
Wahrheit in angemessener Sprache lehren, daß das Geschlecht der
Angelpunkt ist, um den sich die Welt dreht, daß die Geschlechtstriebe
und -empfindungen der ganzen Welt gemeinsam sind, an sich nicht
erniedrigend oder herabwürdigend und daß es auch keine Schande ist, sie
zu besitzen, obgleich es notwendig ist, daß man sie tapfer überwacht!
Warum kann man die Mädchen nicht lehren, daß alle Liebe, selbst die
romantische, die einen so breiten Raum in ihren Träumen einnimmt, aus
dem _Geschlechtstrieb_ entspringt? (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe.)
Das kann für eine gefährliche Lehre gehalten werden; aber die
gegenwärtige Politik des Stillschweigens über diesen Gegenstand ist noch
gefährlicher, da sie das Bestreben hervorbringt, über dem verbotenen
Thema zu brüten.
Ich erinnere mich, wie mir eine ungefähr fünfzehnjährige Schulkameradin,
als ich etwas über zehn Jahre alt war, anvertraute, daß ein Mann -- er
war ein harmloser Junge von ungefähr zwanzig Jahren -- ihr die Hand
geküßt hatte, als er ihr das Tennisrakett reichte. Sie zog entrüstet
ihre Hand zurück und sagte: »Wie können Sie es wagen, mir diese Schmach
anzutun?« Dann verließ sie den Tennisplatz und wollte nicht mehr
spielen. Ich glaube nicht, daß viele Mädchen so albern sind wie diese,
aber der Zwischenfall illustriert den in jener Schule allgemein
herrschenden, uns eingeimpften Ton. Und er zeigt, wie emphatisch dem
Gemüt des Mädchens alle geschlechtlichen Angelegenheiten dargestellt
worden sein müssen, damit sie in einem ganz unschuldigen und galanten
Zeichen der Huldigung eine Schmach erblickte. Was für eine trostlose
Vorbereitung für die Ehe muß solch eine Unterweisung sein! Aus dieser
Art von Unterweisung entstehen jene unglücklichen Flitterwochen, von
denen man gelegentlich im geheimen hört, und die unglücklichen Frauen,
deren verächtliche Kälte den Gatten zur Verzweiflung bringt. Dieser
Mangel an Gefühl und Mangel an Verständnis für die Bedürfnisse stärkerer
und wärmerer Naturen ist eine der tiefsten und unheilbarsten Ursachen
des Unglücks im Eheleben.
Wenn unsere Mädchen belehrt würden, das Geschlecht sei ein etwas ganz
Natürliches, dann würde das unendliche, aus der Auffassung, es sei
etwas Außergewöhnliches und Widerwärtiges, entspringende Übel
vermieden werden. Erziehen wir sie dazu, den liebenden Ehestand, die
leidenschaftliche Mutterschaft als den geeignetsten Ausdruck der
Frauennatur und die für sie erstrebenswerteste Lebensform zu betrachten.
In einem sehr interessanten, jüngst veröffentlichten Buch: »Die Frau im
Übergangsstadium« wird diese Ansicht von der Bestimmung der Frau zu
wiederholten Malen verhöhnt. Die Verfasserin, Annette B. Meakin, ist
eine Assistentin am Anthropologischen Institut und offenbar eine sehr
belesene und vielgereiste Dame. Ich will einiges zitieren: »In der
glücklichen Zukunft, wenn die höheren Frauenideale in unserer Umgebung
festen Fuß gefaßt haben werden, werden alle erkennen, gleichviel welchem
Geschlecht sie angehören, daß wir die Verräter an unserer eigenen Rasse
und an der Menschheit sind, wenn wir unqualifizierte Mutterschaft jedem
Mädchen als ihr höchstes Ideal vor Augen halten.« . . . »Die englischen
Schulvorsteherinnen betrachten es, obgleich sie oft selbst unverheiratet
sind, als ihre heiligste Pflicht, den Schülerinnen einzuimpfen, daß die
Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei, und die Schülerinnen machen
die Ehe zu ihrem höchsten Ziel, und jeder andere Erfolg im Leben muß an
zweiter Stelle stehen.« »Einige sehr brave Frauen in England sagen
unseren jungen Mädchen noch immer, daß die Mutterschaft für jede Frau
das höchste Ziel ist, ohne zu ahnen, daß die von ihnen gepredigte Lehre
in gefährlicher Weise zu jener gesetzlichen Prostitution führt, die
euphemistisch als lieblose Ehe bekannt ist, oder zu noch größeren
Übeln.« »Wie kann dem Mädchen, dem man gelehrt hat, daß die Mutterschaft
die einzige Bestimmung des Weibes ist, das Risiko wagen, sie zu
verpassen?«
Ich antworte auf diese Einwände: Natürlich wird kein vernünftiger Mensch
die unqualifizierte Mutterschaft den Mädchen als ihr höchstes Ideal
darstellen, und auch kein denkender Mensch wird glauben, daß die
Mutterschaft die einzige Bestimmung des Weibes ist. Aber was die höchste
Bestimmung, das heißt die edelste, anbetrifft, so muß ich schon sagen,
daß wenn gute Mutterschaft (und in dem Wort gut möchte ich die besten
körperlichen und geistigen Eigenschaften inbegriffen sehen, durch die
gesunde, intelligente und wohlerzogene Kinder hervorgebracht werden),
nicht das Ideal erfüllt, ich wohl wissen möchte, wodurch es erfüllt
werden kann! Als Antwort auf diese Frage, die natürlich jeder Leser
stellen muß, gibt sich Miß Meakin mit der Konstatierung zufrieden, in
Finnland und Australien, sowie in Amerika und Norwegen lehre man den
Mädchen, daß die höchste Bestimmung des Weibes von jeder Frau erreichbar
sei; daß ihre höchste Bestimmung und ihr höchstes Ideal nicht von einem
Manne abhängen solle, der daher kommen mag oder nicht, und daß es das
höchste Ideal des Weibes sei, eine echte Frau zu werden. Das ist ganz
schön, aber es ist viel zu vage, um als allgemeines Ideal der Frauen
hochgehalten zu werden. Das Ideal, das wir als erstrebenswert
hinstellen, muß enger umgrenzt sein. Was ist zum Beispiel im besonderen
eine _echte Frau_? Ich dächte, die Hauptbestandteile des Rüstzeuges
einer echten Frau wären ihre Fähigkeiten für Ehestand und Mutterschaft.
Miß Meakin tadelt die Lehrerinnen, weil sie ihren Schülerinnen die
Bedeutung der Mutterschaft mit dem Zusatz einprägen, »jeder andere
Erfolg im Leben habe an zweiter Stelle zu stehen.« »Was sollte denn nach
Ansicht der Verfasserin die erste Stelle einnehmen? Glaubt sie
ernstlich, daß der Erfolg der Frauen in Geschäften oder in der Politik,
als Gemeinderätinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen
von größerer Bedeutung ist als der Erfolg der Frauen als Mütter? _Ist
das möglich?_« Ich erinnere mich, daß in einem Gedicht von W. E. Henley
über die Frauenfrage eine Zeile lautet: »Und Gott im Paradiesesgarten
lachte aus vollem Halse«. Es muß heutzutage im Himmel oft schallendes
Gelächter geben, wenn die Frauenfrage auf der Erde diskutiert wird.
Dies gilt für die Ideale +in abstractum+, aber wenn wir zu den Tatsachen
kommen, muß man zugeben, daß die Folgerungen der Dame vernünftig sind.
»In einem Lande, wo es um anderthalb Millionen mehr Frauen als Männer
gibt,« konstatiert sie treffend, »ist es mehr als verrückt, jungen
Mädchen zu lehren, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei.
Wenn eine solche Unterweisung hartnäckig fortgesetzt wird, so wird sie
zu größeren Übeln führen, als wir aus der Entfernung beurteilen können«.
Aber was für ein größeres Übel kann es denn geben, als die Existenz von
30000 Prostituierten in London allein, wie es heutzutage der Fall ist.
Wenn man jeder dieser unglücklichen Frauen beigebracht hätte, fest wie
an einen Glaubensartikel daran zu glauben, daß die Mutterschaft ihre
höchste Bestimmung sei, dann wären weit weniger Nullen an dieser Zahl.
Miß Meakin fährt fort: »Neben den heiligen Pflichten der Mutterschaft
gibt es auch die nicht minder heiligen Pflichten der Vaterschaft;
und doch läßt der Mann diese letzteren nicht in seinen geistigen
Entwicklungsgang eingreifen.« Es ist auch gar nicht nötig, daß die
Frauen dies tun. Von der Anschauung, daß die Frau, um eine gute Gattin
und Mutter zu sein, ihre geistige Entwicklung verkümmern lassen und auf
jede Kultur verzichten müsse, ist man schon längst abgekommen.
Meiner Meinung nach entsteht das ganze Übel daraus, daß man die Mädchen
_eine_ Reihe von Schlagwörtern lehrt und die Knaben eine _andere_, wie
Stevenson sagt. Da die Frauen nicht durch sich allein Mütter werden
können, ist es nutzlos, die Mädchen zu lehren, daß die Mutterschaft ihre
höchste Bestimmung sei, wenn wir nicht auch die Knaben lehren, daß die
Vaterschaft ihre höchste Bestimmung ist, sondern ganz im Gegenteil ihnen
zu verstehen geben, daß die Ehe etwas ist, das sie vermeiden sollen,
wenigstens im Jünglingsalter.
Wenn wir alle jungen Leute _beiderlei_ Geschlechts lehren würden,
daß eine würdige Ehe und Elternschaft die höchste Bestimmung für den
Durchschnitt der Sterblichen bedeutet, und sie nach dieser Vorschrift
handelten, dann würden viele Zeitprobleme gelöst, die Anzahl
überflüssiger Frauen sehr vermindert, das soziale Übel merklich in
Abnahme, die körperliche Beschaffenheit der Rasse besser sein, und die
Geburtsziffer würde rasch steigen. Mit einem Wort, es gäbe weniger
ironisches Lachen im Himmel und viel mehr eheliches Glück und Gesundheit
auf Erden. Über die Elternschaft als ein Ideal werde ich noch mehr im
vierten Teile zu sagen haben.