V. Einige Worte für eine vernünftigere Mädchenerziehung

Wenn die Mädchen in bezug auf geschlechtliche Dinge vernünftiger erzogen

wären, würde es weit weniger unglückliche Frauen in der Welt geben, und

weniger Männer würden dazu getrieben werden, ihr Glück außerhalb des

Heims zu suchen. Wenn man den Mädchen, sobald sie in die geeigneten

Jahre kommen, die elementarsten Umrisse der Lebensbedingungen beibringen

würde, anstatt sie wie es jetzt geschieht, in der äußersten Unwissenheit

zu lassen, dann würden die außerordentlich falschen Anschauungen über

das Geschlecht, die sie jetzt überall auflesen, nicht mehr vorwalten,

und viel Kummer könnte so vermieden werden. Jetzt wird den Mädchen

_schweigend_ zu verstehen gegeben, daß das Geschlechtsthema abstoßend

ist und sich nicht eignet, von ihnen in Betracht gezogen zu werden, und

daß die Geschlechtsfunktionen widerwärtig, obgleich notwendig sind. Ich

schreibe absichtlich _schweigend_, denn den meisten Mädchen wird nicht

das Geringste über diesen Gegenstand gesagt. Es ist wirklich merkwürdig,

wie die Vorstellungen ihnen ohne Worte beigebracht, aber dennoch auf

irgendeine Weise eingeimpft werden, und es ist schwer zu verstehen,

wie die Mütter diese Unterweisungen mit ihrem offenkundigen Wunsch

vereinigen, ihre Mädchen zu verheiraten. Das heutzutage den Mädchen

gegenüber aufrecht erhaltene Ideal ist offenbar das geschlechtslose

Schicksal der Diana -- nicht bloß Keuschheit, sondern Unfruchtbarkeit.

Die meisten jungen Mädchen kennen von früher Jugend auf die

gesellschaftlichen Vorteile und die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe

und wachsen mit dem lebhaften Wunsch heran, sie in angemessener Weise zu

erreichen, obgleich sie sich insgeheim wegen ihrer absurden verkehrten

Begriffe von der physischen Seite der Ehe vor ihr fürchten. Warum kann

man die Mädchen -- und auch die Knaben natürlich -- nicht die volle

Wahrheit in angemessener Sprache lehren, daß das Geschlecht der

Angelpunkt ist, um den sich die Welt dreht, daß die Geschlechtstriebe

und -empfindungen der ganzen Welt gemeinsam sind, an sich nicht

erniedrigend oder herabwürdigend und daß es auch keine Schande ist, sie

zu besitzen, obgleich es notwendig ist, daß man sie tapfer überwacht!

Warum kann man die Mädchen nicht lehren, daß alle Liebe, selbst die

romantische, die einen so breiten Raum in ihren Träumen einnimmt, aus

dem _Geschlechtstrieb_ entspringt? (Schopenhauer, Metaphysik der Liebe.)

Das kann für eine gefährliche Lehre gehalten werden; aber die

gegenwärtige Politik des Stillschweigens über diesen Gegenstand ist noch

gefährlicher, da sie das Bestreben hervorbringt, über dem verbotenen

Thema zu brüten.

Ich erinnere mich, wie mir eine ungefähr fünfzehnjährige Schulkameradin,

als ich etwas über zehn Jahre alt war, anvertraute, daß ein Mann -- er

war ein harmloser Junge von ungefähr zwanzig Jahren -- ihr die Hand

geküßt hatte, als er ihr das Tennisrakett reichte. Sie zog entrüstet

ihre Hand zurück und sagte: »Wie können Sie es wagen, mir diese Schmach

anzutun?« Dann verließ sie den Tennisplatz und wollte nicht mehr

spielen. Ich glaube nicht, daß viele Mädchen so albern sind wie diese,

aber der Zwischenfall illustriert den in jener Schule allgemein

herrschenden, uns eingeimpften Ton. Und er zeigt, wie emphatisch dem

Gemüt des Mädchens alle geschlechtlichen Angelegenheiten dargestellt

worden sein müssen, damit sie in einem ganz unschuldigen und galanten

Zeichen der Huldigung eine Schmach erblickte. Was für eine trostlose

Vorbereitung für die Ehe muß solch eine Unterweisung sein! Aus dieser

Art von Unterweisung entstehen jene unglücklichen Flitterwochen, von

denen man gelegentlich im geheimen hört, und die unglücklichen Frauen,

deren verächtliche Kälte den Gatten zur Verzweiflung bringt. Dieser

Mangel an Gefühl und Mangel an Verständnis für die Bedürfnisse stärkerer

und wärmerer Naturen ist eine der tiefsten und unheilbarsten Ursachen

des Unglücks im Eheleben.

Wenn unsere Mädchen belehrt würden, das Geschlecht sei ein etwas ganz

Natürliches, dann würde das unendliche, aus der Auffassung, es sei

etwas Außergewöhnliches und Widerwärtiges, entspringende Übel

vermieden werden. Erziehen wir sie dazu, den liebenden Ehestand, die

leidenschaftliche Mutterschaft als den geeignetsten Ausdruck der

Frauennatur und die für sie erstrebenswerteste Lebensform zu betrachten.

In einem sehr interessanten, jüngst veröffentlichten Buch: »Die Frau im

Übergangsstadium« wird diese Ansicht von der Bestimmung der Frau zu

wiederholten Malen verhöhnt. Die Verfasserin, Annette B. Meakin, ist

eine Assistentin am Anthropologischen Institut und offenbar eine sehr

belesene und vielgereiste Dame. Ich will einiges zitieren: »In der

glücklichen Zukunft, wenn die höheren Frauenideale in unserer Umgebung

festen Fuß gefaßt haben werden, werden alle erkennen, gleichviel welchem

Geschlecht sie angehören, daß wir die Verräter an unserer eigenen Rasse

und an der Menschheit sind, wenn wir unqualifizierte Mutterschaft jedem

Mädchen als ihr höchstes Ideal vor Augen halten.« . . . »Die englischen

Schulvorsteherinnen betrachten es, obgleich sie oft selbst unverheiratet

sind, als ihre heiligste Pflicht, den Schülerinnen einzuimpfen, daß die

Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei, und die Schülerinnen machen

die Ehe zu ihrem höchsten Ziel, und jeder andere Erfolg im Leben muß an

zweiter Stelle stehen.« »Einige sehr brave Frauen in England sagen

unseren jungen Mädchen noch immer, daß die Mutterschaft für jede Frau

das höchste Ziel ist, ohne zu ahnen, daß die von ihnen gepredigte Lehre

in gefährlicher Weise zu jener gesetzlichen Prostitution führt, die

euphemistisch als lieblose Ehe bekannt ist, oder zu noch größeren

Übeln.« »Wie kann dem Mädchen, dem man gelehrt hat, daß die Mutterschaft

die einzige Bestimmung des Weibes ist, das Risiko wagen, sie zu

verpassen?«

Ich antworte auf diese Einwände: Natürlich wird kein vernünftiger Mensch

die unqualifizierte Mutterschaft den Mädchen als ihr höchstes Ideal

darstellen, und auch kein denkender Mensch wird glauben, daß die

Mutterschaft die einzige Bestimmung des Weibes ist. Aber was die höchste

Bestimmung, das heißt die edelste, anbetrifft, so muß ich schon sagen,

daß wenn gute Mutterschaft (und in dem Wort gut möchte ich die besten

körperlichen und geistigen Eigenschaften inbegriffen sehen, durch die

gesunde, intelligente und wohlerzogene Kinder hervorgebracht werden),

nicht das Ideal erfüllt, ich wohl wissen möchte, wodurch es erfüllt

werden kann! Als Antwort auf diese Frage, die natürlich jeder Leser

stellen muß, gibt sich Miß Meakin mit der Konstatierung zufrieden, in

Finnland und Australien, sowie in Amerika und Norwegen lehre man den

Mädchen, daß die höchste Bestimmung des Weibes von jeder Frau erreichbar

sei; daß ihre höchste Bestimmung und ihr höchstes Ideal nicht von einem

Manne abhängen solle, der daher kommen mag oder nicht, und daß es das

höchste Ideal des Weibes sei, eine echte Frau zu werden. Das ist ganz

schön, aber es ist viel zu vage, um als allgemeines Ideal der Frauen

hochgehalten zu werden. Das Ideal, das wir als erstrebenswert

hinstellen, muß enger umgrenzt sein. Was ist zum Beispiel im besonderen

eine _echte Frau_? Ich dächte, die Hauptbestandteile des Rüstzeuges

einer echten Frau wären ihre Fähigkeiten für Ehestand und Mutterschaft.

Miß Meakin tadelt die Lehrerinnen, weil sie ihren Schülerinnen die

Bedeutung der Mutterschaft mit dem Zusatz einprägen, »jeder andere

Erfolg im Leben habe an zweiter Stelle zu stehen.« »Was sollte denn nach

Ansicht der Verfasserin die erste Stelle einnehmen? Glaubt sie

ernstlich, daß der Erfolg der Frauen in Geschäften oder in der Politik,

als Gemeinderätinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Denkerinnen

von größerer Bedeutung ist als der Erfolg der Frauen als Mütter? _Ist

das möglich?_« Ich erinnere mich, daß in einem Gedicht von W. E. Henley

über die Frauenfrage eine Zeile lautet: »Und Gott im Paradiesesgarten

lachte aus vollem Halse«. Es muß heutzutage im Himmel oft schallendes

Gelächter geben, wenn die Frauenfrage auf der Erde diskutiert wird.

Dies gilt für die Ideale +in abstractum+, aber wenn wir zu den Tatsachen

kommen, muß man zugeben, daß die Folgerungen der Dame vernünftig sind.

»In einem Lande, wo es um anderthalb Millionen mehr Frauen als Männer

gibt,« konstatiert sie treffend, »ist es mehr als verrückt, jungen

Mädchen zu lehren, daß die Mutterschaft ihre höchste Bestimmung sei.

Wenn eine solche Unterweisung hartnäckig fortgesetzt wird, so wird sie

zu größeren Übeln führen, als wir aus der Entfernung beurteilen können«.

Aber was für ein größeres Übel kann es denn geben, als die Existenz von

30000 Prostituierten in London allein, wie es heutzutage der Fall ist.

Wenn man jeder dieser unglücklichen Frauen beigebracht hätte, fest wie

an einen Glaubensartikel daran zu glauben, daß die Mutterschaft ihre

höchste Bestimmung sei, dann wären weit weniger Nullen an dieser Zahl.

Miß Meakin fährt fort: »Neben den heiligen Pflichten der Mutterschaft

gibt es auch die nicht minder heiligen Pflichten der Vaterschaft;

und doch läßt der Mann diese letzteren nicht in seinen geistigen

Entwicklungsgang eingreifen.« Es ist auch gar nicht nötig, daß die

Frauen dies tun. Von der Anschauung, daß die Frau, um eine gute Gattin

und Mutter zu sein, ihre geistige Entwicklung verkümmern lassen und auf

jede Kultur verzichten müsse, ist man schon längst abgekommen.

Meiner Meinung nach entsteht das ganze Übel daraus, daß man die Mädchen

_eine_ Reihe von Schlagwörtern lehrt und die Knaben eine _andere_, wie

Stevenson sagt. Da die Frauen nicht durch sich allein Mütter werden

können, ist es nutzlos, die Mädchen zu lehren, daß die Mutterschaft ihre

höchste Bestimmung sei, wenn wir nicht auch die Knaben lehren, daß die

Vaterschaft ihre höchste Bestimmung ist, sondern ganz im Gegenteil ihnen

zu verstehen geben, daß die Ehe etwas ist, das sie vermeiden sollen,

wenigstens im Jünglingsalter.

Wenn wir alle jungen Leute _beiderlei_ Geschlechts lehren würden,

daß eine würdige Ehe und Elternschaft die höchste Bestimmung für den

Durchschnitt der Sterblichen bedeutet, und sie nach dieser Vorschrift

handelten, dann würden viele Zeitprobleme gelöst, die Anzahl

überflüssiger Frauen sehr vermindert, das soziale Übel merklich in

Abnahme, die körperliche Beschaffenheit der Rasse besser sein, und die

Geburtsziffer würde rasch steigen. Mit einem Wort, es gäbe weniger

ironisches Lachen im Himmel und viel mehr eheliches Glück und Gesundheit

auf Erden. Über die Elternschaft als ein Ideal werde ich noch mehr im

vierten Teile zu sagen haben.

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 22 / 45 题