IV. Das »Sichausleben« für Frauen

»Nichts, was zu sagen der Mühe wert ist, ist schicklich.«

_G. Bernard Shaw._

»Ich glaube nicht an die Existenz der puritanischen Frauen. Ich

glaube nicht, daß es eine Frau in der Welt gibt, die sich nicht ein

bißchen geschmeichelt fühlen würde, wenn man ihr den Hof macht. Das

eben macht die Frauen so unwiderstehlich reizend.«

_Oscar Wilde._

Sollte es irgendwelche Leser geben, deren Feinfühligkeit bei diesen

Zitaten verletzt würde, dann werden sie ergebenst gebeten -- nein es

wird ihnen befohlen -- nicht weiter zu lesen. Und sollte es welche

geben, deren Empfindlichkeit schwankt, ohne jedoch einen direkten Stoß

erlitten zu haben, dann werden sie liebevoll -- nein flehentlichst --

ersucht, einige Male das obige Zitat aus Shaws unsterblicher »Candida«

zu lesen, sich dann aufzuraffen und den Sprung zu wagen. Ich kann ihnen

versprechen, daß es nicht halb so schrecklich sein wird als sie hoffen,

ja, daß die ausgesprochene Schicklichkeit dieser Zeilen sie

wahrscheinlich bitter enttäuschen wird. -- Es ist merkwürdig genug, daß

die Frauen, obgleich sie mehr als die Männer zu heiraten bestrebt sind,

und alles in ihrer Macht stehende tun, um das zustande zu bringen,

wogegen die Männer sich oft sträuben, -- trotz allem in der Ehe

gewöhnlich am unzufriedensten sind. In den letzten Jahren ist ein

seltsamer Geist der Unruhe über die verheirateten Frauen gekommen, und

sie rebellieren häufig gegen Bedingungen, über die zu murren unseren

Großmüttern nie im Traume eingefallen wäre. Es gibt eine Menge Gründe

dafür: der eine ist, daß die Ehe die Erwartungen der Frau sehr

enttäuscht (wie ich in dem einleitenden Kapitel sagte). Ein anderer, daß

sie sich nicht _nach Frauenart_ ausleben können. Ich bitte genau die

gesperrt gedruckten Worte »nach Frauenart« zu beachten und mich

freundlichst nicht mißverstehen zu wollen. Ich bin nicht dafür, daß die

allgemein den Männern zugebilligte Freiheit auch auf die Frauen

ausgedehnt wird.

»Das Sichausleben« dieser Art, anders gesagt, ein vorehelicher

»Freiheitsrausch«, war gewiß keine Notwendigkeit für unsere Großmütter.

Aber ein gewisser, ziemlich zahlreicher Typus moderner Frauen scheint

bessere Gattinen abzugeben, wenn sie dieses Stadium hinter sich haben.

Nehmt z.B. die Fälle von Yvonne und Yvette, die ich beide persönlich

kenne. Yvette verlobte sich mit achtzehn Jahren und heiratete mit

einundzwanzig, im Alter von sechsundzwanzig Jahren war sie Mutter von

vier Kindern. Sie hatte kaum Zeit gehabt, die Jugend zu erkennen und zu

genießen, ehe ihre Mädchenhaftigkeit unter den Verantwortlichkeiten der

Ehe und der Mutterschaft erstickt wurde. Sie hatte ihren ersten Bewerber

genommen, und er war wirklich der einzige Mann, von dem sie irgend etwas

wußte. Außer ihm hatte sie nichts von den Männern oder der Welt gesehen.

Sie hat gewiß nie geflirtet oder Freunde gehabt, und keine andere

Bewunderung genossen als die ihres Bräutigams.

Mit sechsundzwanzig Jahren begann Yvette zu erkennen, daß sie um einen

sehr kostbaren Teil ihres Lebens und eine unschätzbare Erfahrung

betrogen worden war. Obzwar sie eine recht glückliche Gattin und eine

hingebungsvolle Mutter war, fühlte sie, daß sie diese Genüsse ebensosehr

wie die häuslichen Freuden hätte haben können, und diese Erkenntnis

empörte sie.

In ihr Herz schlich eine gefährliche Neugier und eine noch gefährlichere

Sehnsucht nach Abenteuern und Erregungen. Sie erkannte, daß es auch noch

andere Männer als Markus gab, die sie bewunderten, und daß sie noch eine

ganz hübsche und junge Frau war. Mit dreißig Jahren war Yvette eine

Meisterin in der Kunst der Intriguen, hatte einige gefährliche

Herzensaffären eingefädelt und hätte großen Kummer heraufbeschworen,

wenn nicht Markus ein besonders kluger, zärtlicher und verständnisvoller

Gatte gewesen wäre.

»Nicht, daß ich ihn nicht zärtlich liebe«, vertraute sie mir, als sie

sich entschloß, einen anderen Weg zu betreten, »ich möchte ihn nicht für

irgend jemand in der Welt hergeben, und du weißt, was die Kinder mir

sind, aber dennoch brauche ich auch etwas anderes, etwas Erregendes. Ich

spüre, daß ich in meinem Leben keine Lustigkeit gehabt habe, und ich

möchte mich gerne ein bißchen austoben, bevor es zu spät ist. Als ich

mich verlobte, hatte ich kaum mit jemand anderem getanzt als mit Markus,

und in den ersten vier Jahren meiner Ehe bekam ich alle achtzehn Monate

ein Kleines. Es gab nichts als kleine Kinder, das eine zu säugen, für

das Neuankommende bereit zu sein. Ich hatte ja nichts dagegen, aber die

Reaktion mußte kommen, und sie kam. Wenn ich nur dieses Erregende und

die Heiterkeit und den Zauber zuerst hätte haben können und dann mit

ungefähr fünfundzwanzig Jahren geheiratet hätte, dann wäre ich ganz

zufrieden geworden wie Yvonne.«

Yvonne hatte sichs wohl besser eingerichtet. Das Schicksal bewahrte sie

davor, sich zu früh zu verlieben. Sie hatte immer eine Schar von

Verehrern und konnte so die Macht ihrer Weiblichkeit vollauf genießen.

Sie reiste, schloß wunderbare Freundschaften mit beiden Geschlechtern,

lernte die Welt kennen und bildete sich eine Weltanschauung. Als sie mit

neunundzwanzig Jahren heiratete, hatte sie genug von den anderen Männern

gesehen, um zu wissen, welchen Mann sie für sich brauchte, und genug

Erregung gehabt, um den Frieden und die Ruhe in der Ehe zu schätzen.

Die Geheimnisse vieler Frauen lasten schwer auf meiner Seele, während

ich dies schreibe, und so manche Frau, die ernsten Anlaß zu

Gewissensbissen hat, vertraute mir, daß nur diese verhängnisvolle

Sehnsucht nach Erregung ursprünglich ihr Verderben verursachte. Ich

werde meinen Sohn lehren, ja nur eine Frau zu heiraten, die die Periode

des »Sichauslebens« hinter sich hat oder eine von jenem altmodischen

Typus, die das »Sichausleben« nicht braucht. Bei dem modernen

Temperament muß es früher oder später kommen, und wie weit das moderne

Temperament sich entwickelt haben wird, bis der Sohn meines Sohnes

heiratsfähig ist, das wissen die ironischen Götter allein!

Junggesellen, merkt es Euch. Eine Frau der Neuzeit, die in der halben

Welt herumgekommen ist und so manches erlebt hat, wird eine viel bessere

Gattin, eine liebevollere Freundin und ein treuerer Gefährte sein, als

jene Mädchen, die einander so ziemlich gleichen, deren erste Erfahrung

Ihr seid und die enorme Ansprüche an Eure Liebe und Geduld stellen. Ihr

werdet vielleicht sogar ein auf Romanlektüre gegründetes Ideal

verwirklichen müssen, und das wird Euch sehr lästig fallen, liebe

Freunde! Die erfahrene Frau kennt die Männer gründlich, sie erwartet

nicht mehr von Euch, als Ihr ihr geben könnt. Sie wird Eure Tugenden

aufs Höchste schätzen und sich so gut als möglich mit Euren Untugenden

abfinden. »Aber sie hat so schrecklich geflirtet«, sagt Ihr. Gut. Um so

besser. Dann ist es wahrscheinlicher, daß sie es nach der Verheiratung

nicht tun wird. »Aber zum Teufel mit allem anderen -- sie ist von

anderen Männern geküßt worden«, wendet Ihr ein. Ganz gut, dann hat sie

kein Bedürfnis nach weiteren Erfahrungen dieser Art und wird ihre Lippen

nie wieder einem anderen Mann bieten, sobald sie die Eure geworden ist.

»Wie können Sie dessen sicher sein?« »Ja, das gehört zu dem großen

Risiko der Ehe. Wie kann denn _sie_ sicher sein, daß _Ihr_ euer letztes

Verhältnis hattet?« . . . Oh, mein Lieber, Ihr macht mich wirklich böse;

um Himmelswillen, trachtet von den konventionellen Vorstellungen von

Recht und Unrecht loszukommen. Beurteilt einmal die Dinge für Euch

selbst und sagen wir, wie sie auf dem Boden eines speienden Vulkans

erscheinen würden! . . . Alle Dinge, um derentwillen wir so viel

Aufhebens machen, würden zweifelsohne rasch in ihrem wahren Lichte

erscheinen, wenn wir sie von dieser gefährlichen Lage aus betrachteten.

Und selbst in den traurigen Fällen, wo eine Frau wirklich im

_männlichen_ Sinne des Wortes »sich ausgelebt« hat, wie anders würden

uns die kleinen sittlichen Regeln und Gesetze, die wir für solche

Gelegenheiten bereithalten, angesichts eines plötzlichen, gewaltsamen

Todes erscheinen! Ich hörte vor kurzem folgende sehr traurige

Geschichte. Ein Mann war knapp dem Ertrinkungstode entronnen, kurz

nachdem er seine Verlobung mit einem von ihm aufrichtig geliebten

Mädchen rückgängig gemacht hatte, als sie ihm gestand, daß sie vor

vielen Jahren den Bestürmungen eines leidenschaftlichen Liebhabers

einmal nachgegeben hatte. Ich weiß nicht, was er in dem schrecklichen

Augenblick empfunden hat, als das Wasser über ihm zusammenschlug und er

jenes entsetzliche Ringen nach Luft durchmachte, das von jenen, die es

kennen lernten, als die fürchterlichste Empfindung geschildert wird.

Augenscheinlich fielen ihm durch den Umstand, daß er mit knapper Not dem

Tode entronnen war, die Schuppen von den Augen, und er befreite sich von

der konventionellen Meinung, die ihn bis dahin geblendet hatte. Anstatt

sich als einen tief gekränkten Mann zu betrachten, erkannte er, daß er

sich gegen das unglückliche Mädchen schrecklich benommen hatte, und sie

auf diese Weise durch sein Geschlecht doppelt gekränkt worden war. Er

suchte sie auf und bat sie, ihn wieder anzunehmen, aber sie war eine zu

gescheite Frau und weigerte sich, sich einem Manne von so engen

Ansichten und so hartem Urteil anzuvertrauen.

Diese Behandlung steigerte seine Liebe natürlich ins Tausendfache. Sie

quälte ihn Tag und Nacht und zum Schluß gewannen seine verzweifelten

Bitten die Oberhand, und sie gab nach. Ihre Ehe wurde keine glückliche,

wie man sich's denken kann. Sie hatten einander wahnsinnig geliebt, und

das Gespenst dieser erloschenen Leidenschaft reckte sich unsichtbar

zwischen ihnen empor und vergiftete ihre Freude aneinander. Nach einer

Zeit verfiel die Frau in tiefe Melancholie und ließ sich von einer

geringfügigen Krankheit so überwinden, daß sie daran starb.

Als sie starb, soll sie zu ihrer treuen Freundin gesagt haben: »Wenn du

je einer anderen Frau begegnest, die einen kleinen Fehltritt begangen

hat -- etwas, was ihr damals so natürlich und unvermeidlich erschien,

daß es gar keine Sünde war -- dann sage ihr, daß sie es nie, _nie_ dem

Manne, den sie heiraten wird, gestehen soll, am allerwenigsten, wenn sie

ihn liebt. Wenn das Geständnis sie nicht ganz trennt, dann wird es immer

zwischen ihnen sein. Man legt es ab in dem Bestreben, aufrichtig zu

sein, aber es ist der schrecklichste Irrtum, den eine Frau begehen

kann.«

Ihr Bestreben, aufrichtig zu sein, hatte diese arme Frau nicht nur das

Glück ihres ganzen Lebens und ihr Leben selbst gekostet, sondern auch

das Glück des geliebten Mannes, in dessen Interesse sie das so schwere

Geständnis gemacht hatte. »Wie teuer habe ich es bezahlt! Wie teuer habe

ich es bezahlt!« pflegte sie immer und immer wieder während ihrer

letzten Krankheit zu sagen.

Das ist eine völlig wahre Geschichte, und es scheint mir eine schreiende

Ungerechtigkeit, daß eine Frau so bitter für das leiden muß, was bei

einem Manne gar nicht beachtet würde. Ich bin sicher, daß es viele

ähnliche Fälle gibt, und ich erkläre nachdrücklichst, daß solche

Geständnisse schädlich sind. Der konventionell denkende, in solche

Umstände versetzte Mann würde entweder eine Frau stehen lassen oder sie

gegen seine Überzeugung heiraten. Das außergewöhnliche männliche

Sittengesetz, das aus verschiedenen Gründen über mein weibliches

Fassungsvermögen geht, erkennt nicht an, daß ein Mädchen, das einen

Geliebten hatte, oder auch nur einen Fehltritt machte, geeignet ist,

geheiratet zu werden, und trotzdem hätte kein Mann etwas dagegen, eine

Witwe zu heiraten und sehr viele Männer heiraten auch geschiedene

Frauen.

Selbst, wenn es sich um einen selten großmütigen, einsichtigen und

verständigen Mann handelt, der das Vergehen richtig einschätzt, würde

eine Kenntnis desselben nur störend wirken und eine Quelle von

Unsicherheit für das eheliche Glück bilden. Mit einem Wort: das

Geständnis kann von keinerlei Nutzen sein und die Erleichterung, welche

es, gemäß dem Sprichwort, dem Sünder verschaffen soll, würde um einen

sehr hohen Preis erkauft sein.

»Aber zwei ungerechte Handlungen können nicht eine gerechte

hervorbringen, und es kann gewiß für eine Frau nicht das Rechte sein,

den Mann über einen so ausschlaggebenden Punkt zu täuschen«, wird

der strenge Moralist ausrufen. Möglicherweise nicht, nach dem

streng-idealistischen Standpunkt der Ethik; aber vom höheren Standpunkt

des Lebens und des gesunden Menschenverstandes aus gesehen erscheint

diese Täuschung nur ratsam. Und seien Sie sicher, mein verdrießlicher

Moralist (denn ich bin sicher, daß Sie ein verdrießlicher Mensch sind),

daß die Sünderin nicht so leichten Kaufes davon kommen wird, wie Sie es

zu fürchten scheinen. So mancher Stich wird ihr zuteil werden, denn die

Erinnerung ist ein starkes Gift, und jeder Ausdruck der Liebe und des

Vertrauens ihres Mannes wird für sie seinen eigenen Stachel haben,

während die runden unschuldigen Augen der sie vergötternden kleinen

Kinder, für die sie ein Wesen ist, das nie unrecht tun kann, die

geeignete Strafe für ein noch weit größeres Vergehen sein würde. Der

Mann dagegen wird aller Wahrscheinlichkeit nach durch das Schweigen der

Frau nur gewinnen; denn er ist ihr gewiß doppelt teuer, eben weil der

erste Mann sie schlecht behandelte, und sie wird vielleicht eine bessere

Gattin, eine stärkere und sanftere Frau, eine tüchtigere Mutter sein,

eben wegen der Leiden, die sie durchgemacht hat.

Hoffentlich werden wir nun übelwollende Dummköpfe nicht die

verderbenbringende Lehre unterschieben, daß eine Frau mit einer

Vergangenheit die beste Gattin sei. Ich bin nur der Ansicht, daß eine

brave Frau, die sich einem stürmischen Liebhaber ergeben hat und nachher

von ihm verlassen worden ist, notwendigerweise soviel durchgemacht hat,

daß ihr Charakter dadurch vertieft und ihre Fähigkeit, treu zu lieben,

gesteigert wurde. Und eine andere als wahr erkannte Tatsache ist es, daß

es seelischer Leiden bedarf, um die besten Eigenschaften der Frauen zur

Blüte zu bringen.

Auch die Männer sollten die Einzelheiten ihrer Periode des

»Sichauslebens« streng für sich behalten. Im Eheleben muß es Geheimnisse

geben, und die glücklichsten Paare sind jene, die sie zu hüten wissen.

Ein sehr gutes Motto für junge Verlobte wäre das des Tom Broadbent in

John Bulls »Die andere Insel«: »Erzählen wir uns nichts; vollkommenes

Vertrauen, aber keine Erzählungen aus der Vergangenheit; so vermeidet

man am besten Mißhelligkeiten!«

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 21 / 45 题