VI. »Und wahre ihr die eheliche Treue« -- der wunde Punkt in der Ehe

»Wir vergöttern die Männer und sie verlassen uns; andere behandeln

sie wie die Hunde und sie kriechen ihnen nach und sind treu.«

_Oscar Wilde._

»Und wahre ihr die eheliche Treue, so lange ihr lebet.« Wie viele Männer

haben dieses vielversprechende Gelübde mit dem ernsten Vorsatz abgelegt,

es zu halten? Zur Beantwortung dieser Frage stehen mir keine Daten zur

Verfügung, aber mein Glaube an die Vorherrschaft des Guten in der

menschlichen Natur ist groß genug, um anzunehmen daß die meisten Leute

mit dem Vorsatz, treu zu bleiben, die Ehe beginnen. Dieser Glaube wurde

nicht einmal durch den Schrecken erschüttert, den mir die Bemerkung

einer sehr modernen Braut verursachte: »Max sagt, er kann mir's nicht

versprechen, treu zu bleiben, aber er wird sein möglichstes tun.« Diese

erstaunliche Genügsamkeit war wohl geeignet, wenn nicht Bewunderung, so

doch Verwunderung zu erregen.

Schopenhauer behauptet, daß »die eheliche Treue bei Männern künstlich,

bei Frauen natürlich« ist. Den Berichten der Ehegerichtshöfe nach zu

urteilen, scheint sich dieser natürliche weibliche Zug einigermaßen

abgeschwächt zu haben, da diese Ansicht vor mehr als 60 Jahren geäußert

wurde. Dem Gesellschaftschroniqueur aus eigenen Gnaden zufolge gibt es

»im Westend in London haufenweise gebrochene Gelübde«.

Es ist gefährlich, bei so einem Gegenstand zu verallgemeinern, aber da

die Leute der Versuchung weit seltener widerstehen, als die Ethiker es

annehmen, kann man wohl sicher behaupten, daß, wenn die Männer treu

sind, sie es hauptsächlich aus Mangel an Gelegenheit, anders zu sein,

sind, oder weil sie keine Anlage dazu haben. Dies mag jene meiner

Leserinnen verstimmen, die nicht mit Prof. Lester _Ward_ anerkennen

wollen, »daß der Mann ein _ausschließlich polygamer Zweifüßler ist_«;

aber die in den traurigen Dingen des Lebens Erfahreneren werden die

Wahrheit dieser Behauptung zugeben. Es geschieht andererseits, wenn eine

Frau die eheliche Treue bricht, selten bloß aus leichtfertigen oder

gewinnsüchtigen Ursachen, sondern fast immer, weil sie in dem Bann eines

anderen Mannes steht oder äußerst unglücklich in der Ehe ist und in der

Betäubung durch irgendeine Liebelei Vergessen und Gleichgültigkeit

sucht. Vielleicht wird der höchste Richter, der gnadenreicher ist als

die Menschen, diese beiden Ursachen als Entschuldigung gelten lassen und

den Sünderinnen verzeihen, die viel geliebt und viel gelitten haben.

Ein Doktor, der sich für das Studium der sozialen Fragen sehr

interessierte, zeigte mir eine interessante Statistik über diesen

Gegenstand. Von 76 aufs Geratewohl aus der Liste seiner Bekannten

herausgegriffenen Männern waren 14 kinderlos und mit Ausnahme von zweien

waren alle viel glücklicher als die meisten Männer und gaben ihren

Frauen keine Ursache zur Eifersucht. Dieser hohe Prozentsatz von

glücklichen, wenn auch kinderlosen Ehen ist seltsam, und ich kann ihn

mir nicht erklären. Die übrigen 62 hatten alle Familie. Fünf liebten

ihre Frauen sehr, jedoch nicht treu, zwei lebten nebenbei mit anderen

Frauen, drei andere waren unglücklich verheiratet und stritten

fortwährend und erbittert, über zwei weitere war mein Freund im Zweifel,

ein anderer mochte seine Frau nicht, war jedoch zu beschäftigt, um sich

nach anderen Frauen umzusehen, die übrigen 49 waren verhältnismäßig

glücklich und treu: »die meisten von ihnen entgehen irgendeiner

stärkeren Versuchung durch ein arbeitsreiches und regelmäßiges Leben«,

fügte der Doktor hinzu, »und jene, die besonders empfänglich für das

schönere Geschlecht und seine Reize sind, haben schon genug Liebeleien

hinter sich, um noch welche außerhalb des Heims zu verlangen.« Ich

vermute, daß diese letztere Ursache bei einer großen Anzahl sogenannter

»Mustergatten« zutrifft.

Diese Liste kann jedoch kaum als erschöpfend betrachtet werden, da sie

nur zwei Schauspieler, drei Soldaten, einen Seemann und keinen

Börsenmenschen enthielt, vier Klassen, in denen die unbeständigen

Ehegatten besonders zahlreich sind. Die Lebensbedingungen eines

Schauspielers veranlassen ihn offenkundig zur Untreue; die ungesunde

Erregung und die abwechselnde Niedergeschlagenheit im Leben eines

Börsenmenschen dürften dieselbe Wirkung haben; Angehörige des Militärs

werden im allgemeinen für weniger treu gehalten als andere Ehemänner,

aber wenn die Geschäfts- und Gewerbsleute dieselbe leichte Gelegenheit

und Versuchung hätten und einem ähnlichen Ausmaß von Muße und Perioden

langer Trennung von ihren Frauen ausgesetzt wären, dann würden sie sich

als ebenso untreu erweisen, wie man es von den Vaterlandsverteidigern

annimmt. Die Liste meines Freundes enthält auch kein Mitglied »der

Lebewelt«, einer Klasse, in der man tatsächlich, den Worten des Pater

Vaughan zufolge, keine treuen Ehemänner findet.

Wenn es die kleinen Dinge sind, die das eheliche Glück zerstören, so

sind es die großen, die Mann und Frau trennen, und von diesen ist die

Untreue die häufigste Ursache. Man kann sie geradezu »_den wunden Punkt

der Ehe_« nennen. Nach meinem persönlichen Dafürhalten gibt es nur drei

Fehler, um derentwillen eine Frau ihren Mann verlassen sollte:

gewalttätige Trunksucht, zeitweiser oder ständiger Verkehr mit

Angehörigen des Haushaltes, und die Einführung einer Geliebten unter das

Dach der Frau. Wo Kinder sind, sind sogar diese Gründe nicht genügend,

wenn die Frau die Kinder nicht mitnehmen kann. Für das letztgenannte

Vergehen allein konnte die Frau nach Justinianischem Gesetz die

Scheidung erlangen.

Kleine Übertretungen der ehelichen Treue von seiten eines Gatten sollte

man am besten, wie alle anderen Trübungen, philosophisch aufnehmen.

Das ist freilich leicht gesagt -- man hört oft, daß die geschlechtliche

Eifersucht die ärgste der seelischen Qualen ist. Die Männer werden

stärker von ihr befallen als die Frauen, und der Mann, dessen Frau

untreu ist, scheint ärger zu leiden, selbst wenn er sie nicht gern hat,

als die Frau im umgekehrten Fall. Der Mann wird einem sagen, daß das

daher kommt, weil seine Leidenschaften stärker sind, oder weil er die

Mutter seiner Kinder als ein Wesen betrachtet, das über der Sünde des

Fleisches steht. Wahrscheinlich ist die wirkliche Ursache die, daß der

Mann seit der »Ehe« im Garten Eden seine eigenen Wege gegangen ist, und

es übel aufnimmt, wenn er in seinen Gewohnheiten verkürzt wird. Die

Frauen können jedoch diesen Verlust leichter ertragen, da sie ja daran

gewöhnt sind, ihren Herrn mit anderen zu teilen, seit ihr Geschlecht im

Gegensatz zu dem seinen so zugenommen hat. Oder haben die Frauen keinen

angeborenen Widerstand gegen die Polygamie?

Die Welt hat sich schon an die polygamischen Triebe des Mannes gewöhnt

und sogar ihre Gesetze sind danach abgefaßt. In den Romanen verursacht

die Entdeckung der Untreue eines Ehegatten immer einen vollständigen

Umsturz. Dem Leser werden seitenlang wahnsinnige Szenen aufgetischt; die

Frau verliert beinahe den Verstand; ihre Freunde und Verwandten sitzen

in düsterem Familienrat beisammen und besprechen, »was zu geschehen

hat«; die Neuigkeit wird in die Welt hinausposaunt, und niemand würdigt

den abgetanen Ehemann auch nur eines Blickes.

Aber in Wirklichkeit behalten die Frauen diese Tragödien schön

für sich und ertragen sie mit merkwürdiger Ruhe und Gelassenheit.

Glücklicherweise hat selten ein Mann so wenig Weltklugheit, um zu

erlauben, daß seine Frau seine Untreue bekannt macht, und in der Regel

würde eine Frau lieber sterben, als der Welt eine solche Wunde zu

zeigen. Die Last von der Untreue eines Ehegatten wird oft jahrelang

schweigend mit lächelnder Miene und erhobenen Hauptes von so mancher

Frau getragen, die zu stolz ist, um sich einzugestehen, daß sie ihren

Mann nicht zu fesseln vermag. Erst wenn die Jahre sie an die Demütigung

gewöhnt und ihrem Kummer den Stachel genommen haben, gönnt sie sich die

Erleichterung des Sichanvertrauens.

Wenige Frauen können verstehen, warum ein Gatte, obgleich er seine Frau

gern hat und ihr treu bleibt, doch irgendwo anders das sucht, was sie

ihm in seinen Augen nicht mehr bieten kann. Aber diejenige, die das

Leben gut genug kennt, um das zu verstehen, weiß auch, daß ihr Teil das

bessere ist, daß sie im Leben ihres Mannes der Kern und die Triebfeder

ist, die noch lange bestehen bleiben, wenn seine zeitweiligen verliebten

Tollheiten längst zu Asche gebrannt sind.

Nichtsdestoweniger ist vielleicht nach dem Worte »allein« das Wort

»_untreu_« das traurigste und schrecklichste der menschlichen Sprache.

Man kann es sich in flammenden Lettern über den Toren der Hölle

unzählige Male geschrieben denken . . . »Untreu, Untreu . . .!«

Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll · 第 23 / 45 题