»Das Merkwürdige für mich ist nicht, daß so viele Leute
unverheiratet bleiben, sondern, daß sich so viele in die Ehe
stürzen, wie sie auf eine Bahnstation losstürzen würden, um einen
Zug zu erreichen. Wenn man den falschen Zug erwischt, was dann?
Alles, was einem zum Troste bleibt, ist die Tatsache, daß man
gereist ist.«
_Robert Hichens._
Eine große Zahl unglücklicher Ehen könnte vermieden werden, wenn die
Leute das richtige Heiratsalter finden könnten. Da es bei jedem
Individuum ein andres ist, kann man unmöglich eine Regel darüber
festlegen. Manche Männer sind imstande, mit zweiundzwanzig Jahren eine
gute Wahl zu treffen, andere wieder kennen sich selbst nicht einmal,
wenn sie doppelt so alt sind. Manche Mädchen sind schon unter zwanzig
Jahren für den Ehestand und die Mutterschaft geeignet, andere sind es
nie.
Im Interesse der abstrakten Moral sind frühe Heiraten wünschenswert, und
in England tut das Gesetz alles, was es nur kann, um sie zu ermuntern.
In Frankreich wird die Erhaltung der Familienautorität als hochwichtig
betrachtet, und das Gesetz versucht augenscheinlich, frühe Verbindungen
durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern, unbekümmert um
den hohen Prozentsatz der unehelichen Geburten, welche die direkte Folge
davon ist[1].
[Anmerkung 1: Im Jahre 1903 war ein Zehntel aller in Frankreich
geborenen Kinder unehelich, in Paris allein war der Prozentsatz
noch weit höher, ungefähr 1 auf 4.]
Im allgemeinen sollte keine Frau heiraten, ehe sie nicht etwas vom Leben
versteht, eine Menge Männer kennen gelernt hat, eine gewisse Kenntnis
der Physiologie und ein klares Verständnis des wirklichen Wesens der Ehe
gewonnen hat. Keine Frau sollte heiraten, ehe sie nicht den Wert des
Geldes und die Führung des Haushalts kennen gelernt hat, ehe sie nicht
genügend jugendliche Heiterkeit erfahren hat, und so vorbereitet ist für
die ernsteren Dinge des Lebens. Nicht früher ist sie geeignet, in der
Einförmigkeit der Ehe glücklich zu sein, und ihr Herz der Notwendigkeit
der Treue für einen Mann, in Gedanken ebenso sehr als in der Praxis,
anzupassen. Auch der Mann ist, im großen und ganzen genommen, nicht
geeignet, sich glücklich zu verheiraten, ehe er nicht genügend vom Leben
gesehen, sich eine Philosophie ausgearbeitet, und eine tüchtige Kenntnis
der Frauen sowie das daraus folgende Verständnis erworben hat, wie man
eine Frau glücklich macht. Das ist nicht so leicht geschehen, wie die
Männer glauben, und es verlangt Lehrzeit. Wenige Männer unter dreißig
sind geeignet, eines Weibes Hort zu sein, und der Himmel bewahre ein
Mädchen vor einem jungen Gatten, der noch ein Bengel ist. Gewiß wird sie
herrliche Augenblicke haben, denn es liegt etwas Berauschendes in der
Glut sehr junger Herzen, und darum finden wir die Ehen zwischen
Jünglingen und ganz jungen Mädchen so reizend -- in der Theorie.
Manchmal, wenn es sich um ein Ausnahmspaar handelt, das besonders gut
zueinander paßt, ist so eine Ehe auch wirklich reizend, und dann ist es
die schönste Ehe, die man sich denken kann: zwei junge Leute, Hand in
Hand die Lebensreise antretend, tapfer, liebend, von den höchsten
Hoffnungen geschwellt. Aber gewöhnlich ist die Herrlichkeit nur auf
Augenblicke beschränkt; junge Mädchen sind zumeist seicht und
leichtfertig. Sehr junge Männer sind oft schrecklich egoistisch und
rücksichtslos. Sie sind so stolz darauf, der einzige Besitzer eines
reizvollen Weibes zu sein, daß ihre Einbildung, die immer groß ist, zu
ungeheuerlichen Proportionen anschwillt, und sie einfach unerträglich
werden. Wenn für das junge Paar trübe Tage kommen sollten, hat der
knabenhafte Gatte keine Philosophie, um sich aufrecht zu erhalten, keine
Kenntnis der Frauen, die ihn befähigen könnte, seine Frau zu verstehen
und mit ihr glücklich zu leben, und nicht genug Selbstbeherrschung, um
ihr zu helfen. Sie hat dieselben Fehler der Jugend, und das Resultat ist
das Fehlschlagen der Ehe. Stevenson drückt das sehr gut wie folgt aus:
»In die Schule könnt ihr gut mit bloßen Hoffnungen gehen, aber bevor ihr
heiratet, solltet ihr Euch die vielfältigen Lehren, die das Leben gibt,
angeeignet haben.« Andererseits sagt Grant Allen, »daß die besten Männer
sozusagen verheiratet auf die Welt kommen«, und daß nur der egoistische,
niedrige und berechnende Mann mit dem Heiraten wartet, bis er eine Frau
erhalten kann. »Diese gemeine Phrase bemäntelt kaum verborgene Untiefen
von Sittenverderbnis«, fährt er fort. »Der richtige Mann klügelt nicht
mit sich selbst über alle diese Dinge. Er sagt nicht mit selbstsüchtiger
Kälte: 'Ich kann eine Frau nicht erhalten' oder: 'Wenn ich heirate,
verderbe ich mir die ganze Zukunft'; er fühlt und handelt. Er paart sich
wie der Vogel, weil er nicht anders kann.«
Ich muß sagen, daß jene jungen Männer, die nicht denken, sondern nur
fühlen und handeln, meiner Ansicht nach kaum zum höchsten Typus gehören,
und daß, wenn es allgemein als Zeichen edler Natur anerkannt würde, sich
zu paaren wie die Vögel, die Adelsnaturen gewiß viel weniger selten
wären, als sie es heutzutage sind.