»Man mag sagen, was man will: der Mann, der der Ehe ausweicht, ist
ähnlich demjenigen, der vor der Schlacht davonläuft.«
_R. L. Stevenson._
Wir haben über jene Typen von Ehen gesprochen, die von Anbeginn mehr
oder weniger zum Mißraten verurteilt sind, und kommen jetzt zu den
Ursachen, warum so viele Ehen unglücklich werden, bei denen
augenscheinlich alle äußeren Umstände glücklich waren.
Ich glaube, es war Sokrates, der sagte: »Ob ihr heiratet oder nicht
heiratet, ihr werdet es bereuen.« Die Leute, die behaupten, daß die Ehe
ein Mißgriff ist, scheinen aus den Augen zu verlieren, daß diese Form
des Geschlechtslebens nicht des Glückes halber eingerichtet wurde,
sondern um die Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen, und solange
diese Bedürfnisse durch die Ehe befriedigt werden, muß die Institution
als erfolgreich betrachtet werden, wie unglücklich auch viele
Verheiratete sein mögen.
Wenn die Gründe, »warum Mann und Frau auseinandergeraten« erschöpfend
behandelt werden sollten, dann würde dieser Gegenstand einige hundert
riesenhafte Bände füllen, ich glaube, eine ganze Bibliothek könnte mit
Büchern über dieses Kapitel gefüllt werden. Seit Adam und Eva eine
Auseinandersetzung über ihr Dessert hatten, haben Männer und Frauen
immer gestritten und der demütige Philosoph, der sagte, daß »gewisse
Leute so erbittert und regelmäßig stritten wie Mann und Frau,« beschrieb
nur einen Zustand, den die Gewohnheit ihm vertraut gemacht hatte.
Wie überhaupt im Leben, kommt es auch in der Ehe auf die kleinen Dinge
an, und das gebrechliche Schiff ehelichen Glücks scheitert hauptsächlich
an den unbedeutenden, kaum sichtbaren Felsen, an der kleinlichen
Eifersucht, dem unscheinbaren Ableugnen, den kleinen Aufregungen, den
kleinen Launen, den kleinen beißenden Worten, die nach und nach so viele
kleine Löcher in die Steuerung bohren, daß zum Schluß ein nicht mehr gut
zu machendes Leck entstanden ist, und das Schiff beim nächsten Sturm
scheitert. Die großen Hindernisse verursachen einen größeren Krach, wenn
man auf sie stößt, aber man kann sie von weitem sehen und glücklich an
ihnen vorbeikommen.
Ein unglücklicher Ehemann, bei dem es gerade zur Trennung kommen
sollte, (obzwar er zu jenen gehört, die aus »wahnsinniger Liebe«
geheiratet hatten) vertraute mir einst an, daß die erbittertsten und
fürchterlichsten Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Frau immer wegen
einer äußerst kleinlichen Ursache begonnen hatten, gewöhnlich, weil er
ihre Kleider nicht bewunderte! Kann etwas kläglicher und abgeschmackter
sein! »Warum«, fragte ich ihn, »wenn es Ihnen so darum zu tun ist, den
Frieden aufrecht zu erhalten, wagen Sie denn irgend eine Kritik an den
Kleidern?« »Oh, ich gebe ja nie eine ab,« war die Antwort. »Sie fragt
mich um mein Urteil über ein neues Kleid, zum Beispiel, und wird böse,
wenn es abfällig ist. Dann werde ich natürlich auch böse, ich bin ja
kein Heiliger, und gleich kommt es zu Beschimpfungen und Worten, die wie
Hiebe sitzen. Dann drücke ich mich für ein paar Tage, und dann ist
natürlich der Teufel los, wenn ich wieder heimkomme, und es beginnt von
neuem. Sehen Sie, der jetzige Streit hat ungefähr fünf Wochen gedauert,
und im Anfang war es einfach nur deshalb, weil ich sagte, die
Straußfeder auf ihrem Hute gefalle mir nicht!«
Noch ein Beispiel. Ich traf einst bei einem Rennen eine Schulfreundin,
die ich seit langem aus den Augen verloren hatte, das letztemal als
liebende und geliebte jung verheiratete Frau sah. Jetzt war sie sehr
verändert und hatte harte und hagere Züge. Ich fragte nach dem Mann, der
mir als strahlender Bräutigam in Erinnerung war.
»Oh, er ist den Weg aller Gatten gegangen,« sagte sie mit einem Seufzer.
»Er ist Lebemann geworden, meine Liebe.«
»Was Sie nicht sagen!« rief ich erschrocken und bekümmert.
»Ja, er hat sich zum Lebemann herausgebildet und das hat unsere Liebe
zugrunde gerichtet,« war die zynische Antwort.
Es war allerdings so. Treue und Magenverstimmungen vertragen sich
schlecht miteinander, und der Gatte meiner Freundin hatte sich eine
gefährliche Fertigkeit angeeignet, sein Mittagessen ins Feuer zu werfen,
wenn es ihm nicht schmeckte, eine allerdings das häusliche Glück nicht
fördernde Gewohnheit.
Die Kost ist wirklich eine der Hauptquellen von Reibungen in der Ehe. Es
klingt possenhaft, aber ich meine es ganz im Ernst. Die Kost, ihre
Anordnung und Zubereitung und die daraus erwachsenden Kosten bedeuten
eine der größten Tragödien im Dasein einer Frau. Die Zeit, die alles
heilt, stumpft Gott sei Dank auch die Heftigkeit dieser Pein ab, und
Matronen von ungefähr fünfzig Jahren sind imstande, der täglichen Bürde
der Abfassung des Speisezettels mit einer gewissen Gleichgültigkeit
entgegenzutreten. Aber für eine Frau, welche das kritische Alter noch
nicht erreicht hat, das man charakteristischerweise mit der Bemerkung:
»hm, gerade so alt wie alle andern, nämlich fünfunddreißig« bezeichnet,
ist dieser Faktor das größte Kreuz, während so mancher Braut die erste
Zeit der jungen Ehe durch die schreckliche und stets wieder neu
erstehende Notwendigkeit, die richtige Kost für ihren Lebensgefährten zu
finden, total verdorben wurde. Die Männer machen sich lustig über die
Frauen, weil ihr Lunch, wenn sie allein sind, oft aus einer Schale Tee
und einem Ei besteht, aber die Frauen haben einen so angeborenen Haß
gegen das Anschaffen, den sie wohl von einer langen Linie leidender
weiblicher Vorfahren ererbt haben müssen, daß die meisten von ihnen
lieber ganz vergnügt bis zum Ende ihrer Tage von Tee und Butterbrot
leben möchten, als täglich der Notwendigkeit ins Auge zu sehen, über
einen Speisezettel nachzudenken. Aus diesem Grunde glaube ich, daß
vegetarianische Gatten besonders begehrenswert sind, da das Grundprinzip
der Ernährungsreform die Einfachheit ist. Jene, welche darauf eingehen,
erwerben eine ganz neue Anschauung von der Bedeutung der Ernährung und
sind rührend leicht zufrieden zu stellen. Ich kenne eine Frau, deren
Mann Vegetarier ist, und sie erklärte, daß die Ernährungsfrage, die
einen so zerstörenden Faktor in den meisten Häusern bildet, ihr nie auch
eine einzige Träne, ein Stirnrunzeln, ein böses Wort oder einen Wink
eingebracht hätte. Sie versicherte mir, daß ihr Mann zum Frühstück mit
einer Banane, zum zweiten Frühstück mit einem Kopf Salat, zum
Mittagessen mit einer Dattel und zum Abendessen mit einer gesalzenen
Mandel ganz zufrieden sein würde. Als das Haus aus Anlaß einer großen
Abendgesellschaft auf den Kopf gestellt wurde und es nicht möglich war,
das gewöhnliche Mittagessen zu bereiten, da aß dieser Engel von einem
Gatten im Badezimmer Käsebrödchen anstatt des Mittagessens und war noch
dazu sehr entzückt davon. Ich konnte es zuerst kaum glauben, aber es
soll tatsächlich so gewesen sein.
Unter den vielen niedrigen Ursachen der Reibung in der Ehe bildet die
verschiedene Empfindlichkeit gegen Temperaturen ganz gewiß eine sehr
reiche Quelle von Zwistigkeiten. Wenn der eine bei offenem Fenster
zusammenschaudert und der andere ein Freiluftfanatiker ist und nicht
atmen kann, wenn es geschlossen ist, dann ist eine Kette von
Unglücksmöglichkeiten die Folge davon. Ich glaube, es war Napoleons
zweite Frau, Marie Louise, die sich, wenn sie wollte, ihren Gatten
fernhalten konnte, bloß dadurch, daß sie ihre Gemächer kalt hielt. Dem
großen Mann war es nur gemütlich in einem sehr heißen Zimmer mit einem
flackernden Kaminfeuer.
Der Mangel an Humor, etwas sehr Bedauerliches, ist noch eines jener
winzigen Felsenriffe, an denen das eheliche Glück so oft scheitert. Das
ist ganz natürlich, denn die Abwesenheit dieser unschätzbaren
Eigenschaft gehört zu den ärgsten Entbehrungen eines Reisenden auf der
Fahrt durch das Leben. Unter den Männern ist die Überzeugung verbreitet,
daß alle Frauen unter diesem Mangel leiden, aber ich glaube, wir können
es uns leisten, ihnen diese Täuschung zu belassen, da sie ihnen so viel
Befriedigung bereitet. Ich hatte einmal einen journalistischen Freund
mit einer schrecklich unverdaulichen und außergewöhnlich betrübenden
literarischen Gewohnheit. Dieser arme Teufel bildete sich ein, ein
Humorist zu sein, und ich mußte oft das Vorlesen vieler Seiten voll
trostloser und mühseligster Scherze über mich ergehen lassen, die er für
ein Blendwerk an Witz und Geist hielt. Mein geduldiges, langmütiges
Zuhören verschaffte meinem obgesagten mangelhaften Verständnis für Humor
nur bitteren Hohn, aber meine Kritik inspirierte den jungen Mann zur
Abfassung eines zynischen Artikels über »die Frauen und den Humor«,
eines Artikels von jener Sorte, an der die Verleger -- da sie Männer
sind -- Gefallen finden und daher schweres Geld dafür bezahlen.
Tatsache ist, daß das, was die Männer zumeist unterhält, die Frauen
langweilt und umgekehrt. Aber es ist gewiß unlogisch, daraus abzuleiten,
daß der Sinn für Humor bei den Frauen geringer ist als bei den Männern,
oder daß er gar nicht besteht. Da jedoch diese scheinbar so unbedeutende
Sache von solcher Bedeutung im ganzen Leben ist, gleichviel ob es in
einem Palast, in einem Kloster, in einer Villa oder einem Arbeiterhaus
dahinfließt, so glaube ich, eine Frau täte gut daran, Heiterkeit zu
heucheln, wenn sie keine fühlt, mit ihrem Herrn und Gebieter zu lachen,
selbst wenn sie die Pointe nicht versteht und sich nichts daraus zu
machen, wenn er nicht mit ihr lacht.
Die Leute, die über die Ehe geschrieben haben, scheinen diesem wichtigen
Punkt keine Bedeutung beigemessen zu haben. Stevenson bildet eine
Ausnahme, er sagt: »Wenn die Leute über denselben Spaß lachen oder so
manchen alten Scherz gemeinsam haben, der durch die Zeit nicht verblaßt
und die Gewohnheit nicht flau wird, so wird das -- mit Verlaub gesagt --
eine bessere Vorbereitung für das gemeinschaftliche Leben sein, als so
manche Dinge, die in der Welt einen edleren Klang haben. Man kann, wenn
man will, Kant für sich allein lesen, aber einen Scherz muß man mit
jemandem teilen.«
Und wirklich bildet ein gemeinschaftlicher Scherz, eine alte Anspielung,
über die beide zu lachen gewohnt sind, ein mächtigeres Band als so
manches tiefere Gefühl. Man erinnert sich an diese Kleinigkeiten noch
lange, nachdem man die ergreifendsten Augenblicke der Leidenschaft, den
atemraubenden Herzschlag und die stürmischen Umarmungen vergessen hat,
die einst unsterbliche Erinnerungen zu geben versprachen. Alles, alles
ist vergessen, aber der dumme kleine Spaß hat noch immer die Macht,
Tränen in unsere Augen zu locken, wenn der eine, mit dem wir den Scherz
durchlebt haben, für immer dahin ist.
Eine Menge Leute sind unglücklich, die mit einem anderen Gefährten oder
einer anderen Gefährtin ganz glücklich geworden wären. »In der
Ungleichheit der Temperamente liegt die Hauptursache des Unglücks in der
Ehe. Mangelnde Harmonie der Geschmacksrichtungen macht viel aus, aber
das Nichtzusammenpassen des Temperaments noch mehr«. Manches Paar paßt
so lächerlich schlecht zusammen, daß man sich wundert, wie sie je davon
geträumt haben können, das Glück beieinander zu finden. Daran sind
wieder zumeist die unsinnigen konventionellen Sitten schuld, die das
gegenseitige Kennenlernen der ledigen Männer und Frauen so sehr
erschweren. Es ist jedoch in dieser Hinsicht während der letzten zehn
oder zwanzig Jahre um soviel besser geworden, daß wir nicht murren
sollten; aber selbst jetzt, wenn ein Mann dem Beisammensein mit einem
Mädchen den entschiedenen Vorzug gibt, wird sein Name in einer Weise mit
dem ihren verknüpft, die einen jungen, aller Eheabsicht ermangelnden
Mann in Unruhe zu versetzen geeignet ist. Jene Reliquie aus alten
Zeiten, der nach den »ernsten Absichten« fragende Verwandte, ist
durchaus nicht ausgestorben, und so manche vielversprechende
Freundschaften, die vielleicht in einer glücklichen Ehe geendet hätten,
sind durch das plumpe Eingreifen dieses barbarischen Verwandten
verdorben worden.
Ein mir befreundeter Rechtsanwalt -- nennen wir ihn Anthony -- versuchte
einst aus Berufsrücksichten, sich einem töchterreichen Gerichtsrat
angenehm zu machen. Da er sehr schlau war, wählte er für seine
Aufmerksamkeiten eines der Mädchen, die noch in der Schulstube steckten,
und entging so der Notwendigkeit, ihren ältern und heiratsfähigen
Schwestern ein besonderes Interesse zu zeigen. Sein vertrauter Verkehr
in der Familie machte gute Fortschritte, und der Vater wurde ihm ein
sehr nützlicher Chef. Jedoch entdeckte er mit der Zeit zu seinem
Mißvergnügen, daß seine kleine Freundin Amaryllis herangewachsen war und
er in der Familie als ihr besonderes Besitztum betrachtet wurde. Nun
übertrug er rasch seine Anhänglichkeit auf Aphrodite, das damals jüngste
Schulmädchen der Familie, und dadurch rettete er sich vor den
Verpflichtungen gegen Amaryllis, wahrte sich aber doch gleichzeitig die
wertvolle Freundschaft des Vaters. In einer unglaublich kurzen Zeit war
jedoch Aphrodite auch heiratsfähig, und die Familie erwartete
neuerdings, sich Anthony als ständiges Familienmitglied zu sichern. Er
führte wieder dasselbe Manöver aus und wählte diesmal die kleine
Andromeda, die direkt ein Kind aus der Kinderstube war. Obzwar die
Familie enttäuscht war, hegte sie noch Hoffnungen und so gingen die
Jahre friedvoll dahin, brachten einige Schwiegersöhne mit sich und eine
Menge Bonbonnièren für die harmlose Andromeda. Als jedoch auch diese
heranwuchs, fürchtete der schlaue Anthony, daß seine einträgliche
Freundschaft nun unvermeidlich ein Ende haben müsse, da die einzige
übrigbleibende Tochter schon das gefährliche Alter von fünfzehn Jahren
erreichte und überdies den unsympathischen Namen Anactoria trug.
Eine lange Freundschaft und eine kurze Verlobung sind vielleicht
die beste Zusammenstellung. Eine lange Verlobung gehört zu den
gefährlichsten Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die man sich
denken kann. Für die Frau bedeutet sie die Nachteile der Ehe ohne deren
Reiz eines ruhevollen Abschlußstadiums oder irgendwelche Vorteile der
Welt gegenüber. Für den Mann wieder bedeutet sie die Lästigkeit des
Ehejochs ohne seine Befriedigung und sein Behagen. Wirklich, für den
Mann ist eine lange Verlobung besonders hart, da der Frau wenigstens die
Last der Anordnung der Speisen und der Beschäftigung mit der
Dienerschaft erspart bleibt. So manche wahre Neigung ist schon durch die
Einschränkungen und Aufreibungen einer langen Verlobung zugrunde
gerichtet worden. So manche echte Leidenschaft ist in ihrem trüben Lauf
versandet, bis nur ein schwacher Schimmer der großen Flamme übrig blieb,
um das Eheleben zu erhellen, und Mann und Frau das Zeichen der
niedergehaltenen Glut tragen, welche unter glücklicheren Umständen zu
freudigem Genießen geführt hätte. Auch ihren Kindern fehlt es oft an
Lebenskraft, und man merkt ihnen an, daß die Glut erlosch, bevor sie
gezeugt wurden.
Ich weiß nicht, wer zuerst das Wort von der »schrecklichen Intimität des
Ehelebens« geprägt hat. Es ist gewiß ein richtiger Ausdruck, und man
möchte wissen, zu welcher Zeit der Geschichte der Menschen man begonnen
hat, diese Intimität »schrecklich« zu finden. Es klingt wie eine recht
moderne Klage, und man fühlt, daß sie nicht von unseren Großmüttern
geäußert wurde, die ihre Gatten als eine Art sichtbare Verkörperung des
Willens des Herrn betrachteten und dementsprechend verehrten. Es würde
ihnen nie beigekommen sein, das lästig zu finden, was Mrs. Lynn Linton
die »enge Stubenabgeschlossenheit des englischen Heims« nennt.
Es ist viel über die Herabwürdigung der Liebe durch die Gewohnheit
gesprochen worden, und Alexander Dumas beurteilt die ganze Frage
erschöpfend in einem kristallklaren Satz: »Wo in der Ehe Liebe ist,
tötet die Gewohnheit sie; doch wo keine ist, da ruft sie sie wach.« Das
ist durch und durch wahr und für jede Leidenschaft, welche die
Gewohnheit ertötet hat, hat sie wohl umsomehr echte Neigungen
hervorgerufen.
Der Plan der Sparter, den Eheleuten nur verstohlene Zusammenkünfte zu
gestatten, zeigt ein scharfes Verständnis für die menschliche Natur und
hat viel für sich, wenn es sich darum handeln sollte, die Zeit der
Leidenschaft zu verlängern. Aber wir haben es nicht mit der Leidenschaft
zu tun, sondern mit der gewöhnlichen Zuneigung zwischen Leuten, die
unter den erschwerenden Verhältnissen der modernen Ehe zu leben haben,
und in diesen Verhältnissen muß man, was die durch die Gewohnheit
hervorgebrachten Wunder anbetrifft, mit Dumas übereinstimmen.
Wenn die Leute es nur anerkennen wollten: die Gewohnheit ist der Kitt,
der das Gebäude der Ehe zusammenhält. Wenn nur die leichteste Grundlage
gegenseitiger Harmonie gegeben ist, so wird einem im Lauf der Jahre der
Gefährte ganz unentbehrlich, und zwar nicht wegen seines Zaubers und der
Liebe, die wir für ihn hegen, sondern einfach, weil er oder sie ein Teil
unseres Lebens sind. Darum halte ich die Politik der steten Trennung für
töricht. Sie basiert wohl auf der irrtümlichen Annahme, daß die
Abwesenheit zärtlicher macht. Dort, wo die Grundlage gegenseitiger
Harmonie nicht besteht, mag es richtig sein. Und wenn zwei Leute sich
nicht mögen und schlecht miteinander auskommen, kann eine kurze
Trennung dazu dienen, die Spannung zu lösen und sie mit dem Vorsatz
zurückzuführen, in Zukunft die Dinge ruhiger zu nehmen; aber dort, wo
eine Neigung besteht, scheint mir die Trennung ein Mißgriff. Man gewöhnt
sich, ohne einander zu leben, und jene verbindende Kette kleiner
täglicher Vertraulichkeiten, oft wiederholter Späße, teuer gewordener
Gewohnheiten ist für eine Zeit entzweigerissen, und es ist nicht leicht,
sie wieder zusammenzufügen. Meine Freundin Miranda sagte mir vor einiger
Zeit: »Wenn Lysander einen Tag von mir weg war, habe ich ihm bei seiner
Rückkehr eine Menge Sachen zu erzählen -- aber wenn wir einen Monat
getrennt waren, fällt mir absolut nichts ein, was ich ihm sagen könnte.«
Ich glaube de la Rochefoucauld sagt: »Die Trennung vertieft große
Leidenschaften und vermindert kleine, gerade wie der Wind die Kerze
auslöscht und das Feuer anfacht.« Das ist vom literarischen Standpunkt
aus sehr fein gesagt, aber ist es auch wahr? Meine Erfahrung sagt mir:
nein. _Während_ der Abwesenheit scheint dieses Aphorisma allerdings wahr
zu sein. Die Enttäuschung kommt erst beim Wiedersehen. Wer erinnert sich
nicht an jene erste Trennung von dem Geliebten, die zahllosen
Briefe, die endlosen Gedanken, die unaufhörliche Sehnsucht und die
unerschöpflichen Pläne für das herrliche Wiedersehen. Was für ein
Wiedersehen das werden soll! Wie verweilt man in Gedanken bei der ersten
lieblichen Freude, durch den Blick begehrt zu werden; bei der noch
lieblicheren des Händedrucks und bei der lieblichsten von allen: wenn
ein herrlicher Kuß die Lippen verschließt und die Umarmung nicht enden
will, in deren Seligkeit alle Traurigkeiten der Trennung versinken
sollen -- und ach! Gelächter der Hölle! wie ganz anders ist es in
Wirklichkeit! Was für eine abscheuliche Enttäuschung ist das
Wiedersehen! Wie anders sieht der Liebste aus als in unseren
leidenschaftlichen Träumen; seine Haare sind schon viel zu lang; seine
Stiefel gefallen uns nicht; seine Krawatte ist nicht nach unserem
Geschmack; seine Art zu sprechen gefällt uns gar nicht; in seinem Kuß
ist kein Beben; seine Bemerkungen sind langweilig; seine Anwesenheit
reizt einen: kurz und gut, _wir haben uns daran gewöhnt, ohne ihn zu
sein_, und so erscheint uns nichts recht, was er tut. Armer Geliebter!
Dachtest du dasselbe von uns? Bist du auch enttäuscht? Sagtest du dir
auch: »Wie müde sie aussieht! Bei Gott, sie bekommt ein Doppelkinn! Ich
dachte, rosa steht ihr gut! Was hat sie mit ihrem Haar angefangen? Ihre
Stimme klingt schärfer. Warum lacht sie so? Ihre Zähne gefallen mir
nicht. Bei Gott, sie ist häßlich!« Kurz und gut, »er hat sich auch daran
gewöhnt, ohne uns zu sein.« Wenn die Gatten das einmal durchgemacht
haben, dann gerät das Schiff 'Eheglück' in gefährliche Strömungen, aus
denen die Gefahr des Schiffbruchs drohend emportaucht.
Aber es ist ebenso verhängnisvoll, in das andere Extrem zu verfallen,
und ich gebe jener Schriftstellerin (wie heißt sie?) ganz recht, die
sagte, daß es in keinem Haus gut gehen könne, wenn die männlichen
Mitglieder der Familie nicht mindestens täglich sechs Stunden auswärts
sind, ausgenommen Sonntag. Ich bedaure jene Frau tief, deren Gatte durch
seinen Beruf oder in Ermanglung eines solchen den ganzen Tag zu Hause
ist. Wenn man außer seinem Frühstück und seinem Mittagessen noch seinen
Lunch zusammenzustellen und anzuschaffen hat, so muß schon das eine
harte Prüfung sein. Schon aus diesem Grunde -- und noch so manchem
anderen -- sollte eine Frau nie einen Mann heiraten, der nicht _irgend
etwas_ zu tun hat. Wenn er keinen Broterwerb hat, der ihn aus dem
Bannkreis der weiblichen Tätigkeit täglich für einige Stunden entfernt,
dann muß er eine Passion haben oder eine Spielmanier oder sonstige, ihn
in Anspruch nehmende Pflichten, die demselben Zweck dienen. Wo das nicht
der Fall ist, da muß die Frau von übermenschlicher Güte sein und
unendliche Liebe, Takt und Geduld besitzen, wenn beide glücklich
miteinander leben sollen.
Dasselbe gilt auch für die Frauen, obzwar es nicht allgemein anerkannt
ist. Ich bin davon überzeugt, daß eine große Anzahl der Ehen des
Mittelstandes bloß deshalb unglücklich werden, weil die Frau nicht
genug zu tun hat. Da sie genug Dienerschaft hat, so nehmen ihre
Wirtschaftspflichten einen sehr kleinen Teil ihrer Mußestunden in
Anspruch, und wenn die Kinder in der Schule sind (oder sie hat
vielleicht keine), dann hat sie nichts Absorbierenderes zu tun als
Romane zu lesen und Besuche zu machen. Die Folge davon ist, daß die
einen ihre Nerven beobachten und halbinvalide Neurasthenikerinnen
werden; die anderen sich für das männliche Geschlecht interessieren und
ihre freie Zeit mit unerwünschten Liebeleien ausfüllen; daß die dritten
sich Launen, melancholischen Stimmungen oder eifersüchtigen Phantasien
hingeben usw. -- und alle sind sie bloß aus Mangel an genügender
Beschäftigung untauglich geworden, die richtige Lebensgefährtin des
Mannes zu sein.