Die Ehe ist der große Irrtum, der die kleineren Dummheiten der Liebe
auslöscht.
_Schopenhauer._
In einem seiner Essays sagt Stevenson: »Es erfüllt mich so oft mit
Erstaunen, daß so viele Ehen so ziemlich glücken, und es bei so wenigen
zu einem offenen Bruch kommt. Umsomehr, als es mir am Verständnis des
Prinzips gebricht, nach welchem die Leute ihre Wahl treffen«.
Aus dem Chaos, welches dieses Prinzip umhüllt, ragen vier besondere
Beweggründe hervor, und wir können daher die Ehen rundweg in fünf
Gruppen einteilen und zwar:
1. die Ehe aus Leidenschaft,
2. die Konvenienzehe,
3. die Ehe zu bestimmtem Zweck,
4. die Zufallsehe,
5. die Ehe aus Neigung.
_Die Ehe aus Leidenschaft._ Eine Person in Sommerset-Maughams »The
Merry-Go-Round« sagt: »Ich bin überzeugt, daß die Ehe das schrecklichste
Ding auf der Welt ist, wenn die Leidenschaft sie nicht absolut
unvermeidlich macht«. Obgleich ich eine aufrichtige Bewundererin von
Maughams Werken bin, teile ich hier seine Meinung durchaus nicht. Die
meisten der verrückten, unvernünftigen Verbindungen sind jene, welche
die »Leidenschaft unvermeidlich macht«. In der Theorie ist es einer der
viel versprechendsten Ehetypen, in der Praxis erweist er sich als der
unseligste und unglücklichste von allen.
»Sie sind wahnsinnig ineinander verliebt, es ist eine ideale Ehe« -- ist
eine Bemerkung, die man oft mit Genugtuung äußern hört. Aber es ist eine
traurige Tatsache, daß diese wahnsinnige Liebe sehr häufig zu Unglück
und Scheidung führt. Die meisten mir persönlich bekannten unglücklichen
Ehepaare waren im Anfang wahnsinnig ineinander verliebt. Kann man sich
darüber wundern, wenn man die Sache näher betrachtet? Die Natur, die
selten dort einen Irrtum begeht, wo die ursprüngliche Menschheit in
Betracht kommt, ist durchaus nicht unfehlbar, sobald es sich um die
künstlichen Bedingungen unserer westeuropäischen Zivilisation handelt.
Im Osten, wo eine größere Freiheit zwischen den Geschlechtern gestattet
ist, scheint es ganz gut, der Natur zu vertrauen und den von ihr
eingeimpften Trieben zu folgen; doch dem ist nicht so auf unserer
Halbkugel. Der junge Mann und das junge Mädchen, die in den Bann der
Leidenschaft geraten, sind zeitweise blind und unzurechnungsfähig. Ihr
Urteil ist getrübt, ihre Fähigkeit, zu überlegen, aufgehoben, nichts auf
der Welt scheint ihnen von Bedeutung außer der überwältigenden
Notwendigkeit, _sich hinzugeben_, das geliebte Wesen _zu besitzen_, --
das Wesen, das ihnen das Blut erhitzt hat.
Wenn das Fatum grausam ist, so läßt es diese beiden sich in die Ehe
stürzen. Die Natur hat ihren Willen durchgesetzt und beachtet weiter
nichts. Sie ist ganz befriedigt. Die aus solchen Ehen wahnsinniger
Verliebtheit stammenden Kinder sind gewöhnlich die schönsten und
stärksten, und was will die Natur denn sonst? Aber das junge Paar? . . .
Nach und nach zerteilen sich die rosigen Wolken, die berauschenden
Dünste entschweben, die Verzückung läßt nach, und jedes kommt von der
Wirkung des mächtigsten Giftes des Weltalls zu sich, um ein ganz
gewöhnliches Wesen an seiner Seite zu finden und sich selbst in jenen
Ketten, die die Menschen mit den Worten »auf ewig« bezeichnen.
Diese beiden sind wirklich unglücklich, wenn sie am Grabe der
Leidenschaft einander gegenüberstehen und kein anderes Band zwischen
ihnen besteht als die Erinnerung an den verflogenen Rausch. Zum Glück
ist dies durchaus nicht immer der Fall, aber wenn es so ist, dann muß
unvermeidlich ein sehr unglückliches Eheleben folgen. Schopenhauer gibt
als Grund für das Unglück solcher Ehen die Tatsache an, daß »durch sie
für die kommende Generation auf Kosten der gegenwärtigen gesorgt wird«
und zitiert das spanische Sprichwort: »+Quien se casa por amores, ha da
vivir con dolores.+ Wer aus Liebe heiratet, muß in Kummer leben«. Vom
Standpunkt des persönlichen Interesses und nicht des Interesses der
zukünftigen Generation scheint es gewiß ein Mißgriff, den Gegenstand
seines heftigen Begehrens zu heiraten, wenn nicht auch geistige
Übereinstimmung, Interessengemeinschaft und noch viele andere
Verbindungspunkte bestehen. Aber unter dem Einfluß unterdrückter
Leidenschaft verlieren die Leute die Klarheit ihres geistigen Schauens
und sind daher mehr oder weniger urteilsunfähig.
Es soll jedenfalls Leidenschaft in der Ehe sein, so weit gehe ich mit
Maugham. Aber sie soll nur die äußere Hülle sein, ein Flammengewand,
dessen Berührung Entzückung bedeutet, aber bei dem, wenn es von der Glut
aufgezehrt ist, noch die Liebe als festes Gefüge von Freude und
Schönheit besteht, das aufrecht bleibt unter der Asche der Leidenschaft.
»Wirkliche, auf Übereinstimmung der Gesinnung gegründete Freundschaft
tritt meistens erst dann hervor, wann die eigentliche Geschlechtsliebe
in der Befriedigung erloschen ist«. (Schopenhauer, Metaphysik der
Liebe).
Von den _Konvenienzehen_ gibt es zwei Sorten. Die ganz gewinnsüchtige,
wo Geld, soziale Stellung oder irgend eine persönliche Erhöhung auf
einer oder beiden Seiten der Beweggrund war, ohne die Grundlage irgend
einer Neigung, und die halb gewinnsüchtige, wo diese Gründe durch das
Vorhandensein von Zuneigung oder Sympathie gemildert werden. In diese
Kategorie gehören die Leute, die hauptsächlich aus Rücksicht auf ihr
Geschäft oder ihren Beruf heiraten, wie der junge Rechtsanwalt, der die
Tochter seines Chefs heiratet, oder der junge Arzt, der in die Familie
des alten Doktors einheiratet. Hier erinnert man sich an den Vater, der
seinem Sohne riet, nicht des Geldes halber zu heiraten, aber nur dort zu
lieben, wo sich Geld befindet. Zweifelsohne erhöht der Besitz von ein
wenig Geld oder Einfluß den Reiz eines Mädchens in den Augen des
vorwärtsstrebenden, modernen jungen Mannes. Wenn man in Betracht zieht,
wie schwer es heutzutage ist, sein Auskommen zu finden, kann man alles
in allem diese Gründe nicht tadeln, wie trostlos sie auch vom
Gefühlsstandpunkt erscheinen mögen. Ich glaube jedoch nicht, daß es
außerhalb der Grenzen jener Welt, die man die »Lebewelt« nennt, viele
_ganz_ gewinnsüchtige Konvenienzehen gibt. Die Leute, welche nicht
diesen blendenden Gesellschaftskreisen angehören, sind der Ehe
gegenüber zurückhaltend genug und fürchten sich vor den großen, noch
hinzukommenden Hemmungen, die eine solche Ehe mit sich bringen würde.
Natürlich sind diese Verbindungen beinahe immer trostlose Mißgriffe, und
ich möchte wissen, was ihre Opfer anderes erwartet haben können.
Wir kommen nun zur dritten Gruppe, der _Ehe zu bestimmtem Zweck_.
Diese Ehen sind mit der halb gewinnsüchtigen entfernt verwandt, aber
es ist nichts Gewinnsüchtiges an ihnen, da sie gewöhnlich aus höheren
Beweggründen eingegangen werden. In diese Klasse gehören die Witwer, die
um ihrer Kinder willen heiraten, die alten Mädchen, deren Beweggrund der
Wunsch nach Mutterschaft ist, die Männer und Frauen, die heiraten, um
ein Heim zu besitzen oder einen Lebensgefährten. Alle diese Gründe sind
genügende Rechtfertigungen und alle die Leute, die die Ehe mit einem
bestimmten Ziel beginnen, nehmen sie gewöhnlich sehr ernst und sind
entschlossen, sie gedeihlich zu gestalten. Solche Ehen erweisen sich
gewöhnlich als sehr glücklich, vielleicht gerade, weil so wenig verlangt
wird. Der Geist der Zufriedenheit hat einen ausgezeichneten Einfluß im
Eheleben, da die Liebe oft durch ihre eigenen übertriebenen Forderungen,
wie ich später zu zeigen versuchen werde, getötet wird.
Der Ausdruck _Zufallsehe_ scheint mir am besten jene Verbindungen zu
bezeichnen, in welche die Männer ohne besonderen Grund, manchmal beinahe
gegen ihren Willen, hineintreiben. Die Natur kümmert sich nicht darum,
wie die jungen Leute zusammenkommen, so lange sie nur zusammenkommen,
und manchmal gerät ein Mann in die Ehe beinahe, ohne es zu merken. Ich
schreibe absichtlich ein Mann, da eine Frau nie in den Ehestand
getrieben wird. In diesen Fällen ist es gewöhnlich ihre feste und
wohlüberlegte Absicht, die den Mann in den ihm unbekannten Hafen der Ehe
gelenkt hat. Er ist bloß den Weg des geringsten Widerstandes gegangen,
und hat zu seiner Überraschung gefunden, daß er zum Altar führt. Bernard
Shaw hat ein sehr unterhaltendes und trotzdem überzeugendes Bild dieses
Mannövers in »Mensch und Übermensch« entworfen, wo er auch seiner
Überzeugung Ausdruck gibt, »daß die Männer, um sich selbst zu schützen,
die schwache romantische Vorstellung aufgebracht haben, daß in
Geschlechtsdingen die Initiative immer vom Mann ausgehen müsse. Aber
diese Behauptung ist so hohl, so unwirklich, daß sie sogar auf dem
Theater, dieser letzten Zuflucht des Unwirklichen, nur den Unerfahrenen
imponiert. In den Stücken Shakespeares ergreift die Frau immer die
Initiative. In seinen Schauspielen und Lustspielen konzentriert sich
ebenfalls das Lebensinteresse darauf, zu sehen, wie die Frau den Mann zu
Tode hetzt . . . . Die Behauptung, daß die Frauen nicht die Initiative
ergreifen, ist geradezu possenhaft. Die ganze Welt ist ja mit Schlingen,
Fallen, Netzen und Fallgruben besät, mittels welcher die Frauen den Mann
einfangen. Man nimmt an, daß die Frau regungslos warten muß, bis um sie
geworben wird; ja, sie wartet oft regungslos, so, wie die Spinne auf die
Fliege wartet. Die Spinne spinnt ihr Netz und wenn die Fliege gleich
meinem Helden die Kraft zeigt, sich loszumachen, wie schnell verläßt da
die Spinne ihre vorgebliche Passivität und schlägt Faden um Faden um ihr
Opfer, bis sie es für immer gefesselt hat!«
_Die Ehe aus Neigung._ »Kennen Sie irgendwelche ganz glückliche
Ehepaare?« wird in einem bekannten Stück gefragt.
»Das ist schwer zu sagen. Oh, die Extasen sind nichts für diese Welt,
wissen Sie, wenigstens nicht die ständigen Extasen. Man könnte ebensogut
ständige hysterische Anfälle haben. Und wie Sie wohl wissen, werden die
Ehen nicht im Himmel geschlossen, und so gibt es vielleicht auch keinen
Himmel in der Ehe«.
Diese Empfindungen sind geeignet, das unwissende zwanzigjährige Mädchen
durch ihre, in ihren Augen gemütlose Unwahrheit abzustoßen und zu
ärgern, und die erfahrene Frau von, sagen wir, dreißig Jahren, durch
die, in ihren Augen tiefe Wahrheit zu entzücken -- so sehr ändern sich
unsere Lebensanschauungen im Laufe von ungefähr zehn Jahren.
Vor sechzig Jahren schrieb George Sand: »Du fragst mich, ob du durch
Liebe und Ehe glücklich werden wirst? Du wirst es nicht werden, ich bin
fest überzeugt davon, weder durch die eine noch durch die andere. Und
doch sind Liebe, Treue, Mutterschaft, die wichtigsten, die notwendigsten
Dinge in dem Leben einer Frau.«
Demselben Gedanken gibt R. L. Stevenson Ausdruck, wenn er sagt: »Ich
vermute, daß die Liebe wohl eine zu gewaltige Leidenschaft ist, um in
allen Fällen eine gute häusliche Rolle zu spielen.« Natürlich wird
niemand von den jungen Leuten das glauben wollen, aber es ist eine
schreckliche gemeine Wahrheit, daß in der Regel die glücklichsten Ehen
diejenigen sind, in welchen sich die Paare nicht zu heftig lieben. Ich
spreche von dem gediegenen Alltagsglück, nicht von dem Überschwang und
den Verzückungen. Die von der leidenschaftlichen Liebe erhobenen
Ansprüche und der fieberhafte Gemütszustand, den sie hervorruft, sind
oft der Grund ihres Schiffbruches. »Wenn ich ein Scheusal bin, mein
Schatz«, sagte ein Mädchen einst zu ihrem Liebsten, als sie einen
Streit, den sie selbst heraufbeschworen hatte, wieder beilegen wollte,
»so ist es nur, weil ich dich zu sehr liebe«. -- »Dann um Himmelswillen,
liebe mich weniger und behandle mich besser«, gab der gekränkte
Liebhaber zur Antwort, und wir können seine Gefühle nur teilen.
Ich habe absichtlich das Wort _Neigung_ in dieser Abteilung statt eines
Wortes gebraucht, das einen höheren Gefühlsgrad bezeichnet, und ich
konstatiere ohne Zaudern, daß im allgemeinen die glücklichsten Ehen jene
sind, die sich, »wenn der süße Liebeszauber, jenes Süße, das beinahe
Gift ist« nicht mehr wirkt, zu jenen gemäßigteren, anspruchsloseren,
friedlichen und harmonischen Verbindungen entwickeln, die man mit
Neigungsehen bezeichnen kann. Den heißblütigen jungen Leuten und jungen
Mädchen, die unermüdlich nach der höchsten Lebensfreude streben, von
denen keines diesen prosaischen und unrühmlichen Rat hören mag und die
alles auf den Glauben setzen wollen, daß der erste Liebeszauber ewig
dauert, denen sage ich: »Trachtet eure Rosenromantik auf andere Weise zu
finden, sucht sie nicht in der Ehe, ihr werdet, wenn euer Fall keine
Ausnahme der Regel bildet, unvermeidlich einen schrecklichen Mißgriff
tun! O, fragt mich nicht, wie ihr es machen sollt, aber erinnert euch
dessen, was ich sage, und heiratet nicht, bis nicht die ruhige,
gemäßigte, schöne und friedvolle Neigung, über die ihr jetzt spottet, in
euren Augen ein Hafen des Friedens vor den Stürmen und Lasten des Lebens
geworden ist, und das höchste Gut, das es euch bieten kann.«
Ein anderer Grund, warum die Neigungsehe am ehesten glücklich wird, ist,
weil die gegenseitige Achtung einen so breiten Raum in ihr einnimmt, und
wie ungeheuer wichtig diese in dem heiligen Ehestand ist, kann niemand
wissen, bevor er heiratet. Ich werde über die außerordentliche
Notwendigkeit der Achtung im Eheleben später noch mehr zu sagen haben.