Das war _gewesen_. --

Waren es Jahre, die zwischen dem Tage seiner Ankunft und heute lagen?

_Heute_ grübelte er, heute wurden ihm die vielen, unbeantworteten

»Warum« zu einer unerträglichen Pein.

Aber der Duft der Thüringer Tannen, die so dicht den Tempel der

Geselligkeit umstanden, und welche Bertold immer wieder auf schmalem

Wege umschritt, übte eine wunderbare Macht. Dieser Duft umfaßte den

jungen Menschen weich und stark zugleich -- wie Mutterarme.

Bertold lehnte seinen Kopf an die Rinde des nächststehenden Baumes

und griff über sich in das Geäst, wie er als Knabe oft getan, um in

kindischem Spiel zu fühlen, wie die spitzigen, braunen, welken Nadeln

herunterfielen und sich in seinem dichten Haar versteckten.

Seitwärts von der Tanne auf dem weichen Erdboden wölbten sich zwei

Hügel, ein großes und ein kleines Grab.

Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort -- -- die Staatsdame.

So hatte der Großvater ohne weitere Erklärung ihm gesagt.

Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht etwas Weißes hervor

-- es mußte vor kurzem ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht

ein Hund aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief. Das kleine

Grab war zerwühlt.

Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit seinem Stock und blieb

daran hängen; als er den Stock hob, fiel die wenige Erde zur Seite und

legte eine größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas

neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff war es, rauh

geworden von Erde und Nässe, aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner,

harter, runder Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf,

denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine Emmy ohne

Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und nun fand er auch die abgelöste

Perücke und einen dicht zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen

in den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift sich gut

gehalten hatte und er las die Buchstaben, von seines Großvaters Hand

geschrieben, deutlich im hellen Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte

Windemuth gehören.«

Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, -- aber er wollte es auch

gar nicht ergründen.

Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube hinein und holte noch

mehr Erde, die er darauf schüttete und dann gleichmäßig fest trat.

Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit -- denn der wehe

Schmerz um seine Mutter wurde abgelöst und abgelenkt durch ein warmes,

herzliches Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem

lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem Paar

stahlblauer Augen -- -- nach dem herzlieben, närrischen Mütterchen der

kopflosen Puppe Emmy und der begrabenen haarlosen Staatsdame.

Hoch atmete Bertold auf -- das Herz wurde ihm zu eng in der Brust.

Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte, seine

Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging.

Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange Tage!

Mutter, liebe Mutter!

Verzeihst du es deinem Jungen, wenn er das lachende Leben mit seinen

tiefsten Gedanken verschwiegen grüßt?

Bertold schritt rasch aus dem Park. Im klaren Mondlicht schaute er noch

einmal alles hell und schön und vertraut, jeden Baum, jeden Strauch,

jede alte, seltsame, verwitterte Steinfigur. Im Grasgarten rauschte

der Born, da erzählten sich die Eichen flüsternde Märchen, Märchen von

Mutterliebe und Heimat, Märchen von Thüringer Edeltannen, von denen die

schlankste und schönste und lieblichste die Liselotte Windemuth war.

Bertold hielt die Hand unter die murmelnde Quelle, und auch sie

erzählte und rannte. Von einem jungen Burschen, der seine Mutter verlor

und der in die weite Welt ging. Aber er würde wiederkommen, bald -- in

einem Jahr oder in zweien, dann würde er in das hohe Giebelhaus treten

dort in der nahen Straße und würde das schöne Haustöchterlein fragen

und -- -- dann könnte es doch noch einmal sonnig werden im düstern

Eichenborn.

Hinschritt er durch die stille Straße mit leuchtenden Augen, mit

raschem Atem und jung -- junger Liebe.

Da lag es, das Windemuthhaus.

Aber nicht so still wie der trübe, ernste, schweigsame Eichenborn, aus

dem man die letzte Freude hinausgetragen und in die Erde versenkt hatte.

Die schöne, warme, helle Sommermondnacht hatte die Bewohner des Hauses

im Garten festgehalten.

Bertold unterschied ganz deutlich die einzelnen Personen: Base Juliane,

den alten Herrn Professor und eine junge Dienstmagd, welche noch einige

Blumen mit der Gießkanne tränkte.

Wie sah das alles so traut und heimelig aus.

Er trat in den Schatten der Geisblattlaube, die dicht am Straßenzaun

lag. Seine Augen spähten und suchten.

Wo bleibt sie? Wo bist du, Liselotte? -- Sieh -- ich will Abschied

nehmen.

Wie durch Gedankenübertragung schickte zu gleicher Zeit Professor

Windemuth seine Augen suchend durch den Garten, und deutlich vernahm

Bertold dessen behagliche Stimme: »Wo bist du Liselotte? Hans! Wo

bleibt denn unser Brautpaar -- -- --?«

Furchtbar deutlich -- lächerlich deutlich.

Und furchtbar und lächerlich war doch auch das, was der

unverantwortlich helle, abscheuliche Mond da beleuchtete, -- ein eng

verschlungenes Paar, das den Weg heranschritt, Arm in Arm, Auge in

Auge. -- Das weiße Kleid des Mädchens schimmerte zu Bertold hinüber und

ebenso die blitzende Uniform des Leutnants Hans von Windemuth.

Lächerlich deutlich.

So lächerlich, daß man eben lachen mußte.

Gellend lachte Bertold auf -- -- daß das glückliche in sich versunkene

Pärchen zusammenschreckte und der alte Herr eilends nach der Stelle hin

lief, von welcher das unheimliche Lachen ausging.

Aber Bertold war schon geflohen, und immer noch lachte er, --

jähzornig, wütend, weh, verzweifelt.

Ein paar Schwarzhausener Burschen standen mit ihren Liebchen vor den

Haustüren.

An ihnen vorbei stürmte Bertold, sie sahen sein seltsames Gebaren

und deuteten es sich in hellem Entsetzen und Empörung über so viel

Verworfenheit.

»Er muß betrunken gewesen sein, -- sonst könnte er nicht nachts --

durch die stillen, ehrbaren Straßen planlos rennen und lachen -- laut

lachen am Abend des Tages, da man seine Mutter begrub.«

»O über den schlechten Kerl!«

Am nächsten Abend wußte man es in ganz Schwarzhausen, daß der

Eichenborn nun wirklich verödet war.

Daß die großen Auslandskoffer gepackt im Zimmer des jungen Eik stünden,

aber niemals abgeholt würden. Daß der alte, grimme Eik als ein

einsamer Mann zurückgeblieben und sein Enkel geflohen war mit nichts

als seiner Amatigeige -- -- -- um ein Musikant zu werden.

* * * * *

_Wird er kommen?_

Das war die brennende Frage des Abends.

Erregte Gruppen standen zusammen, Künstler und Kunstfreunde.

Der schlicht-vornehme kleine Saal harmonierte gut mit den Menschen,

die sich darin versammelt hatten; er sah feierlich aus in seinem

Weiß und Gold und Kerzenschimmer, feierlich mit dem strengen, grünen

Lorbeerschmuck.

Und wie Feiertagsstimmung lag es auch über den Versammeltem trotz

einiger erregter Lautsprecher.

_Wird er kommen?_

Meister Joachims Gestalt löste sich jetzt aus der einen Gruppe und

winkte abwehrend und lächelnd zurück.

»Versprechen kann ich gar nichts. Sie kennen doch den Malcroix. Der

läßt sich weder in Krieg noch in Frieden etwas abnötigen, was er nicht

selbst hergeben will, und ob er sich heute Ihnen gibt -- --«

»Gehen Sie gleich jetzt zu ihm, Meister?« fragte ein blutjunges,

blasses Bürschchen mit schwärmerischen Augen und blonder Künstlermähne.

»Ja, das tue ich. Aber ich weiß nicht, ob ich ihn treffe. Und weiß

nicht, ob ich meinen ehemaligen Schüler dann nicht für mich behalte. --

Kindskopf!!!« fuhr er gleich darauf den Frager an, dem wahrhaftig die

Augen feucht wurden. »Närrisches Volk alle miteinander! Aber mir geht’s

ja nicht um ein Haar besser. Herrgott, hat der Mensch gespielt! -- --

Guten Abend, meine Herrschaften!«

Man geleitete Meister Josef Joachim noch zur Tür und trat dann wieder

zusammen, bildete neue Gruppen und behandelte doch nur das alte Thema:

Bertold Malcroix und sein wunderbares Geigenspiel am heutigen Abend in

der Singakademie.

Der Impresario ging mit lebhaften, kleinen Schritten von Gruppe zu

Gruppe.

»Das war ein Erfolg!« Sein glatt rasiertes Gesicht glänzte und strahlte.

»Den halte ich noch fest -- der darf mir nicht schon wieder ins

Ausland, mag es nach ihm kabeln, so viel es will. Summen zahlt dies

Amerika -- -- Aber dem Malcroix ist das einerlei -- -- ich halte ihn

fest -- --«

»Menschenkinder -- ich hatte euch Berliner für viel nüchterner

gehalten,« meinte jetzt halblaut ein dunkler, geistvoll aussehender

Herr, der mit einem bekannten Berliner Maler allein an einem der

Marmortischchen saß. »Ihr treibt ja Götzendienst mit diesem Malcroix.«

Der Maler lachte.

»Nennen Sie es so. Aber in Ihrem Munde hat das Wort Götzendienst einen

spöttischen Klang. Er ist jedoch von allen Völkern und Stämmen immer

sehr ernst betrieben worden, und so halten wir es auch mit Malcroix.

Daß Sie zum heutigen Konzert noch nicht in Berlin waren, sondern

genau eine Viertelstunde nach Schluß anlangten, machen Sie mit dem

Unglücksstern aus, der schon über Ihrer Wiege geschwebt haben muß.«

»Na, da haben wir’s! Stopp, alter Freund! Ehe Sie mir ganz aus dem

Häuschen geraten: Wer sind die zwei närrischen Zwickel dort in ihren

vorsintflutlichen Fräcken? Sie sehen aus, als seien sie aus der

Biedermeierzeit stehen geblieben, um für sie Reklame zu machen.«

»Ihr Scharfblick ehrt Sie,« lachte der Maler. »Diese _beiden_

närrischen Zwickel, wie Sie sich auszudrücken belieben, sind eigentlich

_Eins_, sind die Achse, um die wir uns hier drehen, sind der ruhende

Pol in der Erscheinungen Flucht, sind Jonathan für unsern David

Malcroix, sind Marquis Posa für unsern Don Carlos Malcroix, sind

Pylades für unsern Orest Malcroix, sind unsere einzige Hoffnung, daß

der Held heute abend doch noch erscheint, sind _Brennstoff und Tüllen_.«

»Herr Ober, bringen Sie sofort ein Glas eiskaltes Wasser und eine

Stirnkompresse für diesen Herrn, wenn irgend möglich noch Leibumschlag

und Wadenwickel,« rief der Doktor.

»Lieber Doktor, Sie scheinen uns hier alle etwas für geistesgestört zu

halten,« wehrte lachend der Maler.

»Ich sprach bis jetzt nur mit _Ihnen_,« neckte der andere, »und halte

da allerdings eine Ableitung vom Gehirn für geboten. Haben Sie Erbarmen

und erzählen Sie mir meinetwegen auf deutsch, französisch, spanisch,

italienisch, russisch, Volapükisch und Esperanto’sch von diesem

Malcroix, -- aber nüchtern -- nüchtern!«

»Ich bin so nüchtern wie ein Kalb vor seiner Geburt,« versicherte der

Maler. »Wie Sie sehen, ehren wir Bertold Malcroix noch auf andere Art,

indem wir in den kargen Stunden des Zusammenseins mit ihm den Alkohol

meiden.«

»Sind Sie verrückt?« entfuhr es dem andern.

»Ich glaube nicht.« Der Maler wurde ernst. »Malcroix hat vor Jahren

im betrunkenen Zustand irgend eine schwere Tat begangen -- als halber

Knabe allerdings, man weiß gar nichts Genaues, erzählt sich aber die

tollsten Geschichten von ihm, und besonders in seiner Vaterstadt

Schwarzhausen, berühmt durch Porzellan, viertausend und eine Seele

stark, gilt Malcroix als gänzlich schwarzes, verlorenes Schaf. --

Jedenfalls ist er völliger Abstinent, weil er einen angeborenen,

furchtbaren, schier grotesken Jähzorn meistern will, und -- alle

Achtung vor ihm -- wir helfen ihm stillschweigend dabei, wenigstens

solange wir ihn erwarten und mit ihm zusammen sind.«

»Soll ich heute den ganzen Abend Element in einer Trockenbatterie

spielen?« fragte der Gast kläglich. -- »Was trinkt denn euer großer

Geiger? Zu Beethoven und Bach paßt doch kein Himbeersaft?«

»_Muß_ denn immer ges... trunken werden?«

Der Doktor seufzte. »Es wäre nichts für mich, _nur_ am Busen der

heiligen Cäcilie zu saugen, besonders da diese Dame älteren Semestern

angehört, ich ziehe Pilsener vor -- -- --«

»Sie sind wohl nicht musikalisch, Doktor? -- --«

»Ich weiß nicht. Als zweijähriger holder Knabe sollte ich in der

Kindersymphonie von Haydn mitwirken, war aber noch nicht stubenrein

und vergaß mich. Es war mein erstes und letztes Auftreten, aber ich

getraue mich doch, das Gebet einer Jungfrau vom Radetzkymarsch zu

unterscheiden.«

»Malcroix! Hurra! Malcroix! Evviva! Malcroix!«

Der Maler war, jegliche Gastfreundschaft schnöde vergessend,

aufgesprungen und zur Tür geeilt, durch welche ein reckenhafter Hüne

eintrat. Es entstand ein völliger Tumult.

»Malcroix, evviva! Malcroix willkommen! Malcroix hoch!«

»Sie sind verrückt -- und alles ohne Alkohol,« murmelte der Doktor, der

still an seinem Platze geblieben war.

Aber dann erhob er sich ebenfalls rasch und über sich selbst erstaunt,

denn sein Malerfreund führte ihm den Helden des Abends zu.

Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles Nörgeln, vergessen

das Vorhaben, recht ruhig und objektiv zu urteilen, sich nicht planlos

mitreißen zu lassen vom allgemeinen Taumel.

Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen aus, der Zauber eines

Sonntagskindes. Was für kluge, ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen

dieser Künstler hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem

dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch flatterte, sondern

einfach und schlicht gescheitelt die hohe sein gemeißelte Stirn

umrahmte. Und wie er lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als

Liebling der Musen, -- das war Musik, die auch den unmusikalischsten

Menschen bezaubern mußte.

Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um Haupteslänge überragte,

so war sein ganzes Wesen eher väterlich zu nennen, trotzdem er kaum

dreißig Jahre zählen konnte.

»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,« sagte Bertold Malcroix

herzlich und schüttelte dem Gast die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze

ich mich nachher ein Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« -- er

deutete lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum -- »habe ich noch

keinen eigenen Willen.«

»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!« Immer wieder

sagte es sich der fremde Gast an diesem Abend, je länger er Malcroix

beobachtete, wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises

war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden, protzig oder

nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix besaß die »Höflichkeit

des Herzens, der Liebe verwandt, aus der die Höflichkeit des äußeren

Betragens entspringt«.

»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst der Maler,

als er wieder allein bei seinem Gaste saß, während Bertolds hohe

Gestalt bald hier, bald da unter neuen Gruppen auftauchte.

»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad sein,« meinte der

Doktor sinnend, ohne direkt zu antworten -- »ist er verheiratet?«

»Nein. -- Auch über diesen Fall berichtet Frau Fama ganze Legenden.«

»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser Mann Herzensbrecher

oder Weiberfeind ist,« rief der Doktor. »Beides würde mir wie ein

platter, trivialer Berg zu einem Meisterbilde sein.«

»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner festen Überzeugung,

aber -- wie gesagt, ein wahrer Rattenkönig von Legenden heftet sich an

seine Person. Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch

ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, -- ich kann darüber gar

nicht urteilen, denn er spricht selten über Frauen und niemals über

›Weiber‹. Mit klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit

gescheiten Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig, ohne sich lange

bei ihnen aufzuhalten.«

»Ich kann mir nicht denken, daß ihm irgend eine Frau widerstehen

könnte,« meinte der Doktor, »und doch sieht er so gar nicht aus, als

läge ihm etwas daran, oder als hätte er sich vergeudet -- vielleicht

ist er irgendwo gebunden -- -- --«

Der Maler nickte.

»Man sagt es. Und ich selbst habe meine Beobachtungen gemacht. Er tritt

in keiner Stadt Deutschlands auf, ohne irgend ein geheimnisvolles

Landhaus in der Nähe zu mieten, wo er dann wohnt und auch hier hat

er in einer Tiergartenvilla sein Domizil aufgeschlagen -- nicht

allein. Aber das geheimnisvolle Wesen, das ihn begleitet, ist dicht

verschleiert und er selbst trägt es in den Wagen hinein und aus dem

Wagen heraus. Er mietet eine versteckte Loge, wo es seinem Spiel

lauschen kann und -- --«

»Ist wahrscheinlich eifersüchtig wie ein Türke, und das Weib ist schön

-- -- item, dieser Malcroix versteht’s. Wird er heute abend noch

spielen?«

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Neulich kamen wir -- es war

in Amsterdam -- ganz unverhofft zu so einem Genuß. Da stritt er sich

mit einem Kritiker herum, wurde wütend, riß die Geige aus dem Kasten

und überzeugte den Kerl mit der _Tat_, so daß dieser windelweich wurde.«

In diesem Augenblick trat eine kleine Stille im Saale ein, irgend

jemand, der von draußen hereingekommen war, erzählte eine Geschichte,

die sehr belacht wurde. Dann wurde die Unterhaltung wieder lebhaft und

allgemein.

»Wo ist er denn?« hörte man Bertold Malcroix fragen.

»Immer noch vor der Tür.«

»Er soll hereinkommen.«

»Aber er ist sehr schmutzig.«

Malcroix winkte ungeduldig mit der Hand.

»Was ist denn los?« fragten einige neugierig, die nichts Genaues von

dem Vorgang hören und sehen konnten.

»Nichts Besonderes,« war die Antwort. »Ein zerlumpter Bengel steht vor

der Hoteltür und will durchaus den ›großen Malcroix‹ sehen. Er ist der

Sohn eines verstorbenen Musikers, lebt bei fremden, harten Leuten und

sieht jammervoll aus. Jetzt läßt ihn der Künstler holen.«

Man erhob sich von den Sitzen und spähte neugierig nach der Tür.

Nach einer Weile ging diese auf und ein ungefähr zwölfjähriger Junge

kam hereingestolpert, -- er war offenbar geblendet von dem vielen

Licht. Seine Jacke war zerrissen und verknüllt, so als hätten viele

grobe Hände ihn daran herumgeschüttelt, auch der Junge selbst sah aus,

als sei er öfters mit Mutter Erde in allzu dichte, unsanfte Berührung

gekommen. --

Bertold hob das Kinn des Knaben leicht in die Höhe und sah ihm in das

zitternde, verweinte Gesicht.

»Nun, mein Junge, -- du wolltest mich sehen? Ich bin Malcroix.«

Und der fremde Junge sah.

Nicht wie Neugierde blickt, die sich mit Verständnislosigkeit paart,

es war auch nicht Liebe, mit der der blasse Knabe den großen Künstler

betrachtete, es war wie Durst.

Durst nach etwas Hohem, Herrlichem, das nie bis heute in sein armes

Leben getreten war.

Und die Umstehenden schauten wieder auf die beiden und sie vermochten

nicht einmal zu lächeln, so rührend war die Versunkenheit des Jungen.

»Wie heißt du?«

»Fritz Bach.«

»Du hast einen Wunsch an mich?«

»Ich habe den Herrn spielen hören -- heute im Konzert, aber ich wußte

nicht, ob ein Mensch spielte -- -- --«

»Was redest du da. Wo warst du? Im Saal drinnen? Erzähl ordentlich.«

»Hinter dem Vorhang auf der Bühne steckte ich. Die Frau, bei der ich

bin« -- der Junge schüttelte sich -- »ist Garderobefrau, der Mann hat

auch eine Anstellung da. Ich habe schon viele Musik gehört. Gestern

hatten sie mich so geschlagen, weil ich den Herrn geigen hören wollte,

daß ich mich nur noch hinter den Vorhang stecken konnte; ich meinte,

ich müßte sterben. Und als der Herr geigte, glaubte ich, ich wär’ tot,

und es wär’ schon ein Engel -- -- --«

Die Umstehenden sahen sich an.

Das war eine andere Sprache, als die gewohnten Huldigungen, die man

dem begnadeten Künstler darbrachte, und dabei dies selbstvergessene

Anschauen --

»Sprich weiter.«

»Dann wurde ich ohnmächtig, denn man fand mich, und dann wurde ich

wieder geschlagen -- es ist immer so -- aber ich _mußte_ Sie noch

einmal sehen.«

»Du liebst die Musik sehr, Fritz Bach?«

»Ohhh!«

Nun lächelten doch die Umstehenden, der Ausruf kam zu rasch und

urwüchsig heraus.

»Spielst du selbst?«

Der Junge nickte.

»Was kannst du?«

»Alles!!!«

Nun lachte Malcroix -- und das war auch schon Musik, es war sein altes

liebes Knabenlachen.

»Sieh, mein Junge, -- das ist mehr, als irgend ein Mensch von sich

sagen kann. Aber wenn du _Bach_ heißt, ist’s ja nicht so verwunderlich.

Bei wem hast du gelernt?«

»Ich kann’s von mir selbst.«

»Hm.« Malcroix winkte seinen getreuen Brennstoff zu sich heran und

raunte ihm etwas zu, worauf der alte Organist hinauseilte. Nicht lange

darauf kam er mit Bertolds Geige wieder, die er ihm reichte.

Jetzt kam Leben in die Versammlung, ein lautloses, rasches, freudiges

Verständigen, ein Zuraunen: »er wird spielen«; ein sachtes Hinsetzen

und gespanntes Lauschen.

Der Künstler stimmte leicht, dann führte er den Knaben zu seinem

eigenen bekränzten Sessel und drückte ihn sacht hinein. Malcroix setzte

die Geige an -- --

Es war wohl ein erlesenes Programm heute abend gewesen und alle alten

und neuen Meister hatten dem genialen Künstler ihre Stimmen verliehen,

um mit ihnen die Zuhörer zu packen und hinzureißen, aber was Malcroix

jetzt den Lauschern gab, das war mehr.

Sie saßen alle weltentrückt und Malcroix war es selbst. Der arme Junge

in der schmutzigen, zerlumpten Kleidung, der im bekränzten Sessel

kauerte, duckte sich immer mehr und kroch ganz in sich zusammen.

Denn der Reichtum war zu mächtig, der sich da auf ihn niederließ, und

sein kleines, verzagtes, verstörtes Herz konnte ihn nicht bergen.

»_Fahr wohl, du goldne Sonne!_«

Aber die Sonne ging nicht fort, sie schritt im Gegenteil golden und

groß in den Saal hinein. Alle ihre Strahlen verfingen sich in die

braune Amati und der Künstler webte aus ihnen ein goldenes Netz, das

alle umspann. --

Die Augen hingen an dem Geiger.

Was er ihnen sagte, war gewaltig.

Eine Predigt hielt die Geige, wie sie wuchtiger kaum je vernommen ward.

-- Mußte man wirklich einen solchen Dornenweg des Entsagens gehen, wenn

man zu dieser Höhe klimmen wollte?

Denn jene unter den Zuhörern, welchen Frau Musika zur Seherin wurde,

tief Verschlossenes offenbarend, sie fühlten jetzt mit dem Künstler

den Segen des Leides. Sie schritten mit ihm durch Höhen und Tiefen

und sahen mit leidgeschärften Augen, daß blumenumstandene Wege sich

in Sümpfe verirren und nur ein schmaler, rauher und einsamer Weg

hinaufführt ins lichte Kinderland, ins Hochland.

Dann war der letzte Ton verklungen, aber es blieb still im Saal. Nach

einem Weilchen hörte man ein wildes, wehes Weinen -- Fritz Bach sprang

auf, schob ungestüm seinen Sessel zurück und umklammerte den Arm des

Künstlers.

»_Nichts_ kann ich, _nichts_!« stöhnte er und lief hinaus, quer durch

den ganzen Saal mit den vielen fremden Leuten, ohne Gruß, ohne Dank.

»Den hole ich mir wieder,« sagte Bertold sinnend.

Er schlug das seidene Tuch um die Amati und legte sie wieder in

Brennstoffs Hände. Dieser sah besorgt in Bertolds Antlitz. Es war

tiefblaß und nur die rote Narbe quer über der Stirn brannte wie ein

feuriges Mal.

»Nur einmal gar nicht mehr an andere denken,« meinte der Organist,

»ganz und völlig ausruhen, nicht wahr, Meister Bertold?« Es klang, als

spräche eine gute, alte Mutter mit ihrem Sohne. --

»Gewiß, mein Alter, -- sei ganz ohne Sorgen.«

»Schmerzt die Narbe wieder?« fragte nun auch leise Rektor Tüllen. --

»Was soll ich’s hehlen? Ja, sie rumort etwas. --«

Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt · 第 19 / 21 题