Nun der Bann des Schweigens gebrochen, waren sie alle völlig bei dem
seltenen Genuß, den sie eben gehabt. -- Sie redeten und gestikulierten
heftig, sie legten die Sonde der Kritik an einzelne Stellen, und
gegensätzliche Meinungen prallten hart aneinander.
Als man den Künstler zum Schiedsrichter nehmen wollte, war er mit den
beiden Getreuen verschwunden.
Die letzteren schritten durch die Nacht, glückselig wie zwei Kinder
über den wunderbaren Verlauf des Konzertes in Berlin, und auch darüber,
daß das Ausland wieder hinter ihnen lag. Sie hätten sich ja nie dazu
entschließen können, ihren jungen Meister Bertold allein ziehen zu
lassen, -- aber die Heimat übte ihre uralte Macht, und die Heimat war
auch den beiden nicht mehr nur Schwarzhausen, sondern Deutschland.
Und morgen, -- morgen wollten alle drei nach Bayreuth -- sie wollten
Parsifal hören, zum ersten oder zum wievielten Male, sie wußten es nie
zu sagen.
Es war ihnen ein Gottesdienst, den sie nie versäumten, wenn er sich
ihnen bot. --
Bertold Malcroix schritt durch den stillen Tiergarten, rasch und weit
ausschreitend.
Es ging schon stark auf Mitternacht, aber er wußte, daß er in dem
kleinen, verschwiegenen Gartenhaus immer willkommen war, und daß die
einsame Bewohnerin noch weniger Schlaf brauchte, als er selbst.
Etwas Starkes, Seltsames bewegte ihn heute.
Nicht der Künstlerstolz über den brausenden Erfolg des Abends,
auch nicht der Gedanke, daß er heute wieder das Steuer eines
Lebensschiffleins geworden war, denn daß er Fritz Bach die Mittel zu
einem ernsten Studium gewährte, stand bei ihm fest.
Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung gehabt, ein Erlebnis,
das ihn nicht losließ, und das er heute abend in Vergessenheit hatte
bringen wollen bei sich selbst. --
Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom andern im gefüllten
Saale unterschied, er, dessen Sehen im Fühlen unterging, sobald er die
Geige im Arm hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung.
Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten und hatte ihn mit
Augen der Erinnerung angeschaut.
Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze Gewand der Trauer sie
umschloß, sie atmete und schaute aus stahlblauen, ernsten Sternen auf
seine Geige. Nur auf diese, nicht auf den Mann.
So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich süße Entzücken gewesen,
als er sie sah, daß er im Spiel ganz leise stockte, und da war auch
über das süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens gegangen.
Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr Aussehen, an ihr
verändertes, blasses, ernstes Gesicht, aus dem jedes Schelmenlachen
gewichen war.
Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher?
Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es dir Schatten? Zu viel
Schatten? --
An diesem Abend hatte er nur für die junge, mädchenhafte Frau
gespielt, die so düster in dem tiefen Schwarz unter all den strahlend
geschmückten Menschen gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die
einst so lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet in ihrem
Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in Gestalt von flimmernden
Löckchen das liebe Gesicht umgab, für die _Seele_ der kleinen Liselotte
Windemuth. Damit versank für ihn der große, helle Saal und alle
Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen des Rektors Tüllen stieg auf
aus der Erinnerung. Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die
kleine Liselotte und er.
So kam es, daß seine Geige heute jubelte und weinte und so inbrünstig
warb um die Vergangenheit. Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati
wollte die Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen
neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der Jugendgespielin.
Jeder Akkord, jeder Klang, jedes leise Schwingen der Saiten sprach zu
ihr und fragte sie und klagte mit jeder Frage sich selbst an: »Kleiner
Kamerad, warum blieben wir nicht zusammen? Meine Liselotte, warum ließ
ich dich mit einem andern ziehn? Du erfahrenes Mütterchen von Puppe
Emmy, warum verstandest du an deinem Konfirmationstage den großen,
unbeholfenen Jungen nicht, dem die Liebe zu dir über Kopf und Kragen
schlug?«
Und gerade bei dieser eindringlichen Frage, welche die Geige an das
Herz der blassen, jungen Frau tat, war eine Störung im Konzertsaal
entstanden und Bertold hatte gesehen, wie Liselotte aufstand und den
Saal verließ.
Wo war sie jetzt? Wie sollte er sie finden in dem großen, weiten Berlin?
Unter all diesen drängenden Erinnerungen war Bertold Malcroix an das
kleine versteckte Gartenhaus gekommen, das sich efeuumsponnen seltsam
verwunschen in der Großstadt mit ihren ragenden Prachtbauten ausnahm.
Bertold schloß die Gartenpforte auf, die sich lautlos in den Angeln
drehte, und schritt den hellen Kiesweg entlang nach dem Häuschen hin,
dessen Fenster erleuchtet waren.
Noch ehe er die Glocke zog, öffnete sich die Haustür.
Frau Thereschen Teichmann stand knixend auf der Schwelle.
»Wie geht es der Kranken?« fragte der Ankommende, »hat sie sehr auf
mich gewartet?«
»_Sehr!_ Sie ist aufgestanden und behauptet, ganz frisch zu sein. Denn
es ist ein Eilbrief gekommen und sie will heim.«
»Heim? Es ist wohl nicht möglich!«
Bertold hatte rasch Hut und Mantel abgelegt und klopfte nun leise
an die Tür des nächstliegenden Zimmers, deren Klinke er sacht
herunterdrückte.
Und dann hielt der Hüne in den Armen ein feines, kleines, graues
Persönchen und Tante Adelgundes verstaubtes Stimmlein schalt mit ihm.
»Du Langbleiber, du launischer Künstlerbub! Vergißt du mich ganz?«
Und als er besorgt nach ihrem Befinden fragte, wies sie ihn herrisch
zurecht.
»Ich bin gesund, und ich will reisen. Bertold, wir müssen beide heim.«
Sie hielt ihm einen großen Brief hin und Bertold sah, wie ihre
runzligen Hände zitterten. Und er selbst war blaß, nachdem er ihn
gelesen; er mußte sich in einen der tiefen Sessel setzen.
Das alte, heisere Stimmlein schalt weiter.
»Gelt, das ist nun doch was anderes und Schwereres, sich zu
entscheiden, wo deine Pflicht liegt, dummer Bub? Hier der Ruhm und die
Welt, dort die verhaßte Arbeit.«
»Die Arbeit war mir nie verhaßt, Tante Adelgunde,« murmelte Bertold.
»Ach, -- versteh mich doch recht, ich versteh’ dich ja auch. Hier
liebt und vergöttert dich alles und in dem fernsten Auslandsnest
bist du heimischer als in Schwarzhausen. Dort wartet schwere,
verantwortungsvolle Arbeit auf dich und ein verbitterter Greis, der
jetzt -- -- --«
Das verwitterte Stimmchen schlug um und Bertold trat zu dem uralten
Dämchen und umarmte es zärtlich. »Wann mag der Schlaganfall gekommen
sein, Tante Adelgunde?«
»Gott mag’s wissen. Der alte Prokurist schreibt ja nichts drüber, aber
du liest ja, daß der Großvater dringend nach dir verlangt -- -- --«
»In einer Stunde geht der Nachtzug, -- ich reise, Tante Adelgunde. Du
kommst morgen nach mit Brennstoff und Tüllen und Frau Teichmann. Wirst
du die Fahrt ertragen können?«
Da richtete sich das zusammengesunkene Körperchen auf. »Du fragst, wie
dumme Buben fragen.« Das Stimmlein war jetzt fest und ernst. »Wenn man
sich mit neunzig Jahren noch auf die Wanderschaft begibt, wie ich vor
acht Jahren, dann muß etwas Großes, -- das Größeste uns treiben: die
_Liebe_, du dummer Bertold Eik. Ich allein hatte dich lieb und ich
wußte, daß man einen Eik nicht mit dem Haß und der Menschenverachtung
in die Welt hinaus lassen darf. Aber nun hat dich deine Geige die
Menschenliebe gelehrt und du brauchst mich nicht mehr. Bald bin ich
hundert Jahr -- -- ich möchte in der _Heimat_ sterben.« -- --
* * * * *
Das alte Windemuthhaus hatte lange einsam gestanden.
Man wunderte sich in Schwarzhausen darüber, denn man hatte eine
ausgeprägt praktische Veranlagung.
Das Grundstück mit dem schönen, geräumigen Wohnhaus und dem großen Park
hatte hohen Wert, und mancher Schwarzhausener Bürger suchte es an sich
zu bringen, aber ohne Erfolg.
Man sagte, die verwitwete Frau Oberleutnant von Windemuth wolle mit
ihrem einzigen Kinde nach Schwarzhausen ziehen, um das Grab des Vaters
pflegen zu können.
Aber es geschah nichts dergleichen, und die Einwohner der Stadt und
Umwohner des Windemuthschen Grundstückes gewöhnten sich schließlich
an die zugezogenen Fenster und freuten sich, daß der große Garten dem
Stadtgärtner übergeben war, der ihn sorglich pflegte.
Durch das Ereignis der Übersiedlung des berühmten Malcroix nach
Schwarzhausen wurde das Interesse für die Windemuths in den Hintergrund
gedrängt.
Man konnte sich zuerst gar nicht darein finden, daß der verachtete
Name mit einem Male so hoch in Ehren stand, daß viele Fremde nach
Schwarzhausen kamen und die Unbequemlichkeit des Reisens auf der
Nebenlinie und Klingelbahn nicht scheuten, nur um die Heimat des großen
Geigers zu besuchen. --
Und nun, da der Sohn den befleckten Namen des Vaters wieder ehrlich
gemacht, also daß jeder mit abgezogenem Hute davor stand, nun führte
Bertold wieder den Namen »Eik von Eichen«. -- Er war und blieb
eben »närrsch« und für die Schwarzhausener unverständlich. Und
unverständlich blieb ihnen lange Zeit der ungeheure Aufschwung, den der
Betrieb der Fabriken nahm, -- es war doch unmöglich, daß der »Musikant«
sich solche Fach- und Sachkenntnis angeeignet hatte, die den Erfolg
bedingten.
Bertold Eik schritt durch alle Neugierde, allen Spott und einen guten
Teil Nichtachtung, die sich trotz der acht Jahre gut erhalten hatte,
mit eherner Stirn hindurch.
Der alte Herr von Eik hatte sich wieder erholt, aber er überließ dem
Enkel die volle Verwaltung aller Geschäfte, und dieser ehrte den
Großvater als Senior und holte seinen Rat ein, kehrte jedoch mit
eisernem Besen jeglichen zopfigen Schlendrian aus. Das schaffte ihm
einige neue Feinde zu den vielen alten, aber es verschaffte ihm auch
treue Anerkennung und der Erfolg war auf seiner Seite.
Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil niemand gebeten wurde, ihn von
innen zu besehen; man munkelte von Lebenspülverchen, die darin nach
einem Teufelsrezept verfertigt würden und zu tausendjährigem Dasein
berechtigten. Irgendwo mußte ja immer noch die Tante Adelgunde leben,
die man nie mehr sah; und doch brachte man nicht die Hundertjährige mit
der geheimnisvollen Person in Verbindung, welche Bertold mit auf Reisen
nahm und durch Heben und Tragen vor jeder unsanften Berührung schützte.
Es war doch weit interessanter, vom »schlechten Kerl« zu sprechen und
sich alle seine schlimmen Taten ins Gedächtnis zurückzurufen, als in
dem Herrn von Eichenborn einen ruhigen, arbeitsamen Staatsbürger zu
sehen.
Der Eichenborn blieb geheimnisvoll, weil das langgestreckte,
düstere Haus niemals Gäste sah, niemals Fremde hineinließ. Und weil
Dienstbotenklatsch keinen Nährboden hatte, denn die Schar der Dienenden
im Eichenborn war altbewährt und wurde im Todesfall immer nur durch
erprobte und empfohlene Verwandte des Verstorbenen ersetzt.
Die neue Zeit schritt rings um den Eichenborn und Bertold Eik ~junior~
tat ihr weit die Pforten der Fabrikräume auf und setzte sie auf den
Ehrenplatz. -- Was zum Wohle der Arbeiter geschehen konnte, das
wurde in den Eikschen Fabriken eingeführt; alle neuen Erfindungen
im Betriebe der Schutzeinrichtungen fanden einen warmen, tätigen
Förderer in dem jungen Besitzer. Aber die neue Zeit kam nicht nach
dem Eichenborn selbst; sie mußte Halt machen vor dem mächtigen
schmiedeeisernen Portal, das jeden Abend mit wuchtigem Schlüssel
verwahrt wurde, und sie durfte sich nicht einmal erlauben, den uralten
Klopfer durch den kleinen, weißen, elektrischen Knopf zu ersetzen.
Der Fürst des Landes war durch Schwarzhausen gereist und hatte dem
Städtchen dadurch ungeheure Kosten, Mühe und Aufregung bereitet. Und
wenn wirklich, wie man sagt, der Grad der Kultur eines Volkes nach dem
Verbrauch der Seife abgemessen wird, so stand Schwarzhausen durchaus
auf der Höhe.
Aber der Fürst fuhr mit dem ernstesten Gesicht durch all die
Reinlichkeit und Kultur, selbst der Anblick der jungen und alten
Ehrenjungfrauen vermochte sein Antlitz nicht zu erhellen, trotzdem die
alten schon seinen Vater und Großvater begrüßt hatten.
Ohne Aufenthalt begab er sich nach den Eikschen Fabriken, wo er
alles auf das eingehendste besichtigte. Und der Abend fand den
Landesherrn nicht auf dem Honoratiorenball in der Thüringertanne, wo
verschiedene Hände und Knopflöcher bereit waren, Segen zu empfangen,
sondern er fand ihn im Gartenhause des Parkes Eichenborn, und das
Gesellschaftstempelchen sah zum erstenmal wieder fürstliche Gäste, wie
in längst vergangenen Glanztagen.
Schwarzhausen hatte Ursache, wieder den Kopf zu schütteln. Denn der
als streng moralisch bekannte Fürst machte auch der geheimnisvollen
Liebsten des jungen Bertold seinen ehrenden Besuch, ja er nahm sogar
das »Pfand der Liebe«, die Frucht des unerhörten, lichtscheuen
Verhältnisses mit nach der Residenz, damit die musikalische Ausbildung
durch berühmte Hände erfolge.
Die neue Schwarzhausener »Schmach«, welche Bertold Eik den
sittenstrengen Mitbürgern angetan hatte, war ein vierzehnjähriger
Knabe, der in Eichenborn vom Rektor Tüllen unterrichtet wurde, wie denn
überhaupt Tüllen und Brennstoff auf Wunsch der Eiks sich dauernd in
Eichenborn niederließen.
Der »Sohn« von Bertold Eik ~junior~ wurde Fritz Bach genannt, und
trotzdem sich der Fürst zu der unerhörten Heimlichkeit hergab, die sich
im Gartenhause des Eikschen Parkes abspielte, und trotzdem überall
wachthabende Eichenborner Garde auf Posten gestellt war, hatte doch
ein Schwarzhausener Schlingel Gelegenheit, sich in einem Tannenwipfel
einzunisten; er erzählte dem atemlos lauschenden Städtchen, daß der
Fürst neben »_der_« gesessen. Er habe ihr sogar eigenhändig einen
Schemel gebracht. Bertold Eik ~junior~ habe Geige gespielt, worauf der
Fürst ihn _umarmt und geküßt habe_. Das gleiche habe darauf plötzlich
»Fritz Bach« getan und Bertold Eik habe darüber herzhaft gelacht,
worauf der Fürst laut und deutlich gesagt habe: »Mein lieber Eik, auch
ohne Ihr Geigenspiel, schon durch Ihr Lachen allein wären Sie der
musikalischste Mensch unter der Sonne!«
Man konnte sich nur denken, daß der Fürst schon »alt« wurde und deshalb
solche -- (mit tiefem Bückling wurde es gesagt) -- _Ungereimtheiten_
vorbrachte. -- Außerdem hatten sich Durchlaucht ja nie die Mühe
gegeben, sich zu überzeugen, wie seine übrigen Landeskinder lachten,
so z. B. ganz besonders laut die Tochter des Bürgermeisters, wenn sie
keinen Heuschnupfen hatte.
Irgend einen Haken besaß natürlich die ganze Geschichte; denn trotzdem
der Fürst öfters »unerhört gemütlich« zu den Eiks kam und Bertold Eik
~junior~ der Lieblingsgast des fürstlichen Residenzschlosses wurde,
nannte sich noch niemand der Eiks »Kommerzienrat« und nicht die
geringste Ordensdekoration wurde von ihnen getragen. --
Es war gut, daß das Schicksal dem Städtchen Ersatz gab und es
an einem anderen Schwarzhauser Kinde Freude erleben ließ. Das
war die Frau Liselotte von Windemuth, die nun als junge, ehrbare
Witwe des Oberleutnants in ihr Vaterhaus eingezogen war. Daß die
achtundzwanzigjährige Frau keinen Verkehr suchte, sondern nur der
Erziehung ihres Töchterchens lebte, daß sie weder Kaffees, noch
Abendgesellschaften mitmachte, sondern sich der Pflege der Musik
hingab, war freilich nicht nachahmenswert, aber sie war ja ein Mensch
und Fehler haben _die_ alle. Die Schwarzhausener rechneten sich selbst
nicht eigentlich in die Kategorie des ~homo sapiens Linné~, sie waren
eben etwas Besonderes, waren »Fürstlich Schwarzhausensch«.
Frau von Windemuth hätte wohl eigentlich bei ihrer Jugend noch nicht so
allein leben sollen, aber sie war nicht zu bewegen, der verstorbenen
Base Juliane eine würdige Nachfolgerin zu geben, und setzte allen
Anzapfungen dieser Art ein Lächeln entgegen, von dem man nicht recht
wußte, ob man es lieblich oder spöttisch nennen dürfe.
Wunderschön war jedenfalls die junge Witwe, und um einen Blick aus den
stahlblauen Augen zu erhaschen, ging, fuhr und ritt die Schwarzhausener
Männlichkeit mit besonderer Vorliebe durch die Straße, wo sie wohnte,
und der Verkehr in diesem Stadtteil hob sich, ohne daß Frau Liselotte
selbst eine Ahnung hatte. Einige hochangesehene, ernsthafte Bewerber
waren über die Schwelle des Windemuthhauses geschritten, aber die
junge Frau zeigte keine Bereitwilligkeit, ihr eigenes Ansehen und ihre
Ernsthaftigkeit zu teilen. --
So mußte man sich damit begnügen, manchmal beim Sonnenuntergang vor dem
Zaun des parkartigen, dicht verwachsenen Gartens zu stehen und nach dem
geöffneten Fenster des ersten Stockwerkes zu spähen, »bis die Liebliche
sich zeigte«.
Aber sie zeigte sich nie.
Nur die wunderbar weiche Altstimme drang zu den Lauschenden, ein Klang
wie aus anderen Welten: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt
ein Lied mir immerdar -- -- --«
* * * * *
Das kleine sechsjährige Wesen, das man im Windemuthsgarten spielen
sah, hatte den Unternehmungsgeist der Mutter geerbt. Es stieg über den
Windemuthzaun in Nachbargärten und sprach mit den Inhabern wie ein
alter Verstandskasten. Es lernte stundenweise ernsthaft sein Abc und
teilte ein Herzchen voll Liebe mit Blumen, Vögeln, Puppen, Mutti und
dem lieben Gott.
Stahlblaue Augen schauten aus rosigem Gesicht lachend und zeitweise
wiederum ernsthaft prüfend. Flimmernde Goldlöckchen umrahmten eine
feine Stirn und unter dem geraden Näschen plauderte ein nicht
allzukleiner Mund mit Mausezähnchen und etlichen Zahnlücken. --
Die Puppen des quecksilbrigen Wesens liebten weite, gefährliche
Spazierfahrten in der »Kajüte«, wie der uralte Puppenwagen genannt
wurde; und manche hatte schon ihr Dasein eingebüßt bei den verwegenen
Ausflügen und lag begraben im Garten. Etliche waren Krüppel für
Lebenszeit und dadurch ganz besonders verhätschelte Lieblinge.
Frau Liselotte erlaubte ihrem Kinde Selbständigkeit.
Automobile und elektrische Bahnen gab es nicht in Schwarzhausen;
kläffenden, knurrenden Hunden trat das kleine Mädchen furchtlos
entgegen und der Begriff des Bösen und Schlechten ging ihm überhaupt
ab, so daß es mürrische und garstige Leute einfach fragte: »Was fehlt
dir?«
Vor dem lauschigen, verwachsenen Eingang zum Eichenborn, darinnen die
Quelle murmelte, war die Kleine wohl manchmal mit ihrem Puppenwagen
stehen geblieben und hatte in das tiefe Grün des Parkes hineingestaunt.
Denn es erbte die Eigenart der Mutter, allüberall Melodien zu hören,
und im Eichenborn schienen wundersüße Klänge in der Luft zu hängen.
Aus der Quelle tönten sie, aus dem Gründickicht quollen sie hervor
und dort unten, wo sich das silberne Band der wilden Gera schlängelte
und das dunkle Gartenhaus stand, schienen sich die Weisen zu einer
geheimnisvollen Symphonie zu verdichten. --
Schon oft wollte das kleine Persönchen all dieses näher ergründen, aber
»Mutti« hatte es immer vor dem Eichenborn besonders eilig gehabt und
das Kind rasch vorbeigeführt.
So lebte in der Kleinen das unbewußte Gefühl, daß der Eichenborn
verbotenes Gebiet sei.
Wenn aber das Schicksal es gerade vor dem Eichenborn erlaubte, daß die
Lieblingspuppe heftiges Nasenbluten bekam und abgewaschen werden mußte,
dann konnte man natürlich ohne Bedenken hineingehen, und ebenso mußte
es jedermann als berechtigt ansehen, daß man die Schwerleidende nach
dem Abwaschen noch ein wenig in dem stillen Parke umherfuhr.
Also die kleine Diplomatin.
Sie schritt mit Trippelschrittchen den Melodien nach und machte mit
erhobenem Zeigefinger ihre zwei Puppen auf die immer lauter werdenden
Klänge aufmerksam. Vor dem Gartenhause hob sie unter Ächzen und Seufzen
den schweren Puppenwagen über die Schwelle und schob ihn und sich
selbst durch die Tür in die große, altväterisch möblierte Diele. Da saß
ein steinaltes Mütterchen am Spinnrade.
»Um Verzeihung --« begann die Kleine mit tiefem Knix, »sind Sie
vielleicht Frau Holle?«
Sie nannte sonst noch alle Menschen »du«, aber bei Personen aus dem
Märchenlande mußte eine höfliche Ausnahme gemacht werden.
»Komm her zu mir,« rief ein verstaubtes, heiseres Stimmchen, aber die
Kleine wehrte ab. »Danke, danke, ich muß rasch zu Mutti, aber vorher
möchte ich ›das da‹ sehen.«
Ohne Zögern klinkte sie das Nebengemach auf, und »das da« stand vor ihr
und starrte mit Schrecken und Entzücken in das liebe Kindergesicht.
»Liselotte!« rief der große dunkle Mann, der die Geige im Arm hielt,
aus welcher die märchenhaften Klänge gekommen waren.
Ein grauer Papagei, der im Bauer am Fenster saß, fing plötzlich an,
sich wild und heftig im Ringe zu schaukeln.
»Liselotte! Bertold!« krächzte er.
Die Kleine erschrak und machte einen tiefen Knix.
»Woher weiß er es?« fragte sie neugierig und schmiegte sich an den Mann.
»Was meinst du, du liebes Kind? Heißt du nicht Liselotte?«
Bertold Eiks Hand strich sacht und zärtlich über das blonde Gelock.
»Nein, ich heiße Elfi. Aber die beiden hier.«
Sie schlug die Wagendecke zurück und hob zwei Puppenkinder hoch, das
eine im Steckkissen mit verbundener Nase, das andere in schwarzen
Samthöschen: »Liselotte und Bertold«.
»Liselotte! Bertold!« schrie der Papagei.
»Siehst du, er weiß es,« triumphierte Elfi, »woher weiß er es?«
»Das war immer so,« murmelte der große Mann, dann legte er mit raschem
Griff die Geige in den Kasten, hob die federleichte Elfi hoch, was die
Kleine zu jubelndem Lachen veranlaßte, und drückte sie stürmisch an
seine Brust.
»Du hast mich wohl lieb?« fragte sie erstaunt-zutraulich, und ihre
Ärmchen legten sich weich und herzlich um seinen Hals.
Dann zog sie ein verknülltes, nasses Taschentüchlein, mit dem
sie vorhin die Puppe abgewaschen, aus dem perlengestickten
Margaretentäschchen und wischte damit dem fremden Mann über das Gesicht.
Denn er hatte Wasser in den Augen und immer mehr Tränen kamen noch,
trotzdem ihm die Elfi so mütterlich-zärtlich zusprach, genau so, wie
es ihre eigene Mutti bei ihr selbst tat: »Nicht weinen, -- nicht doch
-- es ist ja gar kein Grund da!«
Plötzlich lachte er herzlich und glücklich, was sehr hübsch klang, und
sie durfte mit ihren kleinen Fingerchen die Saiten der Geige zupfen und
nach Herzenslust mit ihrem neuen Freunde plaudern. Sie erzählte von
Mutti und vom Windemuthhaus und dem großen Garten, und daß Großvater
und Großmutter und auch der Papa im Himmel seien und daß Mutti oft
weine.
Unglaublich rasch verflog die Zeit, denn der ernste Mann und das holde
Kind hatten sich gar so viel zu erzählen, und als endlich Elfi mit
dem Puppenwagen heimfuhr, lag zutiefst auf seinem Boden ein graues,
närrisches Bündel und Klein-Elfi und Bertold von Eik hatten ein
wundersüßes, großes Geheimnis miteinander.
* * * * *
Frau Liselotte schritt in ihrem Garten auf und ab; er war so dicht
verwachsen, daß er sie vor jedem Späherauge schützte, und das war
gut und verständig von seinen dichten Zweigen. Denn in den lieben
Garten des Vaterhauses trug Frau Liselotte viel heimlichen Kummer;
all die vertrauten Stellen darin kannten ihr Leid, wußten, wie schwer
sie an der Ehe mit Hans von Windemuth getragen hatte, und wie sie
geistig beinahe verhungert war an seiner Seite. Sie war auf Wunsch des
Arztes nach dem plötzlichen Tode des Gatten auf Reisen gegangen, aber
Mutterliebe trieb sie wieder, seßhaft zu werden, weil Klein-Elfi nicht
die Unruhe vertrug. Frau Liselotte hatte sich eine Villa im Tiergarten
gemietet, um ihre Stimme in Berlin noch weiter auszubilden, aber sie
litt unter dem Tanz um das goldene Kalb, der begann, als man erfuhr,
daß die schöne Gesangschülerin der Königlichen Hochschule reich und
frei war.
Ernst und unnahbar wurde sie und -- einsam.
Dann kam der Konzertabend in der Singakademie, an dem sie Bertold Eik
zum ersten Male wiedersah.
Wiedersah als großen, unerreichten Künstler.
Und das Kinderherz in ihr flog ihm entgegen und alles Trennende
schien zu versinken, aber sie hörte, daß er jäh die Künstlerlaufbahn
abgebrochen habe und die großen Besitzungen der Eiks übernehmen werde.
Sie hörte, daß seine schwere einstige Kopfwunde ihm immer noch zu
schaffen machte, und man verhehlte ihr nicht die häßlichen Einzelheiten
ihrer Entstehung.
Auch seine geheimnisvolle Begleiterin sah sie und hörte von ihr, aber
nichts von alledem drang in das Stillste und Tiefste ihres Herzens, das
dem Jugendfreunde seit Urbeginn gehörte.
Und als die Sehnsucht nach der Thüringer Heimat sie packte und
schüttelte, daß sie meinte in der fremden Großstadt verzagen zu müssen,
da ließ sie die Pforten ihres Vaterhauses öffnen, ließ Licht und Luft
und Sonne durch die unverhüllten Fenster einziehen und duckte sich mit
ihrem Kinde in das stille, sonnenwarme Nest. --
Heute an dem Sommernachmittag, der sich schon sacht mit dem
Abend grüßte, wartete Frau Liselotte auf Elfi, die ihren
Gesundheitsspaziergang mit den Puppen etwas gar zu lange ausdehnte, so
daß die Mutter schon ein paarmal in Sorge über den Gartenzaun gelugt
hatte.
Nun setzte sie sich in die Geisblattlaube und die sonst immer fleißigen
Hände, die am liebsten jedes Stück, dessen der Liebling bedurfte,
selbst nähten, lagen gefaltet auf der kühlen Platte des alten
Steintisches.
Allgemach kam ein süßes Träumen über sie und der Kopf sank auf die
verschlungenen Hände.
»Gewiß weint Mutti wieder,« meinte Elfi zu sich selbst, die ganz leise
durch das Gartenpförtchen über den weichen Rasen herangefahren war. Ein
glückliches Lachen überzog das Schelmengesicht und wechselte mit einem
rührend sorglichen Ausdruck.
Was hatte der große, gute Herr im Eichenborn ihr zugeflüstert?
»Wenn deine Mutti wieder weint, dann leg ihr dies Bündelchen in den
Schoß; gib acht, sie wird dann froh.« -- --
Und Elfis Herzchen pochte in Erwartung, das graue Bündel wanderte aus
dem Puppenwagen auf den alten Steintisch und berührte die gefalteten
Hände der Ruhenden. Langsam und verträumt hob Frau Liselotte den
blonden Kopf und kichernd schlüpfte Klein-Elfi, sich versteckend,
hinter einen dichten Fliederbusch.
Von dort aus sah sie, daß Mutti gar nicht geweint, vielleicht nur ein
wenig geschlafen hatte, aber nun lag der Trost doch einmal neben ihr
und -- -- --
* * * * *
O was hatte Elfi da angerichtet!
Sie sah, wie das Bündel mit stürmischen Küssen bedeckt wurde, wieder
und immer wieder, und die Mutti rief einen Namen dabei, den Elfi nicht
verstand; was sie aber wohl verstand, war, daß Mutti _nun_ weinte, --
weinte, wie Elfi es nie gesehen, herzbrechend und bitterlich. --
Also hatte der Herr vom Eichenborn unrecht gehabt und sehr, sehr bös
gehandelt, daß er der Mutti solchen Kummer mit dem greulichen Bündel
verursachte, und Elfi war sofort entschlossen, es ihm zu sagen, gleich
jetzt -- sofort.
Die flinken Beinchen legten den kurzen Weg unglaublich rasch zurück und
Bertold von Eik war sehr erstaunt, seine kleine, neue Freundin sobald
schon wieder zu sehen. Der Plaudermund Elfis strömte über von raschen,
zornigen Vorwürfen und sie verhehlte ihm gar nichts von dem jähen Leid,
das über Mutti beim Anblick des grauen Bündels gekommen war.
Noch viel zorniger aber wurde ihr Herzchen, als sie den großen Herrn
lachen sah, ganz strahlend und herzlich lachen, und sie wehrte sich mit
Händen und Fäustchen, als er sie stürmisch lieb haben wollte, und fing
nun selbst an, kläglich zu weinen.
Da wurde er ernst und redete gute, liebe Worte und sie legte
vertrauensvoll ihre kleine Rechte in die seine und er ließ sich von ihr
leiten bis ins Windemuthhaus.
Dort ließ sie aber die große Hand nicht los, sondern gemeinsam
schritten die beiden durch das Portal des Windemuthhauses und hinaus in
den Garten.
Erst vor der Geisblattlaube löste sich Elfis Händchen aus der Hand des
Freundes, und sie stieß ihn ein wenig unsanft hinein. »Da!« sagte sie
nur --
* * * * *
Und der große ernste Herr von Eichenborn mußte seine böse Tat wohl sehr
bereuen, denn er lag vor Mutti auf den Knien und küßte immer wieder
ihre beiden Hände und diese Hände legten sich auf seinen Kopf und
schlangen sich um seinen Hals und Mutti, die gute Mutti, schien ihm
auch verziehen zu haben, denn sie küßte ihn ja und sah unbeschreiblich
glückselig aus.
Da umfing Klein-Elfi beide liebe Menschen mit ihren weichen Kinderarmen.
* * * * *
An Tante Adelgundes hundertstem Geburtstag führte Bertold Eik von
Eichen seine Liselotte heim. -- Eine hundertjährige Bürgerin hatte
Schwarzhausen seit seiner Begründung noch nicht aufzuweisen gehabt. --
Die Schwarzhausener waren sehr stolz.
Nirgends in der Welt passierten so seltsame Dinge, wie in ihrem
Städtchen, und es hatte den Anschein, als ob der liebe Gott die
Schwarzhausener ganz besonders liebte und ehrte.
Denn daß die liebe, gute Liselotte Windemuth, die so viel für die
Armen der Stadt tat, den Bertold Eik heiratete und damit den einzigen
schlechten Kerl, den Schwarzhausen aufzuweisen hatte, zur Besserung
vorbereitete, das wollten sie ihr nie vergessen, ja manchem dämmerte es
in seinem Pharisäerherzen, daß Herr Bertold Eik von Eichen es doch am
Ende verdiente, ein Schwarzhausener Bürger zu sein.
Und mehr kann der Leser wohl von Schwarzhausen nicht verlangen.
* * * * *
»Du willst meinem Enkel das Glück bringen?« fragte Eik ~senior~ die
junge, blonde, schöne Frau.
Es war am Abend ihres Hochzeitstages.
»Ich will ihm die _Heimat_ geben,« antwortete Liselotte schlicht.
Da schloß der alte grimme Eik sie in seine Arme, und er fühlte
seherisch, daß das heilige Feuer in diesen beiden Menschenkindern wohl
imstande sein würde, das Gold, welches im Eichenborn verborgen lag, von
allen Schlacken zu läutern.
Vom Großvater fort schritten Bertold und Liselotte in Tante Adelgundes
Gemächer.
Und das Geburtstagskind segnete sie und gab ihnen die silberbeschlagene
Bibel, aus der sie noch eben gelesen: »Und wenn ich mit Menschen- und
Engelszungen redete und hätte der _Liebe_ nicht, so wäre ich tönendes
Erz und klingende Schelle -- --«
Denn sie ist die Größeste -- -- --!
Fräulein Adelgunde blickte aus hellen Augen dem schönen Paare nach --
es schritt Hand in Hand über den Hof des Herrenhauses und dann stand
es vom hellen Mondlicht beschienen im gegenüberliegenden Turmzimmer,
dem Brautgemach, von dem man weithin schauen konnte über die geliebten
Thüringer Berge.
Ein Rauschen ging durch die Edeltannen, wie eine ernste Mahnung, und
ihr herbes Duften war wie stilles Grüßen in dieser heiligen Nacht.
»_Heimat ist Glück_,« murmelte die Hundertjährige.
Ende.