»Bertold, dein Weg wird wahrscheinlich noch rauher, als der meine es
war. Verstehst du das, mein Junge?« Es war das erste Mal, daß eine
so gütige Bezeichnung erfolgte und Bertold empfand es mit dankbarer
Freude. »Du hast das unglückliche Temperament der Eiks, daneben aber
noch einen ganz unvernünftigen Idealismus, der dir -- hm -- wohl von
anderer Seite vererbt ist.«
Herr von Eik ~senior~ schritt jetzt im Zimmer auf und ab, man sah, daß
ihm die Trennung vom Enkel zu schaffen machte.
»Sich für ein unbekanntes, häßliches Weib aus dem Volke zersäbeln und
außerdem drei Monate aufbrummen zu lassen, ist der Gipfel der Dummheit;
auch für das Hundewrack, das du mit herschlepptest, fehlt mir das
Verständnis, obwohl wir Eiks alle Ursache haben, die stumme Kreatur
der schwatzenden, hechelnden, verleumderischen, hetzenden vorzuziehen.
Deinen Begräbnisplatz für das Vieh sollst du haben, komm mit.«
Bald darauf standen Großvater und Enkel vor dem Gesellschaftstempelchen
im Park, und Bertold sah sich nach einem geeigneten Platze um. Das tote
Tier lag, in ein Leinentuch geschlagen, unter der Tannengruppe; Bertold
hatte Schaufel, Hacke und Rechen mitgenommen.
»Hier!« rief der Großvater rasch und lebhaft und bezeichnete seinem
Enkel die Stelle, wo dieser graben sollte. Bertold war es froh ums
Herz, wie seit langer Zeit nicht. Er fühlte zum erstenmal bewußt,
daß er dem alten Eik verwandt war und die Zukunft, in der er mit dem
Großvater gemeinsam arbeiten sollte, sah ihn nicht mehr so fremd und
kalt an. Mit jedem Spatenstich, den er tat, wurde es ihm freier ums
Herz; es war ihm, als seien in dem verhüllten Bündel alle seine und
Mütterchens Sorgen verborgen, die er nun für immer verscharren wollte.
Vielleicht bewegten den alten Eik ähnliche Gedanken, er erschien dem
Enkel aufgeräumt und munter wie nie zuvor. Mit Interesse verfolgte er
das Ausschaufeln der Grube, half dann dem Enkel die Last hineinzusenken
und setzte sich beschaulich auf die Bank des Tempelchens. Als Bertold
die Öffnung zuschaufelte, fiel ihm etwas auf.
»Großvater«, rief er lebhaft, »hier daneben ist noch ein Grab, -- da
liegt gewiß schon ein vierbeiniger Eichenborner Hausgenosse.«
Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und
schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden
Augen an.
»Nein Bertold, da ruht eine _Staatsdame_«, rief er zurück, und dann sah
ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten.
Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.
* * * * *
Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des Rechthabens. Es war
alles bis auf das I-Tüpfelchen eingetroffen, was man seit zehn Jahren
vorhergesagt.
Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel, den er in Bonn
ausgefochten hatte, mußte etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der
Student saß im _Gefängnis_.
Man wußte nicht recht, sollte man empört sein über dies Vorkommnis,
das eine der angesehensten Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte
man das Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas Richtiges
in Schwarzhausen passierte. -- Es half nichts, daß ~Dr.~ Hempel und
Pfarrer Klingenreuter jedem, der es hören wollte, das Wort »Festung« in
die Ohren schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter
noch wohlwollender. Und als irgendeiner von den »ganz Klugen« aus Fritz
Reuters »Festungstid« nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich
»Königsmörder« untergebracht würden, wurden die Mutmaßungen immer
geheimnisvoller und belastender für den Übeltäter. Man brauchte auch
nur Frau Franziska, die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu spüren,
daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr beinahe das Herz brach.
Wie sie aussah, -- so blaß, so erschöpft und hinfällig! Sie war doch
noch jung und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit einiger
Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche Verheerungen in ihrem Körper
anrichten. --
Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig zu bedauern, die solch
ein Kreuz zu tragen hatte, und den alten Herrn von Eik dazu, der seinen
herrlichen Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte. Man
sah jetzt Frau Franziska täglich.
Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl für
Haus Eichenborn vom Himmel erfleht, nämlich eine kleine, reinigende
Sintflut, das kam mit einem Mal höchst unbegründet für ganz
Schwarzhausen, der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten, war auch
hier die Quelle des Übels der Brunnen im Eichenborn, aus dem seit
uralten Zeiten die Mägde aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man
hätte doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da Bertold
Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den Eichenborn überhaupt meiden
sollen. Nun wurde er zum »~mal croix~« für ganz Schwarzhausen. Irgend
ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege ging, Vogelnester
ausnahm und reifes und unreifes Obst stahl, machte sich wichtig und
erzählte, daß er nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz
vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im Parke gesehen
habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles Bündel in die Erde vergraben.
Man hätte dem als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht
die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht schlug ein
und zündete sofort. Der Erzähler wurde beinahe der Held des Tages
und in der Parochialschule umstanden ihn die Schüler, auf der Straße
die Bürger und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen.
Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er die Geschichte erzählte,
desto unheimlicher wurde der Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des
Begebnisses verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der
Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen lag. --
Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die Seuche als erstes
Opfer den Hieronymus Teichmann forderte, ihn, der immer und ewig die
Partei des schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten
Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen, ganz aus dem
Häuschen gekommen war. Nun hatte er’s, -- nun lag er in einer der
Isolierbaracken und seine Stunden waren jedenfalls gezählt.
Daß diese Isolierbaracken und alle die Vergrößerungen und
Neuanschaffungen im Krankenhause Geschenke des alten Herrn von Eik
waren, erschien nicht mehr als billig und ebenso richtig war es
gewesen, daß Frau Franziska sich tatkräftig der Kranken und ihrer
Pflege annahm, um die Schuld des schlechten Sohnes etwas zu versühnen.
Der alte, brave Teichmann schickte sich wirklich zum Sterben _an_.
Und so ruhig war er darüber, und so wenig Macht hatten die Schmerzen
über ihn, daß seine poetische Ader nicht versiegte, sondern bis zum
letzten Atemzuge kräftig quoll. --
Sein gutes Auge leuchtete, als Frau Franziska zu ihm trat; doch gleich
darauf erlosch der Glanz wieder, und bekümmert schaute er seinen
Liebling an:
»Das Fräulein -- sollt an sich -- selber denken -- und mir nicht noch
Zeit und Weile schenken,« flüsterte er zärtlich besorgt mit matter
Stimme.
»So blaß sieht Fräulein Fränzchen aus, -- ich kann’s nicht sehn und
nicht verstehn, vielleicht liegt es am Eichenhaus, daß Lust und Freuden
dort vergehn -- --«
»Das mag wohl sein, alter lieber Hieronymus, aber davon wollen wir
jetzt gar nicht sprechen, sondern nur sehen, wie wir dir Linderung
bringen. Wie geht es Frau Thereschen? Ruht sie sich ein wenig?«
Er nickte matt.
»Sie hat sich Ruhe nie gegönnt, hat all ihr Lebtag nur geschafft,
doch nun sie sieht, daß man uns trennt, da holt sie sich zum Schmerz
die Kraft, -- ich bin ohn’ Sorgen allerwegen, -- kann ja mein Weib in
Eiksche Hände legen.«
»Du Treuer! Frau Thereschen wird nie verlassen sein, wie du uns nicht
verlassen hast in guten und bösen Tagen.«
Er lächelte dankbar, schlummerte dann ein Weilchen und schlug wieder
die Augen auf. »Wenn ich bitten dürft -- -- mit schuldigem Respekt, --
daß man den Herrn von Eichen weckt, -- möcht gern die starke Hand noch
drücken und mich dann still bei Seite rücken. -- Und Brennstoff -- --
und den Rektor Tüllen -- wird man mir wohl den Wunsch erfüllen? Ich
möchte sie beide noch mal sehn -- -- und kann dann ruhig -- -- nach
Hause gehn.«
Er sprach abgerissen, leise und langsam, aber Franziska hörte deutlich
jedes Wort und nickte ihm gewährend zu. »Sie werden alle bald da sein,
mein guter Teichmann, soll ich auch Frau Thereschen holen?«
Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ihr das
frommt; sie braucht die Ruh für das, was kommt, -- -- sie würde jammern
auch und klagen, -- ich kann das jetzt nicht gut vertragen« -- --
Teichmann schlummerte wieder und Frau Franziska verließ sacht das
Zimmer. Es währte nicht lange, und sie standen alle um ihn, die seine
Treue im Leben besessen und sie fühlten, daß etwas Gutes von ihnen
wegschritt. Die rechte Hand reichte der Sterbende dem Rektor Tüllen und
die Linke Frau Franziska. Zwischen ihm und dem alten Lehrer bildete
das längst verstorbene Ännchen das Bindeglied, aber der Tochter seines
alten Herrn schlug sein Herz unmittelbar entgegen.
Am Fußende ragte die hohe ungebeugte Gestalt des alten Eik, und zu
Häupten des Bettes mühte sich Kantor Brennstoff vergebens, einer
heftigen Bewegung Herr zu werden. --
»Will mir mein Herr ein gutes Sprüchlein sagen?« fragte Teichmann
mühsam. »Ich muß den letzten Gang nun wagen und aus dem Eichenhause
ziehn -- -- -- Den Pfarrer möcht’ ich nicht bemüh’n -- --«
Der alte Eik trat rasch näher, -- er legte seine große Hand auf die
des Kranken: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über Weniges
getreu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, gehe ein zu deines
Herren Frieden!« -- --
Das war ein wunderschönes Lächeln, das jetzt auf dem Antlitz des
alten Dieners lag. Das Sprüchlein war wohl mitten in sein treues
Herz hineingesprochen worden und hatte ihm den Trost gegeben, nach
dem er verlangte. Deshalb suchten seine müden Augen nun nicht mehr
die umstehenden Menschen, sondern richteten sich in weite, lichte
Fernen -- -- --
»Brennstoff, ich sehe den Großen, ich sehe Beethoven« sagte er laut und
dann mühte sich seine sterbende Stimme, eine Melodie zu formen, aber es
war nur mehr eine zersprungene Glocke, die ihm heimläutete, -- heim.
Nur die Worte konnte man deutlich verstehen:
»Fahr wohl, du goldene Sonne -- -- --«
* * * * *
Dem Schnitter Tod schien es in dem kleinen, freundlichen Schwarzhausen
wohl zu behagen, er kümmerte sich nicht um Hygiene und nicht um die
Ärzte, er rief: Arzt, hilf dir selber, und winkte Doktor Hempel. Dieser
sträubte sich zuerst mächtig, er war ein kräftiger, willensstarker
Mann und unermüdlich in dieser schweren Zeit auf dem Posten gewesen.
Vielleicht zu sorglos und unermüdlich.
Als er den Totenschein für Hieronymus Teichmann ausstellte, sprach
Doktor Hempel noch eindringlich mit Frau Franziska, daß sie sich
schonen und hinlegen müsse, sie sähe erbärmlich aus von ihren
angreifenden Nachtwachen, und die Schwarzhausener hätten es den Kuckuck
nicht verdient, daß sie sich aufopfere.
Doktor Hempel war überhaupt verdrießlich und heftig aufgebracht
gegen die ganze Welt, die einen schiefen Gang ginge, gegen die
Seuche insbesondere, die so tat, als hätte es nie die bewährten
und berühmten Hempelschen Reinigungskuren gegeben, und welche über
Kurellasches Brustpulver, Zitwersamen und Brennersches Pflaster einfach
hinwegschritt.
Ganz besonders aber war er aufgebracht gegen Schwarzhausen,
welches noch hinter dem Monde zurück war und von _absichtlicher_
Brunnenvergiftung »gärte und märte«.
»Und Sie müssen die Ohren steif halten, meine liebe Frau Fränzchen, und
sich für Ihren Bertold schonen und tapfer aufbewahren, denn der braucht
Sie wie das liebe Brot. Er hat nicht viel Freunde in Schwarzhausen und
die wenigen sind alt. Und das Heer seiner Feinde sieht scharf nach
ihm hin, der später doch einmal so eine Art Vater von ihnen sein soll
und doch ist es so kurzsichtig von den Einwohnern, nicht den Segen zu
erkennen, der vom Eichenborn für Schwarzhausen ausgeht. Darum hüten Sie
als Mutter Bertolds guten Engel, -- und der sind Sie selbst. -- Und nun
Gott befohlen! Mir ist heute selbst gar nicht »extra«, -- ich werde mir
jetzt einen Aromatique genehmigen und dann zu den Porzellinern gehn,
-- die sterben reineweg wie die Fliegen, weil sie alle Zwetschenbäume
gepachtet haben und »nichts umkommen« lassen wollen, das verbohrte
Volk -- -- --«
Aber Doktor Hempel ging nicht zu den Porzellinern und nahm auch
keinen Aromatique. Es war immer seine Art gewesen, sich hinter diesem
köstlichen Dietendorfer Schnabus tüchtig zu schütteln, aber diesmal
schüttelte es ihn selber vorher und er mußte sich ins Bett legen.
Und weil er selbst sein Wort nicht hielt, glaubte auch Frau Franziska
ihm nicht gehorchen zu müssen. --
* * * * *
Bertold Eik saß unter fröhlichen Kumpanen auf der Kneipe, als man ihm
den Eilbrief von seinem Großvater brachte.
Schon den ganzen Abend hatte man Bertold seiner großen Schweigsamkeit
halber geneckt und ihn auf »tiefsten Dalles« oder »höchste
Verliebtheit« taxiert; er konnte einer unerklärlichen Bangigkeit nicht
Herr werden.
Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten, auch
die geschäftlichen, gingen ihm durch seine Mutter oder durch den
Prokuristen der Firma Eik zu, -- der Eilbrief übte einen seltsamen
Bann, -- er spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und Fühlen
und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise, die noch in derselben
Nacht erfolgte.
Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen, grau und trübe die ganze
Stimmung in den Straßen, grau und düster das langgestreckte Herrenhaus
der Eik von Eichen.
Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus seiner Väter. Selbst
die Gesichter der Menschen, die ihm in der Herrgottsfrühe begegneten,
waren ihm grau erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, -- vor
Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden wollte aus Thüringer
Landen.
Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus den Augen seiner
Landsleute in grauer Öde entgegen, -- tiefe Abneigung gegen ihn und
seine Heimkehr.
Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen, als er rasch durch
die morgenstillen Straßen schritt und hatte den wenigen Kindern
freundlich zugenickt, die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein Gruß
war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten sich eilig und scheu
zurückgezogen.
Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine Nebelkappe aufgesetzt,
die sie verhinderte, freundlich, heimatlich, vertraut auf den
Heimkehrenden zu blicken und die sonst so silberne Gera schien allen
Glanz verloren zu haben und schlich grau und langsam dahin.
Einmal mußte doch wieder alles hell und licht werden, mußte doch
dieses öde Grau verschwinden, dachte Bertold, und suchte durch junge,
hoffnungsfrohe Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen,
welche sich um sein warmes, junges Herz legte.
Einmal? Gleich! Jetzt! -- sobald er die Mutter an seine Brust drückte,
an seine junge, kraftvolle Brust, nach welcher sich die liebe Kranke
sehnte, wie der Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne
schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da er so innig an die
Mutter dachte und sein Herz ihm selbst schon voraus flog zu ihr? Er
würde nicht wieder die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn
gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie wieder! Er würde von
nun an immer zu ihren Füßen sitzen, und herrliche, trauliche Abende
sollten kommen nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren
Wochen. -- Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen.
Der Großvater empfing den Enkel am Portal des Hauses -- war denn heute
alles so anders? Das hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan.
Die Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche Dienerschaft war
bisher immer streng innegehalten worden.
Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte ihn zugleich:
Die gebeugte, müde Haltung des Großvaters, die ungewohnte Milde in
seinem strengen Gesicht.
»Grüß Gott, Großvater!«
»Lieber Bertold -- -- --«
Ihre Hände lagen mit festem Druck ineinander, dann lief der Jüngere
mit eiligen Schritten durch die Diele, die Treppen hinauf, daß er
nichts versäume, nicht _eine_ heilige Minute, die er bei der Mutter
sein konnte. Er hörte hinter sich den Großvater rufen, -- vielleicht
sollte er auf ihn warten, bis der alte Herr mit seinen wuchtigen,
langsamen Schritten ihn begleitete, aber das war ja sonst auch nie
geschehen, immer hatte er seine Mutter allein begrüßt. Beinahe lächelte
der Student ein wenig, daß er so knabenhaft ungestüm und trotzig dem
Großvater entlief. Und nun kam noch die braune Tür mit den blitzenden
Messingbeschlägen, die den Sohn noch trennte von der lieben Kranken.
Wenn er als Knabe Sehnsucht nach der Mutter empfand, dann stand diese
braune Tür vor seinem geistigen Auge, und es war ihm, als brauche er
nur die Klinke niederzudrücken, um sofort wieder daheim zu sein.
Sacht, sacht! -- die Mutter könnte schlafen, könnte erschrecken. Aber
eine Mutter erschrickt nicht, wenn der Einzige heimkehrt -- sie muß
ihn ja lange schon erwartet haben, sie hat sich gebangt nach ihm, so
schrieb der Großvater.
»Mütterchen!«
Nein, eine Mutter stört der heimkehrende Sohn nie -- besonders nicht,
wenn sie so fest schlummert wie Mütterchen Franziska -- -- aber trotz
des tiefen Schlafes hat sie das liebe Lächeln auf ihrem Antlitz für
ihn, für ihren Einzigen.
»Mutter! _Mutter!_«
Nie wieder vergißt der Eichenborn diesen Ton. Denn das Weh einer Welt
liegt in ihm. Und er wird noch tagelang und nächtelang nichts anderes
hören, als diesen Ruf.
Mutter! Mutter!
Die junge Seele drinnen ist aus den Fugen. Kleiner, großer, törichter
Bertold! Glaubtest du, ein Mutterherz sei so heilig und hehr, daß
niemand daran rühren könne; sei so lebendig, so liebeübervoll, daß es
nie verstumme? Daß es klopfen müsse in alle Ewigkeiten?
Mutter! Mutter!
Störe den heiligen Schlaf nicht, Bertold! Jammere nicht so wild! Es ist
umsonst, du weckst sie nicht. Du bist ein zwanzigjähriger Knabe und da
sind zwei Gewaltige, die leben seit Urbeginn, und sie sind wider dich.
Der Tod und -- der ihn rief.
Weine dich gesund.
Denn du brauchst Kraft, dir jetzt deinen Kinderglauben zu retten. -- Du
kanntest sie ja bis in ihre innersten Gedanken, deine Einzige.
Du weißt, daß sie ihren Mutterberuf als heilige Mission auffaßte, an
deren Erfüllung sie sich selbst hingab.
Nach ihrem unerschütterlichen Glauben warst du ihr von Gott gegeben --
würde Gott dich auch wieder von ihr fordern: »Wo ist dein Kind? Wie
erzogst du es? Was können seine Mitwanderer und Weggenossen von ihm
erwarten? Warst du würdig, eine Mutter zu sein?« --
Weine dich gesund, Bertold!
Denn du sollst jetzt einen einsamen Weg gehen, sollst aus dir selbst
heraus etwas Tüchtiges werden, ohne Mutterwort und Mutterrat, sollst
eine Persönlichkeit werden.
Kraft brauchst du, um Gottes Fragen an deine Mutter zu
beantworten. -- -- --
* * * * *
Dicht hinter dem Sarge von Frau Franziska schritten Großvater und Enkel.
Die Augen des alten Herrn streiften besorgt das Antlitz des jungen
Mannes an seiner Seite.
Es war wie versteint in Schmerz.
Die Schwarzhausener fanden erst lange Zeit nach dem Begräbnis die
richtigen Worte, das Wesen des Bertold Eik zu zeichnen, -- während der
ganzen Zeremonie war er ihnen unheimlich und unverständlich.
»Bertold! Aber Bertold!«
Der alte Herr von Eichen nahm die Hand des Enkels und hielt sie fest.
Er wußte nicht, weshalb? -- er hatte das unbestimmte Gefühl, der junge,
verstörte Mensch an seiner Seite könne irgendeine kopflose Handlung
begehen.
Aber Bertold dachte gar nicht daran. Er hatte die Augen nicht zu Boden
gesenkt, wie es eigentlich die ehrbare, altväterische Trauersitte
vorschrieb, sondern hatte sie, weit aufgeschlagen, in Fernen gerichtet.
Wo war die Mutter?
Sein übermüdetes Herz klopfte flatternd und schmerzhaft in seiner
Brust. Er sah und hörte nichts, was um ihn vorging, vernahm nichts
von den herzlichen Worten des Predigers und hob die schlaffe,
herniederhängende Hand nicht, als man sie teilnehmend drücken wollte.
So schritt er wieder aus der Kirchhofspforte heraus und die Karosse der
Eiks nahm ihn auf und führte ihn zurück in den verödeten Eichenborn.
Er saß bei Großtante Adelgunde und die Neunzigjährige klagte mit
feinem, verstaubtem Stimmlein, daß der Herrgott sie vergessen habe und
alle die Jungen vor ihr fort hole.
Er hörte es, aber er faßte nicht den Sinn ihrer Worte. Er hörte auch
den Großvater sprechen und raten mit ernster, gütiger Stimme und sprach
selbst zustimmende Worte.
Seine Koffer standen wieder gepackt und ein Auslandspaß war
ausgefertigt.
Nach Paris würde er gehen, nach London und New York, er würde Holland
und Belgien bereisen und alle Plätze besuchen, an denen Haus Eik von
Eichen angesehen und berühmt war.
Aber er würde nicht die braune Tür wieder öffnen, die nahe, ganz nahe
an seinem eigenen Zimmer lag, die Tür, hinter welcher das leere Bett
stand und all die lieben Sachen lagen, die seine Mutter getragen.
Den Schlüssel zu dieser Tür barg er auf seiner Brust.
Der Vollmond stand am abendlichen Himmel und sah auf den rastlos
Wandernden, der noch einmal im Parke von Eichenborn alle Plätzchen
aufsuchte, die er als Kind geliebt.
Rastlos kamen und gingen die Gedanken.
Er hatte ja die Heimat nicht wieder verlassen wollen -- -- nun hatte
seine Heimat _ihn_ verlassen.
Drum ging er gern in die weite Welt.
In seiner wilden Verzweiflung hatte er nicht mehr an die offenkundige
Abneigung der Schwarzhausener gedacht und auch ehe der tiefe Schmerz
kam, hatte ihn seine Wahrnehmung nur stutzig, nicht grübeln gemacht.
Bertold war ja so jung, so gesund und so erfüllt von guten Gedanken für
die Heimat, für Schwarzhausen und den Eichenborn.
Er würde den närrischen Leuten schon zeigen, daß er nicht nur
jähzornig, sondern auch arbeitswütig war, und daß er gewissenhaft in
seines Großvaters Fußstapfen treten wollte.