»~Ergo~, es war famos.«
»Und wie nahmen die Lehrer deinen Entschluß auf, später dem Eichenborn
vorzustehen?«
»Mütterchen, -- der prächtige Doktor Gabriel war eigentlich der
einzige, der so mit mir drüber sprach, wie es nottat. Im ganzen finde
ich’s ja nett, daß es in E. noch so patriarchalisch zugeht und die
Tyrannen der Schulbank so gemütlich mit den Mulis zusammenkommen,
-- aber nur Doktor Gabriel sprach mir ernstlich zu, bevor ich zur
Universität gehe, noch mal vor den Großvater zu treten, ihn zu bitten:
›Laß mich Musiker werden!‹ Und dabei das stramme und doch gütige Wort:
›Kopf hoch, Eik!‹ Das tat mir wohler, als die Moralpauke über das
vierte Gebot, die mir Doktor Mops und die Schildkröte hielten. Ebenso
gaben der Patagonier, der Gesprächsgegenstand und der Schreibkrampf
noch ihren Senf dazu. Ach, und mir nützt das so gar nichts!«
Bertold sah mit einem Male sehr bekümmert aus. »Ich weiß nicht,
Mütterchen, ob du mich verstehst, wie mir zumute ist, so abseits zu
stehen, wenn die andern mit tausend Masten segeln.«
»Hat Doktor Gabriel keinen Spitznamen?« fragte Frau Franziska, sehr
beflissen, Bertolds Gedanken von seinem letzten schmerzlichen Ausruf
fortzulenken.
»Freilich, Mütterchen, -- Erzengel heißt er, und -- und er möchte so
gern mit Großvater sprechen -- --«
»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem
Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«
»Mütterchen, ich _habe_ hierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’,
ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden
dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt
noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge
Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind
die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.«
»Und für dich?«
»Für mich auch, -- -- das heißt -- -- Mütterchen, -- ich habe nun mal
kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest
machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab,
genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.
»_Mein_ Junge!« -- Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände
entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich
dich verstehe. Aber, -- was wir haben und sind, verdanken wir deinem
Großvater. Ich -- -- ich -- sieh’, Bertold, -- ich wüßte gar nicht, wo
wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen
Vater vertrotzten.«
»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel
ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich,
-- -- hat denn mein Vater alles -- -- ich meine -- -- --«
Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold,
Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, -- -- ich bin ganz
arm -- --«
Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein
Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn
man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann
allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht
-- -- es klebe unrecht Gut --«
»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater
hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da
hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, --
Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein,
mein Junge, -- unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. -- Viel, viel
Schuld und Fehle anderer Art wohl -- -- verjährte Geschichten, aber die
sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er
atmete erleichtert auf.
Frau Franziska lehnte ihren Kopf an Bertolds Schulter. »Wie gern hülfe
ich dir! Ich leide am meisten unter meiner Armut und -- daß ich meinem
Einzigen nicht helfen kann.«
Bertold umschlang sie fest mit beiden Armen. »_Du_ sollst nicht leiden,
Mütterchen,« rief er zärtlich und küßte sie knabenhaft stürmisch. Dann
bettete er sie wieder sorglich an seine Brust und sah auf den lieben,
schönen Kopf herunter. War es denn möglich, daß sich schon so viele
weiße Fäden durch das dunkle Gelock zogen? Wie er seine Mutter liebte!
Wie viel sie gelitten haben mußte! Durch ihn, Bertold, sollte ihr nur
Freude und Gehorsam kommen, das war sein Entschluß.
»Jetzt sage ich zu _dir_: ›Mütterchen, Kopf hoch!‹« versuchte er zu
scherzen. »Wir wollen nachher zum Großvater gehen und alles Nötige
wegen Bonn besprechen. Vielleicht kommt ihm auch selbst der Gedanke,
daß ich hier am nötigsten bin.«
Frau Franziska sah halb zweifelnd noch in das liebe, ehrliche Gesicht
ihres Jungen. Aber darin war nur ein fester Entschluß und mannhafte
Entsagung zu lesen. »_Mein_ Junge!«
»Mütterchen?«
Sie sahen sich beide wieder froh in die Augen und dachten nur daran,
daß sie beisammen waren.
Nach einer langen Weile des Schweigens meinte Frau Franziska: »Sahst du
die Liselotte Windemuth, als wir an der Kirche vorüberfuhren?«
»Ja, Mütterchen.«
»Sie ist groß geworden und sehr hübsch, Bertold. Das lange,
schwarze Kleid veränderte sie heute etwas, und die Feierlichkeit der
Konfirmation lag noch ganz auf ihrem Schelmengesicht.«
»Wie ist sie innerlich, Mütterchen?«
Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit -- Franziska hätte
keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes
aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn
prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf.
»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie
sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das
keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken
befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den
ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, -- einen
Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.«
»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte
Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte.
»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie.
»Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders
als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil
gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre
verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«
»Verbildet? Mütterchen?«
»Nein, im Gegenteil. Das ›_arm_‹ bezog sich auf die Tatsache, daß
man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem
alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele
unvergängliche Werte. ›Mütter werden _geboren_‹, sagt irgend ein
Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!«
»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende
plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte
Jüngferchen überaus beglückend für ihn.
»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der
Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es
waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, -- jetzt könnte man ihn
Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte.
Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar
und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener
meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf
eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.
»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte
Windemuth.
Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber
Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit
irgendeiner passenden Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen.
Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde
und stumm vor der Jugendgespielin.
Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von
den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden
Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der
Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es
war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der
Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man
den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm.
Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit
seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre
Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen.
Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, -- dem Bertold
war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die
erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so
wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es
war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die
Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten,
ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn
er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl
hungern sollen?
Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte
plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie
nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte
auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn
durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt
worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden.
Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem
schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft
dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so
lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen,
stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht
einmal getraute. -- Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren
überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige -- und Puppe
Emmy.
»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska
nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt
hatte.
»Höflich? Zu Liselotte? _Höflich???_« fragte Bertold verblüfft. Er
hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für
das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar
kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern.
Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel,
der zum Eichenborn herniedergestiegen war.
Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.
Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen.
Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche
trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den
stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit
den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu
lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war er _so_ wiedergekommen.
So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er
dagestanden, -- oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen
gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie
ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich
rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den
»Unnahbaren« hinein.
Wäre sie doch nur nicht zuerst in den Eichenborn gegangen!
Hätte sie doch lieber erst Vetter Hans ins Vertrauen gezogen!
Neun Trennungsjahre hatten doch wohl eine zu tiefe Kluft gerissen, und
ihr lebhaftes Temperament hatte diese zu rasch überbrücken wollen. Nie,
nie würde sie wieder ungebeten den Eichenborn aufsuchen, nie!
Und sie, Liselotte Windemuth, glaubte nun auch, was sich alle von
Bertold erzählten: Düster und greulich und hochmütig war er und -- -- --
So kam es, daß, als Bertold sich in seinen Träumen recht eng mit der
Jugendgespielin verknüpft fühlte, er in Wirklichkeit weit -- weit ab
von ihr weilte. --
Haus Eichenborn versank nach Bertolds Abgang zur Universität noch ein
wenig mehr in Dornröschenschlaf.
Von außen und in einzelnen Teilen auch von innen, hätte man es mit
Recht für ein verwunschenes Schloß halten können, besonders, wenn man
Fräulein Adelgundes graue Gestalt am Spinnrade erblickte, oder wenn
man die alte Dame vor Beethovens Spinettchen sitzen sah, das unter dem
weichen Anschlag ihrer runzeligen Hände zitternde Klänge hinaussandte
durch das rosen- und efeuumrankte Fenster in den stillen verwachsenen
Park.
»Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide -- --«
Und von Beethoven, dem alten Meister, war es der Spielenden nur ein
kurzer Gedankensprung zu dem lieben Jungen, dem die Musik eine Kapelle
und Beethoven der Heilige darin dünkte. Tante Adelgunde hatte es dem
Knaben nie vergessen, daß er sich einst nicht würdig genug befunden
hatte, die Tasten auf dem Spinett zu berühren, das Beethovens Hände
gemeistert.
Mit klaren Augen und scharfen Ohren, zu denen sich ein junges, warmes
Herz gesellte, verfolgte die beinahe Neunzigjährige den Lebenslauf des
Großneffen.
Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien
für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und
ihr vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem
Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den
Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese
Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über
den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien
führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit
dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine
Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem
Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers,
sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten
die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge,
innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. --
Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber
von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in
begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der
schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere
Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete,
wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den
Zeilen seiner Briefe las.
Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen
Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen
Husarenoffizier austrug.
Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe
Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten,
dichten Augenbraue des linken Auges ... das war wieder einmal etwas für
das Städtchen.
Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben:
»~cherchez la femme~!« Noch so jung -- und schon _so_ Etwas.
Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch
laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am
Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem
Offizier stattgefunden hatte.
Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor
Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine
brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte,
beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind,
den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wie _der_ sich
aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten, _wer_ der schlechte Kerl in
Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«
Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade,
schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein
musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen?
Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«
Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie vergoß sogar
heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren
Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch
gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in
den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon
so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen
und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich
sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«
Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn
Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch
ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein
unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war
wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem
»jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe.
Bertold war ziemlich matt von Stubenluft und Blutverlust, er konnte
wohl schon auf Stunden aufstehen, aber er streckte sich noch immer mit
ganz besonderem Wohlgefühl in seinem Bette aus; vielleicht war ihm auch
der Anblick seiner sorgsamen Pflegerin, Mütterchen genannt, ein ganz
besonders lieber, den er auszukosten wünschte. Er brauchte nicht mehr
so streng mit Gesprächen und Aufregungen verschont zu werden, sondern
konnte schon wieder einen Puff vertragen und dieser Puff war ihm auch
von Tante Adelgunde nicht vorenthalten worden.
»Schlachtergesellen sind vom Eichenborn seiner Lebtage nicht zu
seinesgleichen gerechnet worden«, hatte sie mit ihrer feinen, dünnen,
alten Stimme zu Bertold gesagt. »Und ihr Raufbolde habt euch wie
Schlachtergesellen verhackstümmelt. Schäm’ dich! Der liebe Gott hatte
dich als hübschen Jungen erschaffen, jetzt gibt dir kein einigermaßen
hübsches Mädel je wieder einen Kuß.«
Wahrhaftig, der Junge konnte noch lachen, -- nicht mal verlegen,
sondern frisch, frei, frohmütig, so, wie nur er es verstand, echt aus
dem Herzen heraus. »Wieder? sagst du? Wieder? Tante Adelgunde? Meiner
Seel’, ich hab’ noch nie einen Kuß von einem Mädel gekriegt.«
Ganz ehrlich klang es, aber er brauchte doch nicht so krebsrot und
verlegen hinterher zu werden, -- es war also geschwindelt und Tante
Adelgunde verließ ärgerlich und aufgeregt den Kranken.
Frau Franziska hantierte ruhig und ernst im Krankenzimmer und bereitete
alles für die Nacht vor, die Bertold nun nicht mehr mit einem gelernten
Wärter, sondern nur noch unter Obhut von Hieronymus Teichmann
zubrachte, der im Nebenzimmer sein Lager aufgeschlagen hatte.
Bertold betrachtete sein Mütterchen mit einem humorvollen Lächeln.
»Wie schlecht du dich verstellen kannst, Liebstes«, meinte er leise
und ergriff ihre Hand, die ein Glas frischen Wassers auf das
Nachttischchen setzte. »Deine Augen fragen den ganzen Tag und ebenso
dein Mund, trotzdem er nur das Notwendigste mit deinem bösen Buben
spricht. Soll ich nun jetzt antworten, Mütterchen?«
Frau Franziska beugte sich über ihren Sohn, sah ihm ein Weilchen in die
Augen und küßte ihn dann auf die Stirn.
»Hast du es _doch_ gemerkt, du Siebengescheidter?« lachte sie leise und
verlegen auf, während helle Röte über ihr Gesicht flog. »Schön und gut,
ich erwarte deine Beichte. Aber gleich eins sage ich dir vorher.« Frau
Franziska reckte sich hoch auf. »Ich glaube _nichts_ von dem Unsinn,
den die Schwarzhauser über dich verbreiten und ich werde dir selbst
nicht glauben, wenn du mir jetzt etwa tolles Zeug vorreden willst.
_Mein_ Junge bist du und ich bin dein treuer Kamerad. Unbesonnen und
jähzornig kannst du handeln, aber nicht niedrig oder unritterlich, es
ist einfach nicht möglich -- und auch mit dem Mädel -- ich glaub’s
nicht, -- mein Bub ist höchstens in _mich_ verliebt, -- gelt, Bertold?«
Ein wahres Leuchten zog über des jungen Burschen Gesicht. »Gibt es nun
wohl noch _eine_ solche Mutter?« lachte er glücklich. »Wie du mich
kennst, deinen wilden Jungen! Komm her, Altchen, ganz nahe zu mir.«
Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich möglichst bequem
hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig
ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, -- »kein bißchen
mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe
ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere,
muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben
Vaterstadt anstreicht.«
Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz
leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen
verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das
ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein
großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein
paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten
hinunterschlucken, ehe er antworten konnte.
»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein
altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß
Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich.
Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr
weh, als irgend sonst etwas.
»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so
kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst
lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der
kreisende Berg zur Welt bringt.«
»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,«
erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«
Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber
Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in
solch unwürdiger Sachlage.
Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm:
»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte
mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges
Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem
Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. -- Da höre
ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und
Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel
unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleine
~filia hospitalis~ -- Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel --
die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie
sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!«
und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der
Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es
seinem Burschen, der hinter ihm ritt.
Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte,
aber -- -- -- brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt
ja, was für ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel
Fidelio geworden ist -- -- ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten
-- -- es war nicht schön, Mütterchen -- -- ja -- so kams.«
»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise.
»Was heißt da handgreiflich -- Mutterchen -- zwei neunzehnjährige
Kerle, denen beiden der Jähzorn im Nacken sitzt. Am andern Tag war
das Duell -- ich habe für mein Leben den scheußlichen Schmiß weg, der
mir noch genug Kopfschmerzen machen wird, und dem Leutnant von Senz
habe ich die Nase gespalten -- -- Tante Adelgunde hat ganz recht:
›Schlachtergesellen!‹«
»Du böser Wilder!« Frau Franziska strich sanft über die rote Narbe;
»du wirst dich nun umlegen und ganz ruhig schlafen viele Stunden lang,
damit das Fieber nicht wiederkommt.«
»I, das ist ja schon da, Mütterchen,« lächelte Bertold matt, »und da
schadet es nichts, wenn ich dir noch rasch sage, daß die schwarze
Gretel mir den zerschlagenen, geschundenen Pudel samt seinen
gebrochenen Rippen schenkte, weil sie meinte, ich hätte ihr und ihm das
Leben gerettet -- -- --«
»Schlaf, mein Junge!«
Frau Franziska erhob sich und verließ sacht das Zimmer. Vor der Tür
lag Fidelio. Trotz seiner Schmerzen schleppte sich der kluge, häßliche
Hund immer wieder in die Nähe Bertolds, und Franziska ließ den Pudel
gewähren, dessen Tage trotz guter Pflege gezählt waren -- man hatte dem
armen Tier gar so bös mitgespielt.
Sie dachte an die kleine ~filia hospitalis~, die ihre Nelken und
Geranienstöcke am Fenster plünderte, damals als der Bertold in die
Klinik kam -- die Mutter mußte ihm jede Blüte mitgeben. So ein gutes,
kleines, dankbares Ding! Und aus dem mageren, verwachsenen Persönchen,
das im Theater in dem Garderoberaum mithalf, weil es zu schwerer Arbeit
zu schwach war, hatten die Schwarzhausener ein ȟppiges, tolles,
schwarzes Theaterfräulein« herausphantasiert!
Gottlob, daß es Phantasie war. Sie tat ja weh, doch das würde
vorübergehen -- ihr Junge gehörte noch ihr, der Mutter, und das war für
das Mutterherz die Hauptsache. --
Der Großvater sah Bertold erst, als er sich schon wieder zur Abreise
nach der »Universität« rüstete. Diesmal setzte er sich selbst die
Gänsefüßchen in Gedanken vor das Wort. Denn er mußte erst einmal drei
Monate auf eine andere Art studieren, aber auch sein Mütterchen vermied
das Wort »Festung« und sprach immer nur von der Universität Bonn.
Nun hatte Bertold sich noch durch Teichmann in einer kleinen
Privatangelegenheit beim alten Herrn melden lassen und das Gespräch
zwischen Großvater und Enkel war sonderbar genug.
»Ich hatte dir deinen Wechsel schon durch deine Mutter zustellen
lassen« -- empfing Eik ~senior~ den Enkel.
»Es bedarf nicht noch eines besonderen Dankes, Bertold. Was wünschest
du sonst?«
»Die Erlaubnis, meinen Hund Fidelio im Park beerdigen zu dürfen,
Großvater.«
»Deinen Hund? Ist es der schauderhafte Pudel, den du aus Bonn
herschlepptest?«
»Jawohl, Großvater.«
»Man sagt -- -- hm -- er hätte einem Frauenzimmer gehört? Ist’s so?«
»Ja Großvater.«
»Die dir wert war? Du fängst früh an, Bertold, ich wünschte, du ließest
dir zu derartigen Sachen noch Zeit.«
»Mir war das Mädchen fast unbekannt. Ein armes, verwachsens Geschöpf,
älter als ich -- --«
»Du sprichst die Wahrheit? -- --«
Diesmal folgte als Antwort nur ein fester Blick.
»Also wieder einmal Schwarzhausener Geträtsch?«
»Ja Großvater.«