Nun soll das Leben so weiter gehen. --

Das Vertrauen zum liebsten Menschen ist dahin und das Kind?

-- -- Ich sehe an ihm nur immer die Eikschen Augen und sehe

Zug um Zug das Antlitz des unglücklichen Mädchens, das mein

Bertold verdarb. Wo soll ich die Kraft hernehmen, weiter zu

leben? Wie ein Gralskelch leuchtete mein Glück, -- jetzt

liegen die Scherben, ein billiger Tand, staubbedeckt zu meinen

Füßen. -- -- --

Aber das Kind soll es nie erfahren. In jeder einsamen Stunde

will ich mich stärken zu dem schweren Missionswerk, -- -- --

hilf mir, -- hilf mir, Allerbarmer, der du diese Last auf meine

Schultern legtest.

* * * * *

Franziska Malcroix wußte nicht, wie lange sie gelesen hatte, -- waren

es Stunden, waren es Jahre? Sie strich mit der Hand über das kleine

Buch, das die liebste Mutter geschrieben, welche es auf Erden gegeben

hatte. --

Dann schritt sie langsam, -- o so langsam die gewundene Treppe hinunter

in ihres Vaters Zimmer.

Der alte Eik saß an dem wuchtigen Schreibtisch und schrieb und

rechnete, aber mitten in die Belege seines Reichtums kam die Störung,

und auf den Zahlen, die sich im letzten gesegneten Jahre wieder um eine

Null vergrößert hatten, lag plötzlich das kleine Buch, das er einst

vor so langen Jahren seiner jungen Braut geschenkt, damit sie ihre

beiderseitigen, glückseligen Erlebnisse darin verewige. -- -- --

Er hatte das Büchlein zuerst wiedergesehen, damals als sein Weib starb.

Von einem Eik konnte ja niemals Glück ausgehen, und so waren auch

diese Blätter erfüllt von Leid, erfüllt von jener häßlichen Schuld

und einzigen Lüge seines ehrenhaften Lebens. Er hatte das Buch am

Todesabend seines Weibes gelesen und war von jenem Augenblicke an der

düstere, grimme Eik geworden, der sich ganz in Schmerz und Bitterkeit

versenkte und kaum noch seines Kindes achtete.

Aber die kleine Franziska trat mit sicherem Schritt in die Fußstapfen

ihrer geliebten Mutter, deren Hinscheiden sie zuerst beinahe

verzweifeln ließ.

Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte,

raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die

Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen

mit einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich

erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an,

und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch

mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt

von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen.

Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen

Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun

lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so

wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. --

»Wer gab dir das Buch, Franziska?«

»Baldamus Eik.«

Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« -- murmelte er, »Dieb!« Und dann

schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche

kamen aus seinem Munde.

»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen

Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? -- Herrgott, ich habe nichts,

-- nichts, -- ich bin arm, arm -- -- --«

Franziska sah ihn an, -- nicht anklagend, nicht scheu, nicht

verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker

war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein

las -- -- ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor

ihr.

»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise,

aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und

dich bitten: ›Hab uns lieb‹!«

Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren

Weinen löste sich jahrelanges Leid.

* * * * *

Der junge Bertold Eik war fleißig.

Er lebte nicht gerade als Bücherwurm, aber er betrachtete es auch nicht

als Vorrecht des Begabten, bummelig und nachlässig zu sein.

Für die Bezeichnung »Streber« und »Musterknabe« hatte er sein

wohllautendes, klingendes Lachen, das ihm manchen Freund schuf. Aber es

waren Schulfreunde, -- keine Lebensfreunde.

Es war etwas Knappes und Stolzes an ihm, das mit Unrecht von manchen

Lehrern mit Hochmut bezeichnet wurde. Denn Bertold hatte nie lange

bei dem Gedanken geweilt, daß er einem reichen und alten Geschlecht

zugehöre, sondern weit eher darüber gegrübelt, warum er seines eigenen

Vaters Namen nicht tragen dürfe. Und aus den vielen Bitterkeiten,

die sein junges Leben schon aufzuweisen hatte, aus den unschuldig

erlittenen Kränkungen entstand und wuchs ein ernster Stolz. Seine

beiden Begleiter waren wie zwei gute Gluckhennen, die Entlein

ausgebrütet haben und nun sorgenvoll am Ufer stehen. Aber es waren

_verständige_ Gluckhennen, die es sofort einsahen, daß Bertold sich

nicht zum Küchlein eigne, sondern unter allen Umständen schwimmen müsse.

Manch spottendes Wort fiel aus Schülermund über die beiden

»Kindermädchen«, ohne deren Begleitung Bertold nie in den Freistunden

zu sehen war, aber so lange der Spott harmlos blieb und sich mehr auf

Bertold, als auf die beiden Getreuen bezog, lachte Bertold sein liebes

Lachen und versöhnte die Spötter damit. Übelwollende aber banden nicht

mit ihm an, denn der junge Eik hatte eine kräftige Faust, und viel Gras

wuchs nicht mehr dort, wo er hinschlug.

Sein Geigenspiel aber war der Stolz aller.

Ganz unerwartet trat ein neuer Musikdirektor an die Spitze des

Gesangvereins in E., und dieser war ein feinsinniger Geiger, der

selbst einmal den glühenden Wunsch in sich getragen hatte, als ein

heller Stern am Kunsthimmel zu glänzen, aber durch das harte »Muß« der

Mittellosigkeit nach einer Brotstelle getrieben war.

Zu diesem Lieblingsschüler Meister Joachims kam nun Bertold Eik, und

nicht nur in seine Hände nahm der Alte den Jungen, nein er zog ihn

gleich in und an sein Herz.

»_Der_ soll das erreichen, was mir das Schicksal versagte,« rief er

nach der Prüfung den beiden Getreuen zu, »das ist einer von Gottes

Gnaden. Und er soll sein bißchen Geld zusammenhalten, damit es zum

ernsten Studium ausreicht, und er soll sich nicht verplempern mit

irgend einer Hanne oder Suse, sondern nur zur heiligen Cäcilie beten.

Zwei Jahre will ich das Büblein lehren, was ich selbst kann, dann soll

er mir nach Berlin.« --

Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte

begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen

Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.

»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst

sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen

und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann

Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks -- -- --«

»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«,

sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden

Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser

Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen

besonders musikalischen Odem in die Nase, -- -- nützt alles nichts,

die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, -- ihm, dem großen

Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte

Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und

ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, -- -- dann hätte er

ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen, -- wie’n

jungen Hund. -- Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf

ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken

zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. -- Alles muß brennen,

leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt,

alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und

geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.«

»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die

Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte.

An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix

ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben

Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf

eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine

humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte,

die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie

schrieben alle Vier. -- Der Musikdirektor herrisch in kategorischen

Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen

Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn

um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um

seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die

vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte

nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen, es wäre

schön, wenn Großvater und du ›_ja_‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es

richtig willst, mein Mütterchen!«

Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf

die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von

Bertolds Mutter zurück:

»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn

mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt,

diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem

kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn

gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem

Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige

als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein.

Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!«

* * * * *

Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er

immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit

erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten,

sagte er nichts als »Nein«.

Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht,

der sich darüber weidlich austobte. --

Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem Verständnis den

Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an

technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum

Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte,

ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne

in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter

ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, -- das waren

Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben

doch selbst unerschöpflich reich und groß.

Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf

daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute

Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach

Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater

etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der

geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger

vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten,

legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu

machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts

mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den

Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles

bekommt?«

In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach

Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß da war, erschien sein Mütterchen

und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner

schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste

Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen

Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und

stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. -- Die Bücher,

von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht

mit auf Reisen genommen, -- Frau Franziska liebte nicht dies bequeme,

elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen,

-- sie _erzählte_ dem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute

Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der

Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die

Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück,

im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein

gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis

und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja

sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel

und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter

dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe

Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom

Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen

und erstarken konnte. Die Mutter predigte nicht langweilige Moral, sie

_lebte_ alle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, -- wie hätte

ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam

gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold

nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. -- -- --

Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ

ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. --

Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu

verbergen«.

Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und

quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte.

Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders

bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und

häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich.

Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort,

er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine

großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen

Gesicht.

Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und

gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. --

»_Der Eik hat was zu verbergen._«

Dies war das einzige, was von allen Dingen, die Bertold tat oder

versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen

Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als

bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen.

Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn,

Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren

Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier

mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja

schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet

worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen

hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch

nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen

Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon

immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden

Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!«

Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles

Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich

eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder

unersetzliche Urkunde.

Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen

Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber

Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir

fertig werden kann. Sie kann schon, aber die Schwarzhausener wollen

es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. -- Ich

soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte

es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind

nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du

würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und

Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie

tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist

schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden,

und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es

wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein

Bild von sich schenkte. -- Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr

viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und

wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold,

wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen,

dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy

nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie

von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist

mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. --

Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie

mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich

in Pension, -- von meinem Väterchen fort, und kein Mensch beschützt

mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und

die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die

Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so

ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien

gehabt und der Hans von Windemuth, -- nein, ich glaube -- ich darf Dir

nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor

sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von

Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent.

Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension

komme, bleibe ich Deine

Liselotte Windemuth.

P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue

Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! --«

O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er

war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem

Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden

seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den

äußersten Winkel des Erinnerns.

* * * * *

Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche,

schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen

Magistrat ausgebessert wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt

selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch

dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt

des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken

und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig

Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in

die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und

die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte,

und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers

Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden

war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte,

führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner

Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im

großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte

von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf

Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe«

abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren

der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die

Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern

einfach nieder_geschwiegen_. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche

Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten

sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch

ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine

Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den

Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der

Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen

würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den

Akten. --

So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild,

als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat.

Nur er selbst war anders geworden. Hochgewachsen und gut gebaut,

überragte er seine Altersgenossen weitaus. Das zielbewußte Arbeiten,

das Vertiefen in gute Musik und das anstrengende Üben hatten ihm etwas

Vergeistigtes gegeben, das gut zu seinem scharf geschnittenen Gesicht

paßte. Von Traumseligkeit war nicht mehr viel zu entdecken in seinen

dunklen Augen, -- etwas nachdenklich konnten sie blicken, waren aber

sonst scharf und sogar ein wenig spöttisch. Frau Franziska hatte

leicht ihre kühlen, weißen Hände auf diese Augen gelegt bei der ersten

Begrüßung.

»Was ist denn _da_ hineingekommen?« fragte sie forschend.

»Nun, -- was sieht mein Mütterchen darin?«

»Zuerst mich selbst, Gott Lob und Dank!« meinte die Mutter, »aber dann

noch tausend Teufelchen.«

Da war das alte, echte Knabenlachen erklungen, das sie so sehr liebte,

und welches sie gleich beruhigte.

»Mütterchen, kam dir Schwarzhausen nicht heute etwas wie eine Humoreske

vor?«

Sie hatte wohl dasselbe gedacht, aber doch schmerzte sie der Ausspruch

aus seinem Munde. »Sahst du nichts anderes in deiner Heimat?« fragte

sie mit leisem Vorwurf.

»Mütterchen, ich sah zuerst nur _dich_,« entgegnete er frohmütig

und umschlang sie mit beiden Armen, »du wirst bei jedem Wiedersehen

schöner!«

Frau Franziska lachte nun doch ein wenig. »Und was sahst du dann, du

Schelm?«

»Unser _altes_ Schwarzhausen! Das aussah, als hätte man es vor

neun Jahren in eine Spielzeugschachtel gelegt, den Deckel fest

draufgedrückt, damit kein Staub darauf falle, und es nun herausgeholt

frisch und neu zu Ehren des Herrn Abiturienten Bertold Eik.«

»War es ein gutes Examen, Bertold?«

»Ja, Mütterchen! Nicht mit Befreiung vom Mündlichen. Weißt du, das

litten Johann Sebastian Bach und der alte Musikdirektor nicht; beide

wollten mir die Chaconne einverleiben, die ich vor Meister Joachim

spielen soll, ehe ich nach Bonn gehe. Im übrigen war ich ja nie ein

Musterbub’ und hab’ mich auch in Mathematik und Geschichte elend

verhauen. Da hieß es denn: ›Antreten zum Mündlichen‹. Aber oberfein

war’s. Da konnte man erst zeigen, was man ~intus~ hatte. Wir kreuzten

nicht schlecht die Klingen, die Herren Schulmonarchen und wir sieben.«

»Sind alle durchgekommen?«

»Freilich, Mütterchen! Wir gaben ihnen aber Nüsse zu knacken!«

Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt · 第 16 / 21 题