Den 19. Mai.
Soll ich die ersten Blätter mit ihren Seufzern und Tränen
herauslösen aus diesem kleinen Buch? -- -- Ich will sie
darinnen lassen, -- sie sollen der Ring des Polykrates sein,
die Opfergabe, den Göttern dargebracht.
Kann es nur so viel Glück auf dieser armen Erde geben?
Nicht nur in dem köstlichen Rausche der hingebenden Liebe
liegt und leuchtet es, -- -- für mich ruht es weit mehr in dem
Lächeln, das auf dem ernsten Antlitz meines Gatten erstanden
ist, seit wir vereint sind.
»Der düstere Eik«, »der grimmige Eik!« Es paßt gar nicht mehr
auf ihn.
So nannten sie ihn in Bremen und auch hier in seiner Heimat
sind es seine Übernamen.
Er hat mir schon in unserer Brautzeit bekannt, daß der Jähzorn
ein Erbteil der Eiks sei und daß seine Vorfahren ihn ganz
besonders belastet hätten, aber er schreckte mich nicht mit
diesem Geständnis.
»Jähzornige sind immer auch gut,« gab ich ihm zur Antwort und
er küßte mich dafür.
Freilich ist seine Güte nicht augenfällig, -- seine Augen
schauen dreuend unter dichten, schwarzen Brauen hervor,
sein Mund ist herb geschlossen und kein Bart verdeckt den
verächtlichen Zug, der um die Winkel liegt.
»Wo hast du die Welt so verachten gelernt?« fragte ich ihn
sinnend-neckend und strich mit meiner Hand sacht über die
beiden Fältchen, die seinen schönen, großen Mund mit den
eisenfesten, blitzenden Zähnen leicht herabziehen.
Eine feine Röte stieg in sein Gesicht.
Dann aber blitzten seine dunklen Augen mich an, sein dürstender
Mund lag auf dem meinen, und wir tranken aus dem Becher der
Seligkeit.
»Ich liebe die Welt, seit sie dich trägt,« flüsterte er mir
zu. --
»Seit zwanzig Jahren?« fragte ich zweifelnd. »Wann kam denn das
Verachten?«
»So lieb’ ich die Welt, seit du mein eigen bist!«
»Also _immer_!« rief ich jubelnd und schmiegte mich an sein
Herz.
Den 22. Mai.
Eifersüchtig bin ich. Wer hätte das gedacht! Ich am wenigsten
von mir selbst.
Ich hatte es ja nie gespürt, -- wie sollte ich auch? Er
liebte mich, er wählte mich, und aus den Wonnen eines kurzen
Brautstandes, in welchem er nur für mich und ich für ihn lebte
und webte, holte er mich in den Eichenborn, in das stille,
düstere Haus seiner Väter.
Und hier auf einmal tritt das Gorgonenhaupt des grüngeäugten
Scheusals vor mich hin.
Ich kann es nicht bannen, ich kann es nicht nehmen, fassen
und unschädlich machen. Es ist ein Schmerz, der immer mit mir
geht. Es ist klein und unvornehm von mir. Denn ich habe keinen
Grund zur Eifersucht. Und mir schwebt auch keine bestimmte
Person, keine Frau, kein Mädchen vor, -- mir ist, als sei ich
eifersüchtig auf alles, was den Einzigen von mir fern halten
könnte, auf seinen Beruf, -- -- ja auf die Luft, die er fern
von mir atmet. Es ist ein so öder Gemeinplatz: »Eifersucht ist
Mangel an Vertrauen.« Und dieser Gemeinplatz lügt.
Eifersucht ist Liebe, höchste Liebe. Und Eifersucht ist
Angst. --
Auf die Stunden, die uns in der Brautnacht trennten, bin ich
nie wieder zurückgekommen.
Er war so blaß und verstört, mein armer Liebster, als er
heimkehrte zu seinem jungen, wartenden Weib.
»Ist er tot?« fragte ich.
»Ja, Liebste.«
»War er es wert, daß du mir fern bliebst?«
»Ja, Liebste.«
Das war unsere Unterredung.
Im August.
Heute führte uns der Weg nach dem kleinen, alten Friedhof.
Man kommt zuerst an das Mausoleum mit untermauertem Grund, in
welchem seit Jahrhunderten die Eiks von Eichen schlafen.
Ach, bei solch einer Anhäufung von Särgen, da kann ich nie an
Schlaf denken, sondern nur an Moder. Im grünen Wald oder im
dichtverwachsenen, kleinen Totenhain, unter Efeu und Immergrün,
umrauscht von alten Bäumen, da kann man schlafen. Vom Mausoleum
ab führen die stillen moosbewachsenen Pfade nach den Gräbern
der andern, die aber immer mit dem Hause Eik in irgendeiner
Verbindung standen: Angestellte und Arbeiter der Fabrik,
Gutsleute und ihre Kinder.
»Warum ruht ihr Eiks nicht hier?« fragte ich, »o wie es hier
nach Rosen duftet und Jasmin, nach Jelängerjelieber und
Jesuskraut. Die Zypresse im Erbbegräbnis schaut so streng und
traurig.«
»Die Eiks sind ja auch ein strenges und trauriges Geschlecht,«
meinte mein Liebster ernst. »Außerdem,« setzte er kurz
auflachend hinzu, »wollen sie selbst im Tode noch etwas
Besonderes sein und getrennt von den übrigen Sündern.«
»Da liegt auch ein Sünder!« rief ich lebhaft und zeigte auf
ein ziemlich neues Grab, dem mein Bertold den Rücken kehrte.
Dünne Grashälmchen wuchsen darauf, durch welche man die kahle
Erde überall hervorblicken sah. Ein kleiner, düstergrauer Stein
schmückte die Stelle, -- nein doch, er _schmückte_ sie nicht,
er zeigte sie drohend dem Beschauer. »Gott sei mir Sünder
gnädig!« stand mit großen, schwarzen Buchstaben auf dem Stein.
Mein Bertold hatte sich herumgedreht, und sein braunes Gesicht
war blaß, als er die Worte las.
»Wie furchtbar!« stieß er hervor. »Wie konnte der Alte das tun!«
»Wer ist der Alte?« fragte ich.
Bertold biß sich auf die Lippen. Vielleicht war ihm der Ausruf
nur so entschlüpft, doch entgegnete er ruhig: »Der alte
Hörschel. Sein Kind -- -- -- es war ein Selbstmörder.«
»War es dein Freund?«
»Nein.«
Dann zog Bertold meinen Arm rasch und fest durch den seinen
und schritt mit mir fort aus dem Reiche der Toten in unser
lebendiges Heim. --
_Ein Jahr später._
Schwer habe ich gelitten. So schwer, daß ich nicht dazu
kam, mein Wohnzimmer zu betreten, viel weniger, dies Buch
aufzuschlagen.
Eine Fehlgeburt brachte mich nahe an jenes dunkle Tor, das zum
Erbbegräbnis der Eiks führt.
Und nun eröffnen mir die Ärzte, daß ich nie mehr ein Kind zur
Welt bringen würde -- -- --.
Warum legte Gott solche tiefe Muttersehnsucht in mein Herz?
Warum gab er tausend und abertausend vornehmen Frauen Kinder,
die doch von den Müttern vernachlässigt und den Dienstboten
übergeben werden? Warum sandte er tausend und abertausend
siechen, verderbten, armen, hungernden Müttern und Vätern dies
Gottesgeschenk und versagt es gerade mir so grausam? Warum,
warum? Verlorene Frage! Aber sie verläßt mich nicht, sie wird
zum Hammer und schlägt immerfort auf mein armes Herz. Warum?
Warum? All mein Kinderglaube, mein starker Glaube, zerbricht,
ich hadre mit Gott und nenne ihn nicht mehr den Allgütigen,
Allweisen, nur noch den Allmächtigen, der mein Glück in Trümmer
schlug. -- -- --
_Ein Jahr später._
Wenn ich mein ganzes Leben lang so selten in diese Blätter
schaue, -- dann wird das Büchlein hundert Jahre aushalten.
Und wer trägt die Schuld, daß die gern plaudernde Carola Eik
verstummt ist? Verstummt? Kommt ins Kinderstübchen und lauscht
dem sprudelnden Quell der Worte und Lieder, die ich meinem
Kleinchen darbringe.
Meinem Kindchen? -- -- Muß man denn immer Unmögliches haben
wollen? Immer wie unmündige, törichte Kinder nach den Sternen
langen?
Mein Bertold wurde mein Arzt. Unter seinem guten, ernsten
Zuspruch wurde ich ruhiger, wurde Trostgründen zugänglich,
und er eröffnete mir das reiche Feld der Armen- und
Krankenpflege, er schickte mich mit reichlichen Summen in die
Wohltätigkeitsanstalten ringsum, damit ich mit eigenen Augen
sähe, wo es not tut, mild und werktätig einzugreifen. So
braucht der Liebesquell in meiner Brust nicht zu versiegen,
täglich erneut er sich, und sein Reichtum wird größer, je mehr
ich davon abgebe. --
Und als ich eines Abends zu ihm sagte, ganz leise in sein Ohr
flüsterte: »Bertold, -- für ein süßes Kindchen hätte ich _doch_
noch Zeit bei all meiner Arbeit und vor allen Dingen, du großer
Bertold brauchst so wenig Pflege, und ich habe solch einen
Überschuß an Liebe in mir, -- -- es braucht doch nicht ein
_eigen_ Kind zu sein -- -- --«
Da -- -- am andern Tag lag’s in dem blau seidenen, weiß
verschleierten Himmelbettchen, so recht mitten in den Thüringer
Landesfarben. -- Und es war ein süßes, holdes, zweijähriges
Mägdelein, das mich zur Mutter begehrt, weil seine eigene,
gute, treue Mutter tot ist. -- Es heißt Franziska.
_Ein halbes Jahr später._
Ei du kleine Franziska, -- wie schwingst du dein winziges
Machtzepterchen über den Eichenborn. Alles ist dir untertan,
vom Vater an bis herunter zum kleinsten Küchenmädchen und
Stiefelwichsjungen.
Du hast auch gar zu liebe, blaue Augen, gar so ein feines
Näschen, du siehst eigentlich aus, wie eine echte Eik von
Eichen. Das macht unsere Pflegeelternliebe, die dich geboren
hat, zu einem neuen Leben im Hause Eik. -- O ich könnte
eifersüchtig werden, jetzt mehr denn je, ja jetzt sogar mit
Berechtigung, denn mein Bertold liebt das Kind, -- beinahe
hätte ich geschrieben: »über _alles_!«
Aber das wäre Sünde, das darf ich meinem Liebsten nicht antun.
Und es ist eigen, -- er kann nicht die zarteste Anspielung auf
seine zärtliche Neigung zu Klein-Franziska vertragen. Er wird
nicht heftig oder mürrisch oder abwehrend, -- er wird so tief
ernst und traurig, daß mir das Wort, kaum dem Munde entflohn,
schon leid tut und ich mir immer mehr vornehme, diesen Fehler
meines Herzens zu bekämpfen. -- Eifersucht! Es ist ja auch zu
häßlich, auf ein kleines, schönes, liebes Kind von zwei Jahren
eifersüchtig zu sein. --
Manchmal meine ich, Franziska gehöre mir, und ich sei seine
Mutter. Meine Phantasie arbeitet dann so stark, daß ich mich
in die Schmerzen noch einmal hineinträume, die ich um mein
totes Glück erlitt, und dann träume ich weiter, daß dies
_tote_ Glück nur ein Traum sei, -- daß es in Wahrheit lebe und
Franziska Eik heiße.
Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen,
daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen -- -- _mein_
Kindchen bist du! -- -- --
_Ein halbes Jahr später._
Gestern sah ich die Großeltern von -- meinem Kindchen. Das ist
doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen
fremder geworden, -- Das sollte doch nicht sein. -- Es war
auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief
verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch
der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach
alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft
und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze
niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen
noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen
hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte
Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen
Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders:
»Gott sei mir Sünder gnädig!«
Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber
die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.
Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm
Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war
Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken
versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof
der liebste Spielplatz. -- --
Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft
und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede
Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich
und hielt die Alten bei den Händen, -- es ist ein rechtes
Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund
sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang
es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für
Zug meiner Tochter, _aber es hat die Eikschen Augen_«.
»So sind _Sie_ die Großeltern?« fragte ich leise und befremdet,
denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit
seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine
Gedanken, -- ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau,
gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch
wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und
schritt tief nachdenklich nach Hause.
_Am nächsten Tage._
Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem
kleinen Friedhof. -- -- --
»Gott sei mir Sünder gnädig.«
Da waren die beiden Alten wieder, und mir war es, als winke
mir der Mann. Ich hatte die Kleine wieder mitgebracht, -- sie
weicht ja nicht von meiner Seite, wenn sie sieht, daß ich einen
Ausgang habe, und ihre »Mutti« dünkt ihr alles -- -- --
Ich schritt auf das Grab zu und reichte beiden die Hand, als
könne es nicht anders sein.
»Hören Sie nicht auf ihn!« raunte die alte Frau leise, »er soll
nicht reden und darf es nicht. Wir leben jetzt schuldenfrei auf
eigenem Grund und Boden, seit das Kind da ist, das vergißt er
immer und ist undankbar.«
Und dabei vergaß die alte Frau, der jetzt, während sie
Fränzchen anschaute, die helle Güte aus den Augen sprach,
völlig, daß sie doch wohl auch nicht reden durfte. Mich
fröstelte inmitten der warmen Sommersonne. Aber ich konnte mich
nicht vom Platze rühren.
»Warum gaben Sie Ihrem Sohne solch’ einen traurigen Spruch?«
fragte ich, um etwas zu sagen.
»Unserm Sohne? Hier liegt unsere Tochter, die Fränze, die
Schande auf uns brachte.«
»Nicht Schande!« schluchzte die alte Frau, »sie war gut, -- so
gut.«
»Ja _zu_ gut war sie!« lachte der Alte heiser und dann loderte
es in seinen Augen auf und er trat vor mich hin und zeigte auf
die kleine Franziska: »Hüten Sie das Mädchen! Es ist Zug um
Zug mein Kind, aber es hat die Eikschen Augen! Hüten Sie es«. --
Das andere verlor sich im Murmeln, die Frau nahm den Arm des
Mannes und zog ihn rasch vom Friedhof fort, sie weinte jetzt
laut und bitterlich.
Und ich war wissend geworden!
O über jenen Augenblick, da mir so grausam die Augen geöffnet
wurden!
Nun ist etwas zerrissen in mir, was sich nie wieder heilen
läßt. --
O ich weiß, daß die Welt mich nicht verstehen wird. Es ist
ja so etwas Alltägliches! Man kann darüber hinweggehen und
lächeln. ›_Man_‹, aber nicht ›ich‹! Mir ist über dieser
alltäglichen Geschichte das Herz gebrochen.
Als Bertold mich zum gemeinsamen Mittagsmahl aus meinem Zimmer
abholte, da sah er, daß sein Glück zertrümmert am Boden lag.
Doch stand ich ganz ruhig vor ihm, -- mir war’s, als sei ich
gealtert um viele Jahre in den wenigen Stunden.
»Nicht deine _Schuld_ trennt uns,« sagte ich ihm mit beinahe
tonloser Stimme, so daß er sein Haupt zu mir neigen mußte, um
mich zu verstehen, »uns trennt deine _Lüge_!«
»Du willst von mir gehen?« fragte er heiser, und seine Augen,
seine lieben, dunklen Augen sahen mich wie erloschen an.
»Nein, -- nicht von dir gehen, -- nicht äußerlich -- ich habe
ja das Kind, -- ich will ihm weiter Mutter sein.«
Kein Wort wurde sonst zwischen uns gewechselt. Bertold ging
aus dem Zimmer und ließ sein Pferd satteln. Dann ritt er
stundenlang in der Weite herum, und als er wiederkam, sah ich,
daß er nicht mehr der »aufrechte Eik« war.