Im Eichenborn ist es auch still und leer. Sie sind alle zum Begräbnis
mit Ausnahme des alten Fräuleins Adelgunde, der Frau Franziska und
Hieronymus Teichmann. Der letztere hat einen Augenblick am Fenster
gestanden und hinabgeschaut auf die vielen Kränze und Blumen und
hinausgehorcht auf das mächtig tönende Geläute, und ein bitteres
Lächeln hat dabei auf seinem Antlitz gelegen. --
Tante Adelgunde sitzt in ihrem großen, weiten, behaglichen Zimmer, aber
nicht auf dem Fenstertritt, wo das Spinnrad steht, sondern weit ab vom
Lichte in einem der großen, tiefen Sessel. --
Sie will den langen, ehrenden Leichenzug nicht sehen und nicht den
blumenüberdeckten Sarg, sie will auch die Staatskarosse der Eiks nicht
sehen, worin der einsame Mann sitzt, der allzeit so aufrecht ging ...
Wie eigen mag ihm zumute sein, daß er jetzt in dem langsam fahrenden
Wagen drüber nachsinnt, wie blind die Menschen doch sind.
Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich
laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf!
Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten
einer ...«
Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße
ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der
Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie
meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der
Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.
Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß
ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf
das Buch der Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des
Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!«
Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, -- aber nicht in
der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und
viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind
bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.
Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.
Sie war, -- der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun
wollen, -- in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke
versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und
nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen.
Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, -- ein
fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute.
Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil
sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken
und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«
Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand
hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das
Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks
versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska
Malcroix, geb. Eik von Eichen.«
Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, -- da
wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder
erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck
gesättigten Behagens.
Franziska hatte das Büchlein in ihr Zimmer mitgenommen und das Siegel
dort gelöst.
Und wie sie sah, daß der Umschlag ein Buch enthielt, das ihrer eigenen
Mutter gehört hatte, als sie die geliebten Schriftzüge erblickte von
der treuen Hand, die schon so lange moderte, -- da war das Verzeihen
für die Schuld des Toten bewußt in sie gekommen, -- er hat mir Gutes
tun wollen, er wollte sühnen, indem er mir als letzte Gabe das Liebste
reichte, was es für mich geben konnte.
Und sie hatte gelesen, was die teure Mutter in dem kleinen Buche
niedergelegt -- -- --
Aber das Haupt der Medusa konnte nicht schrecklicher blicken, als dies
kleine Buch mit den zarten Schriftzügen; und langsam, langsam erstarrte
das Herz der Lesenden. --
Eichenborn, den 17. Mai ...
»Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die
Liebe ist die größte unter ihnen.«
Das war unser Trauspruch.
»Und nun frage ich dich, Carola Dannenstein, willst du diesen
gegenwärtigen Bertold Eik von Eichen lieben und ehren, und ihm
treu sein, bis der Tod euch scheidet?«
»Ja!« rief ich hell und freudig, »ja!«
Die Schwarzhausener haben darüber gelacht und getuschelt,
es ist nicht Sitte hier, daß eine Braut so laut das »Ja«
herausjubelt, man darf es schon auf der ersten Kirchenbank
nicht verstehen. Nur der Bräutigam darf es laut sagen.
Was kümmert’s mich? Ich komme aus der freien Reichsstadt Bremen
und -- wenn mein Herz »ja« jubelt, dann tut mein Mund es
freudig kund.
Wie gern hätte ich mich in Bremen trauen lassen, in derselben
alten, lieben Kirche, da ich getauft und konfirmiert wurde,
-- aber mir lebt niemand mehr dort, -- so ganz verwaist bin
ich. Da bin ich vom Hause meiner Schwiegereltern in das meines
Gatten getreten, -- es ist ja im Grunde ein und dasselbe, --
der schöne Eichenborn. Aber der Flügel, da ich mit meinem
Bertold hausen soll, ist hell und licht, -- -- die Zimmer der
andern sind umschattet von hohen, dichten Eichen.
»So ganz verwaist bin ich?« Lieber Herrgott, vergib mir dies
Wort, da mich doch der Eine, der Einzige, der Herzliebste heute
an sein reiches Herz genommen hat, das vor mir noch keine
geliebt, und das mir Vater, Mutter, Bruder und Schwester sein
will. -- Nein, ich bin wahrlich nicht verwaist.
Frau Therese Teichmann, die runde, stattliche Frau unseres
Dieners und Faktotums, hat mir geholfen, den Brautstaat
abzulegen und mir das Strumpfband gelöst, -- eine alte, uralte
Sitte im Hause Eichenborn. Bertold und ich wollten nicht in die
Welt hinaus fahren, sondern die ersten, seligen Stunden des
Vereintseins in unsern vier Wänden genießen.
Jetzt umfängt mich das traute Wohnzimmer mit lauter lieben,
alten Möbeln aus meinem Vaterhause, dem alten Bremer
Patrizierheim. Nebenan liegt der ungeheure Saal, weit
und dämmrig tut er sich auf und die vergoldete Stukkatur
seiner Decke leuchtet matt zu mir herüber. Prunkvoll ist er
eingerichtet, -- die Eiks sind ein reiches Geschlecht. -- An
den Saal reiht sich Zimmer an Zimmer, ich habe sie alle an
Bertolds Hand durchschritten.
Nur das eine nicht, das neben diesem, meinem Wohnzimmer liegt.
-- Aber heimlich, ganz heimlich hab’ ich hineingesehen, --
dort stehen zwei ungeheure Riesenbetten, und schneeiges
Linnen bauscht sich in ihnen unter rotleuchtenden, seidenen
Decken. Eine herzbeklemmende, süße Angst befällt mich, wenn
ich an das Stübchen denke -- -- -- Herzliebster! Herzliebster!
Herzliebster!
Mein Ruf holt ihn nicht herbei, -- -- er ist fortgeholt worden
zu einem Schwerkranken, zu einem Sterbenden.
Das war recht seltsam für mich, und Hieronymus Teichmann, der
die Botschaft überbrachte, sah mich mit mitleidigem, ernstem
Blicke an. Er wollte sich wohl überzeugen, wie tapfer oder
untapfer ich sei an meinem Hochzeitstage.
Aber das liebe ich ja gerade so an meinem Bertold, daß er in
dem großen, ihm unterstellten Getriebe _alles_ ist, Herr und
Arbeiter, Freund, Bruder, Körper- und Seelenarzt. Und so trete
ich willig zurück, da man ihn an ein Sterbebett ruft.
Ach, -- nicht nur das Ziel, auch der Weg dahin ist schön.
Könnte ich wohl dies kleine Buch mit meinen tiefinnersten
Gedanken füllen, wenn mein Bertold neben mir säße?
Er würde mich stürmisch in seine urgewaltige Liebe reißen und
mich ersticken mit seinen Küssen.
Es ist süß, darauf zu warten und in diesem kleinen Buch von ihm
zu träumen. --
Eine Stunde später.
Die Nacht, die stille Mainacht ist hereingebrochen.
Vor dem geöffneten Fenster schluchzt klagend eine Nachtigall.
Frau Therese Teichmann hat mir die Lampe gebracht und nach
meinen Befehlen gefragt.
Ich habe keine Befehle, ich habe nur den tiefen Wunsch, mein
liebster Bräutigam möchte endlich bei mir sein, -- er zögert
lange. -- Die Dienerin sah mich an, genau so seltsam ernst
wie vorhin ihr Mann. Dann wollten wir beide scherzen, aber es
gelang uns nicht.
Sacht strich sie mir über das Haar und die gefalteten Hände,
die auf diesen Blättern ruhten. Sie hat etwas Mütterliches an
sich, ich werde diese Dienerin sehr lieb haben.
»Eine ernste, stille Brautnacht!« meinte sie leise.
»So wird unser Leben hoffentlich um so froher,« rief ich
dagegen, vielleicht lauter als nötig, -- ich hatte viel
Bangigkeit zu verscheuchen.
»Gott walt’s!«
Zwei Stunden später.
Ich bin schon ein paarmal aus dem Schlafe aufgeschreckt, der
mich im Sessel überfallen hatte. Alles ist so totenstill um
mich. Ich wage nicht die Tür zu dem großen, gähnenden Saal zu
schließen und wage nicht, jene zu öffnen, welche das heimliche
Gemach, das liebe, traute auf der anderen Seite für mich
verbirgt.
Soll ich mich allein niederlegen? Der Schlaf wird mich fliehen,
wenn er auch jetzt in öder Stille versucht, meine Augen zu
schließen.
Bertold! Bertold! Komm! Ach komm! Ist denn niemand bei dem
fremden Sterbenden, der dich ablösen könnte? Das _Leben_ ruft
dich, das süße, beglückende Leben. Dein junges Weib ruft dich
und die Sehnsucht meines Herzens. Komm, ach komm zu mir!
Eine Stunde später.
Was ist dir jener Sterbende, Bertold? Warum findest du nicht
ein paar karge Minuten Zeit, um zu mir zu eilen und mir ein
liebes Wort zu sagen? Wie bin ich einsam!
Drei Stunden später.
Langsam dämmert der Morgen. Bleischwer liegt es in meinen
Gliedern. Schon sendet die Sonne den ersten Schein über die
dunklen Thüringer Berge, die von nun an meine Heimat sein
sollen. -- Meine Heimat ist Bertold.