Das war die Wahrheit, und das half auch. --

Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster

Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag

»Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß.

»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch.

Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe

an, und dann erwiderte sie:

»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold

sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich

mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.«

Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben Gesicht, als er

die List der kleinen Evastochter verstanden, aber es war nur ein

Augenblick, dann fragte er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte

Windemuth mir böse?«

Und die kopflose Puppe Emmy besaß ein furchtbar erregtes Stimmchen, das

antwortete: »Gräßlich böse ist Liselotte, und aus und vorbei ist’s.

Hans von Windemuth ist ganz schwach und dösig, er hat so schauderhaft

geblutet und liegt immer noch zu Bett. Nie darfst du wieder zu

Liselotte kommen, -- du wärst ein Rowdy, hat Vater gesagt. Und wenn du

wieder Geigen zerschlügst, solltest du lieber deine eigene Geige an

deinem eigenen Kopf zertrümmern.«

»Meine Amati!« stammelte Bertold.

»Jawohl, deine Amati,« bestätigte Puppe Emmy ohne Kopf ungerührt. »Und

es ist eine ganz schreckliche Geschichte. Hans wartet jetzt bloß, bis

du ein Mann bist, dann fordert er dich zum Duell, hat er gesagt, und

schießt dich tot.«

Bertold wollte laut rufen, daß er doch auch dabei den Hans totschießen

könnte, aber sein Gerechtigkeitsgefühl verbot es ihm, und im Bewußtsein

seiner Schuld senkte er tief den Kopf.

»Darf ich auch nicht, bis ich tot bin, mit Liselotte spielen?« fragte

er zaghaft.

»Nein,« lautete Puppe Emmys unbarmherzige Antwort. »Die Liselotte mag

auch gar nicht. Alle Leute sagen, du wärst so ein Zornnickel, daß man

seines Lebens nicht sicher wäre.«

In Bertold begann sich schon wieder etwas zu regen, -- es stieg ihm

heiß ins Gesicht, und Tränen des Zorns füllten seine Augen.

»Wie die Nachtwächter habt ihr Beethoven gespielt,« brach er leise

grollend los, »und dann nachher -- -- --«

»Wenn es doch aber _wahr_ ist --« eiferte Puppe Emmy und stürzte sich

in des Wortes vollster Bedeutung unüberlegt und »kopflos« in eine

höchst gefährliche Situation, -- »dein Vater hat doch auch --«

»Schweig!« schrie Bertold und sah mit seinen erhobenen Fäusten so

schreckenerregend aus, daß Liselotte einen gellenden Schrei ausstieß.

Auf diesen Ausbruch lief sofort Rektor Tüllen herbei, und auch seine

Schwester kam aus der Küche gelaufen, und die übrigen Kinder verließen

ihre Spiele und schauten neugierig in das verbotene Gebiet des

Grasgärtchens.

Da stand der Junge, der beste Schüler, der seit wenigen Tagen das

schwarze Schaf des Städtchens war, mit rollenden Augen und knirschenden

Zähnen, aber in Gegenwart des Herrn Rektors fürchtete sich Liselotte

nun nicht mehr. Sie raffte Puppe Emmy an sich, nestelte an ihrer

Tasche, die sich ziemlich dick und auffällig unter ihrer Schulschürze

bauschte, und dann flog etwas vor Bertolds Füße, und noch etwas und

noch etwas.

»Da! -- da! und da!« rief diesmal nicht Puppe Emmy, sondern Liselotte,

die ebenso blaß war, wie ihr ehemaliger Freund rot; und alle

Schwarzhausener Kinder sahen mit Genugtuung, daß hier eine von ihnen

längst geneidete Freundschaft in Stücke ging.

Unzählige Bildchen flatterten zur Erde vor Bertolds Füße, viele seltene

Steinchen, getrocknete Vierkleeblättchen und bunte Glaskugeln -- lauter

Sachen, die Bertold ach so mühselig einst gesammelt und der kleinen,

geliebten Freundin dargebracht hatte. Auch seine wertvollsten Marken

waren darunter und selbstgezeichnete Bildchen -- -- es lag nun alles im

Kies des Grasgärtchens, und viele schmutzige Kinderhände bückten sich

danach und schlugen sich darum. -- -- --

Totenblaß, aber mit hoch erhobenem Kopf schritt der Knabe über all die

verschmähten Liebesgaben hinweg, die Hände hatte er tief in den Taschen

vergraben, seine Augen schauten geradeaus -- -- -- so ging er zur

Schultür und zum Hause hinaus, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen.

* * * * *

Zum erstenmal seit ungezählten Jahren stand Rektor Tüllen wieder im

Hause Eichen vor dem alten Herrn, der einst sein Gönner und Brotgeber

gewesen war.

Und daran, daß er dort wirklich wieder stand, konnte der Rektor die

Kraft der Liebe ermessen, die ihn mit seinem kleinen Schüler verband.

Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des Hauses gezogen, aus

dem er einst fortgewiesen wurde, und das er mit einem jungen Herzen

voll Haß und Bitterkeit verlassen hatte.

Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis, der ihm einst wilde,

harte Worte zugerufen, streckte ihm heute die Hand entgegen. Dabei

wetterleuchtete es förmlich in dem alten Gesicht, -- er setzte auch

ein paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war nie eigentlich

seine Sache gewesen, und er fühlte wohl, wie schwer es war, nach

fünfundzwanzig Jahren plötzlich eine Anknüpfung zu finden, besonders

bei einem so jäh zerrissenen Faden.

Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und Rektor Tüllen erwiderte

ihn ebenso.

Herr Eik von Eichen ~senior~ führte seinen Gast zu einem der tiefen

Sessel in seinem Arbeitszimmer, und beide setzten sich.

»Erzählen!«

Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber der Rektor hatte ein

scharfes Auge und ein feines Ohr, er sah, daß sein Gegenüber

heftig erregt war, und er hörte aus der Art, wie das einzige Wort

hervorgestoßen wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu

willfahren.

Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten Herrn alles auseinander,

schilderte mit etwas trockener Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben

Bertold mit der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt im

Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen kannte, und betonte

den heftigen Jähzorn des Knaben, der sich am letzten Schultage wieder

erschreckend gezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt habe.

Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus der Schule gewiesen

haben, denn Bertold sei ein kluger Kopf und lerne fleißig, im übrigen

sei es ihm, Rektor Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten,

aber Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig verlassen und

sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb sei er hier und wolle Herrn

Eik von Eichen gut überlegte Vorschläge unterbreiten. --

Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung, daß ein Diplomat

an ihm verloren gegangen war.

Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein ganzes altes Herz

gehörte, mit keinem Worte beschönigte er Bertolds Jähzorn, -- und von

dem gottbegnadeten, wunderbaren musikalischen Talent des Knaben sprach

er mit einer Nüchternheit, daß der argwöhnische Zuhörer auch nicht

schattenhaft die Sorge spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er

an eine Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor diesem

Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten Brennstoff gehabt, und

dieser hatte ihn nach allen Regeln der Diplomatie bearbeitet.

»Immer an den Wahlspruch des Alten denken: ›Nun gerade‹. Nicht das Herz

›weghuppen‹ lassen, wir müssen das Kind für Frau Musika retten, und

dazu brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie vorsichtig,

Rektor, machen Sie keine Dummheiten!«

Der alte Eik war aufgesprungen und lief wild im Zimmer umher. Es

schüttelte ihn wie ein Sturm. »Bande!« knirschte er, »Bande! Sie

sind um kein Haar besser geworden, meine lieben Schwarzhausener. Was

nicht im Geleise geht mit hü und hott, das wird einfach verfemt und

totgeschlagen, -- ich kenne sie, o ich kenne sie!«

Immer wieder durchmaß er das tiefe, große Zimmer mit wuchtigen

Schritten, und sein schweres, stoßweises Atmen begleitete jeden Schritt.

Mit hartem Ruck blieb er endlich vor dem Lehrer stehen.

»Und Sie wollen sich überwinden, Herr Tüllen, und täglich hierher

kommen, meinen Enkel weiter unterrichten?« fragte er ungläubig.

»Ja, das will ich,« bestätigte der Rektor. Plötzlich reckte er seine

schmächtige Gestalt hoch auf und sah dem alten Eik furchtlos in die

düsteren Augen. »Unter zwei Bedingungen will ich’s.«

Eik von Eichen ~senior~ erstaunte. Er kannte seit seiner frühesten

Jugend nur gebückte, demütige Kreaturen, oder hämische und

schadenfrohe, immer aber furchtsame Seelen, die ihm, wenn möglich, weit

aus dem Wege gingen.

Daß dieser »hungrige Lehrer«, der ganz mit seiner Existenz auf die

Milde der Schwarzhausener Bürger angewiesen war, und der offenbar ihn

doch jetzt auch brauchte, -- -- ihm Bedingungen zu stellen wagte, war

ihm mindestens neu, und deshalb interessierte es ihn.

»Bedingungen?« lachte er kurz auf. »Und die wären?« --

»Daß ich niemals Herrn Baldamus von Eik zu sehen brauche, und daß ich

niemals für meine geistige Arbeit an dem Knaben Bertold irgendein

Honorar anzunehmen brauche.« -- -- --

»Was für eine Verrücktheit!« rief Eik von Eichen ~senior~. »Was wollen

Sie damit? Meinen Sie, ich lasse mir etwas von Ihnen schenken?«

Lehrer Tüllen sah ihn ruhig an.

»Das müssen Sie wohl, Herr von Eik, -- oder Sie verzichten eben auf

mich. Nur die -- -- Anhänglichkeit an Frau Franziska, meine ehemalige

Schülerin, führte mich nach fünfundzwanzig Jahren über diese Schwelle,

und der Gedanke, daß Bertold Eik von Eichen zu schade ist, um in die

Schablone der Schwarzhausener eingepreßt zu werden.«

Eine lange Pause entstand.

Unverwandt schaute der Greis mit den düsteren Augen auf den kleinen

Lehrer, der wieder zusammengesunken, wie unter einer großen

Anstrengung, in dem tiefen Lehnsessel saß.

»Ich nehme beide Bedingungen an.« Wieder streckte sich die große Hand

aus, und der Lehrer legte die seine hinein.

»Herr Baldamus von Eik, mein Pflegesohn, will in den nächsten Wochen

eine Auslandsreise antreten. Vorher will er sehen, ob sich einige

Wünsche und Hoffnungen von ihm verwirklichen lassen, -- -- -- hm -- --

das würde dann große Veränderungen in meinem Hause bedingen, die auch

den Knaben mit betreffen würden. Vorläufig -- -- sehe ich Sie also

täglich hier, mein Arbeitszimmer ist ~tabu~ für jedermann,« (wieder

lachte er rauh), »Sie werden niemandem hier begegnen. Ich stelle aber

_auch_ eine Bedingung.«

Lehrer Tüllen sah gespannt fragend auf.

»Sie erwähnten vorhin, daß mein Enkel im Hause Windemuth musiziert

habe, ich hörte aus Ihren wenn auch noch so bedachten Worten heraus,

daß Bertold das Talent seines Vaters erbte, -- ich will davon _nie_

wieder etwas hören, merken Sie wohl auf. In dem Augenblick, da auch

nur ein Ton des verfluchten Instrumentes an mein Ohr dringt, ziehe ich

meine Hand von meinem Enkel ab.«

Wieder ging die große Gestalt mit dröhnenden Schritten auf und ab.

»Das ist eine sehr harte -- -- und eine ungerechte Bedingung,« tönte

die ruhige Stimme des Lehrers.

»Darüber habe _ich_ zu entscheiden,« lautete die schroffe Erwiderung.

»Ich habe dem Bengel Windemuth die zerstörte Geige ersetzt, -- wie ein

Hohn war’s auf die ganze Vergangenheit, -- ich -- Eik von Eichen kaufte

eine Geige -- --« Wieder das heisere, rauhe Lachen, und wieder der

Unterton dabei, nur dem feinen Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des

grollenden Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden

war.

Lehrer Tüllen stand auf.

Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte, er wußte wenigstens,

daß der Junge ihm für einige Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung

dieser jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn sein werde.

Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn des Hauses. Es wurde kein Wort

weiter gewechselt, dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins

Schloß.

Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine Stunde in dem Stübchen von

Hieronymus Teichmann, der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit

Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem alten Vater seiner

einstigen Liebe griff den Rektor ungemein an. Er war ja kein Jüngling

mehr, und es stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf ihn

ein. Fast mechanisch berichtete er über seine Unterredung mit Herrn von

Eik, und der alte Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber. Jeder

erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen zu sein.

Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff.

»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,« grollte er.

»Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn diese verrückte, tolle,

hirnverbrannte Bedingung mit der Geige bestehen bleibt. Diese ist

sozusagen die Hauptsache im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika

überhaupt das A und O eines jeden musengeküßten Individuums sein müßte.

Wenn Jung-Bertold auch weder schreiben, noch lesen könnte, -- mit

seinem Geigenspiel allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut

und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und die heilige Cäcilie

ist wahrhaft anbetungswürdig!«

»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus. »Mir scheint,

das Schicksal hat’s schon gut gemeint. Unser Junge, der Bertold, in

sicherer Hut, -- der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, -- was

heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit der Zeit.«

»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges Weibsen. Das

wartet nicht. Und so’n Talent verkommen lassen, -- was sag’ ich,

Talent? -- -- so’n Genie!« -- -- --

»Ein Genie bricht sich _immer_ Bahn,« warf Rektor Tüllen ruhig und

etwas müde ein, reichte den beiden still die Hand und ging.

»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff nach. »Herrgott,

_ich_ hätte dem alten Eik gegenüber stehen sollen,« tobte er weiter

und vergaß ganz, daß er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen

hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, Gott

sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht allein zu sein

brauche!« -- --

Schwarzhausen selbst stürmte, brauste und gärte in ungeheurer

Aufregung. -- Daß man den Bertold nicht sofort auf den Schub gebracht

und irgendwohin expediert hatte, war so echt Eikensch. Alles sah dem

alten Einsiedler in Eichenborn aufs Haar ähnlich nach der Meinung der

Schwarzhausener Bürger:

Daß er dem Herrn Professor Windemuth wieder nachträglich die ersetzte

Geige mit einem groben Brief abgejagt und sie dem Bertold geschenkt

habe, damit dieser ein großer Künstler werde, daß er den »Rektor

Dillen« mit unerhörten Drohungen gezwungen habe, den Unterricht des

Knaben im Hause Eichen zu übernehmen, und daß er mit dem jähzornigen

Enkel zusammen nun einen bitteren Haß gegen alle gut gesinnten Bürger

der Stadt fühle und immer neu schüre, so daß man sich ja wohl seines

Lebens nicht mehr sicher fühlen könne. Wie wohl der ehrenfeste Herr

Baldamus Eik darunter litt. Er sah in letzter Zeit recht schlecht

aus -- -- -- ein Jüngling war er ja gerade auch nicht mehr, und es

wäre wohl die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer Hausfrau

umzusehen, die dann vielleicht die Macht gehabt hätte, etwas mehr Zucht

und Ordnung in den Eichenborn zu bringen. Das, was einige munkelten,

-- -- Herr Baldamus stiege noch immer der schönen Witwe Malcroix nach,

die ihn einstens verschmähte, war natürlich Unsinn, -- die hätte wohl

mit beiden Händen zugegriffen, wenn ihr Gelegenheit geboten wäre, sich

warm und unabhängig vom Vater in Eichenborn festzusetzen. Denn Herr

Baldamus besaß ein großes, eigenes Vermögen. -- -- --

Durch die dicken Mauern des Eichenborns drangen diese Gerüchte nicht.

»Wie kann ich Ihnen danken!« hatte Franziska Malcroix mit hellen Tränen

in ihren schönen Augen den Rektor gefragt, als er zum erstenmal den

Unterricht beginnen wollte.

»_Ich_ habe zu danken!« lautete die ruhige Antwort, »daß Sie so viel

Vertrauen hatten, mir dies seltene, liebe Kind zu überlassen.«

über die Bedingungen, die von beiden Parteien gestellt waren, sprachen

sie nicht. Bertold, dem Nächstbeteiligten, war der Befehl seines

Großvaters unbekannt geblieben.

Seine Freunde, von denen ja die Mutter sein allerbester war, wollten

ihn nicht zum bewußten Ungehorsam verleiten, aber sie wollten auch

nicht die Schuld auf sich laden, dies herrliche Talent verkümmern zu

lassen, so ging Bertold jeden Tag eine Stunde in das Haus von Kantor

Brennstoff, und dieser gab ihm gediegenen theoretischen Unterricht

mit dem innerlichen, heißen Wunsche, Gott möge ein Wunder tun und

irgendeinen großen Meister nach Schwarzhausen führen, der dann den

Jungen mit sich fortnehmen würde.

Inzwischen führte Bertold ein strenges Leben der Arbeit.

Er sah so wenig frohe Menschen, es war, als ob die Luft des Hauses

Eichenborn jedes Lachen im Keime erstickte.

Und Bertold hatte doch so gern gelacht.

Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart heiter und froh zu

erscheinen, aber sein feines Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und

den Schein heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn die

Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei, und er grämte sich darum.

Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas schmaler, trotzdem

ihm seine Mutter die sorgsamste körperliche Pflege angedeihen ließ,

trotzdem im Parke Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und

der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu Gesicht bekam, ihn

auf vier Wochen nach Borkum geschickt hatte, unter Aufsicht des Herrn

Rektors Tüllen, seines verehrten Lehrers.

War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden Menschen zu sein,

war es die Sehnsucht nach seiner geliebten Mutter, die beim Großvater

zurückgeblieben war, -- -- Bertold kam noch ein wenig blasser und

hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade zurück.

Sie forschten und fragten und ergingen sich in Mutmaßungen, aber keiner

ahnte, daß es ein kleines, quecksilbriges Persönchen war, das dem

Knaben beständig vorschwebte, -- daß Liselottes altkluges Reden, ihr

unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeit ihm fehlte, -- wo

er ging und stand, -- ach so sehr fehlte!

Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf seinem ausdrucksvollen

Knabengesicht lag ein neuer Zug, -- etwas wie Verachtung; der war an

jenem Tage entstanden, als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos das

liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die Füße warf. --

* * * * *

In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von

Eichen täglich eine Stunde spazieren.

In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen, hatte das

Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur Wald und Wiesen, Sträucher und

Hecken waren seine Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung,

die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde Gera wie ein

silbernes Band.

Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vom _Ort_ Schwarzhausen lag,

war auch die seelische Entfernung der aristokratischen Bewohner

von den Bürgern des Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis,

die lange und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern, um

das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen, das wie ein

verwunschenes Märchenschloß in seinem Eichendickicht lag, in welchem

nur ruhig-ernsthafte oder boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf

manches Glied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen.

Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen treu zu den

Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein frommes Geschlecht

auszeichneten, zu denen auch die Kirche immer mit ihren Wünschen und

Bedürfnissen kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu

werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen Untugenden,

die den Eik von Eichens mit Recht oder Unrecht nachgesagt wurden. Im

achtzehnten Jahrhundert ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold

Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und er war es, der auf

seinem eigenen Grund und Boden Reichtümer in Gestalt von Feldspat

entdeckte. Er war der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken

und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des Hauses Eichenborn.

Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft, und der Gatte von

Franziska Malcroix war der Urenkel jenes Mannes, der durch die erste

Lieferung von weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung

trat.

Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu strecken, Fabrikgebäude,

Schmelzöfen und Ziegeleien wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«,

und um das düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten

Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten wohnten.

Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung immer einen streng

gewissenhaften, fleißigen Eiksohn gegeben, der das Besitztum mehrte,

und dann wieder einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen

pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe genügend Zeit

fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen und das reichlich vorhandene

Vermögen auch nützlich oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher

Feuerkopf war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn Baldamus

gewesen.

Bertold Eik ~senior~ hatte diesen jüngeren Bruder sehr geliebt, aber

das Drohnenleben, welches Lorenz führte, war allezeit der Gegenstand

heftigen Unfriedens zwischen ihnen beiden gewesen.

Durch die vom älteren Bruder und Chef des Hauses förmlich aufgezwungene

Ehe mit einer stillen, demütigen Frau, die sich später als eine

im ärgsten Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz zur

Verzweiflung getrieben, -- er nahm sich das Leben. -- Bertold Eik

holte den verwaisten Baldamus zu sich und führte einen jahrelangen

erbitterten Kampf mit der Mutter des Knaben, bis auch diese starb.

Baldamus war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater den Hang

zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit und Frohmütigkeit dabei,

die ersetzt wurde von der glatten, gesellschaftlichen Miene des

Scheines. Von der Mutter den Hang zum Duckmäusern. -- »Laß dich nicht

erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismus des Baldamus

Eik stand, und da er es verstand, diese Lehre mit dem, was Kirche und

Schule von ihm verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand

genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen der junge

Hauslehrer vor vielen Jahren, der denn auch umgehend »flog«.

An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er in der Mittagsstunde

seinen Spaziergang machte. Er schlief trotz seines hohen Alters niemals

nach Tisch, wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und wegen

seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige sofort entdeckenden Augen

in Haus und Fabriken sehr gefürchtet war.

Heute dachte er noch an etwas anderes.

Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester Adelgunde jeden

Abend eine Stunde Schach.

Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie glaubten, Fräulein

Adelgunde hätte keine weiteren Interessen als ihre Häkelspitze,

die allerdings beinahe um das Fürstentum herumreichte, -- sie

hatte nur kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für

Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie besaß aber

eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus, der weit über alles

Maß hinausging, und der sie einst in jungen Jahren alle Bewerber

ausschlagen ließ, -- sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen. Sie

liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes Kind liebt, denn

als solches hatte sich das Städtchen ihr gegenüber immer bewiesen,

freilich ahnte es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein

Säuglingsheim, seine schönen Anlagen und den bedeutenden jährlichen

Zuschuß zum Damenstift verdankte.

Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals, was die linke tat,

aber das war in Schwarzhausen nicht wohl angebracht. Deshalb liebte

Fräulein von Eik mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige

Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen schlummerten, sie

liebte die dunkeln Tannenwälder und grünen Fichten, die geheimnisvollen

Waldwiesen und rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende,

heiter-geschwätzige, wilde Gera.

Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre, aber ihr Geist war

klar, ihre Augen waren durchdringend und scharf, und wenn sie abends

dem Bruder zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme beinahe

jugendlich und hell.

Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich geschah, matt gesetzt,

dann warf sie froh-geschäftig die Figuren zusammen und äußerte wohl:

»Gott Lob und Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens

die letzte Partie gewonnen!«

Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet: »Die _vorletzte_! Ob

man die _letzte_ Partie gewinnt, das weiß kein Mensch!«

Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn nicht

unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheiten dazwischen

gekommen waren, seit fünfzig Jahren so wiederkehrend, wie das

Amen in der Kirche, und deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik

stark verblüfft, daß gestern abend die Schwester weder die Figuren

aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit abgenommen, irgendeinen

Schachzug tat.

Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und zum ersten Male in

ihrem Leben statt des Spieles ein absonderliches Gespräch eröffnet.

»Das ist _sehr_ unrecht von dir, Bruder Eik!«

Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eik ~senior~, zur Rede zu

stellen, war jedenfalls neu, und deshalb erregte es das Interesse des

Alten.

»_Was_ ist unrecht?«

»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein Adelgunde jetzt mit

etwas belegter Stimme fort. »Ich _will_ es nicht kennen, wie ich auch

deiner Tochter noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat das

ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen, und ich bin zu alt, um

Eichenborn als ein Gasthaus ansehen zu lernen, in das man beliebig zu

jeder Stunde kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann. Das

müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit euch selbst ausmachen.

Aber ich bin Mitglied vom Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig,

wie die stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei uns im

Eichenborn wird eins gequält, -- _das_ ist sehr unrecht von dir,

Bruder.«

»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung.

Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde alle aufgestellten

Figuren umgeworfen. Damit zeigte sie, daß das Spiel ihr heute völlig

verleidet sei.

»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein anderes Kind in

unser stilles Haus, dein Enkel hat keinen Umgang als seine Mutter, die

mehr Tränen als Lachen kennen gelernt hat. -- Du hältst dem Knaben

kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder spielen oder auf

dem See rudern; die Schwimmanstalt am Ende des Parkes ist verfallen,

weil Baldamus ein Weichling und du zu alt bist, -- -- hast du dir denn

schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind der _Letzte_ unseres

Stammes ist? Weißt du etwas von ihm? Was hat er für Anlagen? Was für

Eigenheiten? Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur schlechte

Anlagen von ihm? Liebt er dich und die Familienüberlieferungen unseres

Hauses? Wird er in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen,

oder --«

Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten Schwester auf den Herrn

des Hauses gefallen und hatten einen seiner heftigsten Zornanfälle

hervorgerufen. Aber dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf

Fräulein Adelgunde gemacht, -- sie legte die Schachfiguren in den

alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten Kasten, und dann war sie

mit der eindringlichen Mahnung: »Besinne dich, Bruder -- -- auf dich

und unser altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen.

Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von der Schwester, denn er

selbst hatte natürlich kein Auge zugetan, und die ganze Nacht hindurch

wie auch den heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst du

daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?«

Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren stand, war die

Schwester einfach hinweggegangen.

Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und fremd geblieben, und

manchmal hatte auch Herr Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen,

denn die Vereinigung von böser Lust und Muckertum war bisher unbekannt

in der Geschichte des Hauses gewesen.

Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft, niemand aus seinem

Fabrikbereich, niemand von den maßgebenden Persönlichkeiten in der

Stadt selbst ahnte, daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel

war, für den man ihn hielt, -- das hatte den alten, grimmen Eik oft

höhnisch und überhebend lachen lassen. Er war sich ja über sich selbst

nicht klar.

Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten Pflegesohn noch

immer viel zu hoch einschätzte, -- wie hätte er sonst auch nur einen

Gedanken an seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine Tochter

Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik zu vermählen, -- eine Hoffnung

zu nähren für seine letzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller

Reinheit der Rasse neu erstehen könne.

* * * * *

Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis den schmalen,

tannenbestandenen Weg entlang, der zu einem kleinen Tempelchen führte,

von welchem man einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder und

den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte auf die Kinderspiele

von Generationen Eiks hinabgeschaut, -- die Chronik erzählte von

Kinderbällen und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt- und

Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen königlichen Prinzen

bei den Eiks, und so wenig sentimental der grimme Bertold Eik auch

veranlagt war, er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer etwas

wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine Kindheit sich unter den Augen

einer guten, sorglichen Mutter dort abgespielt hatte.

Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des Damenstiftes her an dem

Tempel, aber er wurde beinahe nie begangen, denn die adligen Jungfrauen

hatten eine wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen, und

nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg, den einst Adelgunde von

Eik und Hermine von Windemuth, eine Großtante der kleinen Liselotte,

angelegt, als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender

Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der Weg moosbewachsen

und durch überhängende Zweige beinahe unkenntlich geworden, nur sehr

schmale Füßchen konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen:

wie es auch damals die feingliedrige Hermine von Windemuth gewesen, der

die erste, bewundernde Liebe des Bertold Eik ~senior~ gegolten.

Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen, das heute diesen Weg

entlang geschlüpft war und -- nun auf der Korbbank des Tempels saß,

mit großen, trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in seinem

Schoß lag.

Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten Herrn, der unhörbar

auf dem weichen Moose daherschritt, und als sein großer Schatten in den

Raum fiel, erhob es erschrocken den Kopf.

»Ach _du_ bist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz ruhig, »ich glaubte

schon, es sei der schreckliche Kerl.«

»Wer ist denn _das_?« fragte Herr von Eik und wunderte sich selbst, daß

er sich mit der Kleinen in ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte

die Windemuthschen Augen, und er sah gern in sie hinein.

»Eigentlich bist _du_ es ja,« entgegnete Liselotte gleichmütig, »aber

ich nenne den Herrn Baldamus so.«

Eik ~senior~ lachte heiser. »Und wer nennt _mich_ so?« fragte er rauh.

»O -- alle! Die Base Juliane und die Trine und die Frau Postverwalter

und die Eiermale und der Briefträger und -- --«

Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ich hab’ dich nie so

genannt,« versicherte sie treuherzig, »ich fürchte mich auch gar nicht

vor dir, du darfst dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst

mich nicht.«

Eik ~senior~ sah mit einem Gemisch von Zorn und Humor auf das kleine

Ding hin, das ihm auf Eikschen Grund und Boden gnädigst erlaubte sich

zu setzen. Aber zu seinem eigenen großen Erstaunen setzte er sich

wirklich.

»Wo kommst du eigentlich her, Hermine?« fragte er weiter.

»Liselotte heiße ich. Hermine ist ja meine Großtante drüben im

Damenstift, und die habe ich eben mit Base Juliane besucht. Es ist

furchtbar langweilig bei ihr, und denke dir, -- sie kann Puppe Emmy

nicht leiden. Deshalb zwängte ich mich durch die Dornenhecke und lief

hierher.«

Voll Entrüstung sagte es die Kleine, und gleichzeitig hob sie das

Bündel von ihrem Schoß auf und drückte es in den Arm des neuen

Freundes. »Ist sie nicht süß? Leider immer krank!«

Herr von Eik beschaute sich das grau-schmutzige Bündel, ohne sich zu

rühren. »Ich kann den Kopf nicht finden,« meinte er unbehaglich.

»Den kann auch kein Mensch mehr finden,« berichtete Liselotte

entsagungsvoll. »Weiß Gott, wo er sein mag. Das ist ja eben ihre

schwere Krankheit. -- Bitte, rühr’ dich nicht,« bat sie eindringlich,

als Herr von Eik Miene machte, seine unbequeme Stellung als

Kinderwärter aufzugeben, »Puppe Emmy mag gern so liegen, es beruhigt

alle ihre Nerven so.«

Die Windemuthsaugen sahen vertrauend in die strengen, von buschigen

Brauen umrahmten Eiksaugen und übten seltsame Macht. Herr Bertold

~senior~ rührte sich nicht. --

»Sprechen kannst du gern,« ermunterte ihn Liselotte nach einer Weile.

»Auch lachen, wenn es dir Spaß macht.«

»Ich wüßte nicht, worüber,« war die kurze Antwort.

»Ich meine auch bloß so.«

»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der alte Herr, und da er

ein leises Kribbeln in seinem linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe

Emmy in seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches

Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte.

»Diesen Tempel? -- Da hat mir zuerst Großtante Hermine davon erzählt,«

beantwortete sie jetzt die Frage. »Auch von dir hat sie mir erzählt,

lauter so gute, schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren,

und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da meinte sie, das wäre

auf und nieder dein Ebenbild, -- sie hatte auch so’n närrischen Namen

für ihn, den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee ßang Pör

ang Minniatür‹.«

»So? Hm!«

»Ja und dann fragten wir sie, was das auf Deutsch wäre, -- ein Ritter

ohne Furcht und Tadel, aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein

winziger. Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik? Ich habe

ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener manchmal die Feuerschaufel an

den Kopf geworfen hast und so viele Gläser.«

Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf, und Puppe Emmy flog

auf den Boden. Ein Wehschrei ertönte, und jetzt sah ein blasses,

zorniges Gesichtchen den Schloßherrn an.

»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte ein ungläubiges,

bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn das möglich? So ein armes,

krankes Emmylein auf die Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und

Sägspänenentzündung? I, da glaub’ ich aber nun _auch_, daß du

ein -- -- --«

Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck auf das Kind nieder,

und in seinem Blick mußte etwas liegen, was dieses unerschrockene

Persönchen zwang, seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es

die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann, sie kunstgerecht

aufzuwickeln. »Natürlich,« -- meinte Liselotte verlegen-sachverständig,

»naß ist sie auch, -- natürlich, bei der Aufregung, -- sie tut es sonst

nie.«

Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug entnommen und das Püppchen

trocken gelegt.

Wie lange war es her, seit Herr von Eik ~senior~ solch weiche

Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchen hantieren sah! -- Seine

Franziska, ja die war auch solch Puppenmütterchen gewesen, und hier

am Tempel hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen

Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen. Nie mit ihm,

dem Vater. Er hatte immer nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber

gestanden und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen

gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag alles kindliche Vertrauen

mit in dem schwarzen Schrein, darin man sie begrub, und Vater und Kind

waren arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen wieder, aber

das wurde dann dem fremden Manne geschenkt, mit dem sein Kind entfloh.

Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich auf den alten

Eik hereinstürmenden Gedanken, daß er einen Schritt näher herantrat,

den blonden Scheitel der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit

guter, sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind wieder gesund

machen.«

Liselotte sah ihn prüfend und forschend an.

»Aha,« meinte sie verständnisvoll, »du willst nun gewiß Doktor

sein, weil du so’n schlechter Vater bist. Na dann nimm sie, aber --

vooorsichtig -- ohhhh vooorsichtig -- -- --«

Als trüge er seltenes Glas oder Porzellan, so besorgt schritt Herr

Eik von Eichen den Waldpfad zurück nach Haus Eichenborn mit einem

wunderlichen, nie gekannten Gefühl im Herzen.

Vorsichtig schaute er sich um, ob ihn auch niemand sähe, wie er das

kleine, unförmliche Bündel auf seinem Arm hütete.

Es war niemand Störendes zu sehen, nur die blondlockige kleine

Gestalt stand unbeweglich im Tempelchen und blickte ihm mit großen,

vertrauenden Augen nach.

Da winkte er mit der Hand, und das Mädelchen zog ein winziges, arg

schmutziges Taschentüchlein hervor und winkte auch.

So schaute er sich wohl dreimal um, blieb auch dabei stehen und hörte

die klare Stimme rufen: »Komm bald wieder, hörst du? Morgen, oder

übermorgen, -- ade, ade!«

Dann kam eine Wegbiegung und entzog ihm den lieben, ungewohnten Anblick.

Auch im Herrenhause selbst begegnete dem alten Herrn niemand, aber es

fiel ihm heute zum ersten Male auf, wie öde und einsam die großen,

weiten Hallen und Gänge waren.

Ordentlich unheimlich kamen sie ihm vor, aber weil er sich doch nicht

gut fürchten konnte auf seine alten Tage, so zog er es vor, ärgerlich

zu werden. Schon wollte er mit Stentorstimme nach Hieronymus oder sonst

einem dienstbaren Geist rufen, doch da war etwas, das hielt ihn vor

solch rücksichtslosem Gebaren ab.

Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer noch das kleine, zierliche

Mädchen mit den mahnenden Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht

aufwacht!«

Mit einem Male stand der alte Herr still und horchte.

Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr, jedoch er konnte keine

Menschenseele entdecken.

Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und blieb dann abermals

lauschend stehen.

»Ist jemand hier?« fragte er halblaut.

Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher zu ihm, was ihn

plötzlich veranlaßte, den mächtigen Kleiderschrank zu öffnen, der ihm

selbst in seiner fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er

fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe, und nach ein

paar Sekunden stand sein Enkel Bertold vor ihm, und ein vom Weinen

verschwollenes Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr

schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt, kläglich und

verzweifelt, und sein Anblick erbitterte den Alten, der gerade eben das

hübsche, unerschrockene Mädchen vor sich gehabt hatte.

»Warum heulst du?« fragte er barsch.

»Ich -- ich weiß nicht,« -- lautete die verzagte Antwort, verbunden mit

einem verlegenen Schulterziehen.

»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor. Die Abneigung

gegen seinen Enkel übermannte ihn förmlich und er fühlte, wie ein

sinnloser Zorn in wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als

sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig Jahre

alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch und schüttelte ihn

derb und ungestüm, so daß die schlanke Gestalt hin und her taumelte.

»Jammerlappen! Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, -- kein Eik von

Eichen! -- Und sowas ist mein Erbe!«

Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt und sah dem

Großvater starr und groß in die Augen.

Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit schweren Schritten und

keuchendem Atem davon; an Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im

höchsten Zorn geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem alten

Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein. Mechanisch hob er das

Bündel auf, -- er zitterte vor Angst, Zorn und Weh.

Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge!

Wie verloren kam er sich vor in dem großen, weiten Hause, -- es litt

ihn nirgends.

»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt, mit der er die

Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen versuchte, -- -- doch konnte er

nicht sehen noch lesen vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer,

was fehlt dir denn?«

Und zu wem er auch kam, -- sei es im Stübchen des Hieronymus oder in

der Wohnung des Organisten Brennstoff, -- überall ermahnte und fragte

man ihn: »Wer wird denn so weinen, -- so ein großer Junge!«

O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte, gleich einem Bündel hin

und her geschüttelt zu sein, er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn

über die brutale Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham war

das Weh in seiner Brust, -- das wunderliche Etwas, -- wie nannte er es?

O wenn er doch seine Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den

Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten, und die er

so oft geweckt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Aber die Geige war

dauernd zu dem Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer

durfte er spielen, -- nie allein mit ihr sein, nie. Wie furchtbar weh

das tat! Aber war es die Geige allein, die ihm so schmerzlich fehlte?

Wirklich ganz allein die Geige?

Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute einer zornigen

Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder mit dir, _nie_!«

_Das_ war es. -- -- --

Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den harten Fußboden und

stöhnte in das Bündel hinein, das ihm der harte Großvater in

ausbrechendem Jähzorn an den Kopf geworfen hatte.

Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus, ein Duft, den der Knabe

kannte und den er jetzt spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien

und Belebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben habhaft

werden konnte, besonders Baldriantropfen, Kamillentee und Eau de

Cologne, hatte sie verschwenderisch über Puppe Emmy ausgegossen, und

an diesem Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da vom Himmel

herunter gefallen war.

Ja, vom Himmel. -- Vergessen war der Großvater und sein Jähzorn,

vergessen die schmähliche Behandlung, vergessen selbst die Geige -- --

»Puppe Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit lag

in den zwei Worten verborgen und eine feste Zuversicht, als ob ja nun

alles gut werden müsse.

Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch einmal am hellen

Fenster, daß er wirklich das liebste Eigentum der verlorenen Gespielin

in seinen Händen halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse

und atmete tief auf.

Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß er es nicht wieder heraus

gab, stand ganz fest bei ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel

in seines Großvaters Hand gelangt war, -- -- es war ihm in seiner

weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu glauben. --

Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes Versteck ausfindig

zu machen, wo er doch ab und zu hingelangen konnte, um das Bündel zu

sehen. Der Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen war er

in die verschiedensten Regionen gekommen, aber vor dem Boden hatte

er sich immer noch etwas gescheut. Denn an der Bodendecke prangte

ein unheimliches, mächtiges Bild in düster-bunten Farben, den großen

Christopher darstellend -- -- er sah das Bild, wenn er den Kopf weit

zurückbog und in die Höhe blickte.

Heute fühlte er keine Angst.

Puppe Emmy war wie ein Talisman, -- ein Amulett, das ihn vor allem

Bösen schützen mußte.

Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe die Treppen in die

Höhe, aber er erreichte den Oberboden nicht, er verirrte sich in

andere, weite Gänge, in nie zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf

hallende, von schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene Treppen

und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel.

Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche, die seinen Schritt

dämpften, er sah lichte Fenster- und dunkle Türvorhänge und entdeckte

schöne, farbenprächtige Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße

Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb sie sich

zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste aber war, daß ihm jemand

aus einem der verschlossenen Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief.

Er klopfte bescheidentlich an und trat ein.

Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei, der sich schwatzend

und kreischend in seinem Ringe schaukelte, dann gewahrte er in

dem behaglichen Raume einen teppichbelegten, altmodischen Tritt,

auf diesem ein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und

davor -- -- -- das konnte nur die alte Spinnerin aus Dornröschens

Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht beschlich ihn, aber er bezwang sich

tapfer. »Haben Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer

Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die so eifrig spann, sah

ihn forschend an. --

»Bertold, Bertold!« krächzte der Papagei, und nun lachte der schlanke

Junge, lachte so herzhaft, so klingend, so musikalisch, so aus dem

Innersten heraus, daß es tönend von den Wänden zurückkam.

Da stand das Spinnrad plötzlich still, und der Stuhl, worauf die

graue Gestalt saß, wurde polternd zurückgestoßen. Trippelnde Schritte

näherten sich dem Knaben, dann umschlangen ihn zwei Arme, und er sah in

ein gutes, altes Gesicht, dessen blaue Augen voll Tränen standen.

»Du Junge! Du Bertold! Du echter Eik mit deinem Eikschen Lachen!

Willkommen bei Großtante Adelgunde!«

Es mußte ja ein Märchen sein. Bertold rieb sich immer wieder die

Augen, aber der Papagei und das Spinnrad blieben und die graue Gestalt

blieb auch leibhaftig vor ihm, nur daß sie jetzt geschäftig im Zimmer

herumlief und kleine Kuchen, Obst und feine Schokolade vor Bertold

hinsetzte mit der Aufforderung, tüchtig zuzulangen. Das tat der Junge

gern, denn in seinem großen Kummer war er nicht dazu gekommen, sein

Vesperbrot zu genießen. Nun saß er neben der plötzlich entdeckten

Großtante, die wohl hundert Jahre nach seiner Schätzung zählte, und

sie nötigte ihn immer wieder liebevoll zum Zulangen, bis auch kein

Stellchen in seinem Magen mehr frei war.

»Jetzt erzähle!« bat die alte Dame.

»Warum ruft der Papagei immer Bertold?« wollte der Junge gern noch

wissen, »er kennt mich ja gar nicht.«

»Das gilt deinem Großvater,« lachte leise die Großtante. »Früher war

der Papagei immer bei ihm, -- -- aber er ist so sehr gelehrig und

gewöhnte sich alles an, was dein Großvater rief -- -- hm, -- das war

oft lästig -- wenn er es so unablässig wiederholte. Jetzt habe ich ihm

alles bis auf den Namen seines früheren Herrn abgewöhnt, -- -- der ja

auch der deine ist, mein kleiner Bertold!«

Sie war so vertrauenerweckend, die Großtante Adelgunde!

Weit tat sich Bertolds Herz auf und erzählte ihr alles, seine Freuden,

seine Leiden, seinen ganzen letzten Kummer.

»Du stehst jetzt unter meinem Schutz,« bedeutete ihm die alte Dame.

»Und du wirst nicht mehr heimlich beim Organisten Brennstoff spielen,

sondern du wirst hier laut und deutlich bei mir üben, und ich werde

nach E. schreiben und den besten Lehrer für dich bestellen. Du wirst

gleich heute noch deine Geige holen und sie zu mir bringen, -- du

lieber Herrgott, ich soll wieder einmal eine Amati in den Händen halten

-- und vielleicht können wir beide sogar zusammen musizieren.«

Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, -- sie trippelte zu dem hellen

Mahagonispinett und öffnete es feierlich. »Mach’ noch einmal eine

tiefe Verbeugung, kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat --

Beethoven gespielt.«

Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte er, alles müsse vor seinen

Augen plötzlich verschwinden, -- es war zu wunderseltsam, was er

erlebte. Ungestüm warf er beide Arme um den Hals der alten Dame, daß

sie sogar ein wenig taumelte.

»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So sind und so waren sie eben

_auch_ alle. Aber ungestüm und musikalisch darfst du sein, wenn du

nur nicht jähzornig bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut

genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte bis in die Lippen.

»Schließ das Beethovenspinettchen!« bat er schmerzlich. »Ich -- ich

verdiene nicht, drauf zu spielen.« -- -- --

Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen »Gott behüt« wurde der

Junge entlassen unter dem feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen

aufzufordern, sie möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt

er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder zurück bis zu dem

Seitenflügel, den er und seine Mutter bewohnten.

Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger, zärtlicher

Zwiesprache zusammen, und dann brachte sie ihn zu Bett und betete

dankbar mit ihm. Unter seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine

Menschenseele außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel,

und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog er es hervor, um die

geliebte Puppe Emmy ohne Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß

dieser Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. -- Bis ihm nach all

den aufregenden Sachen am heutigen Tage die müden Augen zufielen. --

* * * * *

Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und

Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt.

Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die

Erinnerung an.

Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte ihr schmerzlich weh

getan, kaum wollte sie die liebe, freudige Botschaft aus dem Munde

ihres Jungen als richtig ansehen.

So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr erschien der Ruf des

grauen Papageis als eine günstige Vorbedeutung. Still öffnete sich die

Tür, so als ob jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf

ihren Schritt gewartet habe, -- still öffneten sich zwei alte Arme, und

das alte, dazugehörende Herz hatte wohl schon längst offen gestanden

und sich nur noch etwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu

rufen.

Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos die große Kluft,

welche die Flucht der Nichte vor Jahren gerissen, Tante Adelgunde

dachte nicht mehr an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid,

das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt mit ihren

schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln.

»Von gestern ab gehört der Junge mir mit,« rief die alte Dame in

ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, »er selbst hat mein Reich erobert.«

In all den Tagen, die nun folgten, sah Frau Franziska ihren Vater

wenig oder gar nicht, und Fräulein Adelgunde mußte es erleben, daß der

Schachtisch und das Schachbrett völlig verwaist blieben.

Das war etwas Unerhörtes, und die Schwester nahm sich vor, dem

Oberhaupt vom Eichenborn einmal wieder gründlich ihre Meinung zu

sagen; als sie aber durch Zufall ihm begegnete, erschrak sie vor dem

finsteren, gequälten Ausdruck in seinem Gesicht und verlor den Mut, ihn

nach der Ursache zu fragen. Herr Baldamus von Eik war verreist.

Frau Franziska freute sich dieser Tage, -- man hörte sie sogar mit

ihrem Knaben lachen, und ihre Wangen bekamen einen Anflug feiner Röte,

so daß sie oft wie ein junges Mädchen aussah.

So gern hätte sie nun recht gemütliche Mittagstunden mit ihrem Vater

genossen, aber sobald sie mit Jung-Bertold das große Eßzimmer betrat,

meldete ihr der Diener, daß Herr Eik von Eichen ~senior~ heute allein

zu speisen wünsche. Dies »heute« bezog sich nun aber schon auf viele

Tage. --

War es der junge Diener, der die Meldung machte, dann begnügte sich

Frau Franziska mit einem Kopfnicken, -- als aber Hieronymus Teichmann

bei Tisch aufwartete und sie wieder nur zwei Gedecke erblickte, da trat

sie rasch auf den alten Getreuen zu.

»Hieronymus, was ist’s mit dem Vater? Irgend etwas bedrückt ihn schwer,

-- ich sorge mich. Und du scheinst es zu wissen, Hieronymus, was hier

vorgeht.«

Der Diener wich ihrem forschenden Blicke aus.

»Da ist nichts zu raten und nichts zu sagen,« murmelte er. »Haus Eichen

hat einen guten Magen, und wenn wir dem lieben Herrgott trauen, kann

der Eichborn auch _das_ verdauen.«

»Ist es etwas sehr Schweres, Hieronymus?« fragte Franziska, ängstlich

geworden, -- -- »ich kann es mir gar nicht zusammenreimen. Sind es etwa

gar -- Zahlungsschwierigkeiten?«

Ein leises Lächeln trat auf das gute, alte Gesicht des Faktotums.

»Du liebe Zeit, -- so Schwierigkeiten, was haben _die_ für Haus Eik zu

bedeuten? ’s sind weiter nichts als Mückenstiche. -- Aber es gibt so

_andere_ Schliche, -- -- die sich nicht ziemen für Eichenborn -- die

bringen Herzweh und heiligen Zorn. Ich bin nur ein Diener und hab’

nichts zu sagen, aber der Herr sollt’ dazwischen schlagen mit Knüppeln

-- und mit eisernem Besen auskehren all das schlimme Wesen.«

Er hatte sich in Zorn geredet, der Alte, und nun erschrak er, daß

sowohl Frau Franziska, als auch Bertold die Suppe völlig unberührt

gelassen hatten, und daß beide mit traurigen, ängstlichen Augen zu ihm

aufschauten.

»Ich bin ein Schwätzer, Fräulein Franziska,« stotterte er, denn diese

Bezeichnung gebrauchte er immer für seine liebe Herrin; sie sah so

mädchenhaft aus, und der fremdländische Name, der ihr zukam, wollte

nicht über seine Lippen.

»Vorhin ging der alte Valentin die Treppe hinunter,« nahm Bertold das

Wort. »Er grüßte mich gar nicht, ich glaube, er war sehr krank und sah

aus, als ob er geweint hätte.«

»Der alte Valentin?« fragte lebhaft Frau Franziska. »Ich war lange

nicht bei ihnen, das ist eine häßliche Unterlassung von mir. Hat das

hübsche Jettchen genug zu tun immer? Ich will ihr gern wieder Aufträge

für Wäschesticken zuwenden -- -- --«

Hieronymus antwortete nicht, er hatte sich plötzlich zur Tür

gewendet und war mit dem großen Präsentierbrett hinausgeschritten in

unziemlicher Hast, die er sich noch niemals sonst hatte im Beisein der

Herrschaft zuschulden kommen lassen. Mit bangen Blicken schaute ihm

Frau Franziska nach.

Als er mit dem zweiten Gang herein kam, winkte ihm die junge Frau,

damit er recht leise hantiere.

Im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemach des alten Herrn von Eichen, hatten

sich laute Stimmen erhoben, die sich immer mehr steigerten. Bekümmert

und verständnislos sah Frau Franziska drein.

Jetzt nickte Hieronymus gleichmütig.

»Das ist die Arbeiterdeputation,« meinte er. »Wenn doch da unser Herr

nachgeben wollte. Sie verlangen nicht zu viel, die Leute, es ist eben

alles teurer geworden, und die Eiksche Fabrik sollte lieber mit gutem

Beispiel vorangehen, als im alten Schlendrian verbleiben. Es gärt schon

allzuviel unter den Böswilligen, aber das sind alles junge, verführte

Leute, -- _unsere_ Arbeiter sind gut, -- nur besser möcht’s eben jeder

haben.«

»Ihr irrt euch,« tönte von drüben scharf und laut die Stimme, »zu mir

kommt nur nicht mit so hirnverbrannten Ideen. Ob ich euch aufbessern

_kann_, habe ich allein zu entscheiden, jedenfalls _will_ ich es nicht,

weil die letzte Aufbesserung erst vor Jahresfrist erfolgte und ich eine

neue noch nicht für nötig halte; zwingen lasse ich mich nicht, das wißt

ihr ja.«

Man konnte die Erwiderung nicht verstehen, aber jedenfalls wurde sie

von einem Einzelnen in heftigem Ton gegeben.

»Der Heinrich Liebetraut ist’s,« murmelte Hieronymus ängstlich. »Nur

beim Reden tut der Kerl _nicht_ faul, -- ich wollt’, er hielte jetzt --

den Mund.«

Dem treuen Hieronymus versagte plötzlich der beabsichtigte, kräftigere

Reim, denn drüben hatte Herr von Eik mit seiner kräftigen Faust auf den

Tisch geschlagen. »Hinaus!« brüllte er, »macht, daß ihr hinaus kommt!«

Dann ein nicht eben sachtes Türenschlagen, das erregte Sprechen von

drei oder vier Menschen auf dem Hausflur und hastiges Entfernen stark

und polternd auftretender Männerfüße.

Mit klopfenden Herzen standen Franziska und Bertold nebeneinander,

während Hieronymus leise das Zimmer verlassen hatte. Er konnte es nicht

mit ansehen, wie eine Speise nach der anderen unberührt stehen blieb,

und er konnte auch nicht der verehrten Tochter seines Herrn ganz genau

Rede und Antwort stehen, konnte vor allen Dingen ihren ernsten, reinen

Augen gegenüber nicht der Aufklärende sein, der ihr sagte, daß ihre

letzte Zuflucht, ihre geliebte Heimat, in welche sie sich aus Unehre

und Schmutz gerettet, längst eines eisernen Besens bedürfe, der viel

Fäulnis, viel böse Stoffe herauskehren müsse.

Als Hieronymus die Tür öffnete, steckte Herr Eik von Eichen ~senior~

zur gleichen Zeit den Kopf aus seinem Zimmer herein, und der Diener

erschrak, so grau und verärgert sah das Gesicht aus, so zornig die

Augen zwischen den starken Brauen.

»Ich bin für _niemand_ zu sprechen,« rief der alte Herr ihn an, »für

niemand, weder jetzt, noch nachher, noch heute abend. Sorge dafür, daß

keine Menschenseele auf diesen Flügel kommt, -- meine Tochter und ihr

Sohn sollen anderswo essen.«

»Sehr wohl, Herr von Eichen!« war die leise Antwort des bestürzten

Hieronymus, und dann war er auf leisen Sohlen zu Frau Franziska

zurückgekehrt, um ihr Bescheid zu bringen. Sie entfernte sich

traurigen Blickes mit Bertold, -- gar zu gern hätte sie mit ihrem

Vater alle Vorgänge besprochen, wäre ihm so gern eine verständnisvolle

Gefährtin gewesen in all diesen Wirren einer neuen Zeit, die den

patriarchalischen Zuschnitt vom Hause Eichenborn längst nicht mehr

verstand.

Aber Franziska wußte, daß ein Hereinreden in den väterlichen Zorn ihn

nur noch mehr schüren und zur lodernden Flamme anfachen würde.

Mit mächtigen Schritten durchmaß der alte Herr sein

Riesenarbeitszimmer. Beide Hände hielt er geballt, -- ein schweres

Stöhnen, unartikulierte Laute, die beinahe nichts Menschenähnliches

hatten, entrangen sich seiner heftig atmenden Brust. Ein Jähzornanfall

schlimmster Art hielt ihn gepackt, dabei schlug sein Herz hart und

schmerzhaft gegen die Brust, und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn.

Immer wieder nahm er die Wanderung auf, der dicke Teppich minderte nur

wenig das Dröhnen seiner Schritte.

Wütende Flüche und eine Flut von Schmähungen ergossen sich aus seinem

Munde, er tobte in wilden Drohungen, bis er sich erschöpft niedersetzen

mußte. Aber auch jetzt noch umkrampften seine großen Fäuste die Lehnen

des tiefen Sessels, als wollte er sie zerdrücken. -- -- --

»Da bist du ja!« tönte ein durchaus tapferes, selbstbewußtes Stimmchen

durch die schwüle Zornatmosphäre des großen Raumes. Liselotte Windemuth

schloß sorgfältig die Tür wieder, legte beide Händchen auf den Rücken

und schritt ruhig zum Arbeitssessel des alten Herrn. »_Wo hast du Puppe

Emmy?_« fragte sie energisch.

Herr von Eik griff mit beiden Händen nach seinem Kopfe. Es sah aus, als

glaubte er eine Erscheinung vor sich zu haben. Dann wich allmählich

dieser Wahn von ihm, um einem erneuten Wutanfall Platz zu machen. Beide

Hände hob er, als wolle er diese unglaublich freche, kleine Person da

vor ihm niederschlagen.

Liselotte fing aber die Hände unterwegs auf und hielt sie fest. »Was

machst du denn?« fragte sie unwirsch. »Du hast wohl Angst, ich tu’ dir

nun was? -- Ich will bloß mein Kind wieder haben. Auch wenn’s noch

krank ist. Macht nichts! Gib’s her!«

»Ich habe es nicht,« stotterte Herr von Eik verblüfft. Ja, es muß

gesagt werden, der grimmige, jähzornige, gegen jegliche Gefühlsduselei

abgehärtete Herr von Eik war verlegen diesen blauen, unerschrockenen

Kinderaugen gegenüber, besonders weil noch etwas anderes aus ihnen

sprach, eine wirkliche, mütterliche Angst um ihr Puppenkind.

Und der alte Herr war all sein Lebtag ein zu gewissenhafter Mensch und

Geschäftsmann gewesen, als daß er jetzt nicht eine Art unbehaglicher

Beschämung empfinden sollte, weil er das Eigentum eines anderen

verschleppt hatte. Wo in aller Welt hatte er Puppe Emmy gelassen?

Ob er diese Frage laut getan hatte? Jedenfalls zog sich Liselotte

Windemuth einen der großen Sessel herbei, lehnte sich behaglich hinein

und meinte: »Besinn dich nur, -- ich habe Zeit!«

Dieses Wort hatte sie öfters von ihrem Väterchen gehört, wenn sie

irgendeinen wertvolleren Gegenstand verschleppt hatte und sich nicht

erinnern konnte, wohin er gekommen war. --

Bei Herrn von Eik war dies Verfahren aber doch nicht angebracht. Denn

beim Besinnen kam ihm auch wieder der Zorn über den Eindringling,

kam ihm das Bewußtsein, daß der Wertgegenstand eine abscheuliche,

zerschlagene und zerrissene Puppe sei, und daß er über dem für ihn

unwürdigen Forschen nach ihrem Verbleib eine Menge wertvoller Zeit

vertrödele.

»Du mußt jetzt gehen,« beschied er die Kleine. »Die Puppe wird sich

finden.«

Liselotte setzte sich noch etwas fester zurück. »Wo ist sie denn?«

fragte sie ungerührt.

»Ich weiß es jetzt nicht, du hörst es ja.«

»Du hast sie jetzt schon viele, viele Tage, Herr von Eik. Hast du sie

immer gut gefüttert?«

»Wen? Die Puppe? -- Nein!«

»Nicht gefüttert? So lange nicht? Du hast sie hungern lassen?«

»Ach, Dummheiten! Puppen hungern nicht.«

Liselotte war starr über diese vermessene Behauptung. Aber sie hielt

sich nicht dabei auf, sondern setzte streng das Verhör fort.

»Hast du sie gebadet?«

»Nein.«

»Trocken gelegt?«

»Nein.«

»Hast du ihr Geschichten erzählt und sie abends mit in dein Bett

genommen?«

Liselotte hatte den Bogen zu straff gespannt. Die letzte Zumutung

brachte dem gestrengen Herrn von Eik seine unwürdige Lage diesem

Dreikäshoch gegenüber besonders zum Bewußtsein.

Mit einem energischen Ruck hob er das kleine Mädchen aus dem

Sessel hoch, es wehrte sich kräftig und stieß und schlug um sich,

verschlechterte aber dadurch nur seine Lage. Denn der Griff, der sie

umklammert hielt, wurde nun fester und äußerst schmerzhaft, sie wurde

von dem jetzt sehr aufgebrachten Herrn einfach zur Tür hinausgeworfen,

die er dann unbarmherzig hinter sich abschloß. Liselotte wußte zuerst

kaum, was ihr geschehen war, sie strich ihr zerknülltes, weißes

Röckchen glatt und schüttelte die zerzausten blonden Locken, dann aber

begannen ihre kleinen Fäuste energisch an die verschlossene Tür zu

schlagen und zu pochen, -- ein ohnmächtiges Beginnen diesem schweren

Eichengefüge gegenüber. »Gib mir Puppe Emmy her! Ich will meine Emmy

wieder haben!« schrie und schluchzte in Zorn und Verzweiflung das

kleine Ding, daß das Echo gellend von den hohen, hallenden Gängen

wiederkam. »Du da drinnen! Du großes Ungetüm! Du schlechter Kerl! Ich

will meine Emmy ohne Kopf wiederhaben!«

Und als dieser Ausbruch nichts nützte, -- ach so ganz und gar nichts,

und nichts in dem weiten, unheimlichen, einsamen Gebäude sich rührte,

niemand sich blicken ließ, der ihr Antwort auf ihre tobenden Fragen

geben konnte, da brach Liselotte in ein schluchzendes, bitterliches

Weinen aus, dann lief sie die Treppe herunter, durch das Grasgärtchen,

zum Tor hinaus, durch die Straßen an schwatzenden Kindern, an neugierig

stehen bleibenden Leuten vorüber, und in jammervoll hohen Tönen

schrie sie: »Der schlechte Kerl! O der schlechte Kerl!« bis sie das

Haus Windemuth erreicht hatte und Base Juliane das aufgeregte Kind in

Empfang nahm. --

* * * * *

Der Spätabend war hereingebrochen, als Herr von Eik sich von seinem

Sessel erhob und auf ein sachtes Pochen an der Tür diese öffnete.

Stundenlang hatte er allein gesessen, er hatte auch hin und wieder

einen leichten Schritt sich nahen hören, und einmal hatte auch eine

bittende Stimme gerufen: »Vater, willst du nicht wenigstens etwas zu

dir nehmen? Ich ängstige mich.«

Aber er hatte mit finster gefalteter Stirn geschwiegen, und die

leichten Schritte hatten sich wieder entfernt. Dann wieder nach Stunden

hatte Schwester Adelgunde sich energisch gemeldet: »Bruder, -- das ist

ja Torheit, du wirst uns ja krank!« Aber auch sie war ohne Erfolg in

ihre Gemächer zurückgekehrt.

Auch Hieronymus war zur Tür gekommen und hatte sich in wohlgeformten,

etwas unsicher hervorgebrachten Reimen zur abendlichen

Kammerdienstleistung gemeldet und durch die unerbittlich verschlossene

Tür den Bescheid bekommen, daß sie alle der Teufel holen solle, als

endlich ein bekanntes, etwas zögerndes Schreiten draußen vernehmbar

wurde und auf das vorsichtige Klopfen die Tür sich öffnete.

Baldamus Eik von Eichen glitt in das Zimmer.

Es war erhellt von einer hohen, altertümlichen Öllampe, die auf dem

Schreibtisch stand. Herr von Eik haßte Gaslicht und ebenso elektrische

Beleuchtung, er war ganz und gar altmodisch vom Kopf bis zu den Füßen

und stach gar nicht so sehr von seinem Pflegesohn ab, der in neuester

Biedermeiertracht sich äußerst würdevoll präsentierte.

Nicht vereinbaren mit dieser äußeren Würde ließ sich der flackernde

Ausdruck in seinen Augen, das verlegene Vorbeisehen an der imposanten

Gestalt des Greises, der ihn düster und scharf ansah.

»Du hast mir hübsche Neuigkeiten zutragen lassen, Baldamus,« begann der

alte Herr ohne Umschweife.

Dieser zuckte die Achseln. »Willst du es nicht _meine_ Angelegenheit

bleiben lassen, Pflegevater? Wir werden uns darüber nicht verständigen

können und --«

»Allerdings nicht.« Man hörte in der Stimme des alten Herrn den

aufsteigenden Sturm. »In derartig schuftigen Dingen habe ich keine

Erfahrung.«

»Ich muß doch bitten -- Pflegevater!« fuhr Herr Baldamus auf, aber

er sah dem Alten nicht in die Augen. »Es ist _meine_ Angelegenheit,«

setzte er trotzig hinzu.

»Nein, die ist es _nicht_.« Herr von Eik ~senior~ war einige Schritte

näher getreten. »Der alte Valentin Erkner ist seit vierzig Jahren an

unserer Fabrik, er und seine alte Frau sind ganz gebrochen von der

Schande ihrer Enkelin.«

Herr Baldamus zuckte unbehaglich die Achseln. »Laß uns doch nicht

darüber sprechen! Ich werde alles mit ihnen abmachen.«

»Du willst sie heiraten, Baldamus?«

Ein häßliches Lächeln trat auf das Gesicht des jüngeren Mannes, --

es verschwand aber sofort wieder und machte einem harten, wilden

Ausdruck Platz. »Ich heirate niemand und _will_ niemand heiraten, als

die eine, die du mir einst fest versprachst. Hörst du, Pflegevater,

-- _fest_ versprachst,« zischte Herr Baldamus. »Weiß Gott, ich bin

ein geduldiger Warter gewesen, -- -- -- hilf mir, Pflegevater!« Diese

letzten Worte wurden mit völlig veränderter Stimme gerufen, er schien

in großer Aufregung zu sein, ein ganz ungewohnter Anblick bei dem sonst

so glatten, ruhigen, gesetzten Manne, den ja auch die Schwarzhausener

gerade wegen dieser Ausgeglichenheit so sehr schätzten. Der alte Eik

sah seinen Pflegesohn zornig und ungläubig an.

»Du weißt wohl nicht mehr, was du sprichst, Baldamus. _Ich_ -- soll

Franziska zureden? Ich? Nachdem ich dies weiß? Und nachdem mir

schon jahrelang der Anblick von Hieronymus Teichmann unerträglich

war -- -- --«

»Laß doch die uralten Geschichten, Pflegevater. _Ich_ wärme ja auch

nicht auf -- -- --«

Lauernd richteten sich seine Augen auf den alten Herrn, der plötzlich

müde und verfallen aussah. »Du weißt ja selbst, Pflegevater,« fuhr er

langsam und streng betonend fort, »wie schwer es wird, immer und immer

den Schein zu wahren, -- -- deine ganze Lebensarbeit hast du daran

gesetzt, und die sittenstrenge Kleinstadt lohnt dir nicht einmal deinen

einwandfreien Lebenswandel. Mehr als einmal schon -- -- --« er lachte

hölzern und meckernd, »hörte ich, wie man _dich_ einen ›schlechten

Kerl‹ nannte.«

»Schweig!« rief Herr Eik ~senior~ heftig, und die Adern auf seiner

Stirn schwollen an.

»Gut, ich schweige! Aber dann erzähle auch du keine ollen Kamellen und

-- -- -- sprich mit Franziska.«

Herr von Eik ~senior~ antwortete nicht, er ließ sich schwer in den

Sessel fallen, und man sah, wie die furchtbare Aufregung in ihm

arbeitete. Erst als er bemerkte, daß Baldamus das Zimmer verlassen

wollte, beruhigte er sich etwas und rief mit heiserer Stimme seinen

Pflegesohn an.

»Bleibe noch, Baldamus! -- Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen.

Wie kommst du dazu, den Leuten zu sagen, daß ihre höhere Lohnforderung

von mir berücksichtigt werden würde? Die Arbeiterdeputation war heute

bei mir, der Heinrich Liebetraut war der Sprecher, -- er ist ein

Stänker, behauptet aber, von dir besonders ausgesucht worden zu sein.«

»Damit hat er recht,« meinte Herr Baldamus gelassen. »Ich wollte durch

diesen verbissenen Krakehler, dem beinahe einzigen Wühler in unserem

kleinstädtischen, biederen Betriebe den Worten der Arbeiter etwas mehr

Nachdruck geben, falls du etwa zögern solltest, ihren unverschämten

Forderungen nachzugeben. Du hast bewilligt, Pflegevater?«

»Bewilligt? Ich denke nicht dran. Du nennst ja selbst ihre Forderungen

unverschämt. Besonders sind sie es deshalb, weil ich erst vor

Jahresfrist erhöhte.«

»Du wirst sie wohl annehmen, Pflegevater. Es ist besser, wir wenden

bei diesen Leuten Vorsicht an, als daß wir merken lassen, daß wir ihre

Nachsicht brauchen. Die Eiks wirft die Mehrbewilligung nicht um, den

Leuten wird der Mund gestopft, und sie trotten in ihrem Schlendrian

weiter, ohne Verlangen zu tragen, uns etwas am Zeuge zu flicken.«

Es sah aus, als striche wieder eine Hand über das Antlitz des alten

Herrn und ließe es grau und verfallen erscheinen.

»Baldamus, ich _kann_ nicht. Ich helfe ihnen, wo es nur möglich ist,

offen oder heimlich, aber nach _meinem_ Willen und Gesetz. Lasse ich

mir jetzt plötzlich von ihnen vorschreiben, dann bin ich nicht mehr

der alte Eik, und sie schieben mich zu den Fabrikbesitzern, die vor

ihren Arbeitern zittern, und ich bin bei ihnen drunter durch, denn für

Ertrotztes sagen sie mir keinen Dank.«

»Meinst du, sie danken dir, wenn du ihnen _gar nichts_ gibst?« fragte

Baldamus heftig; innerlich dachte er, daß sein Pflegevater jetzt doch

recht alt würde und sich mit einem Male durch verrückte Empfindungen

leiten ließe. Dieser starre Eiksche Ehrbegriff mußte etwas ins Wanken

gebracht werden.

»Ja, das meine ich,« stieß Herr Eik ~senior~ hastig heraus. »Die

meisten von unseren Leuten hängen an unserem Hause, wissen, daß sie

es gut haben, daß sie nicht gedrückt werden. Ihre Forderungen sind

ihnen von den paar jungen Kerlen, die frisch von der Walze kommen und

unverdauliches Zeug gehört und gelesen haben, aufgeschwatzt worden.

Ich werde ihre Entlassung verfügen, mit den Alten dann noch ein

vernünftiges Wort reden und -- -- --«

Herr Baldamus lachte laut und erbittert.

»Und Heinrich Liebetraut wird Herr der Situation sein.« Baldamus legte

schwer die Hand auf den Arm des Pflegevaters. »Du _mußt_ nachgeben,«

sagte er hastig. »Du _mußt_. Heinrich Liebetraut ist gefährlicher, als

du ahnst. Er hat viel gelernt, ist mit der Feder gewandt und lauert

darauf, uns einen Knüppel in den Weg zu werfen.« Herr Baldamus dämpfte

jetzt seine Stimme. »Er ist außerdem Jettchen Erkner nachgestiegen,

-- -- ahnt aber noch nichts. Bewilligen wir die Zulage, so geht er als

Agitator fort, denn in Schwarzhausen ist ihm der Horizont zu eng, --

bewilligen wir sie nicht, so bleibt er als unser Feind und wird nicht

ruhen, bis er alles herausgebracht hat. Dann ist aber auch _dein_

Königtum von Schwarzhausen vorbei, und du bist nichts als -- -- --«

»Ein schlechter Kerl,« lachte der alte Eik bitter-schmerzlich auf. »Das

meintest du ja wohl. -- _Ich werde bewilligen!_«

Das Letzte kam so unvermittelt heraus, daß Herr Baldamus über den

plötzlichen Sinneswechsel ganz verblüfft dastand und auf seinen

Pflegevater starrte, der jetzt mit gebietender Handbewegung nach der

Tür zeigte. Und wenn sein Königtum auch auf tönernen Füßen stand, wenn

es auch etwas im Leben dieses starren, unzugänglichen, finsteren Mannes

gab, das einen schweren, tiefen Schatten auf die Eik-Ehre warf, -- --

Herr Baldamus fühlte doch, daß er dieser gebietenden Hand, die ihm die

Tür wies, zu gehorchen habe. --

Ruhelos wanderte der alte Herr in seinem Zimmer umher. Ein paarmal

griff seine Hand nach dem altmodischen Klingelzug, der den Diener

herbeirufen sollte, aber er ließ sie immer wieder sinken.

Bis wieder ein leichter Schritt heran kam und auf sein müdes »Herein!«

Frau Franziska sich im Türrahmen zeigte.

»Endlich, Vater! Ich habe Angst um dich gehabt! Seit deinem

Frühbrot hast du nichts genossen. Denke doch auch ein wenig an dich

selbst -- -- --«

»Ich habe mit dir zu reden, Franziska.«

Seine Tochter sah erstaunt-forschend zu ihm auf. Die Stimme des alten

Herrn klang sonderbar rauh, gebrochen und müde, und er sah die junge

Frau nicht an.

»Ich höre, Vater!«

Lange Pause. -- -- »Baldamus Eik hat heute wieder um deine Hand

angehalten.«

»Ich trage noch Trauer, Vater -- -- --«

»Ich weiß es, -- und drängen wird dich Baldamus nicht, er will wohl nur

Gewißheit haben.«

»Ich begreife Baldamus nicht, Vater. Was mir vor Jahren unmöglich war,

-- ist es auch heute noch. Er _will_ mich nicht verstehen.«

»Franziska, -- bist du ganz von Grund aus mit dir zu Rate gegangen, und

-- bist du dir klar, was du aufgibst? -- Das große Vermögen würde in

einer Hand bleiben und dein Knabe einmal alles bekommen. Baldamus liebt

dich -- -- --«

Frau Franziska schauerte zusammen. »Laß mich bei dir bleiben, Vater,«

bat sie müde. »Ich habe so überreichlich zum Leben durch deine Güte,

und mein Junge soll werden wie du, so einfach -- und so aufrecht.«

Der alte Herr Eik zuckte zusammen, aber er litt es still, daß die

Tochter seine Hand an ihre Lippen zog.

Sie wußte, wie er an dem Gedanken hing, sie mit dem Pflegesohn eins zu

wissen, sie wußte, daß sie ihm auch heute wieder weh tat, wie sie ihm

vor Jahren den bittersten Schmerz seines Lebens zufügte, und daß nun

wieder eine Kluft zwischen Vater und Tochter sich auftat, die sich nie

mehr überbrücken ließ -- -- --

»Du weinst, Franziska?«

Sie schluchzte weh auf.

»Daß ich dir so wenig zeigen kann, wie lieb ich dich habe,

Vater -- -- --«

Er strich ihr sacht über das dunkle, wellige Haar mit einer scheuen,

verlegenen Bewegung, der man wohl anmerkte, daß Liebkosungen etwas

Seltsames für ihn bedeuteten.

Franziska hatte ihren Kopf tief geneigt, und der alte Eik schaute über

sie hinweg durch das Fenster in die grünen Parkwipfel hinein in ernstem

Sinnen.

Franziska fühlte ihr Herz hart und schwer klopfen. »Wie wird alles

werden,« dachte sie, »was wird er bestimmen, was wird er mir sagen,

wenn diese Pause vorüber ist?«

Herr von Eik richtete sich hoch auf.

»Ich habe eine Bitte an dich, Franziska, -- eine seltsame -- -- --«

»Wenn ich sie erfüllen _kann_, Vater, -- -- --« entgegnete sie zögernd.

Da zog es wie ein Lächeln über seine ernsten, finsteren Züge, -- und

Frau Franziska meinte, ihr eigener, lieber Junge schaue sie auf einmal

aus diesem erhellten Antlitz an.

Es fiel dem Alten schwer, seine sonderbare Bitte in Worte zu formen:

»Franziska, -- bringe mir, -- -- besorge mir aus der Stadt eine Puppe

-- -- eine große, schöne Puppe, -- -- hörst du, -- die schönste, die

das Nest hat.«

* * * * *

Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein.

Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base Juliane mit ihren

Kochtöpfen, und so kam es, daß Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn

Rektor Tüllen, auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen war.

Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund und keine Freundin.

Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und nichts verzeiht eine

Kleinstadt weniger als Eigenart.

Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener Schablone pressen, und

niemand wußte etwas mit ihr anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit

und Wahrheitsliebe, ihre wißbegierige Fragelust, -- das waren lauter

unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren Sprößlinge. Man lachte wohl

laut und anhaltend über ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit

öfter ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane war mehr

grillig und grimmig mit dem Kinde, als liebenswürdig.

Ab und an, wenn der Professor Windemuth in seinen Arbeiten auf einen

toten Punkt geriet und eine kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl

sein kleines Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule,

so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde ginge und ob es

auch ja alles empfange an Körperpflege, wie es die verstorbene Mutter

bestimmt.

Über diese Fragen empörte sich aber die Base immer weidlich.

»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« -- das war gewöhnlich die Antwort,

»der Vetter braucht ja nur zu gucken, wie sauber und ordentlich ich das

Kind halte, -- eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch.

Und gesund ist’s auch alleweil, -- dafür bin ich da und der Herr

Doktor.«

So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel war ein Mann der alten

Schule, recht für Schwarzhausen geboren. Er arbeitete mit altbewährten

Mitteln, bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und

Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und »Kurella«, und jedes

Frühjahr, wenn die Hausfrauen »reinegemacht« hatten und auf ihren

Lorbeeren ausruhten, benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und unterzog

sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur, wonach sie sehr abgemattet und

zahm wurden und manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch gute

Weile gehabt hätte. --

Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte war ein gesundes,

blühendes, schönes Kind, und ihr lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit

den blauen, tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst blicken

konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer ähnlicher.

Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne, kam dem Manne nicht

in den Sinn. Ja, wäre Liselotte sein heißersehnter Knabe gewesen! --

Aber Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und -- wurden

geheiratet.

So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger durch Lesen, und

sie las bunt durcheinander, was ihr in den Weg kam, sie las aber

auch hauptsächlich immer wieder, was in dem Bücherschränkchen der

heimgegangenen Mutter steckte, und das war gut. Und sie las mit großem

Eifer, was der sorgende, wachsame Rektor Tüllen in ihre kleine Hand

legte, und das war noch besser. --

Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder, und da Base

Juliane und der Professor nie Zeit für sie hatten, so erzählte sie es

ihren Puppen und wurde dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn

die Puppen widersprachen ihr niemals.

Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«, wie sie innerlich den

bösen, alten Herrn nannte, war Liselotte recht nachdenklich geworden,

so daß es selbst Base Juliane auffiel.

»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl zehnmal am Tage, »du

hast gewiß Würmer.«

»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn sie aß Zitwersamen mit

Sirup recht gern. Und während sie das Kindertäßchen mit dem braunen

Saft auslöffelte, hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base

Juliane.

»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen, wenn man groß ist,

Base Juliane?«

»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich, Kind. Aber sowas gibt es.

Die Leute haben sich dann lieb und heiraten sich.«

»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?«

»Freilich, du Dreikäshoch.«

»Warum hat dich denn niemand der Mutter fortgenommen?«

»Das sind sehr unanständige Fragen, Liselotte, du solltest dich was

schämen. Es hat eben nicht jede Jungfrau das Glück -- -- --, ich meine,

-- nicht jede Jungfrau kann sich entschließen, ihr gottwohlgefälliges

Leben aufzugeben.«

»Bitte, sag’ das noch mal langsam, Base Juliane, und erkläre mir’s

recht ordentlich -- -- -- so kann ich dich nicht recht verstehen.«

»Du schreckliches Kind! Nein, das ist nichts für dich. Durchaus nicht.

Wo du nur immer die Fragen her hast!«

Liselotte saß tief nachdenklich da.

»Base Juliane, wenn nun aber der Mann alt und schrecklich ist und das

Kind ganz kopflos -- -- --«

»Du gerechter Gott,« schrie Base Juliane, »wie kommst du bloß auf so

was Fürchterliches! Das muß ich deinem Vater erzählen. Kind! Hast du

etwa schlechten Umgang? Mit wem redest du so am Tage?«

»Nur mit dir,« meinte Liselotte harmlos. »Mit dir und den Puppen, aber

sie wissen mehr als du und fahren mich nicht an und petzen nicht

alles, was ich sage, dem Väterchen.«

»Nur zahm, nur zahm!« meinte Base Juliane und sah doch selbst aus wie

ein geharnischtes Sonett. »Das ist längst nicht gepetzt, wenn ich so

gefährliche Sachen dem Herrn Professor wieder erzähle. Weiß Gott, kein

anderes Kind aus Schwarzhausen würde solche Dinge gefragt haben.«

In voller Entrüstung stand sie auf, räumte Zitwersamen und Sirup fort,

und Liselotte wischte sich das klebrige Mäulchen ab, packte ihren

Puppenwagen voll geliebter Babys und murmelte dabei unverständliche

Worte, von denen die entsetzte, kopfschüttelnde Base nur immer wieder:

»Alter schlechter Kerl« und »Kopfloses Kind« verstand.

Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses Mitteilung von dem eben

Erlebten zu machen, während Liselotte eilig das Haus verließ und sich

auf ihr stilles Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab.

Friedlich lag der Spielplatz da, -- goldene Sonnenlichtchen tanzten auf

den Zweigen der Tannen, und ein köstlich-herber Harzduft füllte rings

den Platz. Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen in

der Luft umher.

»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie anerkennend zu sich

selbst, und den Puppen rief sie zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher

auf, -- es ist ja _zu_ gesund!«

Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen darauf zu verteilen

und eine große »Bettensömmerung« vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten

Erstaunen fand sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit

besetzt, die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich

ausdruckslosen Augen entgegensah.

»Was ist denn _das_?« fragte Liselotte laut und sah sich nach

allen Seiten um, ob wohl jemand zu der Balldame gehöre, denn als

solche erwies sich die sehr große, majestätische Puppe, die da auf

der Steinbank mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem

Staatskleide lehnte.

Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes Puppenkinder schauten auf

den fremden Eindringling hin.

»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn an. -- Auch nicht das

geringste Gefühl der Zuneigung zog sie zu der feinen Dame hin, und so

verschmähte sie es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie

sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat.

Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit den Worten: »Diese

Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«

Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem Gesichtchen

veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?« fragte sie noch einmal,

und als die Puppe nicht antwortete, sondern dumm weiter stierte, sagte

ihr Liselotte ehrlich und zornig die Meinung:

»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar nicht. O Gott, wenn

ich denke, wie schön meine Puppe Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles

gut stand! Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! Du

versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten sömmern. Pfui, was

für ’n ausgeschnittenes Kleid! Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster

reingesehen, wie Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane

sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen. _So_ siehst du aus.

So sprich doch! Kannst du nicht? Willst du nicht? _Bist_ du am Ende

schon tot und willst es nur nicht sagen?«

Liselotte gab der Staatsdame einen derben Stoß, so daß sie auf die Bank

polterte und mit geschlossenen Augen liegen blieb.

»Siehst du, daß du tot bist? Du konntest es gleich sagen, du arme,

häßliche Person, dann hätte ich dich nicht erst so angefahren. Komm,

ich will dich begraben, -- ich habe es erst gestern gesehen beim

Nachbar. Base Juliane nahm mich mit auf den Kirchhof, -- ich weiß alles

gut.«

Liselotte sah sich aufmerksam um. -- Der Waldboden rings umher hatte

lockere, weiche Erde, und mit einem flachen Stein und ihren eigenen,

festen, kleinen Händen grub sie rasch und emsig ein genügend weites

Loch. --

»Kinder, ihr müßt jetzt stark weinen, es kommt was Trauriges,«

wandte sie sich an die anderen Puppen und fing sogleich selbst ein

jammervolles Heulen und Piepsen an.

»So, und nun ein Choral! -- Lobe den Herrn, den mächtigen König der

Ehren,« sang sie andächtig, und währenddem hob sie die Staatsdame

vorsichtig auf und trug sie unter die Tannen hin, wo sie feierlich

in die Erde gebettet wurde. Und da gerade die Sonne durch die grünen

Zweige auf das Grab schien, gab Liselotte noch ein Lied zu: »Goldne

Abendsonne, wie bist du so schön!«

Dann schickte sie sich an, das Grab zuzuschaufeln.

»Was spielst du denn da?« fragte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Liselotte fuhr herum und starrte ihren größten Feind und Widersacher an.

»Beerdigen!« meinte sie kurz und ließ sich nicht weiter stören, sondern

grub und schaufelte, bis auch nicht ein Schimmer des himmelblauen

Seidenkleides mehr zu entdecken war.

Tief atmend sprang Liselotte auf und wischte sich mit den schwarzen,

erdigen Händen die feuchten Locken aus dem erhitzten Gesicht.

»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll, »die Base Juliane

wird sich freuen -- -- --«

Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut sich nicht, wenn ich

schmutzig bin,« gab sie zur Antwort.

»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte Herr kopfschüttelnd.

»Komm, setze dich zu mir auf die Steinbank dort, da will ich dir

etwas Schönes zeigen, -- das soll dir gehören, -- weil die Puppe Emmy

verloren ist -- weißt du -- die alte, häßliche, kranke Puppe Emmy

ohne Kopf -- -- -- da, -- ich habe dir eine wunderschöne, neue Puppe

gekauft --«

Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank, denn ihm selbst

war seine Rolle als Beschützer und Beglücker kleiner, puppenspielender

Kinder neu, -- doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure

Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich verzogenem,

schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges, lebendiges Püppchen, das

warf beide Arme über die harte Steinbank und verbarg laut weinend das

Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine liebe, einzige, schöne Puppe

Emmy!!!«

»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor. »Was bist du für ein

sonderbares, unbändiges Kind! Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich

habe sie vorhin selbst hergesetzt.«

»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit dem Kopf nach der

Begräbnisstätte.

Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach dem schwarzen Erdhügel,

und sein wuchtiger Stock schaufelte und bohrte in der Erde, bis er

nach einer Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, -- das arg

zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame. Rasch schaufelte er

sie wieder zu und kehrte mit finsterem Antlitz zu der heftig Weinenden

zurück.

»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer Stimme.

»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind leidenschaftlich los.

»Weil sie dumm und häßlich und tot war. O du hast mir meine schöne,

süße, lebendige Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt! Tot

und häßlich war sie und deshalb habe ich sie beerdigt.« --

In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen zusammen, man sah

es ihr an, ihr kleines Herz zitterte vor Angst, der große, harte,

böse Mann könnte sich an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch

bitterlich schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch einen

Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt langsam den Weg nach

seinem düsteren Hause zurück. Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um

seinen Mund. »Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges,

leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich hatte ihn auch gestern

seine Vergangenheit angestarrt, -- aber er konnte sie nicht so

verblüffend einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine

Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine »goldene Abendsonne«

mehr. -- -- --

* * * * *

Schwarzhausen schüttelte wieder einmal den Kopf.

Da lag das kleine Städtchen so recht warm eingebettet in den thüringer

Bergen, durchduftet von Tannenluft, umrauscht von der lustigen, wilden

Gera. Es war wohlhabend und stattlich gebaut, es hatte treue Väter, die

sein Wohl zu dem ihrigen machten, aber es hatte Sorgen, und so kam es

eigentlich nicht aus dem Kopfschütteln heraus.

Sorgen um das schwarze Schaf inmitten der reinlichen, frommen, guten

und vor allen Dingen ach, so selbstgefälligen Schäflein, -- Sorgen um

den Eichenborn. Würde er das Städtchen nie zur Ruhe kommen lassen???

Nun hatte Schwarzhausen wohl einen treuen, guten Stadtvater, der sich

mit gelegentlichem Kopfschütteln begnügte und wohlmeinend murmelte:

»Wir verdanken den Eiks eigentlich _alles_, und wenn ich bloß reden

dürfte -- --« Aber es hatte keine milde, liebe, ältliche, rundliche

Stadtmutter, sondern eine unendlich lange, hagere, spitze Frau

Bürgermeisterin, die es sich nicht einfallen ließ, wie gute Mütter

tun, sich von der mutmaßlichen Schlechtigkeit ihres Kindes persönlich

zu überzeugen, sondern die in vielen, besonders zu diesem Zwecke

anberaumten Kaffeegesellschaften die Abneigung gegen den Eichenborn und

seine Bewohner noch schürte. Und wenn der Kaffee auch koffeïnfrei war,

den die Frau Bürgermeisterin ihren Gästen vorsetzte, ihre _Reden_ waren

es nicht, in denen saß das Gift und harrte seiner Bestimmung.

Schon nach der dritten Tasse waren beinahe alle Damen einig darüber,

daß es so nicht weiter gehen könne.

Und daß Frau Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel so arg

zugeknöpft taten und besonders die Pfarrerin so gar nichts _gegen_,

wohl aber manch mildes Wort _für_ die Verurteilten einlegte, nun das

war ihre eigene Sache und störte die bösen Zungen nicht im mindesten in

ihrem Verdammungsgeschäft.

»Das ist nun eben Ihr Beruf, Frau Pfarrer,« meinte die Bürgermeisterin,

»ich könnt’s nicht, meine Ohren und Augen sind zu offen dazu.«

Die Pastorin lächelte.

»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs wegen schließe?« fragte

sie mit feinem Spott. »Und sollte es nicht der Beruf _jeder_ Frau sein,

Gutes zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen anzunehmen?«

»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser Geschichte das Gute!«

rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Sie können es einfach nicht,

denn es ist nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit

hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den von uns allgemein so

verehrten Herrn Baldamus schwer verletzt -- -- --«

»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen, -- ich verehre den

Herrn nicht,« rief Frau Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen.

»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann eben nur ein

Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin.

Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem hellen Ärger, in dem sie

sich augenblicklich befand, besann sie sich überhaupt nicht auf ihre

Worte.

Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden.

»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher Schlechtigkeit

und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch, also auch jeder Pfarrer in

ehrlichen, heiligen Zorn geraten. Hier handelt es sich aber gar nicht

darum. Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es nicht auf der

Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich vorhanden. Selig sind die,

die da nicht sehen und doch glauben.«

Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die Frau Postverwalter an

und beide Damen verbargen darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren

Spitzentaschentüchern.

Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen kam, -- da mußte man

schweigen. Man war ja freilich ein beglaubigter Christ, getauft,

konfirmiert und kirchlich getraut, aber -- -- Bibelsprüche waren doch

mehr für einfache Leute.

Die Unterhaltung ging weiter.

»Ist Herr Baldamus von Eik sehr krank?«

»_Sehr._«

»Weiß man, was nun mit dem Bengel, dem Bertold geschieht? Kommt er nun

endlich in Zwangserziehung?«

»Ich weiß es nicht. Jedenfalls nicht nach dem rauhen Haus, was doch das

einzig richtige wäre. Für die Eiks wird ja aber immer eine besondere

Wurst gebraten, und so soll Bertold Malcroix nach E. aufs Gymnasium

kommen -- -- --«

»Aufs Gymnasium?« schrien sämtliche Frauen, mit Ausnahme von Frau

Pfarrer Klingenreuter und Frau Doktor Hempel, welche still mit ihrer

Arbeit beschäftigt schienen. »Das ist doch ganz unmöglich! Solch

einen Buben in eine öffentliche Anstalt? Wenn er nun die Mitschüler

massakriert? Das ist ja gemeingefährlich!!!«

Die Frau Bürgermeisterin antwortete erst eine Weile nicht. Sie war

buchstäblich geschwollen vor Stolz und Mitteilungsbedürfnis. Denn sie

wußte _alles_ und noch ein bißchen mehr.

Erst nachdem sie sich zurecht gesetzt und eine tief heruntergefallene

Masche ihres Strumpfes wieder auf den Pfad des Rechtes gebracht, kam

sie mit dem Trumpf zum Vorschein.

»Unsere Rektorschule in Schwarzhausen verliert ihren Leiter,« sagte

sie langsam, wichtig und betonend. »Rektor Tüllen geht als Aufpasser

mit nach E., weil er den schlechten Charakter des Burschen kennt, und

damit er selbst geschützt ist, wenn Bertold Malcroix seine zerstörenden

Tobsuchtsanfälle bekommt, geht der Organist Brennstoff auch mit.«

»Herr du meines Lebens! Warum nicht noch zehn Hofmeister und seine

ganze Sippe dazu?« eiferte die Frau Postverwalter.

»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel Lärm um einen

Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter und Hoflieferant Bentel. Sie

konnte das Sprichwort auch französisch sagen und hätte es brennend

gern getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »~un~« oder »~une

omelette~« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche Menschen waren

so »penniebel« in so was, und sie wollte ihren Ruhm als gebildete Frau,

die in »Penksion« gewesen, nicht einbüßen. --

»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal waren es mindestens

sechs aufgeregte Damen, die Antwort auf diese Frage heischten.

Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln.

»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die Rektorschule ist

Privatsache, und der Organist sollte auf alle Fälle pensioniert werden,

weil ein Bericht über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in

der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten klug, wenn wir ihn

einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren ist überhaupt nichts zu

beweisen. Die halten manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich

eigentlich bekreuzigen sollte.«

»Was sagen _Sie_ denn eigentlich zu dem allen, Fräulein Windemuth? und

was sagt Ihre Kleine?« wandte man sich jetzt an die eifrig stickende

und zählende »Base Juliane«, die sich noch mit keinem Worte an der

Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für den Professor ein

Paar Schuhe stickte mit schwierigem Muster, teils weil ihr der Vetter

eingeschärft hatte: »Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es

geht uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes Freund.«

Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel und rief: »Ich sage _gar

nichts_.«

Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges Weitersticken redeten

ganze Bände und stellten sie sozusagen über die Parteien.

Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und Redelustige, schon

schwieg, wie entsetzlich mußte da die Wirklichkeit sein, -- und was

mußte sie mit dem altklugen, kleinen Mädchen erlebt haben, das von

allen Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht entblödet

hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen.

Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre Schweigsamkeit als etwas

Entehrendes. Wo jeder seinen Senf dazu gab, sollte sie, die Base des

angesehenen und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze

für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche von den vielen

pikanten Geschichtchen aus dem Hause Eik, die sie als verbürgt von

maßgebender Seite vernommen, sie wohl zum besten geben könnte, aber

immer sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor sich und

begnügte sich deshalb mit der Bemerkung: »Ihr Bild wollte sie ihm

durchaus zum Abschied schenken, -- die Liselotte nämlich, -- wir waren

beim Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder, -- sie hat ’n

weißes Spitzenkleidchen an mit rosa Schärpe, -- bildschön -- und auch

teuer genug -- die Bilder nämlich, aber das Kleid auch -- und da sagte

ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was nicht tun, da kann

man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum kommen mit dem Jungen‹.«

Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos bekannt, und man

freute sich, von angesehener Seite etwas gehört zu haben, was Hand

und Fuß hatte, und das man abends überall wiedererzählen konnte, ohne

das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur lästigen Bedingung zu

machen. --

Es war wirklich nicht nett von der Frau Pfarrer, daß sie so einen

Aufstand um diese Bemerkung machte und mit so tränendurchzitterter

Stimme rief: »Tut denn niemandem von Ihnen der arme Junge leid, der im

Jähzorn fehlte? Wollen wir ihn mit so lieblosen Worten ziehen lassen?«

Und die sanfte Frau hatte mit flammenden Augen die ganze

Kaffeegesellschaft angeschaut, und als auf ihre Frage sich niemand

meldete, war sie ohne Abschied fortgegangen und Frau Doktor Hempel mit

ihr.

Das sah beinahe ein bißchen wie Verachtung aus, aber man war viel zu

sehr überzeugtes »weißes Schaf«, als daß man so etwas auf sich bezogen

hätte.

Mindestens aber war es ärgerlich.

Doch konnte ja die Frau Pfarrer tun, was sie wollte. Man würde sie eben

so bald nicht wieder einladen und ihretwegen sich gewiß nicht scheuen,

seine eigene Meinung über die Eiks zu haben und auch auszusprechen. --

Frau Doktor Hempel ging direkt von der Kaffeeschlacht heim und in

die Studierstube ihres Gatten, während Frau Pfarrer noch einige

Schwerkranke besuchte, um »ins Gleichgewicht zu kommen«, wie sie meinte.

Doktor Hempel war noch auf Praxis, aber seine Frau nahm sich gar nicht

Zeit, sich bis zu seiner Ankunft ihres seidenen Kleides zu entledigen

und sich’s hausfraulich bequem zu machen, -- ja sie setzte sich nicht

einmal, -- sie war zu aufgeregt dazu. Wie der förmlichste Besuch

wartete sie in Hut und Mantel auf ihren Mann, und auf ihrem offenen,

energischen Gesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Trauer.

Da kam Doktor Hempel schon über den Platz in heftigen Schritten, er

grüßte die ihm Begegnenden nur mit einem Handwink und zerstreuter

Miene, und die Schwarzhausener sahen ihm nach und tuschelten

miteinander. Er kam ja vom Eichenborn. --

Als Doktor Hempel in sein Zimmer trat, kam ihm seine Frau entgegen und

forschte angstvoll in seinen Augen.

»Nun?«

»Es geht zu Ende. --«

»O der _arme_ Junge!« rief sie aus, »der arme Junge!«

Der Doktor war zu seinem Schreibtisch gegangen, um die eingetroffene

Post nachzusehen, jetzt drehte er sich schroff um.

»So ein Unsinn! Was hat der Junge damit zu tun? Das heißt, ja -- --

natürlich, -- _etwas_ schon, -- aber was will das besagen? Für den Arzt

gar nichts.«

»Aber für die Schwarzhausener,« fiel seine Gattin erregt ein und

erzählte ihm alles, was das Kaffeekränzchen an Gift entwickelt hatte.

»Verdammte Klatschweiber!« fluchte Doktor Hempel. -- »Jawohl, ich höre

sie ordentlich reden: ›Der allgemein verehrte Herr Baldamus!‹ So’n

Kerl! Pfui Teufel! Jetzt kann ich ja noch schimpfen. Du bist ja meine

liebe, dienstlich vereidigte Alte. Und wenn er erst tot ist, dann halte

ich’s mit dem Wort: ›~De mortuis nil nisi bene~‹.«

»Wird er wirklich sterben?« fragte sie bang.

Er nickte ernst. »Ich bitte dich, -- zuckerkrank in diesem Alter,

außerdem verseucht bis oben hin, -- herzleidend, -- -- nun ist eine

Fußwunde aufgebrochen und -- der heftig blutende Biß dazu -- -- --«

»Sie werden alle, alle dem letzteren die Schuld geben,« meinte Frau

Doktor Hempel traurig.

»Aber das ist Unsinn, -- verrückter Blödsinn,« fuhr der Doktor auf.

»Unsere verehrten Mitbürger sind Hornochsen, besonders aber die

Ehehälften. Ein paar vernünftige Kerle hielten heute Kriegsrat mit

mir, der Postverwalter und der Apotheker. Den Rektor Tüllen wollten

wir mit zuziehen, um dann dem alten Eik vorsichtig beizubringen, daß

es das beste wäre, den Jungen erst mal aus Seh- und Hörweite der

lieben Schwarzhausener zu bringen. Aber siehe da, der Alte war schon

von selbst so weitsichtig gewesen, -- die Übersiedlung des Bertold

~junior~ nach E. war schon beschlossene Sache. Herr von Eik ~senior~

ist vernünftiger als alle Schwarzhausener zusammen.«

Doktor Hempel schüttelte sich.

»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder

hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei

Seelen, ach, in seiner Brust‹, -- -- ich möchte nicht die Beichte des

Herrn Baldamus abhören -- -- --.« Und der Doktor schüttelte sich noch

einmal.

* * * * *

Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt · 第 10 / 21 题