Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem verweinten Gesicht und
sah die Mutter an. »Du sagst nichts, Mutter? Ist es wahr?«
Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite.
»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« sprach sie laut
und hart, und dann schlossen sich ihre Lippen fest. Ein unendlicher
Jammer lag in ihren Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß
er nur trösten müsse.
Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen Mutter und Sohn
schweigend mit ihren übervollen Herzen.
Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall lichte Kränzlein: das
eine legte sie um Bertolds dunkeln Lockenkopf, der an der Brust seiner
Mutter ruhte, ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild
des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit darstellte, ein drittes
tanzte auf Bertolds poliertem Geigenkasten.
Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht dieser drei Kränzlein
in den Herzen von Mutter und Sohn zurück. --
Franziska küßte die Stirn des Knaben.
»Erzähle mir alles,« bat sie.
Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre Schulter.
»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam, die Ballade, die
-- -- die Väterchen noch vor seinem Tode mit uns aus der Partitur las,
-- oh -- weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das Kind förmlich.
»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska.
»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich konnt’s nicht ertragen, wie
der Hans von Windemuth alles herunterspielte, -- du weißt ja, wie Vater
so eine Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was spielte Hans,
nur eben Grieg war es nicht. -- Dann sollte ich sagen, es sei herrlich
gewesen, die Liselotte verlangte es. -- Ich rief nur immer, der Hans
spiele sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch genug. Dann
legte ich still den Beethoven auf das Pult, -- es war nur der Auszug
aus Vaters Lieblingssymphonie, -- wir spielten es zu deinem letzten
Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die Worte dazu: ›Still
sank der Abendsonne Gold hinunter an das Himmelszelt, in Abendfrieden
süß und hold ruht um uns her die ganze Welt‹ -- -- --«
»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid und alle kargen
Freudenstunden der Vergangenheit wurden in diesem Liede lebendig.
Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt mit leuchtenden Augen
in den dämmernden Abend.
Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als habe die Hand des
Schicksals heute darüber gestreift und die harmlose Freude daraus
mitgenommen.
»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friede für und für; mein
Gott, laß mich dein Eigen sein, den Frieden find’ ich nur bei dir!‹
Mutter, -- als du das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und
war so gut, so gut -- --«
Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der Mutter, als könne
dieser allein ihm Schutz gewähren vor dem Furchtbaren, das heute auf
ihn geschleudert worden war. --
Und die Mutter hielt ihn fest, so fest -- aber sie schwieg.
Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart noch, um es auch nur
schattenhaft ahnen zu lassen, wie furchtbar sie unter dem genialen
Künstler Malcroix gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen,
die fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit
erreichten -- -- --
Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine Fäuste ballten sich.
»_Ein schlechter Kerl!_ Mutter, -- Mutter -- einen schlechten Kerl
nannte ihn der Hans, und die Liselotte nickte dazu, -- ja Mutter, das
tat sie. Und ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, -- -- war nur
ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen: ›~Es~, ~es~, um Gottes
willen ~es~‹, -- kannst du dir vorstellen, Mutter, daß der Hans ~e~
spielte in ~As-dur~? Da lachten sie über mich, und das machte mich
so wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten sie den
Beethoven weiter -- -- -- und Teichmann hatte doch gesagt -- -- -- es
ginge gar nicht -- -- -- da riß ich Hans die Geige aus der Hand und
schlug -- -- --«
»Bertold!!!«
Der Knabe war aufgesprungen, -- starrte seiner Mutter ins Gesicht, und
es war, als käme er durch ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam
strich er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich glaube, ich
habe ihn sehr geschlagen, _sehr_, Mutter, -- er gab ja dem Beethoven
Schimpfnamen, und dann -- dir -- und dann -- -- dem Vater -- -- ich
solle nicht mit ihm prahlen, -- er sei ein großer Künstler gewesen,
aber ein schlechter Kerl, -- ein ganz, ganz schlechter Kerl -- -- --«
»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst das Wort nicht sagen,
ich kann es nicht hören.« Sie schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh
und hielt ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen, -- ihren
Augen- und Herzenstrost.
So brach die Nacht herein über den beiden, -- die große Trösterin.
* * * * *
Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags
Schwarzhausen vergleichen.
Es war ganz unerhört, was geschehen war.
Der Wagen des Herrn Kreisphysikus ~Dr.~ Hempel hielt vor Professor
Windemuths Hause, und ~Dr.~ Hempel selbst hatte beim üblichen
Abendschoppen im »Weißen Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine
schwarze Satan, Bertold Eik von Eichen, ~alias~ Malcroix, dem hübschen
Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige buchstäblich auf dem Kopfe
zerschlagen habe. »Kaput, -- ganz kaput!«
»Um Gottes willen, der Kopf?«
»Nein, die Geige.«
Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder
erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter
zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl
nur _ein_ Mittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit
über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese
Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung
für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug
sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit
einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war?
Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit
getäuscht hatte?
Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt
gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug
zum Vorschein kam?
* * * * *
Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden Frager kaum
fassen, -- freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am
liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber
man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die
Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor
der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche
Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei
Stellen genäht, und die wertvolle Geige -- -- --«
»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und
zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann
eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum
Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.
»Nun ja freilich -- ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles
abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen,
das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie
hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch
Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden
haben.«
Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz
Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den
Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut
hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern
zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm dein Enkelkind aus der Schule heraus,
es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man
eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold.
Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern,
beim Stillsitzen und beim Frühstücken.
Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte
Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem
Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des
Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt
hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere
Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen,
daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die
Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave
Schwester.
Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien,
hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber
zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte.
Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich
mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja
immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die
Pforten zum Paradiese verschloß.
Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus gewesen. -- Die
ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand
sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen
Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild
umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und
scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die
besten Schüler.«