Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden
treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten
erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten
saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und
teils, weil sie so wunderlich süß waren.
Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen
und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen
Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine
eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit
heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, -- soviel weinte Mütterchen
jetzt.
Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen
nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine
unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen,
die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend
dastanden.
Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man
konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen,
es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der
junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man
hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, --
ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas
gelegen, -- Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes,
etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’
dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber
unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? --
»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken bringen,« meinte Rektor
Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind
aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere
Verantwortung!«
»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren
hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an
Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des
musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase
des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas
Überwältigendes haben.«
Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs,
und sein Antlitz blieb sorgenvoll.
Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz-
oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer
Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht.
Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel
Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nur _einen_ Gedanken
gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich
nicht mehr quälen!«
»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen
Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel,
-- sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als
das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten Hilferuf
vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er
aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das
platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in
Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, -- mitten in
der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des
verstorbenen Vaters Briefen -- -- --
Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett -- das flackerte auf dem
Ofensims nahe der Tür und -- Mütterchen rang mit jemand -- rang mit
Onkel Baldamus.
Oh -- jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold,
-- damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm
zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die
volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den
Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden
Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan?
Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn
verteidigt, -- o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer
und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins
Haus brachte.
Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das
Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.
Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel
Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das
Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so
blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste
immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!«
Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und
seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. --
Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann
hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen
Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E.
Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.
Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm
gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen
an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf
ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode -- -- sie
waren gut, -- gut. --
Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er,
Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor
sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie ja _gefunden_,« oder, »es
ist ja _nur_ Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher
Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«.
Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, -- etwas
_mußte_ er sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.
Und nun, -- als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden
Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im
Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, -- gute
Liselotte! -- und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich
darf ja nicht mit dir reden, -- aber ich tu’s, weil du doch so
weit fortgehst. Da -- nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins
Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der
Photograph geschenkt, -- weil’s verdorben war, -- ich habe gewackelt,
es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«
Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen,
aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst
war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor
Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.
Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu
tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich
hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor
Tüllen gefunden.
Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige
Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend.
Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte es vor sich
auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der
Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja,
Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und
fand es ganz in der Ordnung, daß es _zwei_ Köpfe zeigte, denn Puppe
Emmy hatte ja _gar_ keinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an
sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest -- fest darauf.
»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten.