Büblein, was schaust du mich so an?«

Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in das Gesicht das alten

Faktotums.

»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n Dichter gesehen

hätten -- -- --« antwortete er stockend, »und da riefen wir alle ›nö‹,

aber nun, -- aber nun, -- bist _du_ ein Dichter, Teichmann?«

Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher und grimmiger,

als er eigentlich war, denn er war in der Hauptsache verlegen.

»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so dummerhaft fragen! Schiller,

Goethe, Lessing und Uhland sind Dichter, und dann die Loreley und die

Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?«

»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges Mal gereimt, wie kommt

das?«

»Junge, du bist genau wie deine Mutter war, -- die fragte mich auch

immer das Blaue vom Himmel runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites

antworten. Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann so mit den

Wörtern paßt.«

»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja gar nicht -- -- --«

»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold. Dann verliert sich

das. Sobald milde Denkart eintritt, kommt das andere so sachtchen mit,

ich merk’ es freilich selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf

das Licht, und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt: Mein

Teichmann, du bist verrückt.«

Bertold lachte.

»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn man bei dir ist, Teichmann.

Ich war ganz unglücklich und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch

Grieg zu schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen

Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst mich doch, daß

ich das so einfach sage? Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja

Grieg -- o so gern!«

»Musik ist eine Gottesgabe. _Ich_ kann nichts dafür, daß ich sie habe,

und dir geht es ebenso, sei darüber ganz ruhig und froh!«

»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leicht _aussieht_, da meinen

alle, sie könnten ihn spielen, und mein Vater sagte -- -- --: ›Das

kleinste lyrische Stück von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang

durch_leben_, ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.« --

Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand sein einfacher Sinn

nicht diese Tiefe der Auffassung, -- aber sein feines Gefühl spürte

aus den Worten des Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater

erwähnte, die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten Toten

bewahrt wurde. Und mit einem Male fühlte er auch, daß das Leben dieses

jungen Menschenkindes ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll

Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter. Und das Ende

des Dornenweges?

Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was kümm’re und vergrübel’

ich mich? Da oben ist einer klüger als ich.«

»Was murmelst du da, Teichmann? -- Wenn sie nun morgen wieder mit mir

spielen wollen, und ich kann es doch nicht mit anhören?«

»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte Mann geriet in

Begeisterung. »Du nimmst _Beethoven_ mit. Ganz einfach Beethoven! Und

den spielt ihr! Himmelherrgott, -- _den_ können sie einfach nicht

verhunzen, -- sie _können’s_ nicht. Der bleibt immer Beethoven, --

verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn dreschen und hacken oder schludern

und verludern, -- Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist

einer!«

»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!«

Der Alte sah den Knaben starr an.

»_Das_ hörst du? Auf solchen Kram achtest du, wenn ich von dem Großen

rede? Schäm’ dich, Bertold! Und könntest _du_ irgendeinen Reim auf

Beethoven finden? Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!«

* * * * *

Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich den Spielkameraden

wieder zugesellte.

Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau Franziska sah bekümmert

auf ihren Jungen, der mit großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster

schaute in der Richtung, in welcher man den Giebel des roten

Windemuthhauses erblickte.

Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust. Drei Tage war

ihr Junge verändert und scheu, bis sie selbst ihm zurief: »Du warst so

lange nicht bei Liselotte, habt ihr euch gezankt?«

Da leuchtete sein Blick. »Mutter, -- ich gehe! Darf ich lange bleiben?

Ich nehme die Geige mit! Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den

können sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s gesagt.«

Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar.

»Du Wilder! Geh nur -- geh! Sei brav! Und kehr’ mir gesund wieder!«

Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie ihrem Jungen

nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten dahinschritt durch die

Eichenstraße und immer wieder zurückwinkte nach der Mutter.

Er war doch _ihr_ Junge.

Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich

unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man

ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.

Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als

der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst.

Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche,

zerstörende Erbteil der Eik von Eichens, -- der Jähzorn.

Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war

erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks.

Er überschlug aber immer eine Generation.

So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament,

das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten,

gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.

Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie

herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe, welche der Tod zur

rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das

böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet,

daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den

lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit

gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe

und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe --

bis vor drei Jahren.

Ja, so lange war es her.

Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen,

ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer

haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte,

-- -- ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag

fremder wurde, -- da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war

auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.

Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem

dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel

Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden.

Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten Züge ihres Knaben

gesehen.

Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen und die

Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn.

»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der Junge nicht hervorkeuchen.

Ja, das war der Eiksche Jähzorn.

Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt, o sie wußte es so

genau noch. Der Vater des gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und

hatte von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren gegen sie und

Bertold geflogen -- -- welche Schmach für die feinfühlige Frau!

Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge!

Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er bitterlich und war ganz

krank. Es hatte sich um eine Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit,

wie sie unter Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem streng

wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört erschienen.

An all dies dachte Frau Franziska und dachte auch an die große

Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel.

Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten Bertold.

Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als etwa die dunkeln Augen,

die bei Lotar Malcroix aber übermütig gestrahlt hatten, während Bertold

gewöhnlich ernst dreinschaute.

Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte Haltung würde er

gleich dem Großvater haben, ebenso die dichten, schöngeschwungenen

Augenbrauen, den energischen Mund und -- -- den Jähzorn.

An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihrem fröhlichen Knaben

nachschaute, wie er federnden Ganges mit seiner geliebten Geige

dahinschritt, und an all dies dachte sie, als er nach kaum einer halben

Stunde totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor ihr auf die

Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren Schoß drückte und nur immer

wieder stammelte: »Mutter, ach Mutter!«

»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst, als sie nur einen

Augenblick in das verstörte, gramvolle Gesicht ihres Buben geschaut

hatte, das so traurig, so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht

laut stellen mochte.

»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen.

»Werde ruhig, mein Herzensjunge!«

»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter! Mutter -- sag’ -- ist

es wahr? War der Papa, -- _mein_ Papa, -- -- sie sagen, er wäre ein

Schuft gewesen.«

Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska Malcroix und grinste sie

an. Es würde nie verschwinden, das wußte sie. Und ob sie fliehen würde

weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst ihres befleckten

Namens würde neben ihr schreiten oder hinter ihr drein laufen und sie

immer wieder einholen.

Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt · 第 8 / 21 题