Und wie sie den schwarzen, fadenscheinigen Regenschirm aufgespannt
und in der brennenden Mittagsglut unter seinem Schutze an den Häusern
entlang geschlichen war.
Nur niemandem begegnen von den Menschen da draußen, -- von den guten
Freunden, getreuen Nachbarn -- -- und desgleichen.
Aber jetzt -- jetzt sehnte sie sich nach einem Willkomm, -- nach einem
einzigen, kurzen, guten Wort.
»Alle guten Geister loben Gott den Herrn, -- da sitzt Fräulein
Franziska!«
Mit einem Schrei sprang sie auf, man wußte nicht, war’s ein Wehlaut
oder ein Jubelruf, und der alte Mann, der aus einem Seitengang
hervorgetreten war, setzte sich mit zitternden Knien auf dieselbe
Stelle, wo sie vorhin geruht, und starrte die Dame an.
Der Knabe war jäh erwacht. Er rieb sich die Augen.
»Bist du der Großvater?« fragte er beherzt.
»Gott soll mich bewahren in meinen alten Jahren. Wie sollt’ ich mich
vermessen, auch nur zum Schein, und dein Großvater sein?«
»Hieronymus!« jubelte die blasse junge Frau, -- »alter Hieronymus
Teichmann! Du bist’s noch! Gott Lob und Dank! Als du vorhin riefst: ›Da
sitzt Fräulein Franziska‹, gab es mir einen Stich ins Herz. Er reimt
nicht mehr, mein alter Teichmann -- -- -- dachte ich, -- aber nun --«
Der alte Diener hatte die runzligen Hände vor das Gesicht geschlagen,
schwere Tränen quollen zwischen den Fingern hervor.
»Herrgott, es war der erste Schreck, den hatt’ ich weg,« stammelte er
und trocknete sich die Augen.
»Guter, lieber Teichmann!«
Die junge Frau liebkoste seine rauhe Hand, sie lachte und weinte in
einem Atem. »Teichmann, ich bin daheim!«
Der Alte war immer noch fassungslos. Er deutete auf den Knaben.
»Ja, Teichmann, das ist mein Junge, -- hab’ ihn lieb, hörst du?«
Er nickte lebhaft.
»Herrgott, das Fräulein ist wieder da. Gott sei gepriesen, halleluja!«
murmelte Hieronymus Teichmann.
* * * * *
An diesem Abende wurden drei Dinge in die Annalen der Schwarzhausener
Geschichte aufgenommen.
Da waren zum ersten die neuen Gaslaternen angekommen und aufgestellt,
zum zweiten war Franziska Malcroix, geborene Eik von Eichen wieder
heimgekehrt, nachdem ihr plötzlich verstorbener Mann sie völlig
mittellos und mit beflecktem Namen zurückgelassen, und drittens sollte
Fräulein Adelgunde Eik von Eichen so etwas wie der Schlag getroffen
haben, weil die verlorene Tochter des Hauses ihr die acht Jahre lang
geführten Schlüssel abverlangt und sich wieder an die Spitze des
Haushaltes gestellt hatte.
Der Provisor der Apotheke hatte unter dem Siegel der Verschwiegenheit
einigen Honoratioren erzählt, daß ~Dr.~ Hempel im Hause Eichenborn
Schröpfköpfe gesetzt habe, wem?, wußte er nicht zu sagen.
Aber mit ungewissen Dingen gaben sich die Schwarzhausener ungern ab
und wenn auch dem schlechten Kerl, dem alten Eiken zuzutrauen war,
daß er aus reiner Bosheit seinen Familienmitgliedern Schröpfköpfe
setzen ließ, -- so löste der Gedanke an einen Schlaganfall Fräulein
Adelgundens doch mehr Befriedigung aus in den Herzen der lieben
Mitmenschen. --
Der nächste Tag war ein Sonntag.
Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr
Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg.
Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte
seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch
ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und
predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des
Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt.
Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der
Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem
schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am
Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige
behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. --
Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn
man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«,
wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix
oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz
Schwarzhausen dort vorbei, -- vergebens. Nur der alte Teichmann, der
so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der
er seit fünfzig Jahren diente, -- ihn nur erspähte man. Er saß auf
seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof,
hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit
zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt
aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann,
denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden,
trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen
war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter
ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.
Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s.
Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen
Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor
keinem Menschen und keinem †††.
Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand
sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden.
»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen
doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen
auf du und du zu stellen.«
Die Antwort war unbefriedigend.
»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte Teichmann bedächtig,
»ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen
Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n
braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«
»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da
lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und
nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er
Sonntags kaum aus den Händen legte, -- das Neue Testament.
Aber die Frau Postverwalterin Nehring war heute die Heldin des Tages.
Sie hatte ja die schwarzgekleidete Fremde, welche mit der Post ankam,
gesehen und -- erkannt.
»Blaß, -- liebe Damen, war sie und verweint.« So lautete später ihr
Bericht. »Weiß wie mein Tischtuch, wenn ich’s Sonntags auflege, und
der Schirm zerlöchert; und das Kleid, -- höchstens eine Mark fünfzig
Pfennig das Meter bei Dingelmann und Sohn. Und der kleine Junge machte
’ne närr’sche ›Fichur‹, -- ich weiß nicht, hat er ’n Buckel, oder war’s
’n Rucksack.«
Die Schwarzhausener beschlossen, daß es ein Buckel gewesen sei.
Acht Tage später waren schon in aller Morgenfrühe die Fenster samt den
Spionen in Schwarzhausen besetzt, und junge und alte Leute drückten
sich die Nasen platt, -- Franziska Malcroix brachte ihren Sohn zur
Schule. Und vor dem Schulhause nahm sie das schöne Köpfchen in beide
Hände und küßte ihn auf die Augen. Dann ging sie heim.
»Na, nun werden wir doch endlich was zu wissen kriegen.«
»Wundern kann’s einen doch, daß der reiche Eik von Eichen dem Enkel
keinen Hauslehrer hält.«
»Wenigstens bis zum richtigen Gymnasium.«
»Man kann gespannt sein, was es für ein Früchtchen ist.«
»Nun, auf den Kopf gefallen sind ja die Eik’s nicht.«
»Die Franziska schon mal gar nicht.«
»Und der Lump, der Malcroix, auch nicht, sonst wäre er nicht mit der
reichsten Schwarzhausener durchgegangen.«
»Du lieber Gott, man freut sich ja wahrhaftig, wenn die Vaterstadt sich
durch Zuwachs vergrößert, ob aber der Buckolorum uns Ehre unters Dach
trägt -- der Enkel von so einem -- und der Sohn von so einem -- -- --«
Nun, jedenfalls schärfte man den Kindern der Schule ein, heute
tüchtig aufzupassen und gleich, aber auch gleich nach Schulschluß
heimzuspringen, ohne erst vorher Stinnerte zu spielen. -- -- --
* * * * *
Bertold Malcroix stand mit sehr unbehaglichen Gefühlen in der
Schulstube und wartete mit zwanzig andern Kindern, Knaben und Mädchen,
auf den Herrn Rektor.
Es war eine Vorschule, die er bis zum zehnten oder elften Jahre
besuchen sollte, je nachdem er für reif erklärt wurde, ins Gymnasium
nach E. zu kommen. Auch Mädchen waren in der Klasse, die entweder beim
Herrn Rektor bis zu ihrem vierzehnten Jahre »weitergingen« und dann in
einen Dienst traten, oder -- eine Gouvernante bekamen. Die Rektorschule
erfreute sich eines großen Zuspruches und ungeteilter Beliebtheit nicht
nur im Orte, sondern auch in der Umgegend.
Denn, was der Herr Rektor lehrte, das saß fest.
Ja selbst die ganz Vernagelten profitierten noch etwas von ihm, ehe sie
abgingen; den dummen Buben gab er den ehrlichen Rat, nie zu heiraten,
damit diese Rasse ausstürbe, und den »törichten Jungfrauen« schenkte er
wenigstens »Kochrezepte«.
Zu jedem einzelnen dieser Unbegabten aber meinte er gütig:
»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« -- --
Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite
Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in
Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor«
nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber
seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des
Herrn Bürgermeisters einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr
gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.
Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine
alte Schwester, ihm die Wirtschaft.
Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei
Majören gedient, -- nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor
Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.«
Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«.
Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte
»Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is
Dillen.«
Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie:
»Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«,
da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, -- -- wenn ich ämol
Gultusminister bin, -- dann!«
Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn
es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das
akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er
einer glorreichen Vergangenheit machte, -- er hatte einst Theologie
studieren sollen. -- An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese
schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel
erwies. Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die
fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf,
wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein
schlichtes »Katheder« übrig blieb. --
Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach
acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um
ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten
ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas
Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein.
Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen
zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die
Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen
Seiten mit prüfenden Blicken musterte.
»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung.
Bertold lachte.
Es war ein herzliches, sonniges, frohes Kinderlachen, so recht aus dem
Innersten heraus, wie man es sonst nur bei ganz jungen Dreijährigen
hört, und das Gesicht des kleinen Mädchens erstrahlte bei diesem
Lachen, sie nahm den Jungen gleich fest bei der Hand.
»Warum sollte ich denn einen Buckel haben?« Und wieder lachte Bertold.
Diesmal war’s ein Duett mit dem Mädel.
»Sie sagten’s alle, -- aber es ist gut, daß du keinen hast, denn sonst
hätte ich sanft mit dir sein müssen, meinte Trine.«
»Wer ist Trine?«
»Trine ist -- Trine.«
»Wie heißt du denn?«
»Liselotte Windemuth. Aber halt jetzt nur den Mund, da ist der Herr
Rektor.«
Rektor Dillen sah erst den kleinen Ankömmling gar nicht, so groß und
schlank das Bürschchen auch war.
Oder _wollte_ er ihn nicht sehen?
Wurde die Erinnerung zu mächtig in ihm, die Erinnerung an die Mutter
dieses Knaben, die mit so sonnigen Augen in diese düstere Welt und
insbesondere in die düstere Welt der Eichenborns geschaut hatte, und
die seine Lieblingsschülerin gewesen war?
Neunzehn Zeigefinger fuhren in die Höhe, der zwanzigste lag still
geborgen in der Hand des einundzwanzigsten Schülers.
Bertold hielt Liselottes Händchen fest umklammert.
»’s is ein Neuer da! Herr Rektor.«
»Ruhig, liebe Kinder! Wir wollen erst unser Morgenlied singen.«
»Unsern Eingang segne Gott,
Unsern Ausgang gleichermaßen,
Segne unser täglich Brot,
Segne unser Tun und Lassen,
Segne uns in sel’gem Sterben,
Und mach’ uns zu Himmelserben.«
Schon bei dem ersten Vers, lange ehe die Strophe zu Ende ging, hatte
der Lehrer die Geige sinken lassen, -- denn eine helle, glockenreine
Knabenstimme führte den Chor fest und sicher bis zu Ende.
»Tausend Wetter, mein lieber Junge,« rief Rektor Dillen in ehrlicher
Begeisterung, aber dann mußte er sich umständlich die Nase schneuzen,
weil die Bewegung ihn übermannte. Zwei wunderschöne tiefe Kinderaugen
schauten ihn an, wie früher die stahlblauen Augen der Franziska, und
dieselbe klare Kinderstimme, die einst das Schulstübchen mit Wohllaut
erfüllte, rief ihm zu: »Ich soll Sie von der Mutter grüßen, und sie
würde ihren verehrten Lehrer bald aufsuchen.«
»Schön, schön, mein Junge.« Wieder schluckte er heftig. »Und nun sage
mir noch, wie du heißt und wie alt du bist.«
»Ich bin neun Jahre alt, und ich heiße: Bertold Eik von Eichen.«
Es ging ein Summen und Tuscheln durch die Kinderschar.
»Is ja gar nich wahr.«
»Malcroix, -- Malcroix --«
»_Wie_ heißt du, Kleiner? Besinne dich einmal!«
»Bertold Eik von Eichen. Großvater hat es gesagt, ich sollte so
antworten.«
»Ahhh! So so -- gut und schön! Setz’ dich! Oder nein, lies
mir gleich einmal ein Stückchen aus dem Kinderfreund. Seite
einhundertachtundsechzig oben, damit ich sehe, was du kannst.
Liselotte Windemuth, ich glaube gar, du willst schon frühstücken, das
ist sehr ungehörig.«
Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue
Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige
Lesestück.
»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten.
»Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin
Franziska.«
Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst
etwas, -- Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte
sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. --
Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, -- -- die anderen waren
je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten
innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei,
-- Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute
erführen.
Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht
unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, --
nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht.
Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines
Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen
Tag verklären konnte.
Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern
Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde zu befriedigen und sich zu
sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu
waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des
Tages.
Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig
Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber
Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges
gewesen. --
Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in
Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der
Rektor gleich an Bertold.
»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird
dich begleiten, wenn du sie bittest.«
»Er braucht nicht zu bitten,« rief Liselotte rasch, »und ich hatte mir
gerade dasselbe ausgedacht, während er das lange Lesestück vorlas.
Komm, Bertold.«
Ihre schlanken Beinchen liefen sehr schnell, Bertold konnte kaum
folgen, und dann saßen sie einträchtig auf dem kleinen Holzbänkchen in
der Geißblattlaube.
»Warum hast du geweint, Bertold?« fragte die Kleine energisch.
»Ich weiß es nicht.« Seine Augen wurden schon wieder verdächtig blank.
»O, dann ist es sehr dumm. Man weint doch nicht, wenn man’s nicht weiß.
Man hat schon genug zu weinen bei Ungerechtigkeiten und Leibweh.
Willst du jetzt wieder heulen, oder kann ich dich viel fragen?«
»Frag’ mich nur.«
»Ich möchte wissen, ob wir sehr gut zusammen passen. Sieh mal, du bist
schon neun und ich erst sieben, das paßt doch schon nicht. Aber sag’
mal, bist du auch altklug, Bertold?«
»Das weiß ich nicht, -- bist du es denn?«
»Freilich, -- sie sagen’s alle in Schwarzhausen. Es tut nicht weh, aber
es ist nichts Schönes.«
»Nun dann sei es doch nicht.«
»Phh! Als ob das so ginge. Das ist so was Festgewachsenes, wie Haare
und Augen.«
»Das glaube ich nicht.«
»Dann laß es bleiben.«
Eine Pause entstand.
»Schade wär’s, wenn wir gar nicht paßten,« meinte die Kleine endlich
nachdenklich. -- »Und dann habe ich auch absolutes Tonbewußtsein!«
»Was ist denn _das_?« rief Bertold in ungemessenem Erstaunen.
»Junge, du weißt aber auch rein nichts. -- Das ist so: Wenn ich a
singe, denn ist es auch a.«
»So? Und wenn du nun b, c, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, p singst?«
Da lachten sie beide und es klang wie zwei Glocken, eine hohe und
eine tiefe, und der alte Rektor, der in einiger Entfernung an der
Geißblattlaube vorbeiging, meinte, sie läuteten gewiß eine schöne,
frohe Lehrstunde ein.
»Sag’ mal, Liselotte,« fragte jetzt Bertold, »warum meintet ihr denn
alle, ich hätte einen Buckel?«
»Ach so! -- Na ja, du hattest so ’ne Erhöhung auf dem Rücken, sagte die
Frau Postverwalter, wie du aus der Postkutsche stiegst.«
»I, seid ihr komische Menschen! Das war meine Geige!«
»Eine Geige? Eine ganz wirkliche Geige? Und du kannst richtig spielen?
Ist es eine kleine Kindergeige? Darf ich mal drauf probieren?«
»Oho, das ist nicht so einfach. Meine Geige ist außerdem eine echte
Amati.«
»Was ist denn das?«
»Oho, nun fragst du auch, und ich könnte dir sagen: du weißt aber auch
gar nichts. Amati und Stradivarius, das waren die zwei berühmtesten
Geigenbauer.«
»Ach so, dann will ich Väterchen bitten, daß er mir Stra--ti--«
»Stradivarius -- -- --«
»Ja, -- so ein Stratifarius kauft.«
»O du Dummerchen! Weißt du denn, wo man ihn so schnell kriegt? Meine
Amati hat Vater in Nürnberg gefunden, auf einer Bodenkammer, in einer
alten Truhe von einem alten Fräulein, die gar nicht wußte, wer sie da
mal reingelegt hatte, und dann machte Vater sie zurecht, und nun soll
sie fünfzigtausend Mark kosten.«
»So!!« Liselotte sah sehr nachdenklich aus. »Ich habe nur
achtunddreißig Pfennige. Von Herrn Organisten Brennstoff. Das ist ein
guter, lieber Mann. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: Sing mal a,
dann tu’ ich’s und dann zieht er die Stimmgabel raus und probiert und
dann ruft er: Heil’ge Cäcilie, es stimmt! Du bist doch ä Luderchen. Und
dann schenkt er mir einen Pfennig.«
»Achtunddreißigmal!« rief Bertold, »das muß sehr lustig für dich sein.
Aber eine Stradivarius kriegst du nicht dafür.«
»Das ist einerlei, -- ich habe ja auch noch ’ne Akkordzither.«
Herr Rektor Dillen zog jetzt die beiden aus ihrem Plauderwinkel.
»Kinder, Kinder, ’s is die hechste Zeit, -- schreiben missen mer.«
Das war eine weitere Eigentümlichkeit des Herrn Rektors, -- er
sprach in der Aufregung, im Zorn und in der Begeisterung immer
arg thüringisch, aber sobald er in Ruhe war, redete er ein völlig
einwandfreies Hochdeutsch.
Und sie schrieben eine ganze Stunde lang Sprichwörter, und wieder
mußte Rektor Dillen den Neuen loben, der eine geradezu vorbildliche
Handschrift hatte.
»Aber ich kann nicht dahinter kommen, was du mit _diesem_ Sprichwort
gemeint hast, Bertold -- --«
Und der Lehrer las aus des Knaben Heft vor: »Wer achtunddreißigmal a
sagt, muß auch b sagen.«
Da lachte die ganze Klasse schallend, Bertold und Liselotte lachten
auch ihr schönes, klingendes Glöckchenduett, und Rektor Dillen legte
dem Knaben die alte runzlige Hand auf den dunkeln Lockenkopf und sagte
leise: »Lache nur zu, mein Junge, -- die im Eichenhause können Sonne
brauchen.«
Dann war der Unterricht beendet.
Man konnte von diesem Tage an von Schwarzhausen das Bild gebrauchen:
»Sturm im Wasserglase«.
Früher hatte es der alte gallige Herr Eik von Eichen öfter einen
stehenden Teich genannt, -- Teich mit Entengrün.
Es hatte ihm immer ungeheuern Spaß gemacht, ab und zu ein Steinchen
hereinzuwerfen in die grünüberzogene Stille, aber der Stein, den
sein eigenes, vergöttertes Kind durch kopflose Heirat und heimliches
Durchbrennen in den Teich warf, war zu schwer und wuchtig gewesen. Der
hatte einen brodelnden Morast aufgewühlt, dessen übelriechende Dünste
dem alten Vater das Leben, mindestens aber die letzten zehn Jahre
vergiftet hatten.
Jetzt war das Wasser heller und reinlicher geworden, aber es stürmte,
brauste und zischte, wie eitel Kohlensäure.
Also der Name Malcroix sollte einfach abgetan werden?
Und der Knabe war etwas ganz Besonderes? Der die ganze Stunde hindurch
über den Schellenkönig gelobt wurde und in den Pausen in Herrn Rektors
Grasgärtchen sitzen durfte, damit nur ja kein Schwarzhausener Kind ihn
necke und hänsele?
Man erwog ernstlich, ob der Rektor nicht etwa zu alt und kindisch würde
und durch eine strammere Kraft ersetzt werden müsse. --
Franziska aber zog ihren Jungen mit einem Jubelruf in die Arme, sie
war nur vier Stunden von ihm getrennt gewesen, aber ihr hatten es Tage
gedünkt, und Bertold schmiegte sich innig an die Mutter und plauderte
von seinen neuen Eindrücken und Erlebnissen.
Nur die Tränen des plötzlichen Heimwehs verschwieg er ihr, vielleicht,
weil sie zu rasch getrocknet waren durch Liselottes Plaudereien. Immer
wieder kam der Name des kleinen Geschöpfes in Bertolds Erzählungen
vor: »Da sagte Liselotte, -- da meinte Liselotte, -- und da lachte
Liselotte, -- und ich soll sie besuchen. Und denk dir, Mutter, sie ist
altklug und hat absolutes Tonbewußtsein und eine Akkordzither, und sie
hat noch nie gewußt, was ’ne Amati ist.« --
Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen
etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt.
Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?
Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen
gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund
gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb
erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt
dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.«
Herr von Eichen ~senior~ kam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des
Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. --
»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe
genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde,
unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen -- -- --«
»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und
ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte
große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich
konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die
Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben,
daß ich zu dir dürfte, denk bloß -- --«
Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches
Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen
Locken über seinen grauen Flaus fielen.
Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von
Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von dem einen Ende des Tisches kam
ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte
um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam.
So nannte man Eik von Eichen ~junior~, den Pflegesohn und Haupterben
der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den
korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den
»Heiligen von Schwarzhausen«.
Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie
rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von
ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen:
»Komm, Bertold, -- komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie,
anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen.
»O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn
Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich
halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus
dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«
Das Kind verstummte, denn der alte Herr von Eichen hatte sich langsam
aufgerichtet und sein verändertes Gesicht war furchtbar anzusehen. Die
Adern lagen wie große, blaurote Schwielen auf der breiten Stirn und die
grauen, düsteren Augen schossen Blitze. Schwer fiel seine Faust auf den
Tisch, daß das Kaffeegeschirr tanzte und klirrte. --
»Die Geige« -- keuchte er und faßte das Handgelenk seiner Tochter,
die blaß und schreckensbang zu ihm aufschaute. »Du hast es gewagt,
Franziska, sie mitzubringen?« -- --
Und nun folgte ein Jähzornsausbruch, so gewaltig, so wuchtig und
tobend, daß die jahrhundertealten Wände zu beben schienen. »Hinaus!«
schrie er mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte,
und Frau Franziska nahm mit zitternden Händen die beiden Kinder und
flüchtete mit ihnen auf die große Diele. Von hier aus lief sie, wie
gejagt, in ihr eigenes Zimmer, während Bertold und Liselotte sich
erschreckt ansahen.
Liselotte strich sich die wirren Locken hinter die Ohren.
»Na so was!« meinte sie empört. »_Das_ erzähle ich aber zu Hause, --
das ist ja ffffurchtbar nett, daß ich nun auch den schlechten Kerl mal
gesehen habe.«
»Meinen Großvater,« stammelte Bertold, blaß bis in die Lippen.
»I wo, den mein’ ich ja gar nicht. Ich mein’ natürlich deinen Onkel,
der so gräßlich lacht und grinst.« -- -- --
Sie streichelte liebevoll den verstörten Kameraden. »Fürchte dich nur
nicht, Bertold, ich beschütz’ dich schon. Weißt du, ich hab’s furchtbar
gern, wenn einer so losballert wie dein Großvater, mein Väterchen tut
auch so, wenn die Base ihm Papiere verkramt, -- komm, Bertold, komm zur
Amati.«
* * * * *
Am andern Tage ging es in der Schule weit lebhafter zu als am ersten.
Denn in den letzten zwölf Stunden des vergangenen Tages und der
vergangenen Nacht hatte man in Schwarzhausen so viel Neues erfahren,
wie sonst nicht in Wochen, und in jeder Familie, die schulpflichtige
Kinder besaß, ermahnte man die Kinder, den Bertold Malcroix ein bißchen
auszuhorchen und vor allen Dingen es nicht zu leiden, daß er während
der Pausen sich mit Liselotte Windemuth verkrümele.
Rektor Dillen war beim alten Herrn Eik von Eichen gewesen, das wußte
man auch, und er hatte dort verbrieft und versiegelt vorgefunden,
daß der Bertold wirklich Eik von Eichen hieß und daß der durch
leichtsinnige und schlechte Streiche des verstorbenen Malcroix
besudelte Name durchaus verschwinden solle. Das heißt, wenn dies
Frau Fama, das geschwätzigste aller Weiber, das in Schwarzhausen
Ehrendienstwohnung besaß, zuließ. Vorläufig nannte man den Bertold
_erst recht_ Malcroix, und es war ein fortgesetzter Ärger von den
Schwarzhausenern, daß der hergelaufene Junge nicht auf ihn hörte,
sondern den Rufenden höchstens mit ernsten, stillen Augen ansah, --
mit höchst unbequemen Augen, vor denen man sich beinahe schämte.
Ja, einer schämte sich so gründlich, daß er ein guter, zuverlässiger
Freund von Bertold wurde, trotzdem er wenige Minuten vor diesem
Schamprozeß recht hämisch quer über die Straße gerufen hatte: »Komm
einmal her, kleiner Malcroix!«
Dieser Mann, dem dann der abweisende, ernste, tiefe Kinderblick »bis
an die Nieren« gegangen war, war der Apotheker von Schwarzhausen, Herr
Nothnagel, -- und da er zu den gewichtigen Leuten zählte, konnte sich
Bertold zu dessen plötzlicher Freundschaft wohl beglückwünschen.
Und Herr Nothnagel bekräftigte diese Freundschaft mit einem halben
Pfund »Abfallschokolade«, die er einem geheimnisvollen Fache seiner
Apotheke entnahm und die Bertold und Liselotte auf einen Hieb
vertilgten.
Darauf bekamen sie drei Tage heftigen Durchfall, ohne zu ahnen, daß sie
ihn der plötzlich erwachten Zuneigung des Herrn Nothnagel verdankten.
In der Pause saßen Bertold und Liselotte doch wieder eng aneinander
geschmiegt im Grasgärtchen.
Sie hörten gar nicht auf das Höhnen und die Schmährufe der
anderen Kinder, sie waren auf der fernen, glückseligen Insel der
Jugendfreundschaft und des ersten rückhaltlosen Vertrauens.
Liselotte erzählte stürmisch und temperamentvoll die wichtigsten
Ereignisse ihres jungen Daseins.
Daß ihre Lieblingspuppe Emmy ein schleichendes Fieber habe und schon
seit einem Jahre ohne Kopf daliege, aber »zu süß« sei und gescheiter
und netter als alle anderen dreiundzwanzig Puppenkinder, -- daß ihr
Papa ein grundgelehrter Professor sei und »Väterchen« heiße, daß ihre
Mama schon seit vier Jahren im Himmel sei, gerade dort, wo er am
Tage am allerblauesten sei und wo des Nachts der Abendstern stünde
-- -- -- so hätte es Väterchen ihr erzählt. Und daß die Base Juliane
den Haushalt führe und die alte Trine koche und flicke und stopfe und
schimpfe, aber sonst beinahe so lieb sei, wie Puppe Emmy, -- nur eben
leider _mit_ Kopf.
Bei der Trine waren auch alle Puppen in »Penzion«, denn die Base
Juliane erlaube nicht, daß Liselotte viel mit ihnen spiele, und es
seien doch ihre Kinder, ihre süßen, wonnigen Kinder, die der Storch
gebracht habe und der habe sie Liselotte, ganz richtig ins Bein
gebissen, sie könne Bertold jeden Augenblick ihre große Zehe zeigen, wo
die Narbe noch dran wäre.
Liselottes Phantasie war großartig und ging jeden Tag zwölfmal mit ihr
durch, aber für den ernsten Jungen war es ein tiefes Glück, in die
begeisterten Augen seiner kleinen Gespielin zu schauen.
»Bring’ mir nur deine Puppen,« meinte er, »ich will sie auch lieb
haben.«
Diese Aussicht überwältigte Liselotte dermaßen, daß sie die Ärmchen um
seinen Hals legte und ihm einen Kuß gab, worauf sie sich beide den
Mund abwischten.
»Du bist ein _lieber_ Junge,« rief Liselotte, »willst du Puppe Emmy
heiraten, oder lieber Vater sein?«
»Vater sein,« erklärte Bertold, und die Sache war abgemacht.
Als Rektor Dillen die Pause für beendet erklärte, hatte man sich schon
für denselben Nachmittag verabredet, um fünf Uhr nach den Schularbeiten
auf Windemuths Oberboden zusammen zu kommen, und zwar sollte Bertold
seine Amati mitbringen und Liselotte ihre sämtlichen Puppen.
»Und wenn Base Juliane es nicht erlaubt, dann werde ich brüllen und um
mich schlagen, daß das Haus wackelt,« erklärte Liselotte, »dann darf
ich’s schon, denn Väterchen braucht Ruhe.«
Bertold lachte wieder sein herzliches, tiefes Lachen. Dann meinte er
sinnend: »Meine Mutter hat früher auch immer mit Puppen gespielt, sie
erzählt mir wunderschöne Geschichten davon. Deine Base Juliane ist
wahrscheinlich nie Mutter gewesen.«
Dies rührende Kinderwort sollte später die Schwarzhausener darin
bestärken, daß Bertold »Malcroix« ein grundverdorbener Bengel sei.
Denn als der Kampf mit Base Juliane an demselben Nachmittag wirklich
entbrannte und Liselotte wie eine Löwin um ihre Jungen kämpfen mußte,
rief das Kind ihrer Base empört zu: »Sag’ mal, bist du mal Mutter
gewesen?«
Und auf die wütende Gegenfrage der alten Jungfrau: »Wer, -- wer wagt
es, so gemein zu fragen?« kam die Antwort: »Der Bertold.«
* * * * *
In all solchen Dingen handelte Schwarzhausen immer unglaublich rasch
und holte die zehntausend Meilen, die es sonst in der Kultur zurück
war, oft in einer Stunde ein.
Schon am Nachmittag brachte es Base Juliane dem Professor Windemuth,
der natürlich gerade in einer wichtigen archäologischen Arbeit saß,
unter Tränen, Wut, Zittern und schamhaftem Erröten bei, daß, -- (o
du mein himmlischer Vater, Vetter Windemuth, ich kann’s dir kaum
andeuten), daß der hergelaufene Bengel Malcroix an ihrer, Julianes,
Jungfrauschaft frech gezweifelt hätte, und der nun sehr aufgebrachte
Professor, der sich ohnedem nach seiner schnöde unterbrochenen Arbeit
zurücksehnte, rief: »Der Junge darf mir selbstverständlich nie ins
Haus.«
Und am selben Abend wußte es ganz Schwarzhausen mit Ausnahme des
Hauses Eik von Eichen, daß der neunjährige Bertold ein ganz und gar
verdorbenes Früchtchen sei.
»Sie sind alle wild und verrückt,« plauderte Liselotte und sah ihren
neuen Freund, der mit dem sorglich behüteten Geigenkasten vor ihr
stand, ängstlich an. »Du darfst nicht rein zu uns, Bertold, ich soll
nicht mit dir spielen.«
Ganz schwarz wurden seine Augen in der Schmach dieser Minute. Wortlos
drehte er Liselotte den Rücken und ging zurück ins Eichenhaus. Sie sah
ihm nach und begriff mit der ganzen Stärke ihres Empfindens seinen
Schmerz, und nun schrie und tobte Liselotte so ausgiebig, wie sie
sich’s am Vormittag vorgenommen, und weinte die Hausbewohner zusammen
mit dem unerklärlichen Jammerwort: »Ohhh, er wollte Vater sein und ihr
erlaubt es nicht.«
Ja, Schwarzhausen, das moralische Schwarzhausen, ging schweren Zeiten
entgegen.
* * * * *
Im »Eichenborn« gab es einen Raum, ein echtes, rechtes
Poetenwinkelchen, das hatte sich der alte Hieronymus Teichmann, der
im übrigen eine schöne, geräumige Dienstwohnung besaß, ganz besonders
für sich ausbedungen, und in diese heiligen Hallen verirrte sich nicht
einmal seine liebe, gute, runde Frau.
Fingerdick lag der Staub allüberall, aber alles, was er bedeckte, waren
für Hieronymus Heiligtümer und unantastbare Geheimnisse.
Nur einmal hatte Frau Thereschen Teichmann in diese Blaubartkammer
hineingeschaut, und nachdem sie einen Schrei der Entrüstung
ausgestoßen, hatte sie sich schnurstracks Wassereimer und Schrubber,
grüne Seife, Besen, Schaufel und Wischtuch geholt.
Aber der unmelodische Schrei hatte die beiden Hüter des Heiligtums
herbeigelockt, und Frau Thereschen fand sich einem Doppelposten
gegenüber, der ihr den Eintritt samt den Abzeichen ihrer
Hausfrauenwürde wehrte.
»Bei allem Respekt vor deiner Weiblichkeit, Teichweibchen, -- halt’s
Maul,« rief ihr der Gatte Hieronymus entgegen. »Staub ist alles hier
auf Erden, auch du sollst einst zu Staube werden. Und nun mache kein
Federlesen und heb’ dich hinweg mit deinem Besen.«
Frau Therese warf noch drei vorwurfsvolle Blicke zurück, den einen
auf ihren Gatten, den andern auf den Staub und den dritten auf den
Organisten Brennstoff.
Das war der andere Teil des Doppelpostens, der beste und geliebteste
Freund ihres Hieronymus, an welchen niemand auch nur »tippen« durfte.
Vom sechsten Jahre ihres Lebens an waren die beiden unzertrennliche
Kameraden.
Brennstoff, selbst Lehrerssohn, hatte Musik studieren dürfen,
gab sämtlichen Musikunterricht in Schwarzhausen und war Organist
der Stadtkirche; Hieronymus Teichmann dagegen war der Nachfolger
seines eigenen Vaters geworden, -- die Teichmanns dienten seit
Menschengedanken den Eik von Eichens, waren Schloßverwalter,
Silberdiener und Haushofmeister seit Generationen. Originale waren
sowohl Brennstoff wie Teichmann.
Beide liebten in ihrer Jugend das gleiche Mädchen, aber Teichmann
durfte sie heiraten und hatte es nie bereut.
Thereschen Balian aber ahnte nichts von Kantor Brennstoffs Liebe und so
wurde sie Teichweibchen.
»Das paßt und klingt gut,« meinte der Kantor entsagungsvoll. »Der
Teichmann und das Teichweibchen. Hingegen _der_ ›Brennstoff‹, und
weiter gar nichts, noch mehr Brennstoff bringt nur Explosion.«
Ganz allmählich waren aus den zwei Freunden _vier_ Unzertrennliche
geworden, es hatten sich Beethoven und Wagner zu ihnen gesellt.
Auf irgendeinem spinnewebdunkeln Oberboden des grauen Hauses hatte
ein Spinett gestanden; Hieronymus erhielt die Erlaubnis, es sich
herunterzuholen, und auf diesem Spinett tippte er leise und andächtig
in seinen Mußestunden herum, bis dann abends Organist Brennstoff kam
und mit weichen, großen Händen wunderbare Töne daraus hervorlockte.
Diese Töne wühlten das Innere auf und sänftigten es wieder, diese Töne
ließen die beiden alten Herzen wunderbar schwingen, also daß die Hände,
die zu den Herzen gehörten, sich falten mußten.
»Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre!«
»Herrgott, lieber Zacharias Brennstoff, -- gibt es denn nur noch so
etwas auf dieser Erden! Man könnte wahrlich närrisch werden, -- spiel’
weiter, Brennstoff, -- damit ich mein’, es musizieren die Engelein.«
Dann präludierte der Stadtorganist weiter, und die schlichten Töne
verdichteten sich zu einem Gemälde, und es war den beiden Alten,
als hinge das Adagio der fünften Symphonie in breitem, wunderbarem
Goldrahmen an der Wand über dem alten Spinett.
Aber den Beschluß machte immer dasselbe Lied, das so gut zu dem
glutroten Ball stimmte, der allabendlich hinter den Tannen des
Thüringer Waldes versank:
»Fahr wohl, du goldne Sonne,
Du gingst zu deiner Ruh,
Und voll von deiner Wonne
Gehn mir die Augen zu.
Schwer sind die Augenlider,
Du nimmst das Lied mit fort,
Fahr wohl, wir sehn uns wieder,
Hier unten oder dort.
Und trägt des Tods Gefieder
Mich statt des Traums empor,
Dann schau’ ich selbst hernieder
Zu dir aus höherm Chor.«
So war es jahrelang gewesen, -- da sah und hörte und fühlte der
Organist Brennstoff zum ersten Male Bayreuth.
Ein Stipendium, eine Fahrkarte und eine Berechtigungskarte für den
Nibelungenring fiel vom Himmel hernieder in seine Hand, -- so meinte
er heute noch, und doch hatte er den eingeschriebenen Brief dem
Postboten selbst abgenommen.
Wie im Traum war er damals aus Bayreuth zurückgekommen, und die
Schwarzhausener merkten es nicht, daß die heiligen Hallen der
Stadtkirche sich mit Wotans und Siegfrieds Gesängen füllten, und daß
sich von dem Platze ihres Organisten aus ein goldener Regenbogen
spannte, auf dem der verzückte Orgelspieler geradeswegs in Walhalla
einzog.
Es war ein Glück, daß Hieronymus Teichmann eine so gleichgestimmte
Seele war, -- Meister Richard Wagner brauchte gar nicht lange auf
dieser Harfe zu schlagen, da hatte er den ganzen Menschen schon mit
Haut und Haar.
Alles ersparte Geld ging beinahe auf Partituren drauf, die Brennstoff
dem Freunde mit himmelhochjauchzender Begeisterung vorspielte, und
Hieronymus sang beim Silberputzen: »Winterstürme wichen dem Wonnemond«
und »Heialaweia«.
Und jedesmal, wenn die beiden Freunde über Wagner philosophierten,
schlossen sie ihr Zwiegespräch: »Es war ein herrlicher Mann und ein
göttlicher Musiker, aber auch der, der uns die Bayreuther Karten gab,
soll bis in die Knochen gesegnet sein!«
»Uns« -- sagten sie, -- denn wenn auch nur der eine im gnadenreichen
Bayreuth gewesen war, -- sie fühlten sich eben beide als dieser eine.
Heute waren sie wieder einmal in Walhall gewesen, -- hatten dann den
herabsinkenden Sonnenball mit Beethoven heimgeleitet und wollten nun
selbst die Ruhe aufsuchen, als der Organist plötzlich sagte: »Meister
Beethoven hängt tatsächlich in der Luft. Mir ist’s, als hätte ich ihn
heute immerfort in den Ohren, auch wenn dieses Klavizimbel schweigt, --
hörst du nichts, Hieronymus?«
»Freilich, -- ich wollt’ es nur nicht wagen, und dir von der
Erscheinung sagen, -- hör’ nur -- -- als ob’s hier oben wär’. Oder
kommt es von draußen her?«
Die beiden Freunde sahen sich an und lauschten wieder.
Es war wie der Gesang einer Äolsharfe.
Aber Äolsharfen pflegen nicht Beethoven zu säuseln, und doch
unterschieden die beiden alten Freunde gar genau, wenn auch nur
harfenfein, die Töne.
»Heil’ge Nacht, o gieße du
Himmelsfrieden in dies Herz -- -- --«
Sie forderten sich nicht zu irgendeiner Tat auf, -- wann wären sie
jemals uneins in ihren Gedanken gewesen?
Mit dem Finger auf dem Mund stiegen sie die gewundenen, schnörkeligen
Holztreppen hinauf, und auf dem zweiten Absatz kam Beethoven schon
deutlicher zu Wort. Aber nirgends eine Spur von dem Sänger oder
Spieler, nur -- die Tür eines uralten Schrankes klaffte ein wenig,
allein dem strengen Auge eines ordentlichen Haushofmeisters bemerkbar,
und dann zogen die Freunde aus den Tiefen des Riesenschrankes das
Geigerlein hervor, das ganz betäubt war von Dunkelheit, Musik und --
Mottenpulver.
»Jesus! Unser Junker Bertold!« rief Hieronymus »Nun sag’ nur mal, wie
kommst du rein in diesen dunkeln Kleiderschrein?«
Bertold blinzelte die beiden an.
»Ach, nirgends darf ich spielen, -- und nun hast du mich auch hier
gefunden, Hieronymus. Wirst du es dem Großvater sagen?«
Der Alte schüttelte begütigend den Kopf und zog ihn mit sich die
Treppe hinunter. Organist Brennstoff aber hatte vorsichtig die Geige
dem Knaben abgenommen und prüfte nun beim Dämmerlicht, das durch das
Flurfenster fiel, die herrliche Maserung des alten Holzes und erkannte
schließlich mit andächtigem Entzücken den Namen auf dem Boden der Geige
durch das geschwungene ~S~ hindurch.
»Heilige Cäcilie, ich halte eine Amati in der Hand, -- Herr, nun
lässest du deinen Diener in Frieden fahren.« Brennstoff drohte zu
explodieren, »Das, was ich sagte, ist keine Gotteslästerung, -- das sei
ferne von mir, -- aber es ist etwas Heiliges um eine Amati, und dieser
Jungherr scheint zu wissen, was er Kostbares hegt.«
Sie waren wieder in das Poetenwinkelchen eingetreten.
»Ja, ich weiß es,« entgegnete Bertold ernsthaft. »Vater hat sie
mir ja gegeben, ehe -- ehe er starb. Heiligtum, sagte er nur, und
dann -- -- --«
Die Augen des Knaben waren wieder ganz schwarz vor Erregung, und
Hieronymus strich ihm hastig über den dunkeln Kopf. Still bei sich
dachten beide Männer dasselbe.
Daß der Name Malcroix auch ehemals ein Heiligtum gewesen sei und
durch die Schuld des Mannes, der eine Geige so hoch hielt, zu einem
wertlosen Fetzen geworden war, den man seinem Knaben zum eigenen Besten
fortgenommen.
»Nun spiele,« brach Hieronymus das Schweigen, »hier ist mein Reich, und
ich kann wehren, wer uns hier etwa wollte stören.«
Und der Knabe spielte.
Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen war, es lag ein
lichter Schein um das Haupt des Kindes.
Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte in den Saiten, es
war ein gewaltiges, sehnsüchtiges Klingen. -- Spielte wirklich nur ein
kleiner, schwarzlockiger Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer
die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes?
Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da, und Träne auf Träne
tropfte auf sie herab.
Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein Wort zu sagen, als
dieser endlich den Bogen sinken ließ und mit leisem, ernsten »Gute
Nacht« das Zimmer verließ.
Aber dann brach es los bei ihm, -- wie ein Sturzbach kamen die
ungestümen Worte:
»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus. Ich wollte ihn
unterrichten und fühle, ~den~ kann ich nichts mehr lehren. Heilige
Cäcilie, wie ist’s möglich, daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will
dir etwas sagen, Freund, -- dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt.
O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden, daß sie diesem
Rattenfänger von Hameln folgte, -- »sie mußten alle hinterdrein«. Und
so ein zartes Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen
Gefäß -- was sollte sie wohl widerstehen? Und wir zwei, Hieronymus,
wir müssen diesem kleinen Musikus das Andenken seines Vaters retten,
denn wo viel Licht ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein
Genie. Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach Schwarzhausen,
es kommt wieder Klang in unsere verdudelte Leierkastenatmosphäre --
Hieronymus, die Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in diesem
gesegneten Raume!« -- --
Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist, raffte seinen Hut
und seine große Pelerine zusammen und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch
hörend, was Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute Nacht,
gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.« --
* * * * *
Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach
dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und
die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft.
Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen
standen voll Tränen.
Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne daß sie es
wollte, kamen die Worte von ihren Lippen: »O Gott, soll das nun immer
so fortgehen?«
Ihr gegenüber saß Herr Baldamus Eik von Eichen.
Er hatte sich mit keiner Silbe an dem vorhergegangenen Wortwechsel
beteiligt.
Er liebte das Reden nicht und war zu korrekt für eine Einmischung.
Er verabscheute Aufregungen und mied sie auch aus gesundheitlichen
Gründen, -- die wilden Jähzornsanfälle des Pflegevaters waren ihm
höchst unsympathisch, und da er immer logisch dachte, so versuchte er
jetzt, nachdem er mit großer Seelenruhe eine echte Importe in Brand
gesetzt, seiner Pflegeschwester Franziska den einzig möglichen Schritt
zur Vermeidung solcher Auftritte anzuraten.
»Tue Bertold von hier fort in eine Knabenpension,« meinte er in seiner
leisen, lauernden Art, die immer sofort auf die Antwort horchte.
»Niemals!« war die rasche Erwiderung. »Mein Junge entbehrt schon den
Vater in so jungen Jahren, _mich_ soll er wenigstens behalten.«
»Hm.« -- -- Herr Baldamus bog sich etwas vor, um ihr besser in die
Augen schauen zu können. »Und die Geige, -- sein Wimmerholz -- möchtest
du ihm nicht fortnehmen? Dann wäre doch _ein_ Stein des Anstoßes fort.«
»Aber auch seine einzige Freude,« rief Franziska leidenschaftlich.
»Ich denke, die einzige Freude bist _du_?« fragte die verhaltene Stimme
des Mannes.
Sie sah ihn jetzt ruhig an.
»Bertold, die Geige und ich sind eins,« sagte sie langsam und betonend.
»Und wo man dies eine verjagt, da verjagt man uns drei.«
Das unsympathische Lachen, welches die kleine Liselotte so sehr empört
hatte, tönte wieder zu der jungen Frau hinüber, aber heute war es nicht
so meckernd, -- heute schwang etwas anderes mit, ein Unterton, der
Franziska erschreckte, denn sie kannte dies Lachen ihres Pflegebruders
von ihren Kindertagen her; es sollte oft sein Temperament verbergen,
das er immer sorgsam gezügelt hatte vor anderen.
»Franziska -- -- komm zu mir!«
Sie sah ihn ohne Verständnis an.
»Franziska!!!« Er war sachte aufgestanden und trat mit lautlosen
Schritten zu ihr. »In _meinem_ Hause hat dir niemand etwas zu
verbieten, und ich will deinen Knaben und« -- jetzt kam doch das
meckernde Lachen, -- »auch das Marterholz will ich schützen.«
»Wir schützen uns schon selbst.« Ganz ruhig klang es. »Vater ist maßlos
in seinem Zorn, aber -- ich habe ja auch gefehlt und muß es büßen.«
»Du sollst aber nicht büßen, und du _willst_ mich nicht verstehn,«
flüsterte eine heiße Stimme, »Franziska, -- hör’ mich, komm, --
Franziska -- --«
Er bebte vor Leidenschaft und suchte sie in seine Arme zu ziehen.
Ganz weiß war ihr Gesicht und eisigkalt Stirn und Hände, -- sie war
aufgesprungen und wich vor ihm weit ins Zimmer zurück.
»Ich bitte dich, mein Trauerkleid zu achten, das ich um meinen Mann
trage,« sagte sie tonlos.
»Wie lange noch?« fragte er lauernd.
»_Immer!_«
Er sah aus, als wolle er sich auf sie stürzen, -- -- aber da klopfte es
an die Tür, und Hieronymus Teichmann meldete, daß Herr Eik von Eichen
~senior~ die Frau Tochter zu sprechen wünsche und recht matt wie nach
einem schweren »Anfall« in seinem Zimmer liege.
Teichmann brachte seine Meldung, wie immer, in Reimen vor, ohne aber
eine Miene dabei zu verziehen.
»Alter Schwätzer!« murmelte Herr Baldamus, während Franziska hastig zum
Vater eilte.
Hieronymus sah den jüngeren Eik ernst an, -- es lagen tausend schwere
Worte in diesem einen Blick. --
* * * * *
»Du wirst noch deine Stelle verlieren, Bruder,« meinte Fräulein Rektor
klagend und hob eindringlich die rechte Hand, in der sie einen großen
Holzlöffel hielt, von dem es unaufhörlich blutrot herabtropfte, ohne
daß sie es merkte.
Sie kochte Saft in der Küche.
»So will ich sie lieber verlieren,« meinte Rektor Dillen ruhig, »aber
es geht nicht so rasch mit dem Absetzen.« --
»Gott, dieser Leichtsinn in deinen alten Tagen! Und alles wegen so
’nem Bengel. Du hast ’n Narren an ihm gefressen, wie früher an seiner
Mutter, und eines schönen Tages wird er auch durchgehen.«
»Das gehört hier gar nicht her.« Der Bruder war plötzlich sehr ernst
geworden. »Und in meiner Schule habe _ich_ zu sagen.«
Die Schwester lief ärgerlich in die Küche zurück, und auf dem Teppich
in der Studierstube blieb eine kleine Blutlache vom Saftlöffel zurück,
als Zeichen des harten Kampfes.
Sturm im Wasserglase.
Die Schwarzhausener litten durchaus das liebe, köstliche
Plauderviertelstündchen nicht, welches Bertold mit Liselotte alltäglich
pflegte, und sie machten der braven Rektorschwester die Hölle heiß
und das Leben sauer. Aber Rektor Dillen lief wie eine brave Glucke um
seine zwei Kücken herum und verscheuchte jeden jungen Habicht, der
es wagte, die beiden zu stören. Das tiefe, gute Lachen des Knaben und
das altkluge Geplauder des Blondchens waren jetzt die Freude seines
einförmigen, stillen Lebens geworden. Er wollte sie sich nicht rauben
lassen durch Weibergeschwätz und Kleinstadtklatsch. -- Er liebte den
Eichenborn, er war mit dem Hause Eik verwachsen und mit ihm durch Höhen
und Tiefen geschritten, trotzdem Jahrzehnte dazwischen lagen, seitdem
er den Eichenborn das letztemal betreten.
Aber er war doch einmal ein Jemand gewesen, der in dem langen grauen
Hause etwas zu sagen hatte, -- der Hauslehrer des jungen stattlichen
Baldamus von Eichen.
Aber der Volksschulmeister, der von früher Jugend an von jedem geduckt
wurde, von vielen über die Achsel angesehen, die es wahrlich nicht
nötig hatten, der spielte oft eine klägliche Rolle in dem Herrenhause.
Sein Brotgeber war der jähzornige Eichen ~senior~, der damals noch
nicht alt, dafür aber noch maßloser heftig war, als ihm jetzt die Leute
andichteten, und sein Schüler war der schöne Pflegesohn, der sich
nichts sagen lassen wollte von einem »Seminaristen«.
Und unbequem war es ja, daß auch Seminaristen helle, scharfe Augen
haben und eine unbegreifliche Art, das Unrecht auch Unrecht zu nennen,
selbst wenn es von reichen Zöglingen begangen wird.
Nun hätte der Seminarist Tüllen ~alias~ Dillen ja ruhig und unbehelligt
alles von dem verwöhnten Baldamus _denken_ können, nur das _laute_
Denken war sehr unvorsichtig von ihm.
Eik von Eichen ~senior~ verbat es sich auch einfach, denn trotzdem er
den Lehrer Tüllen schätzte, so reichte das doch nicht an den Stolz und
die Liebe, mit denen er an seinem Pflegesohn hing.
Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar in den Augen seines
Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren und zweischneidigen
Wahlspruch huldigte: »Nun gerade!«
Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine Pestalozzis, und auch der
junge Lehrer Tüllen war keiner.
Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichen ~senior~ als lohnendes
Erziehungsobjekt angesehen und sich überlegt, daß er ihn mit seinem
eigenen Wahlspruch schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte,
-- er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, -- aber krumme oder
schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn Lehrer Tüllens Augen verborgen,
und er tat aus Gewissenhaftigkeit, was die Schwarzhausener aus Freude
am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn von Eichen ~senior~, daß
sein Neffe Baldamus sich zum Schleicher und Taugenichts auswachse.
Aber der Wahlspruch: »Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner
scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für zwei, das
mußte man ihm lassen, doch nachdem sich Herr von Eichen von seiner
Verblüffung über die Dreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn
hinaus.
Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn er war schmächtig und
klein, und die Faust des alten Eiks hatte schon Stärkere geworfen,
aber er ließ es sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn
auf offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm eine ganz
gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche die Beleidigung angehört.
Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch Lehrer Tüllen hatte
vollauf Ursache, sich stets ihrer zu erinnern, denn sie war sozusagen
der Stein, über den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der
Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich vor jede Tür legte,
durch welche er in ein besseres Amt schreiten wollte.
Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht, seine Heimat ganz zu
verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches ereignete.
Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber sie hielten sich
zumeist an das Alte Testament, das gar kräftig »Auge um Auge, Zahn um
Zahn« predigte, das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe war
ihnen noch fremd.
Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen ohne weiteres die
rasenden Pferde aufhielt, welche das Gefährt des Baldamus und ihn
selbst darin hinter sich herschleiften.
Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am Zügel des Handpferdes,
das endlich zitternd stand, während der junge Herr Baldamus zwar
blaß, aber nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht nicht«,
doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte, ohne seinem Todfeind ein
Dankeswort zu gönnen.
Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden Stelle an der
Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm sie ohne weiteres an. Hatte
er doch eine alte, verwitwete Mutter und eine Menge halbwüchsige
Geschwister zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz ein
energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen einlegte,
sein Herz, das gar nicht einmal mehr ihm gehörte, sondern der
wunderlieblichen, ach so fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter
des alten Hieronymus.
Er hatte sie schon als Kind geliebt, das Ännchen, und obgleich ihre
Augen nachtdunkel waren, für ihn waren sie die Sonne.
Freilich war das Mädel viel jünger als er, aber er hatte sich innerlich
jung, rein und herzwarm gehalten; der Vater Hieronymus liebte ihn, und
das Ännchen vertraute ihm alle ihre Geheimnisse.
Nur das eine nicht, -- -- und er war doch jahrelang ihr treuester
Freund, der nur auf ihren achtzehnten Geburtstag wartete, um die
inhaltreiche Frage zu tun: »Hast du mich lieb, Ännchen?«
Zu spät, du dummer, gescheiter Herr Lehrer.
Denn an ihrem achtzehnten Geburtstage zog man Ännchen aus dem
Mühlenteich, das kleine, liebevolle, vertrauende Mädel, das dem Lehrer
Tüllen zu jung gedünkt hatte für die heilig-tiefe Frage -- -- --
Und wie er damals den rasenden Pferden in die Zügel fiel, so tat er es
jetzt mit dem rasenden Vater Hieronymus, er nahm ihm den Revolver aus
der Hand.
Schlaf ruhig, Ännchen!
Dein alter braver Vater soll nicht zum Mörder werden und -- dein
Liebster ist keinen Schuß Pulver wert.
Lehrer Tüllen betrat Haus Eichenborn nicht wieder.
Wenn er und Vater Hieronymus Teichmann sich begegneten, dann grüßten
sie sich stumm mit schweren Blicken; gesprochen hatten sie nicht wieder
miteinander.
Wie lange war das alles schon her!
Ewigkeiten!
Die Thüringer Edeltanne auf Ännchens Grab war schon ein stattlicher
Baum, beinahe so stattlich, wie der Herr Baldamus Eik von
Eichen. -- -- --
»Rektor Dillen« mußte jetzt manchmal dieser alten Zeiten gedenken,
und er jagte nicht, wie früher, die düsteren Gedanken fort, sondern
vertiefte sich in sie.
Denn er liebte den kleinen Bertold Malcroix und ahnte mit dieser Liebe,
daß von dem glatten, korrekten, angesehenen und hochgeachteten Herrn
Baldamus ein Unheil für den Knaben ausgehe.
* * * * *
Bertold und Liselotte saßen wieder im Grasgärtchen zusammen.
»Nun kommen bald Ferien,« lachte das Mädchen, »und dann kommt Hans.«
»Hans? Ist das dein Bruder?«
»O nein! Ein Vetter. Hans von Windemuth!«
»Wie komisch! Du bist doch nicht ›von‹!«
»Nein. Väterchen sagt, drei Buchstaben tun’s nicht, wenn’s nicht drin
steckt.«
»Verstehst du das, Liselotte?«
»Ach -- ich weiß nicht, ich denke nicht stark dran. Weißt du es denn?
Du bist nur zwei Jahr älter als ich.«
Bertold reckte sich. »Zwei Jahre sind sehr viel. Ja, ich weiß, was
dein Vater meint. ›Wenn man dumm und schlecht ist, dann kann einem der
adlige Name nichts nützen.‹«
»Hans von Windemuth ist aber nicht dumm und schlecht.«
»O, den meine ich auch gar nicht. Erzähl’ mir von ihm, was ist er?«
»Kadett ist er. Schon beinahe Fahnenjunker. In Groß-Lichterfelde ist
das Kadettenhaus.«
»Ist es ein guter Junge?«
»Hm -- -- ja -- ich glaub’ -- --«
»Klug?«
»Klüger als die meisten Menschen. Er weiß alles, das sagt er selbst.«
»Meinst du, daß er mich gern haben wird?«
»Aber natürlich. Du spielst ja Geige. Er spielt ja so prachtvoll
Klavier, schon ganz rasend schwere Stücke. O, es ist zu fein, daß Hans
kommt, dann können wir zusammen musizieren. Du Geige, -- ich und der
Hans begleiten dich abwechselnd -- -- --«
»Ja, das wird herrlich!« rief Bertold lebhafter, als es sonst seine Art
war. »Du kannst mir nun jeden Tag von dem Vetter erzählen, damit ich
ihn richtig kennen lerne. Und wenn er so furchtbar klug ist, dann will
ich mich ordentlich auf die Hosen setzen.«
»Sitzt du denn nicht immer drauf, Bertold?«
Der Junge lachte. »Wie du ernsthaft fragst. Es ist nur so ’ne
Redensart. Ich mein’ damit, ich will noch strammer arbeiten.«
Liselotte erhob Einspruch. »Das kannst du gar nicht, Bertold. Herr
Rektor sagt, du wärst der Beste von uns allen.«
Bertold zuckte die Achseln. »Na weißt du, Liselott, viel gehört da
nicht zu. Findest du nicht, daß die Kinder sehr faul sind?«
Liselotte zog ihr nachdenkliches Gesichtchen. »Weiß nicht. Aber es
ist am Ende einerlei. Bertold, ich hab’ Sorgen, Puppe Emmy kommt gar
nicht aus dem Fieber raus. Weißt du, die Base versteht gar nichts von
Kinderkrankheiten, sie meint, Fieber käme nur vom Kopf, und Puppe Emmy
hätte keinen, und deshalb könnte sie auch kein Fieber haben, aber das
ist ja Unsinn. Wenn die Base ’ne Mutter wär’, wie ich, und an die
vierundzwanzig Kinder hätte, dann würde sie nicht so dumm reden. Was
meinst du, Bertold?«
Der Knabe sah voll Ernst und Mitgefühl in das Gesichtchen der
Spielgefährtin, das im Schmerz um die kranke Puppe einen ganz rührenden
Ausdruck zeigte. Er hätte es um die Welt nicht vermocht, ihr einen
wehtuenden Vortrag über kopflose Geschöpfe zu halten, trotzdem etwas in
ihm sagte: »Sie ist doch ein furchtbar dummes kleines Mädchen.«
»Puppe Emmy ist schwer krank,« meinte er zögernd, »weißt du, Liselotte,
wenn der Kopf fehlt, wirft sich alles aufs Innerliche -- -- --«
Sie nickte ernst und sah beruhigt aus. »Du hast recht, Bertold. Es wird
eine Sägespänentzündung sein. Gott, was hat man für Sorgen mit seinen
Kindern!«
Dann schritten sie wieder zum gemeinsamen Unterricht, und so vergingen
die Tage und Wochen im gleichmäßigen Einerlei.
Aber doch nicht ganz.
Denn Bertold war die feierliche Erlaubnis zuteil geworden, in das Haus
von Professor Windemuth zu kommen. Die Base war zwar noch immer von
tiefem Mißtrauen gegen ihn erfüllt und überhaupt gegen alles, was von
dem alten »Eik« abstammte, aber Liselotte war wenigstens beschäftigt,
wenn sie mit dem Freunde zusammen war, und die Base konnte nichts
Anstößiges entdecken, wenn sie einmal »revidierte«, was gewöhnlich
in der Weise geschah, daß sie auf Filzpantoffeln zu der Kinderstube
schlich und mit einem ganz plötzlichen Ruck die Tür aufriß.
Weder Bertold noch Liselotte waren nervös, sie guckten manchmal kaum
von ihrem Spiel auf, während die Base doch gewohnt war, bei derartigen
Überfällen, z. B. der Dienstboten, diese mit glühend roten, arg
verlegenen Gesichtern verschiedenes verbergen und fortpacken zu sehen.
So ließ sie jetzt tagelang die beiden unbehelligt. Noch lieber freilich
war es dem Bertold, wenn er zu Professor Windemuth ins Arbeitszimmer
durfte. Im Gegensatz zum Großvater war der Gelehrte nicht wortkarg oder
mürrisch und ernst, sondern ein herzensheiterer, mitteilsamer Mann,
der mehr als einmal einen lustig sprühenden Humor zu Hilfe nahm und
mit ihm gegen Base Juliane zu Felde zog. Für alle kleinen Herzensnöte
seines Töchterchens hatte Professor Windemuth offene Augen und Ohren,
und daher kam es, daß Liselotte die längst verstorbene Mutter gar nicht
vermißte, vielmehr noch nie darüber nachgedacht hatte, was ihrem Leben
eigentlich mangelte. Der Vater ersetzte ihr alles und nahm sie auch
gegen allzu heftige An- und Übergriffe der Base kraftvoll in Schutz.
Der Professor hatte längst erkannt, daß seine kleine wilde Hummel nur
gewinnen könne, wenn Bertold ihr Spielkamerad bliebe, es hatte ihm
imponiert, daß der Junge streng das einstmalige Verbot, das Haus zu
betreten, innehielt. Von wem er wohl diesen festen Gehorsam hatte?
Vom Großvater sicherlich nicht, der sich in seinem ganzen Leben noch
niemandem gebeugt, und von der Mutter, die das vierte Gebot so wenig
geachtet, daß sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause entwich, um ihrem
Liebsten zu folgen, doch sicher auch nicht.
Gewiß hielt der ehrenfeste Herr Baldamus von Eichen seine strenge Hand
über den Knaben. Dieser Sproß des Hauses ging wenigstens seine geraden
Bahnen, wie sie Schwarzhausen jedem seiner Bürger vorschrieb -- -- --
sympathisch war er ja dem Professor nicht, aber das lag wohl mehr
daran, daß Eik ein vollständiger Zahlenmensch war, während bei ihm,
Professor Windemuth, das Herz öfter mal mit dem Verstande durchging.
Vom weiblichen Einfluß hielt Professor Windemuth nicht viel. Seine
eigene, früh verstorbene Gattin war ein hilfsbedürftiges Wesen ohne
jede eigene Meinung gewesen, der Inbegriff aller zarten Weiblichkeit.
Liselottes Geburt kostete ihr das Leben, und da ihre Nachfolgerin in
Küche und Haus, Base Juliane, das genaue Gegenteil von ihr bildete,
mürrisch, ungehobelt, lärmend, aber tüchtig und umsichtig schaltete, so
nahm der Professor an, daß Frauenzimmer unberechenbare Geschöpfe seien,
durchaus keine Logik und erwiesenermaßen anderthalb Lot Gehirn weniger
besäßen.
Das alte Fräulein Adelgunde von Eichen aber, das am liebsten das ganze
Deutsche Reich umhäkelt hätte, zählte überhaupt nicht mit.
Armer, kleiner Bertold!
So sollte er wenigstens ein klein wenig den Zuspruch eines gebildeten
Mannes genießen. --
Vielleicht hätte sich das Schicksal dem jungen Bertold ein bißchen
gnädiger erweisen sollen; es wäre so gut gewesen, wenn Liselotte ihr
feines musikalisches Gehör vom Vater geerbt hätte, anstatt von der
früh heimgegangenen Mutter, die ihren Gatten nun nicht mehr darauf
aufmerksam machen konnte, daß da in unmittelbarer Nähe ein Genie
steckte. Infolgedessen bekam Bertold keinen weiteren Unterricht und
hatte nichts als die beinahe vergötternde Zustimmung von Brennstoff
und Teichmann, bei denen er noch allabendlich musizierte, ein
gelegentliches Melden beim Großvater, der aber den Enkel so wenig als
möglich zu sehen wünschte, ferner einen täglichen einstündigen Besuch
bei Tante Adelgunde von Eik und ihrer sprichwörtlichen Häkelei und --
seine Mutter.
Frau Franziska Malcroix war so jung, so schön und -- so ernst. Sie
lebte _nur_ für ihren Bertold, -- sie erhob sich des Morgens um vier
Uhr und blieb, nachdem sie abends neun Uhr mit ihrem Knaben gebetet,
noch ein Stündchen in dem neben Bertolds Schlafstube befindlichen
Zimmer, wo sie arbeitete und schrieb und auf die regelmäßigen Atemzüge
ihres Einzigen lauschte. An den Tag, der ihr den Knaben nehmen und
in das Gymnasium nach E. führen würde, dachte sie mit Grauen. Jetzt
gehörte er ihr noch, wenn sie auch mit leisem Schmerz fühlte, daß sie
seine Liebe mit der kleinen Liselotte teilen müsse.
So handelte sie wie eine echte Mutter und nahm auch das Mädelchen noch
an ihr Herz, -- ja sie ließ die beiden kaum von sich, denn sie waren
der sicherste Schutz gegen die Besuche ihres Vetters Baldamus. --
Franziska Malcroix hatte Angst vor ihm.
Sie konnte sich selbst nicht begreifen, denn sie war doch sonst so
energisch und zielbewußt gewesen.
Sie hatte Angst vor Herrn Baldamus, wenn dieser auch ganz ruhig und
scheinbar in ein interessantes Buch oder eine Zeitung vertieft in
seinem Lehnstuhl saß, oder wenn er Bertold etwas erklärte, der seinen
Wissensdurst stillte, wo immer er eine Quelle fand. Ja, sie hatte
Angst, auch wenn er nur Bertolds Geige zur Hand nahm, -- Angst, daß er
das Instrument mit einem Griff seiner schmalen, weißen Hände zerbrechen
könne. Sie hatte Angst, daß er irgendein Mittel besitzen oder ergreifen
könne, sie zu zwingen, sein Weib zu werden.
Denn er war beinahe allmächtig in Schwarzhausen, das konnte sie täglich
erfahren, und sie wäre wohl mit einem Male wieder angesehen in dem
Städtchen gewesen, wenn sie plötzlich die Braut des hochmögenden Herrn
Baldamus wurde.
Wie sie dieser Gedanke schauern machte und ihre Arme so fest um ihren
Bertold legen ließ, ja er ließ sogar den Schmerz um den verachteten,
toten Gatten milder werden und die Liebe heller leuchten, die doch die
Vergangenheit geheiligt hatte.
Merkwürdig war es, daß der Vater, Herr Eik von Eichen ~senior~, sich in
keiner Weise in die Angelegenheiten des Pflegesohnes Baldamus mischte,
-- er, der die Tochter einst verstieß, weil sie diesem Pflegesohn einen
Korb gab um eines Unwürdigen willen.
Die Liebe der Schwarzhausener hatte Herrn Eik ~senior~ kopfscheu
gemacht. »Nun gerade!« war und blieb sein Wahlspruch, und der
Pflegesohn sank um so viel Grade in seiner Wertschätzung, wie er in der
seiner Vaterstadt stieg. Die verachtete Tochter aber kam dem alten,
verbitterten Vaterherzen wieder näher, während der Junge, der Bertold,
weit, weit von ihm abrückte, denn von diesem Knaben erzählten die Leute
Wunderdinge; und besonders Rektor Tüllen und Hieronymus Teichmann taten
sich in begeisterten Lobeserhebungen hervor.
* * * * *
Und nun kamen die Ferien, und Hans von Windemuth, der Herr
Fahnenjunker, zog in Schwarzhausens Hallen ein.
»Das ist also Hans?« fragte sich selbst Bertold von Eiken, der mit
einer Mischung von begeisterter Erwartung und leiser Eifersucht der
Bekanntschaft entgegengesehen hatte.
»Das ist Hans!« bestätigte strahlend Liselotte Windemuth, und der
Herr Fahnenjunker brauchte gar nichts zu sagen, dem sah man das
stolze Bekenntnis schon auf drei Schritte weit an: »_Ich bin Hans von
Windemuth!_«
Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten Tiefen des Schrankes
versenkt und Puppe Emmy ohne Kopf ganz besonders fest und weitab
verstaut, denn der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte
sich über all diese Dinge, wunderte sich auch, daß Liselotte so
fröhlich und gleichmütig blieb und nur leise ihm zuflüsterte: »Weißt
du, Bertold, die Puppen verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt
zu einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist, holen wir die
Puppen wieder von der Bahn ab, und dann spielen wir weiter.«
»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen Kopf,« gab Bertold zu
bedenken.
»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte. »Dann ist eben
die Operation nicht geglückt, -- es kommt oft vor bei großen Leuten,
nur daß ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.«
Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog sie Bertold mit
sich nach Hause in das große, tiefe Zimmer, in welchem der prächtige
Bechsteinflügel stand, und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an
die Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.«
Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine gespannt dasitzende
Zuhörerschaft, -- die kleine, strahlende Base, den ernsthaften Jungen
und die Base Juliane, welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«,
den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel
ließ, während sie bei Chopin und Grieg in der Stube herumwirtschaftete,
mit Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern und Tellern
viel Spektakel vollführte und schließlich türschlagend das Zimmer
verließ.
Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant.
Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen, wohlgepflegten
Händen, Grieg und Schumann, Chopin, Liszt, er spielte sie alle
herunter, und Bertold und Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas
ganz Unglaubliches.
Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen.
»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ seinen Platz am
Flügel der kleinen Base.
Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür war mit leisem Klapp
hinter Bertold zugefallen, -- er ging ohne Abschiedswort.
»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hast _zu_ schön gespielt, dann
kann er immer kein Wort sagen.«
»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth streng.
Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine Geige aus dem Kasten
gerissen, und in den tiefsten Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er
das, was seine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam aus
dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und huschte in das Zimmer
von Hieronymus Teichmann.
»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren, Büblein, was ist in dich
gefahren?« fragte dieser erschrocken, als er den blassen Jungen sah.
»O Teichmann, -- Teichmann --« murmelte Bertold.
»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, -- welche Laus ist dir
über die Leber gelaufen?«
Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust des Knaben.
»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg -- --«
»Büblein, -- wo soll Krieg sein?«
»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten, -- -- der Hans von
Windemuth spielt ihn und verhunzt ihn, ich kenne ihn nicht wieder,
-- -- hör’ nur mal, Teichmann -- (Bertold nahm hastig die Geige und
fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) -- hör’ nur, das Grollen und
Stöhnen der Nordsee, das Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens
-- -- o und _so_ spielt er das, -- -- Teichmann, ich _kann_ das nicht
mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz begeistert.«
»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, -- Grieg? sagst du, oder
wer und wen?«
»Teichmann, du wirst doch den großen Grieg kennen? Kantor Brennstoff
hat dir doch so viel von ihm vorgespielt.«
Der Alte strich sich besinnend über die Stirn.
»Den _großen_ Grieg, sagst du? Ich kenne nur _einen_ Großen, das ist
der alte Beethoven. Schweig’ still, Büblein, sag’s dem Brennstoff
nicht, er zieht dann gleich so’n närrisch Gesicht, -- er steckt so ganz
im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auch _ihn_, aber sie sind
nicht zu vergleichen. Ob der eine den andern mag erreichen, -- ich weiß
es nicht, mich kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen, zu
jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer den Wagner singen, so
lange ich lebe und bin gesund. Aber in Krankheitstagen, in bangen, will
ich nach meinem ›Großen‹ langen, -- und die Fünfte Symphonie führ’ mich
zur ew’gen Harmonie.