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Deutsches Verlagshaus Bong & Co.

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~Copyright 1910 by Deutsches Verlagshaus Bong & Co.~

~Graphia Akt.-Ges. vormals C. Grumbach in Leipzig~

[Illustration]

_Motto_:

Dort an der Ecke das alte Haus

Wird doch noch stehn?

An dem die Leute tagein, tagaus

Vorübergehn?

-- -- -- -- -- -- -- -- --

O heil’ge Heimat, ich grüße dich

An jedem Ort -- -- --

Carmen Sylva.

Da stand es noch. -- Genau wie einst im Schatten der uralten Eichen.

Grau und langgestreckt mit einer langen Reihe niedriger Fenster. Und

aus dem Giebelfenster schauten die steinernen Pferdeköpfe, beide von

einem steinernen Eichenkranz umschlungen.

Wie ging noch die Sage? Die Sage vom Eichenborn?

Im Jahre 1298 hatte von diesem Fenster aus ein Jungfräulein Eik von

Eichen nach ihrem Liebsten ausgeschaut.

Das war ein Musikant gewesen, »ein fahrender Schüler, ein wilder

Gesell«, den erst die allmächtige Liebe zahm gemacht. Der ergrimmte

Vater hatte gesprochen:

»Ebensowenig wie meine Rösser hier oben in deine Kemenate steigen, sich

unser Wappen umhängen und aus dem Fenster hinabschauen ins Tal der

wilden Gera, ebensowenig sollst du und dein Buhle jemals es tun.«

Aber da hatte es plötzlich getrammst und getrappelt, und die beiden

Rosse waren die gewundenen Treppen hinaufgestiegen, umschlungen von

einem Eichenkranz. Sie hatten sich eng aneinander geschmiegt und

schauten ins Tal der wilden Gera, darinnen der herzwunde, einsame

Spielmann seines Weges zog.

Darauf gab es eine fröhliche Hochzeit und -- wenn sie nicht gestorben

sind, so leben sie heute noch.

Es gab kaum einen alten Mann oder eine alte Frau in Schwarzhausen, die

nicht auf diese Legende schworen.

Hinter dem schloßähnlichen Gebäude lag der weite, große, grasbestandene

Hof, in seiner Mitte standen steinerne Bänke um einen Riesentisch, und

über diesem Platz wölbte ein alter Nußbaum seine Riesenzweige.

O wie duftete ein Blatt von diesem Baum, wenn man es in die warme

Kinderhand nahm -- -- --

Alles kann man vergessen in der raschen, hastenden, lockenden Welt da

draußen, aber diesen Duft nicht, -- niemals -- -- --

Und auch jenen leisen Klang nicht, so eng verwachsen mit der

Kinderzeit, -- jenes melancholische Rieseln und Rauschen des alten

Brunnens im Grashof, der unter einem knorrigen Fliederstrauch stand.

Hatte man sich müde gespielt, dann setzte man sich unter den Nußbaum,

oder lief nach dem Fliederstrauch und pflückte sich schwere zartlila

Dolden. Die kleinen Blütchen steckte man ineinander und hing sich dann

die langen Ketten um den Hals, -- wie stolz sah man aus! Nicht nur die

Gespielen, -- nein, alle Hühner und Enten und der große, kollernde

Truthahn und der bunte, häßlich schreiende Pfau bewunderten die kleine

Tochter des Hauses.

Und ab und zu lief man nach dem Brunnen und besprengte die lila

Fliederdolden -- -- oh -- Nußbaum und Fliederstrauch -- -- --

* * * * *

Schwer seufzte die junge Frau auf.

»Mutter, sind wir jetzt daheim?« fragte eine klare Knabenstimme.

Da konnte sie zum erstenmal wieder weinen.

»Ja, Bertold, wir sind daheim!«

Und sie nahm den Knaben fest an der Hand und schritt mit ihm über die

Schwelle ihres Vaterhauses.

* * * * *

In der dämmerigen Diele, in die sie eintraten, war es köstlich kühl.

Die schwere Eichentür schloß sich hinter ihnen und sperrte die sengende

Mittagsglut eines heißen Julitages ab.

Der von langer Postfahrt ermüdete Junge atmete hoch auf. »Hier ist’s

schön, Mutter.«

Rings an den Wänden hingen Ölbilder. Ehrbare, ernste Gesichter in

steifen Ratsherrnkrausen sahen aus schwarzen, strengen Augen auf die

beiden Ankömmlinge nieder.

»Sind das die Onkel und Tanten, zu denen wir wollen, Mutter?« fragte

der Knabe.

»Nein, Bertold, -- diese hier sind lange tot.«

»Aber Großvater lebt!«

»Ja, mein Junge.«

Es fröstelte plötzlich die junge Frau.

Sie setzte sich auf die schmale Bank, die sich rings an der Diele

entlang zog, und lehnte den Kopf an die Holztäfelung.

Die feinen Nasenflügel bebten und sogen den Duft des Heimathauses ein.

Thymian und Lavendel. --

Spurlos war die Zeit an diesem Hause vorübergegangen -- -- alles

deutete auf Thymian und Lavendel.

Der kleine Bertold schlief auf der harten Holzbank und seine Mutter saß

und dachte nach in schwerer Beklommenheit.

Sie wußte, daß jetzt niemand kam.

Die Tante hielt ihren Mittagsschlaf, der Vater -- war wohl auch, wie

früher, zu dieser Stunde in seinem Arbeitszimmer, und Herr Eik von

Eichen ~junior~ kam nie in diesen Flügel des ausgedehnten Gebäudes.

Sie sehnte sich plötzlich nach einer Menschenstimme.

Wenn doch der alte Teichmann käme oder seine Frau, oder irgendeiner der

alten dienstbaren Geister.

Sie wußte, daß auch in ihren Reihen die letzten acht Jahre keine

Veränderung gebracht hatten.

Nervös strich sie an ihrem Trauergewand herunter. Herrgott, wie die

Gedanken auf sie einstürmten!

Sie krochen aus den Wänden und aus den Fugen der Holztäfelung, sie

schwebten wie kleine Spukgeisterchen in der Luft und hingen in den

Verschnörkelungen der Goldrahmen.

»Weißt du noch?« fragten sie wieder und wieder.

Und die junge Frau dachte daran, wie sie vorhin scheu aus der

Postkutsche gestiegen war, damit der Postverwalter sie nicht sehen

sollte und auch seine Frau nicht, die hinter dem »Spion« saß und

strickte.

Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt · 第 6 / 21 题