Ich kann es dem behutsamen Leser auf keinerlei Weise übelnehmen, wenn
sich im Fortgange dieser Schrift einiges Bedenken bei ihm gereget hätte
über das Verfahren, das der Verfasser vor gut gefunden hat, darin zu
beobachten. Denn da ich den dogmatischen Teil vor dem historischen und
also die Vernunftgründe vor der Erfahrung voranschickte, so gab ich
Ursache zu dem Argwohn, als wenn ich mit Hinterlist umginge und, da ich
die Geschichte schon vielleicht zum voraus im Kopfe gehabt haben mochte,
mich nur so angestellet hätte, als wüßte ich von nichts, als von reinen,
abgesonderten Betrachtungen, damit ich den Leser, der sich nichts
dergleichen besorgt, am Ende mit einer erfreulichen Bestätigung aus der
Erfahrung überraschen könnte. Und in der Tat ist dieses auch ein
Kunstgriff, dessen die Philosophen sich mehrmalen sehr glücklich bedient
haben. Denn man muß wissen, daß alle Erkenntnis zwei Enden habe, bei
denen man sie fassen kann, das eine _a priori_, das andere _a
posteriori_. Zwar haben verschiedene Naturlehrer neuerer Zeiten
vorgegeben, man müsse es bei dem letzteren anfangen, und glauben den Aal
der Wissenschaft beim Schwanze zu erwischen, indem sie sich gnugsamer
Erfahrungskenntnisse versichern und denn so allmählich zu allgemeinen
und höheren Begriffen hinaufrücken. Allein ob dieses zwar nicht unklug
gehandelt sein möchte, so ist es doch bei weitem nicht gelehrt und
philosophisch gnug; denn man ist auf diese Art bald bei einem =Warum=,
worauf keine Antwort gegeben werden kann, welches einem Philosophen
gerade so viel Ehre macht als einem Kaufmann, der bei einer
Wechselzahlung freundlich bittet, ein andermal wieder anzusprechen.
Daher haben scharfsinnige Männer, um diese Unbequemlichkeit zu
vermeiden, von der entgegengesetzten äußersten Grenze, nämlich dem
obersten Punkte der Metaphysik, angefangen. Es findet sich aber hiebei
eine neue Beschwerlichkeit, nämlich, daß man anfängt, ich weiß nicht
=wo=, und kömmt, ich weiß nicht =wohin=, und daß der Fortgang der Gründe
nicht auf die Erfahrung treffen will, ja, daß es scheinet, die Atomen
des EPIKURS dürften eher, nachdem sie von Ewigkeit her immer gefallen,
einmal von ungefähr zusammenstoßen, um eine Welt zu bilden, als die
allgemeinsten und abstraktesten Begriffe, um sie zu erklären. Da also
der Philosoph wohl sahe, daß seine Vernunftgründe einerseits und die
wirkliche Erfahrung oder Erzählung andererseits, wie ein Paar
Parallellinien wohl ins Undenkliche nebeneinander fortlaufen würden,
ohne jemals zusammenzutreffen, so ist er mit den übrigen, gleich als
wenn sie darüber Abrede genommen hätten, übereingekommen, ein jeder nach
seiner Art den Anfangspunkt zu nehmen und darauf, nicht in der geraden
Linie der Schlußfolge, sondern mit einem unmerklichen =Clinamen= der
Beweisgründe, dadurch daß sie nach dem Ziele gewisser Erfahrungen oder
Zeugnisse verstohlen hinschieleten, die Vernunft so zu lenken, daß sie
gerade dahin treffen mußte, wo der treuherzige Schüler sie nicht
vermutet hatte, nämlich dasjenige zu beweisen, wovon man schon vorher
wußte, daß es sollte bewiesen werden. Diesen Weg nannten sie alsdenn
noch den Weg _a priori_, ob er wohl unvermerkt durch ausgesteckte Stäbe
nach dem Punkte _a posteriori_ gezogen war, wobei aber billigermaßen
der, so die Kunst versteht, den Meister nicht verraten muß. Nach dieser
sinnreichen Lehrart haben verschiedene verdienstvolle Männer auf dem
bloßen Wege der Vernunft sogar Geheimnisse der Religion ertappt, so wie
Romanschreiber die Heldin der Geschichte in entfernete Länder fliehen
lassen, damit sie ihrem Anbeter durch ein glückliches Abenteuer von
ungefähr aufstoße: _et fugit ad salices et se cupit ante videri_. VIRG.
Ich würde mich also bei so gepriesenen Vorgängern in der Tat nicht zu
schämen Ursache haben, wenn ich gleich wirklich ebendasselbe Kunststück
gebraucht hätte, um meiner Schrift zu einem erwünschten Ausgange zu
verhelfen. Allein ich bitte den Leser gar sehr, dergleichen nicht von
mir zu glauben. Was würde es mir auch jetzo helfen, da ich keinen mehr
hintergehen kann, nachdem ich das Geheimnis schon ausgeplaudert habe?
Zudem habe ich das Unglück, daß das Zeugnis, worauf ich stoße und was
meiner philosophischen Hirngeburt so ungemein ähnlich ist, verzweifelt
mißgeschaffen und albern aussieht, sodaß ich viel eher vermuten muß, der
Leser werde um der Verwandtschaft mit solchen Beistimmungen willen meine
Vernunftgründe vor ungereimt, als jene um dieser willen vor vernünftig
halten. Ich sage demnach ohne Umschweif, daß, was solche anzügliche
Vergleichungen anlangt, ich keinen Spaß verstehe, und erkläre kurz und
gut, daß man entweder in SWEDENBORGS Schriften mehr Klugheit und
Wahrheit vermuten müsse, als der erste Anschein blicken läßt, oder daß
es nur so von ohngefähr komme, wenn er mit meinem System zusammentrifft,
wie Dichter bisweilen, wenn sie rasen, weissagen, wie man glaubt, oder
wenigstens wie sie selbst sagen, wenn sie dann und wann mit dem Erfolge
zusammentreffen.
Ich komme zu meinem Zwecke, nämlich zu den Schriften meines Helden. Wenn
manche jetzt vergessene oder dereinst doch namenlose Schriftsteller kein
geringes Verdienst haben, daß sie in der Ausarbeitung großer Werke den
Aufwand ihres Verstandes nicht achteten, so gebühret dem Herren
SWEDENBORG ohne Zweifel die größeste Ehre unter allen. Denn gewiß, seine
Flasche in der Mondenwelt ist ganz voll und weicht keiner einzigen unter
denen, die ARIOSTO dort mit der hier verlornen Vernunft angefüllet
gesehen hat, und die ihre Besitzer dereinst werden wiedersuchen müssen,
so völlig entleert ist das große Werk von einem jeden Tropfen derselben.
Nichtsdestoweniger herrscht darinnen eine so wundersame Übereinkunft mit
demjenigen, was die feineste Ergrübelung der Vernunft über den ähnlichen
Gegenstand herausbringen kann, daß der Leser mir es verzeihen wird, wenn
ich hier diejenige Seltenheit in den Spielen der Einbildung finde, die
so viel andere Sammler in denen Spielen der Natur angetroffen haben, als
wenn sie etwa im fleckichten Marmor die heilige Familie oder in
Bildungen von Tropfstein Mönche, Taufstein und Orgeln, oder sogar wie
der Spötter LISCOW auf einer gefrorenen Fensterscheibe die Zahl des
Tieres und die dreifache Krone entdecken; lauter Dinge, die niemand
sonsten sieht, als dessen Kopf schon vorher damit angefüllet ist.
Das große Werk dieses Schriftstellers enthält acht Quartbände voll
Unsinn, welche er unter dem Titel: _Arcana caelestia_, der Welt als eine
neue Offenbarung vorlegt, und wo seine Erscheinungen mehrenteils auf die
Entdeckung des geheimen Sinnes in den zwei ersten Büchern Mosis und eine
ähnliche Erklärungsart der ganzen H. Schrift angewendet werden. Alle
diese schwärmende Auslegungen gehen mich hier nichts an; man kann aber,
wenn man will, einige Nachrichten von denenselben in des Herrn Doctor
ERNESTI Theol. Bibliothek im ersten Bande aufsuchen. Nur die _audita et
visa_, d. i. was seine eigne Augen sollen gesehen und eigene Ohren
gehört haben, sind alles, was wir vornehmlich aus denen Beilagen zu
seinen Kapiteln ziehen wollen, weil sie allen übrigen Träumereien zum
Grunde liegen und auch ziemlich in das Abenteuer einschlagen, das wir
oben auf dem Luftschiffe der Metaphysik gewagt haben. Der Stil des
Verfassers ist platt. Seine Erzählungen und ihre Zusammenordnung
scheinen in der Tat aus =fanatischem Anschauen= entsprungen zu sein und
geben gar wenig Verdacht, daß spekulative Hirngespinste einer verkehrt
grüblenden Vernunft ihn bewogen haben sollten, dieselbe zu erdichten und
zum Betruge anzulegen. Insoferne haben sie also einige Wichtigkeit und
verdienen wirklich, in einem kleinen Auszuge vorgestellet zu werden,
vielleicht mehr, als so manche Spielwerke hirnloser Vernünftler, welche
unsere Journale anschwellen, weil eine zusammenhängende Täuschung der
Sinne überhaupt ein viel merkwürdiger Phaenomenon ist, als der Betrug
der Vernunft, dessen Gründe bekannt genug sind, und der auch großenteils
durch willkürliche Richtung der Gemütskräfte und etwas mehr Bändigung
eines leeren Vorwitzes könnte verhütet werden, da hingegen jene das
erste Fundament aller Urteile betrifft, dawider, wenn es unrichtig ist,
die Regeln der Logik wenig vermögen! Ich sondere also bei unserm
Verfasser den =Wahnsinn= vom =Wahnwitze= ab und übergehe dasjenige, was
er auf eine verkehrte Weise klügelt, indem er nicht bei seinen
=Visionen= stehen bleibt, ebenso wie man sonst vielfältig bei einem
Philosophen dasjenige, was er =beobachtet=, von dem absondern muß, was
er =vernünftelt=, und sogar =Scheinerfahrungen= mehrenteils lehrreicher
sind, als die =Scheingründe= aus der Vernunft. Indem ich also dem Leser
einige von denen Augenblicken raube, die er sonst vielleicht mit nicht
viel größerem Nutzen auf die Lesung =gründlicher= Schriften von eben der
Materie würde verwandt haben, so sorge ich zugleich vor die Zärtlichkeit
seines Geschmacks, da ich mit Weglassung vieler wilden Chimären die
Quintessenz des Buchs auf wenig Tropfen bringe, wovor ich mir von ihm
ebensoviel Dank verspreche, als ein gewisser Patient glaubte den Ärzten
schuldig zu sein, daß sie ihn nur die Rinde von der Quinquina verzehren
ließen, da sie ihn leichtlich hätten nötigen können, den ganzen Baum
aufzuessen.
Herr SWEDENBORG teilet seine Erscheinungen in drei Arten ein, davon die
=erste= ist, vom Körper befreiet zu werden: ein mittlerer Zustand
zwischen Schlafen und Wachen, worin er Geister gesehen, gehört, ja
gefühlt hat. Dergleichen ist ihm nur drei- oder viermal begegnet. Die
=zweite= ist, vom Geiste weggeführt zu werden, da er etwa auf der Straße
geht, ohne sich zu verwirren, indessen daß er im Geiste in ganz anderen
Gegenden ist und anderwärts Häuser, Menschen, Wälder u. d. g. deutlich
sieht, und dieses wohl einige Stunden lang, bis er sich plötzlich
wiederum an seinem rechten Orte gewahr wird. Dieses ist ihm zwei- bis
dreimal zugestoßen. Die =dritte= Art der Erscheinungen ist die
gewöhnliche, welche er täglich im völligen Wachen hat, und davon auch
hauptsächlich diese seine Erzählungen hergenommen sind.
Alle Menschen stehen seiner Aussage nach in gleich inniglicher
Verbindung mit der Geisterwelt; nur sie empfinden es nicht, und der
Unterscheid zwischen ihm und den andern besteht nur darin, =daß sein
Innerstes aufgetan ist=, von welchem Geschenke er jederzeit mit
Ehrerbietigkeit redet (_datum mihi est ex divina Domini misericordia_).
Man siehet aus dem Zusammenhange, daß diese Gabe darin bestehen soll,
sich derer dunkelen Vorstellungen bewußt zu werden, welche die Seele
durch ihre beständige Verknüpfung mit der Geisterwelt empfängt. Er
unterscheidet daher an dem Menschen das äußere und innere Gedächtnis.
Jenes hat er als eine Person, die zu der sichtbaren Welt gehört, dieses
aber kraft seines Zusammenhanges mit der Geisterwelt. Darauf gründet
sich auch der Unterschied des äußeren und inneren Menschen, und sein
eigener Vorzug besteht darin, daß er schon in diesem Leben als eine
Person sich in der Gesellschaft der Geister sieht und von ihnen auch als
eine solche erkannt wird. In diesem innern Gedächtnis wird auch alles
aufbehalten, was aus dem äußeren verschwunden war, und es geht nichts
von allen Vorstellungen eines Menschen jemals verloren. Nach dem Tode
ist die Erinnerung alles desjenigen, was jemals in seine Seele kam und
was ihm selbst ehedem verborgen blieb, das vollständige Buch seines
Lebens.
Die Gegenwart der Geister trifft zwar nur seinen innern Sinn. Dieses
erregt ihm aber die Apparenz derselben als außer ihm und zwar unter
einer menschlichen Figur. Die Geistersprache ist eine unmittelbare
Mitteilung der Ideen, sie ist aber jederzeit mit der Apparenz derjenigen
Sprache verbunden, die er sonst spricht, und wird vorgestellt als außer
ihm. Ein Geist liest in eines andern Geistes Gedächtnis die
Vorstellungen, die dieser darin mit Klarheit enthält. So sehen die
Geister in SWEDENBORGEN seine Vorstellungen, die er von dieser Welt hat,
mit so klarem Anschauen, daß sie sich dabei selbst hintergehen und sich
öfters einbilden, sie sehen unmittelbar die Sachen, welches doch
unmöglich ist; denn kein reiner Geist hat die mindeste Empfindung von
der körperlichen Welt; allein durch die Gemeinschaft mit andern Seelen
lebender Menschen können sie auch keine Vorstellung davon haben, weil
ihr Innerstes nicht aufgetan ist, d. i. ihr innerer Sinn gänzlich
dunkele Vorstellungen enthält. Daher ist SWEDENBORG das rechte Orakel
der Geister, welche ebenso neugierig sind, in ihm den gegenwärtigen
Zustand der Welt zu beschauen, als er es ist, in ihrem Gedächtnis wie in
einem Spiegel die Wunder der Geisterwelt zu betrachten. Obgleich diese
Geister mit allen andern Seelen lebender Menschen gleichfalls in der
genauesten Verbindung stehen und in dieselbe wirken oder von ihnen
leiden, so wissen sie doch dieses ebensowenig, als es die Menschen
wissen, weil dieser ihr innerer Sinn, welcher zu ihrer geistigen
Persönlichkeit gehört, ganz dunkel ist. Es meinen also die Geister, daß
dasjenige, was aus dem Einflusse der Menschenseelen in ihnen gewirkt
worden, von ihnen allein gedacht sei, so wie auch die Menschen in diesem
Leben nicht anders glauben, als daß alle ihre Gedanken und
Willensregungen aus ihnen selbst entspringen, ob sie gleich in der Tat
oftmals aus der unsichtbaren Welt in sie übergehen. Indessen hat eine
jede menschliche Seele schon in diesem Leben ihre Stelle in der
Geisterwelt und gehört zu einer gewissen Sozietät, die jederzeit ihrem
innern Zustande des Wahren und Guten, d. i. des Verstandes und Willens,
gemäß ist. Es haben aber die Stellen der Geister untereinander nichts
mit dem Raume der körperlichen Welt gemein; daher die Seele eines
Menschen in Indien mit der eines andern in Europa, was die geistige
Lagen betrifft, oft die nächste Nachbaren sein, und dagegen die, so dem
Körper nach in einem Hause wohnen, nach jenen Verhältnissen weit gnug
voneinander entfernet sein können. Stirbt der Mensch, so verändert die
Seele nicht ihre Stelle, sondern empfindet sich nur in derselben, darin
sie in Ansehung anderer Geister schon in diesem Leben war. Übrigens,
obgleich die Verhältnis der Geister untereinander kein wahrer Raum ist,
so hat dieselbe doch bei ihnen die Apparenz desselben, und ihre
Verknüpfungen werden unter der begleitenden Bedingung der Naheiten, ihre
Verschiedenheiten aber als Weiten vorgestellt, so wie die Geister selber
wirklich nicht ausgedehnt sind, einander aber doch die Apparenz einer
menschlichen Figur geben. In diesem eingebildetem Raume ist eine
durchgängige Gemeinschaft der geistigen Naturen. SWEDENBORG spricht mit
abgeschiedenen Seelen, wenn es ihm beliebt, und liest in ihrem
Gedächtnis (Vorstellungskraft) denjenigen Zustand, darin sie sich selbst
beschauen, und siehet diesen ebenso klar als mit leiblichen Augen. Auch
ist die ungeheure Entfernung der vernünftigen Bewohner der Welt in
Absicht auf das geistige Weltganze vor nichts zu halten, und mit einem
Bewohner des Saturns zu reden, ist ihm ebenso leicht, als eine
abgeschiedene Menschenseele zu sprechen. Alles kommt auf das Verhältnis
des innern Zustandes und auf die Verknüpfung an, die sie untereinander
nach ihrer Übereinstimmung im =Wahren= und im =Guten= haben; die
entferntere Geister aber können leichtlich durch Vermittelung anderer in
Gemeinschaft kommen. Daher braucht der Mensch auch nicht in den übrigen
Weltkörpern wirklich gewohnt zu haben, um dieselbe dereinst mit allen
ihren Wundern zu kennen. Seine Seele lieset in dem Gedächtnisse anderer
abgeschiedenen Weltbürger ihre Vorstellungen, die diese von ihrem Leben
und Wohnplatze haben, und siehet darin die Gegenstände so gut wie durch
ein unmittelbares Anschauen.
Ein Hauptbegriff in SWEDENBORGS Phantasterei ist dieser. Die körperliche
Wesen haben keine eigene Subsistenz, sondern bestehen lediglich durch
die Geisterwelt, wiewohl ein jeder Körper nicht durch einen Geist
allein, sondern durch alle zusammengenommen. Daher hat die Erkenntnis
der materiellen Dinge zweierlei Bedeutung, einen äußerlichen Sinn in
Verhältnis der Materie aufeinander und einen innern, insoferne sie als
Wirkungen die Kräfte der Geisterwelt bezeichnen, die ihre Ursachen sind.
So hat der Körper des Menschen eine Verhältnis der Teile untereinander
nach materiellen Gesetzen; aber insoferne er durch den Geist, der in ihm
lebt, erhalten wird, haben seine verschiedene Gliedmaßen und ihre
Funktionen einen bezeichnenden Wert vor diejenige Seelenkräfte, durch
deren Wirkung sie ihre Gestalt, Tätigkeit und Beharrlichkeit haben.
Dieser innere Sinn ist den Menschen unbekannt, und den hat SWEDENBORG,
dessen Innerstes aufgetan ist, den Menschen bekannt machen wollen. Mit
allen andern Dingen der sichtbaren Welt ist es ebenso bewandt; sie
haben, wie gesagt, eine Bedeutung als Sachen, welches wenig ist und eine
andere als Zeichen, welches mehr ist. Dieses ist auch der Ursprung der
neuen Auslegungen, die er von der Schrift hat machen wollen. Denn der
innere Sinn, nämlich die symbolische Beziehung aller darin erzählten
Dinge auf die Geisterwelt, ist, wie er schwärmet, der Kern ihres Werts,
das übrige ist nur die Schale. Was aber wiederum in dieser symbolischen
Verknüpfung körperlicher Dinge als Bilder mit dem innern geistigen
Zustande wichtig ist, besteht darin: Alle Geister stellen sich einander
jederzeit unter dem Anschein ausgedehnter Gestalten vor, und die
Einflüsse aller dieser geistigen Wesen untereinander erregen ihnen
zugleich die Apparenz von noch andern ausgedehnten Wesen und gleichsam
von einer materialen Welt, deren Bilder doch nur Symbolen ihres inneren
Zustandes sind, aber gleichwohl eine so klare und dauerhafte Täuschung
des Sinnes verursachen, daß solche der wirklichen Empfindung solcher
Gegenstände gleich ist. (Ein künftiger Ausleger wird daraus schließen,
daß SWEDENBORG ein Idealist sei, weil er der Materie dieser Welt auch
die eigne Subsistenz abspricht und sie daher vielleicht nur vor eine
zusammenhängende Erscheinung halten mag, welche aus der Verknüpfung der
Geisterwelt entspringt). Er redet also von Gärten, weitläuftigen
Gegenden, Wohnplätzen, Galerien und Arkaden der Geister, die er mit
eigenen Augen in dem kläresten Lichte sähe, und versichert, daß, da er
mit allen seinen Freunden nach ihrem Tode vielfältig gesprochen, er an
denen, die nur kürzlich gestorben, fast jederzeit gefunden hätte, daß
sie sich kaum hätten überreden können, gestorben zu sein, weil sie eine
ähnliche Welt um sich sähen; imgleichen, daß Geistergesellschaften von
einerlei innerem Zustande einerlei Apparenz der Gegend und anderer
daselbst befindlichen Dinge hätten, die Veränderung ihres Zustandes aber
sei mit dem Schein der Veränderung des Orts verbunden. Weil nun
jederzeit, wenn die Geister den Menschenseelen ihre Gedanken mitteilen,
diese mit der Apparenz materieller Dinge verbunden sind, welche im
Grunde nur kraft einer Beziehung auf den geistigen Sinn, doch mit allem
Schein der Wirklichkeit sich demjenigen vormalen, der solche empfängt,
so ist daraus der Vorrat der wilden und unaussprechlich albernen
Gestalten herzuleiten, welche unser Schwärmer bei seinem täglichen
Geisterumgange in aller Klarheit zu sehen glaubt.
Ich habe schon angeführt, daß nach unserm Verfasser die mancherlei
Kräfte und Eigenschaften der Seele mit denen ihrer Regierung
untergeordneten Organen des Körpers in Sympathie stehen. Der ganze
äußere Mensch korrespondiert also dem ganzen innern Menschen, und wenn
daher ein merklicher geistiger Einfluß aus der unsichtbaren Welt eine
oder andere dieser seiner Seelenkräfte vorzüglich trifft, so empfindet
er auch harmonisch die apparente Gegenwart desselben an denen Gliedmaßen
seines äußeren Menschen, die diesen korrespondieren. Dahin bezieht er
nun eine große Mannigfaltigkeit von Empfindungen an seinem Körper, die
jederzeit mit der geistigen Beschauung verbunden sind, deren
Ungereimtheit aber zu groß ist, als daß ich es wagen dürfte, nur eine
einzige derselben anzuführen.
Hieraus kann man sich nun, wofern man es der Mühe wert hält, einen
Begriff von der abenteuerlichsten und seltsamsten Einbildung machen, in
welche sich alle seine Träumereien vereinbaren. So wie nämlich
verschiedene Kräfte und Fähigkeiten diejenige Einheit ausmachen, welche
die Seele oder der innere Mensch ist, so machen auch verschiedene
Geister, (deren Hauptcharaktere sich ebenso aufeinander beziehen, wie
die mancherlei Fähigkeiten eines Geistes untereinander), eine Sozietät
aus, welche die Apparenz eines großen Menschen an sich zeigt, und in
welchem Schattenbilde ein jeder Geist sich an demjenigen Orte und in den
scheinbaren Gliedmaßen sieht, die seiner eigentümlichen Verrichtung in
einem solchen geistigen Körper gemäß sind. Alle Geistersozietäten aber
zusammen und die ganze Welt aller dieser unsichtbaren Wesen erscheinet
zuletzt selbst wiederum in der Apparenz des =größesten Menschen=. Eine
ungeheure und riesenmäßige Phantasie, zu welcher sich vielleicht eine
alte kindische Vorstellung ausgedehnt hat, wenn etwa in Schulen, um dem
Gedächtnis zu Hülfe zu kommen, ein ganzer Weltteil unter dem Bilde einer
sitzenden Jungfrau u. d. g. den Lehrlingen vorgemalt wird. In diesem
unermeßlichen Menschen ist eine durchgängige innigste Gemeinschaft eines
Geistes mit allen und aller mit einem, und wie auch immer die Lage der
lebenden Wesen gegeneinander in dieser Welt oder deren Veränderung
beschaffen sein mag, so haben sie doch eine ganz andere Stelle im
größesten Menschen, welche sie niemals verändern und welche nur dem
Scheine nach ein Ort in einem unermeßlichen Raume, in der Tat aber eine
bestimmte Art ihrer Verhältnisse und Einflüsse ist.
Ich bin es müde, die wilden Hirngespinste des ärgsten Schwärmers unter
allen zu kopieren oder solche bis zu seinen Beschreibungen vom Zustande
nach dem Tode fortzusetzen. Ich habe auch noch andere Bedenklichkeiten.
Denn obgleich ein Natursammler unter den präparierten Stücken tierischer
Zeugungen nicht nur solche, die in natürlicher Form gebildet sind,
sondern auch Mißgeburten in seinem Schranke aufstellt, so muß er doch
behutsam sein, sie nicht jedermann und nicht gar zu deutlich sehen zu
lassen. Denn es könnten unter den Vorwitzigen leichtlich schwangere
Personen sein, bei denen es einen schlimmen Eindruck machen dürfte. Und
da unter meinen Lesern einige in Ansehung der idealen Empfängnis
ebensowohl in andern Umständen sein mögen, so würde mir es leid tun,
wenn sie sich hier etwa woran sollten versehen haben. Indessen, weil ich
sie doch gleich anfangs gewarnet habe, so stehe ich vor nichts und
hoffe, man werde mir die Mondkälber nicht aufbürden, die bei dieser
Veranlassung von ihrer fruchtbaren Einbildung möchten geboren werden.
Übrigens habe ich den Träumereien unseres Verfassers keine eigene
unterschoben, sondern solche durch einen getreuen Auszug dem bequemen
und wirtschaftlichen Leser, (der einem kleinen Vorwitze nicht so leicht
7 Pfund Sterlinge aufopfern möchte), dargeboten. Zwar sind die
unmittelbare Anschauungen mehrenteils von mir weggelassen worden, weil
dergleichen wilde Hirngespinste nur den Nachtschlaf des Lesers stören
würden; auch ist der verworrene Sinn seiner Eröffnungen hin und wieder
in eine etwas gangbare Sprache eingekleidet worden; allein die Hauptzüge
des Abrisses haben dadurch in ihrer Richtigkeit nicht gelitten.
Gleichwohl ist es nur umsonst, es verhehlen zu wollen, weil es jedermann
doch so in die Augen fällt, daß alle diese Arbeit am Ende auf nichts
herauslaufe. Denn da die vorgegebene Privaterscheinungen des Buchs sich
selbst nicht beweisen können, so konnte der Bewegungsgrund, sich mit
ihnen abzugeben, nur in der Vermutung liegen, daß der Verfasser zur
Beglaubigung derselben sich vielleicht auf Vorfälle von der oben
erwähnten Art, die durch lebende Zeugen bestätigt werden könnten,
berufen würde. Dergleichen aber findet man nirgend. Und so ziehen wir
uns mit einiger Beschämung von einem törichten Versuche zurück mit der
vernünftigen, obgleich etwas späten Anmerkung, daß das Klugdenken
mehrenteils eine leichte Sache sei, aber leider nur, nachdem man sich
eine Zeitlang hat hintergehen lassen.
* * * * *
Ich habe einen undankbaren Stoff bearbeitet, den mir die Nachfrage und
Zudringlichkeit vorwitziger und müßiger Freunde unterlegte. Indem ich
diesem Leichtsinn meine Bemühung unterwarf, so habe ich zugleich dessen
Erwartung betrogen und weder dem Neugierigen durch Nachrichten, noch dem
Forschenden durch Vernunftgründe etwas zur Befriedigung ausgerichtet.
Wenn keine andre Absicht diese Arbeit beseelte, so habe ich meine Zeit
verloren; ich habe das Zutrauen des Lesers verloren, dessen Erkundigung
und Wißbegierde ich durch einen langweiligen Umweg zu demselben Punkte
der Unwissenheit geführet habe, aus welchem er herausgegangen war.
Allein ich hatte in der Tat einen Zweck vor Augen, der mir wichtiger
scheint als der, welchen ich vorgab, und diesen meine ich erreicht zu
haben. Die Metaphysik, in welche ich das Schicksal habe verliebt zu
sein, ob ich mich gleich von ihr nur selten einiger Gunstbezeugungen
rühmen kann, leistet zweierlei Vorteile. Der erste ist, denen Aufgaben
ein Gnüge zu tun, die das forschende Gemüt aufwirft, wenn es
verborgenern Eigenschaften der Dinge durch Vernunft nachspähet. Aber
hier täuscht der Ausgang nur gar zu oft die Hoffnung und ist diesmal
auch unsern begierigen Händen entgangen.
Ter frustra comprensa manus effugit imago
Par levibus ventis volucrique simillima somno.