VIRG.

Die Philosophie, deren Eigendünkel macht, daß sie sich selbst allen

eiteln Fragen bloßstellet, siehet sich oft bei dem Anlasse gewisser

Erzählungen in schlimmer Verlegenheit, wenn sie entweder an einigem in

denselben ungestraft nicht =zweifeln= oder manches davon unausgelacht

nicht =glauben= darf. Beide Beschwerlichkeiten finden sich in gewisser

Maße bei den herumgehenden Geistergeschichten zusammen, die erste bei

Anhörung desjenigen, der sie beteurt, und die zweite in Betracht derer,

auf die man sie weiter bringt. In der Tat ist auch kein Vorwurf dem

Philosophen bitterer, als der der Leichtgläubigkeit und der Ergebenheit

in den gemeinen Wahn, und da diejenigen, welche sich darauf verstehen,

gutes Kaufs klug zu scheinen, ihr spöttisches Gelächter auf alles

werfen, was die Unwissenden und die Weisen gewissermaßen gleichmacht,

indem es beiden unbegreiflich ist, so ist kein Wunder, daß die so häufig

vorgegebene Erscheinungen großen Eingang finden, öffentlich aber

entweder abgeleugnet oder doch verhehlet werden. Man kann sich daher

darauf verlassen, daß niemals eine Akademie der Wissenschaften diese

Materie zur Preisfrage machen werde; nicht als wenn die Glieder

derselben gänzlich von aller Ergebenheit in die gedachte Meinung frei

wären, sondern weil die Regel der Klugheit denen Fragen, welche der

Vorwitz und die eitle Wißbegierde ohne Unterscheid aufwirft, mit Recht

Schranken setzet. Und so werden die Erzählungen von dieser Art wohl

jederzeit nur heimliche Gläubige haben, öffentlich aber durch die

herrschende Mode des Unglaubens verworfen werden.

Da mir indessen diese ganze Frage weder wichtig noch vorbereitet gnug

scheint, um über dieselbe etwas zu entscheiden, so trage ich kein

Bedenken, hier eine Nachricht der erwähnten Art anzuführen und sie mit

völliger Gleichgültigkeit dem geneigten oder ungeneigten Urteile der

Leser preiszugeben.

Es lebt zu Stockholm ein gewisser Herr SWEDENBORG ohne Amt oder

Bedienung von seinem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine ganze

Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er selbst sagt, schon seit mehr

als zwanzig Jahren mit Geistern und abgeschiedenen Seelen im genauesten

Umgange stehet, von ihnen Nachrichten aus der andern Welt einholet und

ihnen dagegen welche aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über

seine Entdeckungen abfaßt und bisweilen nach London reiset, um die

Ausgabe derselben zu besorgen. Er ist eben nicht zurückhaltend mit

seinen Geheimnissen, spricht mit jedermann frei davon, scheint

vollkommen von dem, was er vorgibt, überredet zu sein ohne einigen

Anschein eines angelegten Betruges oder Charlatanerei. So wie er, wenn

man ihm selbst glauben darf, der Erzgeisterseher unter allen

Geistersehern ist, so ist er auch sicherlich der Erzphantast unter allen

Phantasten, man mag ihn nun aus der Beschreibung derer, welche ihn

kennen oder aus seinen Schriften beurteilen. Doch kann dieser Umstand

diejenige, welche den Geistereinflüssen sonst günstig sind, nicht

abhalten, hinter solcher Phantasterei noch etwas Wahres zu vermuten.

Weil indessen das Kreditiv aller Bevollmächtigten aus der andern Welt in

den Beweistümern besteht, die sie durch gewisse Proben in der

gegenwärtigen von ihrem außerordentlichen Beruf ablegen, so muß ich von

demjenigen, was zur Beglaubigung der außerordentlichen Eigenschaft des

gedachten Mannes herumgetragen wird, wenigstens dasjenige anführen, was

noch bei den meisten einigen Glauben findet.

Gegen das Ende des Jahres 1761 wurde Herr SWEDENBORG zu einer Fürstin

gerufen, deren großer Verstand und Einsicht es beinahe unmöglich machen

sollte, in dergleichen Fällen hintergangen zu werden. Die Veranlassung

dazu gab das allgemeine Gerüchte von denen vorgegebenen Visionen dieses

Mannes. Nach einigen Fragen, die mehr darauf abzielten, sich mit seinen

Einbildungen zu belustigen, als wirkliche Nachrichten aus der andern

Welt zu vernehmen, verabschiedete ihn die Fürstin, indem sie ihm vorher

einen geheimen Auftrag tat, der in seine Geistergemeinschaft einschlug.

Nach einigen Tagen erschien Herr SWEDENBORG mit der Antwort, welche von

der Art war, daß solche die Fürstin ihrem eigenen Geständnisse nach in

das größeste Erstaunen versetzte, indem sie solche wahr befand und ihm

gleichwohl solche von keinem lebendigen Menschen konnte erteilt sein.

Diese Erzählung ist aus dem Berichte eines Gesandten an dem dortigen

Hofe, der damals zugegen war, an einen andern fremden Gesandten in

Kopenhagen gezogen worden, stimmt auch genau mit dem, was die besondere

Nachfrage darüber hat erkundigen können, zusammen.

Folgende Erzählungen haben keine andere Gewährleistung als die gemeine

Sage, deren Beweis sehr mißlich ist. Madame MARTEVILLE, die Witwe eines

holländischen Envoyé an dem schwedischen Hofe, wurde von den Angehörigen

eines Goldschmiedes um die Bezahlung des Rückstandes vor ein

verfertigtes Silberservice gemahnet. Die Dame, welche die regelmäßige

Wirtschaft ihres verstorbenen Gemahls kannte, war überzeugt, daß diese

Schuld schon bei seinem Leben abgemacht sein müßte; allein sie fand in

seinen hinterlassenen Papieren gar keinen Beweis. Das Frauenzimmer ist

vorzüglich geneigt, den Erzählungen der Wahrsagerei, der Traumdeutung

und allerlei anderer wunderbarer Dinge Glauben beizumessen. Sie

entdeckte daher ihr Anliegen dem Herrn SWEDENBORG mit dem Ersuchen, wenn

es wahr wäre, was man von ihm sagte, daß er mit abgeschiedenen Seelen im

Umgange stehe, ihr aus der andern Welt von ihrem verstorbenen Gemahl

Nachricht zu verschaffen, wie es mit der gedachten Anforderung bewandt

sei. Herr SWEDENBORG versprach solches zu tun und stellte der Dame nach

wenig Tagen in ihrem Hause den Bericht ab, daß er die verlangte

Kundschaft eingezogen habe, daß in einem Schrank, den er anzeigte und

der ihrer Meinung nach völlig ausgeräumt war, sich noch ein verborgenes

Fach befinde, welches die erforderliche Quittungen enthielte. Man suchte

sofort seiner Beschreibung zufolge und fand nebst der geheimen

holländischen Correspondence die Quittungen, wodurch alle gemachte

Ansprüche völlig getilgt wurden.

Die dritte Geschichte ist von der Art, daß sich sehr leicht ein

vollständiger Beweis ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit muß geben

lassen. Es war, wo ich recht berichtet bin, gegen das Ende des 1759ten

Jahres, als Herr SWEDENBORG, aus England kommend, an einem Nachmittage

zu =Gotenburg= ans Land trat. Er wurde denselben Abend zu einer

Gesellschaft bei einem dortigen Kaufmann gezogen und gab ihr nach

einigem Aufenthalt mit allen Zeichen der Bestürzung die Nachricht, daß

eben jetzt in Stockholm im =Südermalm= eine erschreckliche Feuersbrunst

wüte. Nach Verlauf einiger Stunden, binnen welchen er sich dann und wann

entfernte, berichtete er der Gesellschaft, daß das Feuer gehemmet sei,

imgleichen wie weit es um sich gegriffen habe. Ebendenselben Abend

verbreitete sich schon diese wunderliche Nachricht und war den andern

Morgen in der ganzen Stadt herumgetragen; allein nach zwei Tagen

allererst kam der Bericht davon aus Stockholm in Gotenburg an, völlig

einstimmig, wie man sagt, mit SWEDENBORGS Visionen.

Man wird vermutlich fragen, was mich doch immer habe bewegen können, ein

so verachtetes Geschäfte zu übernehmen, als dieses ist, Märchen weiter

zu bringen, die ein Vernünftiger Bedenken trägt, mit Geduld anzuhören,

ja solche gar zum Text philosophischer Untersuchungen zu machen. Allein

da die Philosophie, welche wir voranschickten, ebensowohl ein Märchen

war aus dem =Schlaraffenlande= der Metaphysik, so sehe ich nichts

Unschickliches darin, beide in Verbindung auftreten zu lassen; und warum

sollte es auch eben rühmlicher sein, sich durch das blinde Vertrauen in

die Scheingründe der Vernunft, als durch unbehutsamen Glauben an

betrügliche Erzählungen hintergehen zu lassen?

Torheit und Verstand haben so unkenntlich bezeichnete Grenzen, daß man

schwerlich in dem einen Gebiete lange fortgeht, ohne bisweilen einen

kleinen Streif in das andre zu tun; aber was die Treuherzigkeit anlangt,

die sich bereden läßt, vielen festen Beteurungen selbst wider die

Gegenwehr des Verstandes bisweilen etwas einzuräumen, so scheint sie ein

Rest der alten Stammehrlichkeit zu sein, die freilich auf den jetzigen

Zustand nicht recht paßt und daher oft zur Torheit wird, aber darum doch

eben nicht als ein natürliches Erbstück der Dummheit angesehen werden

muß. Daher überlasse ich es dem Belieben des Lesers, bei der

wunderlichen Erzählung, mit welcher ich mich bemenge, jene zweideutige

Mischung von Vernunft und Leichtgläubigkeit in ihre Elemente aufzulösen

und die Proportion beider Ingredienzien vor meine Denkungsart

auszurechnen. Denn da es bei einer solchen Kritik doch nur um die

Anständigkeit zu tun ist, so halte ich mich gnugsam vor dem Spott

gesichert, dadurch daß ich mit dieser Torheit, wenn man sie so nennen

will, mich gleichwohl in recht guter und zahlreicher Gesellschaft

befinde, welches schon gnug ist, wie FONTENELLE glaubt, um wenigstens

nicht vor unklug gehalten zu werden. Denn es ist zu allen Zeiten so

gewesen und wird auch wohl künftighin so bleiben, daß gewisse

widersinnige Dinge selbst bei Vernünftigen Eingang finden, bloß darum

weil allgemein davon gesprochen wird. Dahin gehören die Sympathie, die

Wünschelrute, die Ahndungen, die Wirkung der Einbildungskraft

schwangerer Frauen, die Einflüsse der Mondwechsel auf Tiere und Pflanzen

u. d. g. Ja, hat nicht vor kurzem das gemeine Landvolk denen Gelehrten

die Spötterei gut vergolten, welche sie gemeiniglich auf dasselbe der

Leichtgläubigkeit wegen zu werfen pflegen? Denn durch vieles Hörensagen

brachten Kinder und Weiber endlich einen großen Teil kluger Männer

dahin, daß sie einen gemeinen Wolf vor eine =Hyäne= hielten, obgleich

jetzo ein jeder Vernünftiger leicht einsieht, daß in den Wäldern von

Frankreich wohl kein afrikanisches Raubtier herumlaufen werde. Die

Schwäche des menschlichen Verstandes in Verbindung mit seiner

Wißbegierde macht, daß man anfänglich Wahrheit und Betrug ohne

Unterschied aufraffet. Aber nach und nach läutern sich die Begriffe, ein

kleiner Teil bleibt, das übrige wird als Auskehricht weggeworfen.

Wem also jene Geistererzählungen eine Sache von Wichtigkeit zu sein

scheinen, der kann immerhin, im Fall er Geld gnug und nichts Besseres zu

tun hat, eine Reise auf eine nähere Erkundigung derselben wagen, so wie

ARTEMIDOR zum Besten der Traumdeutung in Kleinasien herumzog. Es wird

ihm auch die Nachkommenschaft von ähnlicher Denkungsart davor höchlich

verbunden sein, daß er verhütete, damit nicht dereinst ein anderer

PHILOSTRAT aufstände, der nach Verlauf vieler Jahre aus unserm

SWEDENBORG einen neuen APOLLONIUS =von Tyane= machete, wenn das

Hörensagen zu einem förmlichen Beweise wird gereifet sein, und das

ungelegene, obzwar höchstnötige Verhör der Augenzeugen dereinst

unmöglich geworden sein wird.

Zweites Hauptstück. _Ekstatische Reise eines Schwärmers durch die

Geisterwelt._

Somnia, terrores magicos, miracula, sagas,

Nocturnos lemures, portentaque Thessala --.

Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik · 第 4 / 9 题