und ein lachendes humordurchstrahltes Gesicht schaute herein, zwei
Augen, aus denen Lebenslust und herzerquickender Frohsinn lachten, ein
schmalbärtiger Mund, um dessen Winkel es wie tausend Schelme zugleich
zuckte -- und die Stimme sagte im gemütlichsten Weanerisch: »Den muß i
mir doch amol anschaugn, den g'meinsamen Mann!«
Ein belebender Hauch fuhr in unsere müd-faule Abgespanntheit, zündend
wie ein elektrischer Funke sprang der goldene Humor von einem zum
anderen über.
»Eins, zwei, drei, vier, fünf Damen!« zählte der Wiener. »Wie an
richtiger Padischah also, -- muß der aber Couraschi hob'n, der
G'meinsame! Jetzt, wo steckt er denn eigentlich?«
»Er wird gleich wiederkommen, warten Sie nur,« sagte unsere lustige
Jüngste.
Mit beiden Füßen stand der Fremdling mitten in der ungewollt komischen
Situation.
»Reichsdaitsche, dacht' ich mir's doch,« konstatierte er ernsthaft.
»Bei uns in Österreich is nämlich d' Bigamie verboten, meine Damen.
Wann i ihn jetzt anzeigen tät, den g'meinsamen Mann, nachher würd' er
augenblicklich arretiert und ich könnt' mich dahier so hübsch warm und
weich auf sein Platzerl setzen. Aber ich will Gnad' für Recht ergehn
lassen, wann's jetzt ein Bisserl z'sammenrücken tät'n.«
Lachend taten wir ihm den Gefallen -- lustige Leut' schlagen sich
überall durch die Welt.
»Jetzt, wia schaugt er denn aus, der G'meinsame, daß wir ihn auch
erkennen, wann er wiederkommt?« begann er behaglich.
»Klein und schmächtig,« sagte kichernd die eine.
»Blaß und schmal und gedrückt.«
»Kann ich mir denken,« nickte der Wiener verständnisinnig. »Fünf Damen
-- au du mein!«
»Blond und bartlos,« ging das Signalement weiter, und eine ganz
Übermütige fügte hinzu: »Und Kärlchen heißt er.«
»Kerlchen? -- Jesses, Jesses, nu sagen's bloß noch, an Halsbandel hat
er um und vier Beine und a g'stutztes Schwanzerl -- und bellen kann er
auch.«
»Aber, Kinder!« mahnte halblaut unsere sanfte Hella, und die
dunkeläugige Iz fragte etwas von oben herab: »Mir scheint, Sie glauben
nicht recht an unseren gemeinsamen Herrn? Bitte -- hier ist sein Hut,
und dort hängt sein Wettermantel.«
»Wettermantel ist gut!« Der Wiener lachte, daß er sich schüttelte. »Sie
wissen doch, meine Damen, der ägyptische Joseph hat auch seinen --
Wettermantel der Frau Potiphar zurückgelassen und ist ...«
Empört fuhren wir alle auf, bloß eine sagte mit schöner Gelassenheit:
»... ausgestiegen, um ein Glas Bier zu trinken. O ja, wir wissen's noch
recht gut, mein Herr, es ist ja noch nicht gar so lange her, seit wir
auf der Schulbank saßen.«
Jetzt sah er uns alle der Reihe nach an, prüfend, nachdenklich -- und
auf einmal schlug er sich mit der flachen Hand vor den Kopf.
»Ei du mein, daß mir dös auch net eher einfallt! Jetzt hob ich's,
natürlich -- dös hier is g'wiß die erste Klasse, die mit ihrem
Professor einen Ausflug macht. Meiner Treu!«
»Professor ist gut,« meinte eine halblaut.
»No also, hob ich doch recht. Aber jetzt, wo steckt er denn? -- Sind
Sie vielleicht der g'meinsame Mann?« fuhr er auf ein altes verhutzeltes
Männchen los, das eben seinen eisgrauen Kopf schüchtern durch die Tür
steckte.
»Nein, o nein!« wehrten wir mit Mund und Händen ab.
»Oder sind Sie's?« fragte er einen anderen, der neugierig um die Ecke
guckte. Der fuhr des Todes erschrocken zurück. »'s Kreuz hätt' er
glei schlag'n soll'n«, meinte der Wiener trocken. »Is dös a Nazi, vor
fünf hübsche junge Damen so an Schreck zu kriag'n. -- Nu aber, unser
G'meinsamer, dös scheint mir wirklich der Mann im Mond zu sein. Der Zug
geht ab, und er is immer noch net da.«
Ein fünfstimmiges Freudengeschrei ließ ihn den Kopf wenden. Sein
Gesicht war einfach nicht zu bezahlen, als er sich unserem Kärlchen
gegenübersah, dessen mächtige breitschultrige Hünengestalt die
ganze Türöffnung ausfüllte, gekrönt von einem blühenden Angesicht
mit stattlichem schwarzen Vollbart, lachenden Augen und zufriedenem
Schmunzeln. Lachende Augen, jawohl -- denn im Eifer unserer
Coupéverteidigung und des nachfolgenden lustigen Geplänkels hatte keins
von uns auf die Station geachtet, und die hieß Trient, und Kärlchen
hatte seinen Durst an kühlem Bier gelöscht und stand nun da wie ein
satter, schmunzelnder Gambrinus, in einer Hand ein Brötchen, in der
anderen ein paar Wiener Würstchen.
»No, mir scheint, Sie halten's aus!« sagte der Wiener verdutzt.
Wir schrien unserem Kavalier entgegen: »Kärlchen, hast du ...? O wie
nett! Gib mir! -- Nein, bitte, mir zuerst!«
Kärlchen tat erst seelenruhig einen neuen Biß nach rechts und links und
schüttelte dann sein mächtiges Haupt.
»Ja, Kinder, an euch hab' ich, ehrlich gestanden, nicht gedacht. 's
hätt' auch nichts genützt, dies waren die letzten.«
Was half's, daß wir mit Schelten und Lachen über ihn herfielen,
Kärlchens schöne Ruhe blieb unerschütterlich, und währenddes
verschwand auch der letzte Rest von Wurst und Brötchen zwischen seinen
prachtvollen Zähnen.
Der Wiener hatte ihm unverwandt, aufmerksam, beinah andächtig
zugesehen. Dann nickte er.
»Also Sie sind der gemeinsame Mann? Ja, dös glaub' i gern, daß Sie das
Kunststück fertig bringen,« sagte er voll aufrichtiger Bewunderung.
Nachdem der Sturm unserer von Hunger und Durst aufgestachelten Empörung
sich einigermaßen gelegt hatte, erzählten wir alle durcheinander,
lachend, in dramatischer Lebendigkeit die eben erlebte Szene.
Kärlchen amüsierte sich königlich. Und wir mit. Denn es war zu
possierlich, wie der Wiener sich abmühte, herauszukriegen, wer von uns
fünfen denn nun eigentlich das erste und standesamtlich verbriefte
Anrecht auf Kärlchens Person hätte.
»Akkurat wie ich mir's gedacht hob, die erste Töchterschulklass' mit
'n Herrn Direktor auf einem Ausflug ins klassische Land der Kunst,«
klopfte er auf den Busch.
»Professor,« verbesserte eine.
»Professor, ja richtig -- freut mich ungemein, Ihre werte Bekanntschaft
zu machen! Und welche von den fünf hübschen jungen Damen is denn nun
Ihre Frau Professorin?«
»Raten!«
»Ja, Kuchen. Wann der Herr Professor net so an Ausbund von ein'
G'mütsmenschen g'wesen wär' und wenigstens der Frau Gemahlin ein paar
Würsteln mitgebracht hätt' -- nachher wüßt' ich's gleich.«
Wir sahen uns an, es zuckte um aller Lippen, es sprühte und
wetterleuchtete in lachenden jungen Augen -- wie ein elektrischer
Funken flog stillschweigendes Einverständnis heimlicher Verschwörung
zwischen uns hin und wider.
»Da haben Sie's, geschieht Ihnen ganz recht, Sie Schlimmer --
wenigstens der Frau Professor hätten Sie ein Paar mitbringen sollen!«
sagte unsere Jüngste, die für gewöhnlich mit Kärlchen nicht auf so
zeremoniellem Fuße steht.
Der Wiener konstatierte im stillen: die Blonde, Temperamentvolle, die
das Wort vom gemeinsamen Mann gesprochen, das ist also keinesfalls die
Frau.
»Ja, weiß Gott, einfach himmelschreiend, daß du nicht einmal an mich
gedacht hast, Karl!« sagte die braune Iz, ohne den leisesten Anspruch
an den Titel einer Professorsfrau zu besitzen.
Aha, _die_ also, die Braune, dachte der Wiener.
»Ich hätte wohl noch ältere Anrechte!« begann vorwurfsvoll die dritte.
Die »älteren Anrechte« machten unseren Wiener sichtlich aufs neue
stutzig, er fixierte die Sprecherin, taxierte sie im stillen auf
ihr Alter. Mutter? -- unmöglich! Tante? -- vielleicht. Es gibt sehr
jugendliche Tanten, beruhigte er sich. Man sah ihm die grübelnden
Gedanken an der Nasenspitze an -- wir starben beinah vor Lachen. Jetzt
ein Blick auf unsere Hände, ein blitzschnell streifender, der leider
feststellte: keine einzige trägt einen Trauring. Keine? Die sanfte
Hella, unsere Prinzeß auf der Erbse, die sich vor jedem Stäubchen
fürchtet, hatte trotz der Gluthitze ihre Handschuhe nicht ausgezogen.
Die ist's nun aber ganz gewiß! dachte der Wiener.
»Gnädige Frau? -- Frau Professorin?« Er machte eine leichte fragende
Verbeugung.
Sie wurde blutrot, mußte aber doch lachen, und wir anderen klatschten
ausgelassen in die Hände: »Stimmt! Geraten! -- Kunststück!«
Wieder sah er uns der Reihe nach an. Wir anderen waren also frei, uns
konnte er nach Herzenslust die Kur schneiden; sonderbarerweise schien
er nicht die mindeste Lust zu verspüren, uns, die wir uns so viel
Müh' um ihn gegeben, diesen Gefallen zu tun. Verbotenes lockt -- und
die stillen Wasser hatten's ihm angetan, die wunderschönen sanften
Rehaugen der »Frau Professorin,« die bisher noch kein Wort mit ihm
geredet, nur immer still und aufmerksam zugehört hatte, als könne sie
sich gar nicht satt hören an dem herzigen »Weanerisch«. Ordentlich
angetan! Wir merkten's bald. Und wir schürten das Feuer. Es machte uns
einen Heidenspaß, ihr zulieb -- die heut so besonders reizend aussah
mit ihrem aschblonden Wuschelhaar unter der kleidsamen schottischen
Reisemütze, die Kärlchen nach endlosem Wählen und Feilschen in München
für sie erstanden -- und Kärlchen zuleide, der doch auch wahrlich
nichts Besseres um uns verdient hatte. Er forderte unsere Spottlust
ja förmlich heraus, wie er so satt und behäbig in seiner künstlich
abgenutzten hochtouristischen Ausstaffierung dasaß -- die genagelten
Bergschuhe an den Füßen, in denen er als harmlose und bescheidene
Talschnecke sich von Bank zu Bank zu drücken pflegt -- wie ein Schlot
qualmte und ab und zu ein paar sachverständige Brocken zwischen die
schlichten Wanderberichte des Wiener Alpenbesteigers warf. Immer
aufs neue setzte es für diesen Gemütsmenschen einen kleinen lustigen
Seitenhieb.
Mitten hinein in seine harmlose Prahlerei, wie er einst mit List und
Gewalt in einem kleinen Alpengasthause das beste Nachtquartier für
sich erobert, indem er aus allen Betten ein Kissen oder eine Decke
zusammenstahl, fuhr ihm ein scharfes Zünglein: »Natürlich! daß du ein
abscheulicher Egoist bist, das wußten wir ja längst, aber dies Heutige
übersteigt denn doch alle Begriffe! In Gegenwart seiner eigenen ...«
Die hübsche Sprecherin verwirrte sich, stockte einen Moment und
fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »-- in Gegenwart der armen,
halbverhungerten Hella, vor ihren Augen wagt es dies Ungeheuer, sich
satt und voll zu essen!«
»Lieber Gott -- als ob sie nicht schon Kummer gewohnt wär', die Arme!«
stimmte eine andere heuchlerisch zu. »Bedenkt doch nur all die Jahre,
seit sie mit dieser Seele von einem Menschen haust, was hat die nicht
schon alles durchgemacht! Das geht auf keine Kuhhaut.«
»Ich werde euch gelegentlich eine Elefantenhaut für diesen Zweck zur
Verfügung stellen,« schmunzelte Kärlchen ungerührt.
»Laßt ihn doch in Ruh'!« wehrte Hella unserem boshaften Übereifer. »Er
hat's ja nicht bös gemeint. Ihr hört doch, es waren die letzten, was
hätten die uns genützt? Ein Paar Würstchen für uns alle fünf!«
»Wir sollen ihm wohl noch dankbar sein, deinem Herrn und Gebieter?«
hieß es spöttisch, und unsere kühne Jüngste verstieg sich zu dem
Mißtrauensvotum: dies letzte mitgebrachte Paar sei ganz sicher nicht
das erste und einzige gewesen, was Kärlchen in Trient erstanden und
sich heimlich zu Gemüte geführt hätte.
Man sah's dem Wiener an, wie er mit ganzer Seele innerlich Partei für
die unterdrückte Frau nahm, die den gefühlsrohen Gatten auch noch
verteidigte und immer gleich sanft und freundlich blieb. Kein Zweifel,
sie war eine Unglückliche! Von nun an widmete er sich ihr mit einem
Eifer, der uns andere beinah neidisch machte.
Wir hielten uns dafür an Kärlchen schadlos. Der wurde gezwickt und
gezwiebelt bis aufs Blut, bis er's zuletzt nicht mehr aushielt und
samt seiner qualmenden Bauernpfeife in die Öffentlichkeit, will sagen,
den Korridor, hinausflüchtete. Vielleicht verdroß ihn auch die zarte
Huldigung des Wieners für seine »Frau Professorin«. Daß dieser auch ihr
sympathisch war, merkten wir ganz gut. Und wir ahnten auch wohl, warum.
Gelacht wurde auch ohne Kärlchen noch genug, und eh' wir uns
versahen, war Bozen erreicht. Als wir uns am Bahnhof von dem lustigen
Wiener trennten, wurde schnell noch für den Abend ein Rendezvous im
Batzenhäusl verabredet.
Und dann eilten wir ins Stiegl.
Nicht nur der Hunger trieb uns -- auch die Sehnsucht; erwarteten
wir doch Nachricht von unseren vielgeliebten -- Ehemännern, die
inzwischen die Geislerspitzen, den Schlern und weiß ich was sonst
noch für Dolomittürme erklettert hatten -- während wir vier lustige
junge Strohwitwen mit unserem Allerweltsvetter, Schwager und Bruder,
dem sogenannten faulen Kärlchen, unserem »gemeinsamen Mann«, eine
Spritztour an den Gardasee gemacht hatten. Als richtige übermütige
Strohwitwen, den Trauring im Goldtäschchen unterm Mieder -- wir
wollten uns mal frank und frei nach Herzenslust amüsieren. Und das
hatten wir getan. Selbst unsere ernsthafte Fünfte, Kärlchens leibliche
Schwester, die _eine wirkliche_ Witwe unter uns ausgelassenen jungen
Frauen.
Das Erlebnis mit dem Wiener war nur der würdige Abschluß einer
Reihe von himmlischen Tagen auf und am Gardasee, wobei unserem
stattlichen Kavalier von neugierigen Mitreisenden abwechselnd die
Rolle eines töchtergesegneten Vaters oder die des gestrengen Mentors
und Kunstprofessors aufgehängt wurde. Er hatte beides mit stoischem
Gleichmut über sich ergehen lassen und war dabei nicht zu kurz gekommen
-- wie die Trienter Würstelaffäre bewies.
Nachmittags kamen »unsere Vier« -- ob sie auch den Trauring ins
Goldtäschel gesteckt hatten? ~Chi lo sa~ -- fidel genug waren sie und
sonnverbrannt, daß wir sie kaum wiedererkannten -- aber gebeichtet
haben sie nichts!
Nachdem sich die kühnen Hochtouristen ihres schauerlichen Räuberzivils
entledigt und etwas menschlich gemacht hatten, pilgerten wir gegen
Abend -- eine mehr als ausgelassene Gesellschaft von zehn Personen,
alle untereinander verwandt oder verschwägert -- dem Batzenhäusl zu.
In paarweiser Würdigkeit natürlich, und Hella und Kärlchen als letzte,
so war's ausgemacht. Unser Wiener saß richtig schon da, hatte den
Ecktisch im Künstlerzimmer reserviert und machte ein Gesicht -- --
grundgütiger Himmel! so viel aufgesperrte Augen, Mund und Ohren in
einem einzigen Gesicht hatt' ich mein Lebtag noch nicht gesehen! Ich
kniff »Meinen« vor unterdrücktem Lachen in den Arm, sonst hätt' ich
laut herausgeschrien.
Mit einer gewissen Feierlichkeit bugsierten wir uns heran: »Erlauben
Sie, Herr Reisekamerad, daß wir Ihnen unsere Ehemänner ...«
»Jede von uns hat nämlich ihren eigenen ...« Die blauen Augen unserer
Jüngsten wetterleuchteten vor Übermut -- dann folgte die offizielle
Vorstellung.
Der Wiener klammerte sich krampfhaft an die Stuhllehne, ich glaube, das
ganze Batzenhäusl fing an um ihn zu tanzen.
Zuletzt die Geschwister.
»Gestatten: Professor Siebenbrot -- meine Schwester, Frau Professor
Klinghart ...« Bei offiziellen Anlässen war Kärlchen tadelloser
Kavalier.
Jetzt kam Leben, Farbe, Bewegung in des Wieners erstarrtes Antlitz.
»Also nicht -- nicht _Ihre_ Frau Gemahlin?« stammelte er. »Aber Sie
sagten doch ...?«
Hilflos wandte er sich an uns, schüttelte wie hypnotisiert und ganz von
seinen wirbelnden Gedanken umstrickt, der Reihe nach alle Hände, die
sich ihm entgegenstreckten -- starrte uns in die lachenden Gesichter.
»Na, was denn?« half ihm eine ein.
»Daß er Sie schlecht behandelt ...«
»Stimmt -- oder nennen Sie das etwa gute Behandlung, wenn er vor Ihren
hungrigen Augen gemütsruhig sein Frühstück verzehrt? Und zu Haus macht
er's um kein Haar besser.«
»O bitte -- da hat _sie_ den Speisekammerschlüssel,« berichtigte
Kärlchen. »Wollen wir uns nicht setzen, meine Herrschaften? Ich hab'
einen Mordshunger.«
»Aber Sie -- ja, Sie beide leben doch zusammen. Seit Jahren -- sagten
Sie nicht so?«
»Allerdings,« bestätigte Kärlchen würdevoll. -- »Wenn's Sie
interessiert: Berlin ~S. W.~, Hans Sachs-Straße 22, dritter
Stock links. Nämlich meine Schwester hat die Güte, meinen
Junggesellenhausstand zu führen, seit sie vor fünf Jahren verwitwet
ist.«
»Verwitwet ist ...« echote der Wiener -- und nun endlich begriff er,
und im Laufe des Abends und mit Hilfe von etlichen Vierteln Magdalener
erholte er sich auch von der gewaltsamen Überraschung.
Es wurde der fidelste Abend, den wir je im Batzenhäusl erlebten.
Am Nebentisch saßen Studenten, junges, sanglustiges Volk -- ein
Lied stieg, ein zweites -- die anderen Tafelrunden taten wie
selbstverständlich mit -- ein förmlicher Rausch schien all diese
einander fremden, aus allen Himmelsgegenden bunt zusammengewürfelten
Menschen ergriffen zu haben. Eine ungemachte, echte, herzerquickende
Fröhlichkeit verbrüderte sie. Studenten- und Vaterlandslieder,
dazwischen ein neckisches Liebesliedel im Volkston. Zuletzt, als ob man
sich besänne, bei wem man zu Gast sei, stieg dem lieben wunderschönen
Land Tirol, dem deutschen Bruderland, dem greisen, edlen Gastfreund
ein begeisterter Sang: »Gott erhalte Franz, den Kaiser!« -- Was
verschlug's, daß kaum einer mehr als die beiden Anfangszeilen des
schönen alten Haydn-Liedes kannte -- so gut es ging, sang, summte,
brummte jeder mit. In heller Begeisterung. Sogar unsere stille
Hella stimmte ein. Mit nassen Augen. Ihr verstorbener Gatte war ein
Deutsch-Böhme, leidenschaftlicher Patriot gewesen -- um seinetwillen
hatte sie Land und Leute liebgewonnen und kannte das Lied bis zur
letzten Strophe, tat gar nicht not, daß der Wiener soufflierte.
Ja, solch ein Abend im Batzenhäusl!
's ist nicht der Magdalener allein. Es ist die Stimmung, die sie
draußen von den Bergen mit hereinbringen, die goldene, sonndurchwebte,
leuchtende Alpenstimmung, der klingende Widerhall all des Herrlichen,
Wunderbaren, das ihre Augen geschaut. Die uralte angeborene germanische
Wanderlust, die alle Freud' und Begeisterung, alles, was groß und
gut im Menschenherzen ist, weckt, ihn alle kleinlichen Sorgen und
Kümmernisse von daheim vergessen läßt. Und nicht zuletzt: der Tropfen
verwandten deutschen Blutes zwischen hüben und drüben.
Auch zwischen den beiden im Winkel der Fensternische. Was sie
gesprochen haben, weiß man nicht. Sie saßen nebeneinander, und mehr
als einmal klang Glas an Glas. Der Wiener -- es war übrigens ein
Weingutbesitzer aus der Vöslauer Gegend -- redete. Diesmal nicht im
Dialekt -- es ist eine liebenswürdige Eigenschaft des gebildeten
Österreichers, daß er uns Reichsdeutschen zulieb seine Weaner Mundart
aus dem vergessenen Winkel hervorholt. Er kann sehr gut anders reden,
wenn er will. Und jetzt schien's, wollte er hochdeutsch reden --
obgleich ja grad die vertrauten weanerischen Klänge es unserer Hella
zuerst angetan hatten. Sie antwortete mit ihrer sanften Stimme, und er
ließ den Blick nicht von ihr.
* * * * *
Später trafen wir uns im Stubai wieder. Ganz zufällig natürlich.
Aber das Stubai ist kein Ort zum Ausruhen und Anspinnen heimlicher
Liebesidylle. So nahmen wir Abschied und zogen unseres Weges weiter gen
Mittenwald.
Und wieder eines Abends am Lautersee tauchte der Vöslauer zum
drittenmal auf. Er sei übers Karwendel gestiegen, sagte er und erzählte
von seiner Bergtour. Und als wolle das Karwendel seiner begeisterten
Schilderung Ehre machen, begann es sich zu färben, -- dolomitenhaft
schön. Zuerst golden und purpurn, dann rosenrot und zuletzt in blassem
Violett gegen den klaren, stillen Abendhimmel ragend. Es war ein Abend,
wie man ihn selten sieht, -- Schönheit und heiliger Friede der ersten
Schöpfungstage.
Still gingen wir heimwärts. Die beiden zuletzt. --
Denselben Abend verführte Kärlchen nach abscheulicher
Junggesellengewohnheit den Vöslauer zu einer endlosen Sitzung. Er hat
uns später davon berichtet, und natürlich war er der große Mann, der
alles arrangierte und ins rechte Geleise brachte. Der Vöslauer, so
ein tapferer Alpengänger er war, hatte in schüchternen Andeutungen
gesprochen, sich nicht recht mit der Sprache herausgetraut -- ein
einfacher Mann wie er, und die Frau Professorin, so ein feines, liebes,
vornehmes Geschöpf -- -- --
Aber Kärlchen faßte ja schnell, und gutmütig war er trotz der Trienter
Würsteln. Er hob sein Glas: »Prost, alter Freund -- und da sich's
gemütlicher auf Du und Du sagt: Mensch, sei kein Frosch -- wollen
wir Duzbrüderschaft trinken! Kannst ruhig anfragen. Sie nimmt dich.
Ehrenwort!«
Er hat recht behalten. Unsere liebe, sanfte Hella waltet nun schon über
Jahr und Tag als Herrin in ihrer rosenumrankten Villa zwischen Baden
und Vöslau.
Kärlchen aber, unser »gemeinsamer Mann«, steigt leider heute noch wie
damals in seinen genagelten Bergschuhen als einsamer Junggesell durch
die Welt.
Vielleicht triffst du ihn einmal, verehrte Leserin, freundlich und
wortfaul auf einer Aussichtsbank mitten im Tal. Die Berge hinauf geht
er nämlich nie -- trotz der Genagelten.
Heim!
Ruth Hardenberg war auf dem Wege zu ihrer Mutter.
Was das für sie bedeutete, hätte niemand von allen, die sie kannten und
liebhatten, selbst ihr eigener Vater nicht begriffen.
Als kleines Kind hatte man ihr gesagt, ihre Mutter sei tot. Später
zerstörte die unbedachte Äußerung irgendeines Bekannten die mitleidige
Lüge und Ruth erfuhr, daß ihre Mutter noch lebe, daß sie gesund und
blühend und glücklich sei -- als das Weib eines anderen. In einer
Sommernacht, als die Rosen dufteten, hatte sie ihre kleine zweijährige
Tochter und ihren Gatten verlassen, um einem fremden Manne anzugehören
und fortan ihm und ihrer Kunst zu leben.
Tanten und Cousinen hatten, wenn je die Rede darauf kam, nur gehässige
Worte für die ehemalige Liane Hardenberg. Die Männer zuckten die
Achseln und lächelten nachsichtig und vielsagend.
Ruths Vater sprach nie von der einst heißgeliebten Frau. Nur die alte
Kindermuhme, die schon Ruths Mutter auf den Armen getragen, sagte
manchmal: »Die arme Mama! Wer weiß, was ›Er‹ ihr alles vorgeredet hat.
›Er‹ hat sie ja rein bezaubert mit seinem wunderschönen Geigenspiel.
Und der Papa war dann manchmal so heftig und schalt über das viele
Musikmachen.«
Und allmählich -- ganz in der Tiefe und Stille ihres sehnsüchtigen
Kinderherzens -- sprach's ihr die kleine Ruth nach: »Die arme liebe
Mama! Wer weiß, weshalb sie es getan hat. Und ob ihr nicht manchmal
schrecklich bange nach ihrer kleinen Mausel ist?«
Die Kinderfrau hatte ihr erzählt, daß die gnädige Frau immer
»meine süße kleine Mausel« gesagt, und daß sie herzbrechend an dem
Kinderbettchen geschluchzt hatte -- die letzte Nacht, ehe sie fortging.
Und nach ihrer Art beschrieb sie dem andächtig lauschenden Kinde,
das kein Bild von seiner Mutter besaß, die unbekannte Mama: »fein
und zierlich und flink wie eine Bachstelze; Haare wie Gold und die
schönsten blauen Augen; Hände so weich wie ein Maulwurfsfellchen, und
eine Stimme so süß und hold, wie die Engel singen, wenn sie nachts auf
der großen blauen Himmelswiese spazierengehen und silberne Sternblumen
pflücken.«
Seitdem träumte Ruth, die groß und dunkelhaarig war und die eckige
Figur und die ernsten grauen Augen ihres Vaters besaß, von dieser
zierlichen blonden Mama und hörte nachts im Traum eine zärtliche
Stimme: »Meine süße kleine Mausel!« rufen. Und manchmal tat ihr
förmlich das Herz weh, so unbeschreiblich sehnte sie sich nach ihrer
unbekannten Mutter.
Nicht, als ob Ruths Vater nicht auch gut und liebevoll zu dem Kinde
gewesen wäre. Aber er war ein ernster wortkarger Mann, den das Leben
hart mitgenommen hatte; der rastlos arbeiten mußte, um alte Schulden
zu tilgen und seinem Kinde einen ehrlichen Namen zu hinterlassen;
um seine Existenz, die die unsinnige Verschwendungssucht seiner
Frau vernichtet hatte, von neuem aufzubauen. Ehemals hatte ihm eine
große Fabrik in Danzig gehört, jetzt war er Geschäftsführer eines
Aktienunternehmens in einem kleinen polnischen Grenzstädtchen -- seine
Tage waren voll Sorge und Arbeit und für das Kind blieb ihm wenig Zeit.
Ruth sah ihn eigentlich nur bei den Mahlzeiten, und auch da hatte
er meist den Kopf voll von anderen Dingen. Wenn Ruth ihm gesegnete
Mahlzeit oder Gutnacht sagte, hielt er wohl ihre kleine Hand fest und
küßte sie flüchtig auf die Stirn oder fragte auch einmal: »Willst du
etwas, Ruth? Hast du auch alles, was du brauchst?« -- aber Ruth mußte
dabei immer denken: Eine Mutter ist doch ganz was anderes!
Eine Mutter zu haben, war das Köstlichste, was Ruth sich denken konnte,
der größte, sehnsüchtigste, glühendste Wunsch ihres Kinderherzens.