deren Mutter ihr mitleidig zuweilen eine flüchtige Liebkosung zuteil
werden ließ. Wenn die hartgearbeitete Hand der guten kinderreichen
vielbeschäftigten Frau über ihr Haar glitt, duckte Ruth sich zusammen
wie ein Vögelchen, schloß die Augen und dachte: Wenn das jetzt meine
Mama wäre, wie wollt' ich die Hand festhalten und küssen. Ach, _einmal_
nur Mamas Hand fühlen, die so sanft und weich wie ein Maulwurfsfellchen
ist! Und Mamas Stimme hören, die so klingt wie Engelsstimmen auf der
Himmelswiese.
Und als die kleine Freundin einmal das Fieber hatte und ihre Mutter auf
dem Bettrande saß und kalte Umschläge auf das heiße Köpfchen legte,
das sich ungeduldig hin und her warf, stand Ruth nachdenklich daneben
und dachte, sie würde gern Fieber und Schmerzen ertragen, wenn ihre
Mama nur ein allereinziges Mal so an ihrem Bett säße.
Nächtelang kam ihr das Bild der kleinen Kranken und der zärtlich
pflegenden Mutterhände nicht aus dem Sinn.
Später, als Ruth heranwuchs, zeigte es sich, daß sie das musikalische
Talent ihrer Mutter geerbt hatte.
Der Vater wollte anfangs nichts davon wissen. Er haßte die Musik, die
Kupplerin, die ihm sein Weib gestohlen und jenem fremden Geiger in die
Arme getrieben hatte. Aber Ruth ließ nicht nach mit Bitten und Betteln,
und ihre Begabung war so unleugbar, drängte so ungestüm nach freier
Entfaltung und künstlerischer Ausbildung, daß selbst fremde Leute Herrn
Hardenberg zuredeten, das Kind auf ein Konservatorium zu geben.
Schweren Herzens entschloß er sich zu diesem Schritt, der ihn auch
pekuniäre Opfer kostete. In zäher Rechtschaffenheit trug er noch Jahr
um Jahr die alten Verpflichtungen ab -- wie sollte er da die teure
Pension und all die ungezählten Nebenspesen aufbringen? Aber für das
Glück seines Kindes schien ihm kein Opfer zu groß, er rechnete und
sparte, versagte sich seine kleinen Liebhabereien und schränkte den
Haushalt aufs äußerste ein.
Und nun war es so weit. Seit einem Jahre war Ruth in der teuren
Dresdener Pension, durfte üben und spielen und studieren und Konzerte
hören, soviel sie nur wollte. Sie war froh und glücklich. Ihr einziger
Kummer war, daß sie keine Stimme besaß -- ihr schwaches Stimmlein
konnte man unmöglich mit dem Gesang »der Engel auf der Himmelswiese«
vergleichen.
Daheim der Vater arbeitete für sein Kind und sehnte sich nach seinem
Kinde. Es war ihm nicht gegeben, viel Zärtlichkeit nach außen zu
zeigen, so ahnte niemand, Ruth wohl am wenigsten, wie unaussprechlich
teuer sie seinem Herzen war.
Nicht einmal in den großen Ferien hatte er sie bei sich gehabt. Ruth
war überangestrengt und bleichsüchtig und eine der Tanten lud sie zu
sich auf ihr Gut.
Und da war das Wunderbare geschehen, was in Ruths Herzen die alte
Kindersehnsucht weckte und eine Welt von neuen heimlichen Wünschen und
süßen Träumen auslöste.
In Ruths Gedanken, die sich bewußt und unbewußt in Musik umsetzten,
ward dies große Ereignis ihres Lebens mit der etwas abgeleierten
Liedstrophe eingeleitet:
»Es war ein Sonntag hell und klar,
Ein selten schöner Tag im Jahr ...«
Immerfort summte ihr die Melodie im Ohr -- und dabei sah sie das
Bild zum Malen deutlich vor sich: Früh am Sonntagmorgen in der
Kirche. Sie selbst neben Onkel und Tante Hardenberg und den Cousinen
in der rotausgeschlagenen Gutsbank links vom Altar. Die Messe hat
eben begonnen. Die alte Orgel versagt manchmal und der Sopran der
Dorfmädel setzt beim zweiten Kyrie einen Viertelton zu hoch ein.
Die Sonnenstrahlen bauen eine schräge flimmernde Brücke zu den
Kirchenfenstern, auf der die Weihrauchwolken emporzuklettern scheinen.
Da geht die Sakristeitür und herein tritt eine wunderschöne Frau,
groß, schlank, elegant, mit prachtvollem, blondem Haar, das sich in
losen Wellen um ihren Kopf bauscht, steht einen Augenblick still im
Sonnenschein, während die flimmernde Lichtbrücke zerreißt und sich über
ihrem Haupt von neuem aufbaut und geht in das Herrschaftsgestühl gerade
gegenüber.
Durch Ruths Herz geht ein wunderlich schreckhaftes Entzücken. Sie kann
nicht mehr beten, muß fort und fort die schöne fremde Frau betrachten.
So -- genau so hat sie sich im Traum ihre Mutter vorgestellt.
Gruß und Gegengruß ist mit der anderen Bank gewechselt worden.
»Du -- wer ist das?« frägt Ruth leise ihre Cousine.
Hella Hardenberg blättert verlegen in ihrem Gebetbuch, guckt auf die
Mama, ob sie's sagen darf -- aber die ist ganz in Andacht und in den
bezaubernden Sommerhut ihres Visavis versunken, der unfehlbar ein
Wiener Modell ist.
»Das ist ... das ist die Frau von Domanska aus Groß-Herdain,« flüstert
Hella stockend, »sie kommt sonst nie hierher.«
Ruth wird nicht nur blaß, sie wird geradezu grünweiß vor zitternder
Erregung, so daß Tante Hardenberg allen Ernstes eine Ohnmacht
befürchtet.
»Dann ist es also ... meine Tante ... Mamas Schwester!« -- -- --
Mögen die Weihrauchwolken noch so betäubend duften, mag der bäuerliche
Chor beim ~Sanctus~ nahezu umwerfen und das Ministrantenglöcklein
schrill und eindringlich mahnend klingeln -- Ruth hört und sieht nichts
mehr -- ein einziger Gedanke pocht in ihren Schläfen, eine einzige
starke und süße Melodie klingt und singt an ihrem Ohr: Mamas Schwester
-- Mamas Schwester ...
Nach dem Hochamt die übliche kurze Begrüßung zwischen den Gutsnachbarn,
wobei Ruth ihrer Tante v. Domanska vorgestellt wird und ihr, schneeweiß
bis in die Lippen, die Hand küßt. Ein Glück, daß Onkel Hardenberg im
richtigen Moment seinem Kutscher pfiff -- sonst wär's auf dem Kirchhof
mitten unter der gaffenden Dorfjugend unfehlbar zu einer dramatischen
Szene gekommen.
Am nächsten Morgen ein Brief aus Groß-Herdain. Man unterhält »seit der
Geschichte« fast gar keine Beziehungen mehr, aber dringend und mit
überzeugendster Liebenswürdigkeit bittet Frau von Domanska ihr »das
Kind« herüberzuschicken. Den unverzeihlichen Schritt Lianens hätten
alle Verwandten aufs schärfste verurteilt, aber schließlich sei doch
niemand für sie verantwortlich, und warum solle sie, Lianens Schwester,
und das Kind entgelten, was Liane gesündigt hätte?
Die Verwandten wollten anfänglich nichts davon hören, aber Ruth fiebert
beinah vor Aufregung, bis Tante Hardenberg sie gutmütig in den Wagen
schiebt und mit ihr hinüberfährt.
Im Salon auf Groß-Herdain gibt's dann -- zwar keine dramatische, wohl
aber eine erschütternde Szene, wie das mutterlose Kind der fremden
Tante zu Füßen sinkt und all das sehnsüchtige Weh, all den heimlich mit
sich herumgeschleppten Kummer ihrer einsamen Kinderzeit in den Armen
von »Mamas Schwester« ausschluchzt.
Seitdem brennt nur eine Sehnsucht in Ruths Herzen: Hin zur Mutter! Wenn
schon »Mamas Schwester« so gut und lieb und zärtlich zu ihr war, wie
himmlisch süß muß es da erst sein, in Mamas Armen zu liegen, Mamas
Stimme ein allereinzigesmal »liebe kleine Mausel« sagen zu hören! Nie
hatte Ruths Vater ihr einen Kosenamen gegeben, nicht aus Mangel an
Liebe -- einfach weil es nicht in seiner Natur lag. Jetzt weniger denn
je. Es gibt Kinder, die das kaum merken, und andere, die es ihr Leben
lang tief und schmerzlich entbehren.
Die Sehnsucht reist mit Ruth aus den Ferien zurück und wächst sich in
der steif-vornehmen Pension in Dresden zu einem schier unersättlichen
Riesen aus, der Ruth Tag und Nacht in seinen herrischen Armen hält, ihr
Herz klopfen macht, ihre Wangen bald blaß, bald fieberisch rot färbt;
der in allen Tonarten zu ihr redet, zu allen Übungen den Takt schlägt,
der Beethoven, Chopin und Liszt zu Liedern ohne Worte macht, aus denen
eine einzige, fast tödlich sehnsüchtige Melodie klingt: Hin zu Mama!
Und der Vater, der alles für sein Kind tat, der es ernährt und
gekleidet, geliebt und erzogen hat, dessen Leben eine Kette von
Opfern und Entbehrung für das Glück dieses heißgeliebten Kindes ist,
ahnt nichts von der tödlich sehnsüchtigen Melodie in Ruths Herzen.
Er rechnet und spart und arbeitet, zählt die Tage bis Weihnachten,
wo seine kleine Ruth zu den Ferien heimkommen soll und schickt ihr
pünktlich, schon acht Tage vor dem heiligen Abend, das Reisegeld. Ein
reichlich bemessenes -- und schreibt dazu: »Kauf' dir in Dresden, was
du dir wünschest, mein Kind. Ich versteh' so wenig davon, was junge
Mädchen brauchen.«
Ach, er versteht freilich nicht, was sein armes kleines Mädchen
braucht, der gute Papa, denkt Ruth mit zuckenden Lippen. Und in einer
schlaflosen Nacht, wo ihre Gedanken den alten Weg wandern, den
hundertmal gewanderten, der schon so ausgetreten ist von ihren kleinen,
müden, suchenden Füßen, wird jählings ein Entschluß geboren. Ein großer
atemraubender: Ruth will nach Berlin zu ihrer Mama. Sie hält's nicht
mehr aus. Sie stirbt vor Sehnsucht, wenn man sie nicht läßt. Und Papa
ließe sie nicht, das ist sicher. Er weiß ja nicht, was man braucht,
was ein Kind braucht: die Mutter -- zu allererst und über alle anderen
Dinge die Mutter. Und Ruth malt sich aus, daß die arme Mama ebenso
zärtlich und sehnsüchtig nach ihrer kleinen Mausel verlangt. Nur
natürlich -- die Verhältnisse erlauben es nicht. Und der Mann mit der
Geige, der sie bezaubert hat, läßt sie nicht fort. Und der Papa würde
sie vielleicht auch nicht wieder aufnehmen -- die arme Mama. Also muß
sie selbst -- Ruth -- die Sache in die Hand nehmen. Reisegeld hat sie
ja. Und die Adresse weiß sie auch, Frau v. Domanskas alte Kammerfrau
hat sie ihr verraten.
Sie wollte schon immer einmal der Mama schreiben. Wohl zwanzig Briefe
und mehr wurden auf der zierlichen Mappe geschrieben und wieder
zerrissen. Du lieber Gott, was sagt denn so ein Brief! Da müßte man
schon mit Engelszungen reden können wie irgendein großer Dichter oder
Schriftsteller, um in nüchternen Buchstaben aufs Papier zu kritzeln,
was man denkt, was man fühlt, wie heiß man sich sehnt. Nein, ein Brief
ist gar nichts, ist das armseligste Ding von der Welt, wenn das Herz
danach schreit, die Arme um Mamas Hals zu legen und den Kopf an Mamas
Schulter zu drücken und da still, ganz still liegen und sich halbtot
weinen für alles, was man fünfzehn lange Jahre hindurch entbehrt und
gelitten hat.
Im bloßen Gedanken daran duckt Ruth sich zusammen wie ein frierendes
Vögelchen -- wie sie's als Kind getan hat, wenn die hartgearbeitete
Hand der mitleidigen fremden Frau in flüchtiger Liebkosung über ihr
Haar strich. O Mama!
Sie schreit es beinah laut hinaus -- und dann setzt sie sich im Bett
aufrecht, streicht die Haare aus der heißen Stirn und denkt angestrengt
nach. Überlegt weise und klug wie ein Erwachsenes. In Dresden bringt
man sie auf die Bahn, besorgt ihr Gepäck und Billet und in Posen holt
der Papa sie ab. Aber in Dobrilugk, anderthalb Stunden hinter Dresden
ist der Knotenpunkt, wo der Berliner und der Kottbus-Posener Zug sich
scheiden. Wenn sie ... wenn sie ihr Gepäck allein weitergehn ließe
und sie selbst kaufte sich in Dobrilugk ein neues Billet und führe
nach Berlin? Um fünf Uhr nachmittags wäre sie dort, Gott, sie fürchtet
sich gar nicht, sie nimmt eine Droschke und fährt Kurfürstenstraße 7.
Dann die Treppe hinauf und klingeln: Ist die gnädige Frau zu Hause?
Und ihre Karte hineingeschickt. Und dann: Mama, o Mama! -- Meine süße
kleine Mausel! Bist du's wirklich? Mein Herzenskind -- -- und dann
Schluchzen und Küsse und Himmelsseligkeit -- und tausend Fragen ohne
Ende: Wie geht es dir und wie lebst du? Und was ist aus dir geworden,
liebe kleine Tochter? Wonach sehnst du dich? was glaubst und hoffst
und liebst du? Ruth weiß nicht genau, was es da alles zu fragen und
zu antworten gibt. Sie könnte es auch nicht sagen und erklären, sie
fühlt nur instinktiv, daß es unaussprechlich süß sein müsse, wenn eine
geliebte Hand sich zum allererstenmal vertraut und zärtlich auf den
heimlichsten Pulsschlag ihres Lebens legen wird.
Und diese im voraus gekostete Seligkeit glüht Ruths Entschluß wie Eisen
im Schmiedefeuer, und die Sehnsucht klopft und hämmert daran herum, bis
er felsenfest und stark und tapfer dasteht -- unerschütterlich.
In eine Handtasche packt sie das Nötigste. Was sonst noch fehlt, wird
Mama ihr ja geben, und schreibt einen Brief an den Papa, den sie einen
Tag vor der Reise in den Kasten wirft.
»Sei nicht bös, lieber Papa! Ich halt's nicht mehr aus, ich fahre
nach Berlin zu meiner Mama und will Weihnachten mit ihr verleben. Und
vielleicht -- ach, lieber Papa, vielleicht holst du mich dann ab? Mama
wohnt Kurfürstenstraße 7. Alle Mädel in der Pension haben Vater und
Mutter und ich, ach, lieber Papa, ich möchte doch _einmal_ wenigstens
wissen, wie das ist, eine Mutter zu haben! Bitte sei nicht bös deiner
Ruth.«
Und zwischen den Zeilen steht noch allerlei törichtes Zeug, was das
heiße Herzchen in Hoffnung und Sehnsucht und holder Weltunkenntnis sich
ausgesonnen hat: von Versöhnung und Heimkommen, und ein zaghafter Traum
von einem glückseligen Kinde, das zum erstenmal im Leben zwischen Vater
und Mutter sitzen darf.
* * * * *
Und nun war richtig alles so gekommen, wie das siebzehnjährige Köpfchen
es ausgeheckt hatte und Ruth Hardenberg saß im Berliner Zuge und fuhr
zu ihrer Mutter.
Es war am Nachmittag des 22. Dezember und richtiges frostklares
Weihnachtswetter. Felder und Wälder verschneit, die Züge überfüllt,
in allen Coupés fröhliche Gesichter, unruhige Vorfreude, kaum zu
bändigende Ungeduld. Ruth blaß und fröstelnd, fiebernd vor Aufregung
und eiskalt bis in die Fingerspitzen, schweigsam zwischen all den
anderen. Ach wenn sie jetzt allein wäre, sie hätte ihr Gesicht an die
Lehne gedrückt und gelacht und geschluchzt vor zitternder Erwartung.
Nun tat sie keins von beiden. Saß steif aufgerichtet, still und stumm
in ihrer Ecke und starrte in das schneehelle Dämmern und auf die
vorüberfliegenden Lichter und malte sich das hundertmal Geträumte aus.
Ab und zu tauchte ein flüchtig unbehaglicher Gedanke an Mamas zweiten
Mann in ihr auf. Wie sollte man sich dem gegenüber verhalten? wie ihn
anreden? Er war's doch eigentlich, der das ganze Unglück verschuldet,
dem armen Papa die Mama weggenommen, sie mit seiner Geige verzaubert
hatte. Wie er nur aussehen mochte? Und seine Geige, die wollte sie
hören! Ob Mama ihn wirklich noch liebte? Gott, wenn er sie nun vor
Ruths Augen in die Arme nähme und küßte, -- gräßlich wäre das, nicht
auszudenken!
Ruth hatte ein unklares Empfinden, daß sie vielleicht allerlei
Peinliches, Verlegenheitbringendes hören und sehen und erleben würde.
Sie lehnte sich innerlich dagegen auf, schob es mit beiden Händen
energisch von sich in den tiefsten Winkel. »Er« brauchte ja gar nicht
da zu sein. War vielleicht auf einer Kunstreise, gab ein Konzert. Ach,
hoffentlich!
Ruths Gedanken gingen zu tröstlicheren Bildern über: Mamas kleine feine
Hände, die den Christbaum anzündeten -- und sie durfte dabei helfen.
Und manchmal vergaßen sie alle beide den Baum und die Lichter und
küßten sich. Ruth fühlte die süßen zärtlichen Mutterküsse auf ihrem
Gesicht und weiche Mutterhände um ihren Hals, und Mutters blondes Haar
glänzte wie Gold im Kerzenschimmer. Und nachher saß Mama am Klavier
und sang all die lieben alten Weihnachtslieder: Stille Nacht, heilige
Nacht -- --
Und Ruth würgte an ihren Tränen.
O, was hatte sie entbehrt all die langen, langen Jahre hindurch, wo sie
keine Mutter gehabt hatte!
Der Zug lief in Berlin ein und Ruth bekam glücklich eine Droschke und
fuhr nach der Kurfürstenstraße. Wie im Traum läutete sie an der Haustür
und hätte beinah das Bezahlen vergessen, wenn der Kutscher ihr nicht
ein grob unverschämtes Wort nachgerufen hätte.
Wie im Traum stieg sie die breiten teppichbelegten Treppen hinauf,
stand oben vor der Entreetür im dritten Stock, wo der Name »van
Eigersloh« auf dem Porzellanschildchen stand -- und wagte minutenlang
nicht zu klingeln. Als sie es dann endlich doch tat und ein gewandtes
Berliner Stubenmädchen im weißen Häubchen öffnete, brachte sie vor
rasendem Herzklopfen kaum die Frage heraus.
»Die Gnädige empfängt nicht,« sagte die Weißbehaubte schnippisch und
wollte die Tür zuschlagen, als Ruth hastig ihren Fuß dazwischen schob.
»Ach bitte, einen Moment nur, ich _muß_ sie sprechen,« stammelte sie
fast weinend vor Angst und Aufregung. Wenn nicht -- was dann? wohin in
der großen fremden Stadt? In all dem stürmischen Auf und Nieder ihrer
Gedanken fuhr ihr das blitzgleich und schreckhaft durch den Sinn. Daran
hatte sie bisher noch gar nicht gedacht: daß ein Kind vor der Mutter
Tür abgewiesen werden könne!
Die zitternde Stimme, das blasse Gesichtchen mit den erschrockenen
Augen stimmten das Mädchen milder. Und überhaupt, es mußte doch was
Feines sein, das sah man dem jungen Dinge schon an. Und was Dringendes.
Fragen konnte man ja wenigstens.
»Bitte, warten Sie hier. Die gnädige Frau ist bei der Toilette. Grad'
im Begriff auszugehen,« sagte sie, legte die Visitenkarte auf ein
kleines Silbertablett, warf noch einen neugierig forschenden Blick auf
Ruth und verschwand im Hintergrunde des Korridors.
Ruth stand allein in dem matt erleuchteten Entree, das aussah wie
tausend andere Berliner Entrees, und ihr doch vorkam wie ein Heiligtum.
Als stände sie in einer Kirche. Ein großer Spiegel mit schmaler
Marmorkonsole, rechts und links allerlei Bilder und Büsten. Gegenüber
ein Kleiderständer, daran einige Herrenhüte und Röcke hingen, --
daneben ein dunkelroter Theatermantel mit weichem silbergrauen Pelzwerk
besetzt -- Mamas Mantel!
Um ein Haar wäre Ruth hingelaufen und hätte das Gesicht hineingedrückt
-- in _Mamas Mantel_! Sie stellte ihre Handtasche auf einen Stuhl und
krampfte die Hände zusammen. Was wird nun kommen? Herrgott, so klopf'
doch nicht so, du dummes Herz! -- bis zum Halse herauf, als wollt' es
zerspringen. Und ein Hämmern in den Schläfen. Und so komisch rot und
schwarz vor den Augen -- mechanisch erfaßte Ruth eine Stuhllehne und
hielt sich daran fest.
Da ging eine Tür. Eine andere, als durch die das Mädchen verschwunden
war. Und eine Stimme rief: »Marianne, wo stecken Sie denn?«
In der nächsten Sekunde steht eine blendend schöne Frau in eleganter,
sehr tief ausgeschnittener Gesellschaftstoilette auf der Schwelle,
hinter ihr flutendes Licht, das ihr blondes Haar vergoldet und ihre
Brillanten wie Sprühfeuer aufflimmern läßt.
Ruth hat's nicht gewollt, in ihr ist so gar nichts Theatralisches, es
war bloß einfach stärker als sie -- und ihre Knie zitterten so sehr,
ihre Füße trugen sie nicht -- ehe sie sich's versieht oder nur irgend
etwas denken kann, liegt sie auf den Knien vor der wunderschönen Frau:
»Mama -- o meine Mama!«
»Wer ... was ...? Jesus -- Ruth!« Entsetzen, Schreck, Erstaunen --
zuletzt doch ein warmer, echter Herzenston: »Meine kleine Ruth ... so
groß geworden ... steh' doch auf, Kind -- komm' herein!«
Hinein in den Salon, in das blendende Licht -- am Kronleuchter sind
alle Flammen aufgedreht. Ruth sieht einen Flügel, aufgeschlagene Noten,
deckenhohe Spiegel an den Wänden, tiefrote seidene Möbel, Portieren --
das alles wie ein Traumbild, schattenhaft, flüchtig -- zwei Arme halten
sie umfangen, ein Herz pocht gegen das ihre, Mutterlippen küssen sie --
und für Ruth kommt ein Augenblick der höchsten und tiefsten, der alles
um sich her vergessenden, wunschlosen Seligkeit -- -- --
Sie wacht auf wie aus süßem Traum -- und fühlt plötzlich, daß
die Arme, die sie umfangen, nackt sind, der Hals, an den sie ihr
tränenüberströmtes Gesicht drückt, die Schultern -- nackt und warm und
parfümiert. Ein Schauer läuft über sie hin, höher hinauf schiebt sie
ihr glühendes Gesichtchen und preßt es gegen Mamas Wange -- hat sie
doch ganz vergessen, daß ihre Mama eine große Künstlerin, eine elegante
Weltdame ist. Aber auch die Wange, wie sonderbar -- gar nicht so weich,
wie Ruth gedacht hatte -- so, als wenn sie bestaubt wäre -- oder
gemalt?
Der erste Sturm, die erste Ekstase sind vorüber.
Liane van Eigersloh schiebt ihr Kind, das sie seit fünfzehn Jahren
nicht mehr gesehen hat, von sich und betrachtet es prüfend. Ihr
lächelndes Gesicht, über das sonderbare Streifen gehen -- Ruths Tränen,
die eine Verheerung in Puder und Schminke angerichtet -- nimmt einen
fremdkühlen Ausdruck an. Sie nickt. Ganz _seine_ Tochter, kein Zug von
ihr -- schade! Ein wohlgefälliger Streifblick in den Spiegel, der sich
schnell in einen bestürzten wandelt. »Gott, wie sehe ich denn aus? Ruth
-- liebes kleines Dummchen, wie hast du mich zugerichtet!«
Schon ist sie im Nebenzimmer hinter den roten Seidenportieren
verschwunden. Man hört erregtes eifriges Flüstern, einen unterdrückten
Ausruf.
Ruth sieht sich um. Sieht herrliche Gemälde an den Wänden, und kleine
moderne grüngraue und elfenbeinfarbene nackte Skulpturen auf Tischchen
und Etageren, wie man sie in den Schaufenstern sieht, die ihr sehr
sonderbar in »Mamas Zimmer« vorkommen, zahlreiche Photographien von
Mama in prächtigen Toiletten, jede anders und alle tief, sehr tief
ausgeschnitten. Unmassen von Blumen, frische und welke, in Vasen
und Jardinieren; Fächer, Handschuhe, Noten, alles in buntestem
Durcheinander und über allem ein schwerer betäubender Duft. Sie tritt
an den Flügel, auf den Tasten liegt ein kleiner parfümierter heller
Handschuh -- Ruth nimmt ihn in die Hand und drückt ihn an die Lippen
und weiß nicht recht, soll sie lachen oder weinen.
Da kommt Mama wieder, einen seidenen Schal um die nackten Schultern,
der Teint wieder tadellos wie zuvor hergerichtet, lächelnd, strahlend.
Wie schön sie ist, viel tausendmal schöner als Ruth geträumt hat.
»Nun, meine liebe kleine Ruth, erzähle! Wo kommst du her? Bist du dem
Papa ausgerissen? Das hast du recht gemacht!«
Ruth beichtet. Anfangs stockend, dann immer beredter, vertraulicher,
und die Mama hört zu, ein wenig zerstreut, wie es scheint, ein wenig
nervös, jeden Augenblick sieht sie nach der Uhr. Das von der großen,
großen Sehnsucht, die Ruth nachts nicht schlafen ließ und sie beinahe
krank machte -- dies zarteste Geständnis, das Ruth heißerglühend,
das Gesicht in den buntseidenen Schal gedrückt, flüstert -- hat sie
offenbar gar nicht verstanden, denn fast im selben Augenblick sagt
sie: »Kind, du wirst Hunger haben -- warte!« und drückt auf den Knopf
der elektrischen Klingel. »Bringen Sie sogleich Tee und etwas Gebäck,«
befiehlt sie dem Mädchen. »Und um acht soll Luise für ein kleines
Abendbrot sorgen, Bouillon, Filetbeefsteak, Salat und süßes Kompott --
liebst du das Filet deutsch oder englisch, ~mignonne~?«
»So wie du es gewohnt bist,« sagt Ruth ein wenig verstört, die sich
von ihrer großen Sehnsucht nicht so schnell zu englischem Filet
zurechtfinden kann.
»Nein, wie _du_ es wünschest, Ruth,« betont die Mutter -- und dann,
halb verlegen: »Wir, das heißt, mein ... Herr van Eigersloh und ich
speisen auswärts.«
Da Ruth keine Antwort gibt, verschwindet das Mädchen.
»Du gehst fort, Mama?«
»Ich muß, Kind. Der Wagen kann jeden Augenblick kommen. Diner in der
französischen Gesandtschaft -- eine Absage ist unmöglich.«
Ruths Gesichtchen sieht jämmerlich enttäuscht aus -- eine kleine
drückende Pause entsteht. Da richtet Mama sich auf, man hört Schritte
im Nebenzimmer. »Da kommt Jacques ...« sie preßt Ruths Finger zusammen.
»Sei lieb, ich bitte dich.«
Statt des idealen Künstlerkopfes, den Ruth erwartet hat, ein ziemlich
nichtssagendes volles, glattrasiertes lächelndes Gesicht, stark
gelichtetes Haar, eine große elegant gekleidete Figur -- und dieser
Mann, von dem Ruth nicht weiß, ob sie ihn gern haben, fürchten oder
hassen soll, kommt auf sie zu, wie der Bonvivant im Theater, schüttelt
ihr kordial beide Hände: »Das ist also die liebe kleine Ruth ...«
Marianne, die mit einem Tablett voll Teller und und Tassen hereintritt,
beendet die etwas peinliche Situation. Alle drei setzen sich um den
Mitteltisch, Tee und Gebäck werden präsentiert.
»Hatten Sie eine gute Reise? Es ist bitter kalt heute,« bemerkt Herr
van Eigersloh, und Ruths Mutter fügt auf französisch hinzu: »Ich hoffe,
daß dein Vater dich zweiter Klasse fahren ließ?«