»Na ja,« sagte der Doktor ergeben. »Dann muß ich wohl -- schon damit

mein Renommee in den Augen der Damen nicht allzu großen Schaden

leidet.« Heimlich blickte er auf Leonie, deren Haltung und Miene er

sich nicht recht erklären konnte. Während alle übrigen Damen, Lieselott

einbegriffen, heiter und erwartungsvoll dasaßen, blieb sie ernst wie

der Tod. War sie, die nicht mehr Junge und sonst so Verständige, in

diesem Punkt noch spröd' und prätentiös wie eine Sechzehnjährige,

die in ihrer Naivität verlangt, Männerherzen müßten sein wie ein

unbeschriebenes Blatt? Lächerlich!

»Also« -- begann der Doktor und erzählte den harmlosen Vorgang fast

genau so wie Leonie ihn erlebt -- doch mit all der Routine des

gewandten Weltmanns, der seine Farben aufzutragen, Licht und Schatten

raffiniert zu verteilen weiß, und in Ton und Färbung lag jenes

undefinierbare ~je ne sais quoi~, das Leonie aufs tiefste verletzen

mußte. War das nur der natürliche Unterschied in der verschiedenen

Auffassung von Mann und Weib? Oder lag der Grund tiefer? In seinem

Charakter, seiner ganzen Anschauungsweise? Leonie war sich darüber

nicht klar; sie hätte auch nichts dagegen sagen können, und wenn es

ihr Leben gekostet hätte.

Doktor Erdmann beobachtete sie. Es ärgerte ihn, daß sie seiner hübschen

kleinen Geschichte so teilnahmlos zuhörte. Hörte sie überhaupt zu?

Sie saß mit einer undurchdringlichen Miene da und sah aus wie der

menschgewordene Protest. Das reizte ihn über die Maßen -- nun erst

recht wollte er etwas sagen, das sie aus ihrer eisigen Reserve

herausriß -- und nur deshalb allein gab er seiner kleinen Geschichte

zum Schluß eine andere Wendung -- gleichsam ein ganz fremdes verzerrtes

Gesicht.

»Na ja,« sagte er langsam und bastelte angelegentlich an seiner

Zigarette, eh' er sie wie triumphierend mit elegantem Schwung an die

Lippen führte -- »aber meinen Taler sah ich natürlich niemals wieder!«

Leonie war starr vor Zorn, Haß und Empörung. Sie hätte aufspringen und

ihm zurufen mögen: Sie irren -- nein, Sie lügen ja mit Bedacht und

Bewußtsein! Wären Sie nur gekommen -- ich und der Taler haben auf Sie

gewartet -- Gott, wieviel Jahre! Alles Blut strömte ihr zum Herzen und

brauste ihr dann wieder wie ein feuriger Strom in Stirn und Schläfen.

Sie tupfte ihr heißes Gesicht mit dem Taschentuch -- Um Gottes willen

nur nichts merken lassen! und saß wieder wie zuvor steif und still im

Schatten des Fenstervorhangs, die Hände krampfhaft um die Seitenlehnen

ihres Stuhls geklammert -- während die andern Damen ~unisono~ über den

Doktor herfielen.

»Warum nicht? -- Weshalb fuhren Sie nicht hin und holten sich Ihren

Taler und besuchten die kleine -- wie hieß sie denn?«

»Lotti oder Leni -- was weiß ich?«

»Die hat doch gewiß auf Sie gewartet? -- Vielleicht wartet sie heute

noch, die Arme!« Alles lachte wie über einen guten Witz.

»Ja, meine Damen --« sagte der Doktor mit seinem mokantesten Gesicht

und liebkoste nachdenklich seinen blonden Prinz-Heinrich-Bart. »Es war

ja vielleicht auch ein bißchen meine eigene Schuld, daß ich den Taler

nicht wieder kriegte. Mein alter Freund nahm mich nämlich mit nach Prag

-- nachher vergaß ich drauf -- und am Ende lohnte es auch wirklich

nicht der Müh'.«

»Drauf vergessen« -- und »es lohnte ihm nicht mal der Müh'« - und saß

nun hier und erzählte in mokantem Ton und behaglicher Weinlaune wie

einen gutgelungenen Witz, was ihr einst das Höchste und Köstlichste

auf Erden bedeutet, die reine süße Erinnerung ihrer Jugend, die sie

Jahr um Jahr wie ein Heiligtum gehütet hatte. So sind die Männer! Sie

hätte es längst wissen können. Warum nur tat ihr dies so furchtbar weh

und rann wie ein glühender Strom durch ihren Körper? Vom Herzen zum

Kopf und staute sich dort, als wollt' es ihr die Adern an den Schläfen

sprengen. Und dann auf einmal -- vielleicht durch ihr gewaltsames

Sichbeherrschenwollen noch beschleunigt -- trat die natürliche und in

ihrer Wirkung beinah lächerliche Reaktion ein, -- mit unbeschreiblicher

Verwirrung fühlte Leonie, daß ihre Nase heftig zu bluten begann. Kaum

schnell genug konnte sie das Taschentuch ans Gesicht führen -- sprang

auf und hastete aus dem Zimmer. Lieselott folgte ihr eilig nach.

»~Never mind~,« sagte Vetter Luz und hielt den Doktor zurück. »Das

passiert ihr öfter, hat nichts zu bedeuten. 's war auch 'ne tolle

Hitze heute und der ganze Weg so schattenlos,« gemütsruhig zündete er

sich eine frische Zigarre an.

Der Doktor blickte ihn von der Seite an. Der wird mir nicht gefährlich,

dachte er und widmete sich beruhigt seinen Gästen. Hm -- was sie nur

haben mag? War's wirklich nur die Hitze?

Lieselott hatte ihren Gast in ihres Bruders Sprechzimmer geführt, wo

es kühl und ruhig war. Die Abendsonne schickte lange schräge Strahlen

durch die Lücken der herabgelassenen Jalousien und mit den Strahlen

zugleich kam ein blutrotes Leuchten von den Blumen auf dem Balkon

herein.

»Mein eigenes Zimmer hab' ich leider ausräumen müssen, aber hier sind

Sie ganz ungestört -- kommen Sie, Fräulein Wilten, legen Sie sich ein

wenig auf die Chaiselongue.«

Sie brachte Essig und Wasser und allmählich ließ die heftige Blutung

nach -- Leonies Gesicht wurde sehr blaß und sah im Dämmerlicht der

Jalousien fast grünlich aus.

»Sie sind abgemattet von der langen heißen Fahrt,« sagte Lieselott

mitleidig, »bleiben Sie nur ruhig liegen, niemand stört Sie hier. Und

nicht wahr, Sie sind nicht bös, wenn ich jetzt wieder hinüber muß?«

Leise schloß sie die Tür hinter sich -- Leonie war allein. Allein im

Zimmer des Mannes, dem ihre erste Liebe gegolten, als sie seinen Namen

nicht einmal kannte -- und den sie jetzt beinah' haßte.

Sie lag ganz still. Wie aus weiter Ferne drang manchmal ein Lachen oder

verworrenes Stimmengeschwirr an ihr Ohr. Oder das Rollen eines Wagens

auf der Chaussee.

Sie öffnete die Augen und sah sich um. Etwas Eigenes, Persönliches

haftet den Räumen an, die ein Mensch bewohnt, ein Teil seiner eigenen

Seele, sagt man -- und Leonie liebte es sonst, Menschen nach ihrer

Umgebung zu taxieren. Wie hätte es sie früher gereizt, das Sanktissimum

dieses Doktor Richard Erdmann kennen zu lernen, aus seiner Umwelt

einen Schluß auf seinen Charakter zu ziehen. Heut hatte sie keinen

Blick oder Gedanken dafür. Von innerer Unruhe gepeinigt, richtete sie

sich auf, sah ein paar Kupferstiche an den Wänden, kleine farbige

Aquarelle, Reiseerinnerungen; auf dem hohen mit Büchern besetzten

Aufsatz des großen altmodischen Schreibtisches eine Goethe-Büste -- das

alles nahm sie nur mechanisch wahr, während ihre Gedanken unablässig

bohrend arbeiteten. Ihr ganzes Innere war so voll Empörung, voll

leidenschaftlichen Zorns, daß sie ihn am liebsten nie wiedersehen

wollte, der ihr reinstes Erinnern in den Staub gezogen, sie vor den

Augen seiner Gäste fast zur -- Dirne gestempelt, die ihre Küsse um Geld

verkauft. Ihre Phantasie arbeitete fieberhaft, ihr wirres schmerzendes

Gehirn suchte nach den demütigendsten Worten, ihre erregten Nerven

übertrieben und verzerrten das Geschehnis ins Bodenlose.

Ein erlösender Gedanke kam: Sie wollte fort. Heimlich sich

davonschleichen -- ihre beginnende Migräne war den Dienstleuten

gegenüber Vorwand genug. Luz konnte mit den Bekannten aus der

Kreisstadt nachkommen, Baumeisters hatten reichlich Platz für den

dritten Fahrgast.

Aber vorher sollte »er« sein Geld wieder haben, den Taler, »den er nie

wieder zu sehen kriegte« -- sie lachte hart auf. Und wissen sollte er,

wen er als geladenen Gast in seinem eigenen Hause beleidigte! Mühsam

stand sie auf, ihr Kopf schmerzte fast unerträglich -- eine Lüge war's

nicht, wenn sie ihren Wirten durch die Dienstleute bestellen ließ, sie

habe es nicht länger aushalten können. Die kühle Abendluft würde ihr

gut tun.

Sie dehnte die Glieder -- wie müd' und abgeschlagen sie war, wie nach

einer schweren körperlichen Anstrengung. Langsam ging sie durchs

Zimmer, zuerst an die Tür zum Wartezimmer, drehte leise den Schlüssel

herum -- dann, mit raschem Entschluß an den Schreibtisch. Da lag

Rezeptpapier -- ein Kuvert fand sich auch wohl. Sie setzte sich und

nahm die Feder zur Hand, sann nach. Dabei wanderten ihre Blicke über

den Schreibtisch. Nichts als Bücher -- nur rechts und links von der

Goethe-Büste zwei Photographien. Seine Eltern wohl -- am Rahmen des

einen steckte ein winziges verdorrtes Sträußchen, vielleicht galt's

einer toten Mutter?

Ihr Blick glitt ziellos weiter. Über dem Schreibtisch jenes bekannte

Bild eines englischen Malers: Der Arzt am Krankenlager eines Kindes

in der trostlosen Umgebung einer Armeleutstube. Sie betrachtete das

Antlitz des Arztes -- es erschien ihr bekannt und lieb und vertraut

durch einen Zug warmer Güte und Hilfsbereitschaft. Und nun auf einmal

wußte sie's -- es durchzuckte sie förmlich: das war dieselbe Güte und

echtes hilfsbereites Menschentum, das ihr Blick und Antlitz des Doktor

Erdmann trotz allem unendlich anziehend machte. Noch heute wie in dem

idealschönen Jünglingsgesicht -- aber ihr Zorn empörte sich gegen die

mildere Regung. Sie wollte das nicht wahr haben! Energisch flog jetzt

ihre Feder übers Papier und schrieb in hastigen zitternden Buchstaben:

»Jemand, der jahrelang vergebens gewartet um Ihnen das geliehene Geld

zurückzugeben, legt es heute in Ihre ...« sie horchte auf und erschrak.

Nebenan wurden Schritte laut, Herrgott, sie hatte nicht geahnt, daß

die Portiere hinter der schräg ins Zimmer gerückten Chaiselongue

den Ausgang in ein zweites Zimmer verbarg! Die Falten schoben sich

spaltbreit auseinander, dann -- als er sah, daß die Patientin auf war

-- trat der Doktor rasch ins Zimmer: »Gnädiges Fräulein ...?«

Wie mit Blut übergossen saß sie da -- eine ertappte Verbrecherin,

unfähig sich zu rühren, einen Laut von sich zu geben.

»Ei -- Sie schreiben sich wohl gar selber ein Rezept?« fragte er halb

scherzend, halb befremdet. »Darf ich einmal neugierig sein?«

Hastig deckte sie die Hand über ihre Zeilen. Was mußte er von

ihr denken? Sie -- die Fremde, hier an seinem Schreibtisch --

eingeschlossen in seinem Zimmer -- Jesus Maria, in welch unglaubliche

Situation hatte sie sich gebracht!

»Ich ... wollte mich verabschieden ...« stammelte sie, die andere Hand

an ihre schmerzende Stirn pressend. »Ich halt's wirklich nicht mehr

aus ...« Ihr schmales, von den tief dunklen Scheiteln umrahmtes Gesicht

erschien in diesem Moment gequält, geisterblaß. Ohne weiteres zog er

ihr die Hand herunter, griff nach ihrem Pulse und sagte ruhig: »Aber

dafür sind Sie hier im Doktorhause und werden mir erlauben ...«

»Nein, nein!« stieß sie angstvoll heraus und entzog ihm ihre Hand.

»Lassen Sie mich, bitte -- ich will fort!« Befremdet trat er zurück.

»Und das ist Ihr Abschiedsgruß -- ich habe also das Recht, ihn zu

lesen,« sagte er und hob das schmale Blatt an seine etwas kurzsichtigen

Augen.

»Was -- _Sie_? -- Mein Gott -- nein!«

Leonie verlor alle Selbstbeherrschung griff in die Tasche und riß

das Beutelchen heraus, und weil die Schnur ihren bebenden Fingern

widerstand, warf sie es so auf den Tisch.

»Da haben Sie Ihr Geld -- Gott weiß es, meine Schuld war's nicht,

daß Sie Ihren Taler einbüßten!« rief sie außer sich -- wandte sich

und hastete der äußeren Zimmertür zu -- hätte sie die nur nicht

verschlossen! Im Nu hatte er sie eingeholt und hielt sie zurück.

»Gnädiges Fräulein! -- Fräulein Leonie Wilten -- wie konnt' ich

ahnen ...«

»Lassen Sie mich gehn ...!« sie rang mit ihm, aber er hielt ihre

Hände zugleich mit dem Türdrücker umfaßt, und er war der stärkere. Da

wandte sie den Kopf, ihre Augen sprühten vor Zorn -- fast schluchzend,

sich überstürzend kamen ihre Worte: »-- -- ich war ein Kind, ein

törichtes ahnungsloses Kind -- und Sie haben mir mit dem Märchen von

Ihrer Landsmannschaft den Kuß gestohlen! -- Einem Kinde, das jedes

Wort eines Erwachsenen auf Treu und Glauben hinnimmt, das noch keinen

Zweifel kennt! -- Ich hab' auf Sie gewartet jahrelang, um Ihnen Ihr

Eigentum zurückzugeben -- ich hab' Sie verehrt und liebgehabt -- ach,

so grenzenlos dankbar war ich meinem Retter aus dieser ersten großen

Bedrängnis meines Lebens! Und Sie -- Sie stempeln das ahnungslose

vertrauende Kind hier vor Ihren Gästen zu ich weiß nicht was -- Sie

tun, als hätten Sie jenen gestohlenen Kuß mit _Geld_ erkauft -- o,

Sie sind ein schlechter -- -- ein grundschlechter Mensch! -- Und jetzt

lassen Sie mich fort!«

Statt jeder Antwort führte er die am ganzen Leibe Zitternde zu

seinem Schreibsessel zurück. »Jetzt bitte ich um Ruhe!« sprach er

gebieterisch. »Hier bin ich vorerst einmal der Arzt und nichts

weiter. Sie werden sich erst beruhigen, ehe ich Sie fortlasse. In

dieser Verfassung können Sie nicht auf den Wagen und die vierstündige

Heimfahrt antreten.«

Er schloß ein Schränkchen auf, goß Wasser in ein Glas und mischte ihr

ein Pulver -- »hier, bitte!«

Und sie -- immer unter der zwingenden Gewalt seiner Augen, halb

ohnmächtig vor zorniger Scham, Aufregung und physischem Schmerz,

gehorchte willenlos -- wie sie einst ihrem »Landsmanne« gehorcht hatte.

»So -- und nun wollen wir weiterreden, Fräulein Leonie Wilten! Ich

will mich kurz fassen.« Er setzte sich nicht, sondern blieb an seinen

Operationstisch gelehnt, in einiger Entfernung stehen.

»Ich habe abzubitten, das ist wahr. Aber nicht nur, weil ich --

ahnungslos und unabsichtlich, wie Sie mir glauben werden -- Sie

beleidigt habe, sondern weil ich gegen mich selbst und mein eigenes

Empfinden unehrlich war. Lange Zeit hab' ich das kleine Erlebnis und

das süße Gesicht meiner kleinen Landsmännin nicht vergessen können. Als

ich damals nach Breslau zurückkam, bin ich eines schönen Tages wirklich

nach Mariahilf hinausgepilgert, um mein kleines liebes Klostermädel

wiederzusehen. Natürlich wurde mir an der Pforte mit eisigkühler

Höflichkeit abgewinkt, da ich ja weder Bruder noch Vetter war -- ja

sogar den Vatersnamen dieser kleinen Leonie nicht einmal kannte. Ich

baute halt auf mein gutes Glück -- aber nicht ein Zopfendchen bekam

ich zu sehn! -- Na, wie's dann so geht -- im nächsten Semester zog

ich nach Berlin, im Sommer nach Greifswald -- und zuletzt vergaß ich

drauf. Aber nie, das schwör' ich Ihnen! nie in all den Jahren, wenn

ich je daran dachte, hab' ich anders als mit reiner und herzlicher

Freude an das kleine Klostermädel zurückgedacht. Erst heute in der

besondern Stimmung, in dem ganzen drum und dran, kam's so über mich,

daß ich dem kleinen Erlebnis ein anderes Gesicht gab. Nicht mal mit

Worten vielleicht, aber in meinem Ton lag etwas Leichtsinniges,

Herabsetzendes, das Sie -- ich begreife es wohl -- aufs tiefste kränken

und verletzen mußte. Aber im Grunde sind Sie selber daran schuld -- Ihr

strenges starkes Gesicht trieb mich dazu, mich selbst zu belügen, Ihrer

eisigen Miene zum Trotz sprach ich gegen meine eigene Überzeugung. Ich

wollte Ihr Urteil herausfordern, wollte -- und sei's selbst in Zorn und

Widerspruch, ein einziges Wort von Ihnen hören.

Und nun bitte ich Sie herzlich -- verzeihen Sie mir!«

Er hielt ihr die Hand hin -- sie saß unbeweglich, die Hände im Schoß

gefaltet und sah an ihm vorüber gegen das Fenster hin. Rot wie Blut

brannten die Pelargonien durch den Ausschnitt der Jalousie herein --

ihr war, als flösse das rote Blut in heißen Tropfen aus ihrem Herzen.

Er sah sie an und er, der schönheitsliebende, sah den Reflex der roten

Blumen wie Blutstropfen auf der weißen Mädchengestalt liegen und

empfand selbst in diesem Augenblick den feinen eigentümlichen Reiz

des Bildes. Er wartete -- es kam keine Antwort, da wandte er sich

enttäuscht und gekränkt ab und sah das Beutelchen auf dem Schreibtisch

liegen, das kleine verblaßte, zerknitterte Ding, dem man es ansah, wie

lange seine Besitzerin es mit sich herumgetragen. Er nahm es auf und

wog's in der Hand, und eine wunderliche Rührung überkam ihn. Sprach

dies unscheinbare kleine Ding nicht Bände, wie ein junges Herz einst

auf ihn gehofft und gewartet, an ihn gedacht -- jahrelang vielleicht?

War das nicht Liebe? Die erste, selbstloseste, die reinste, die es im

Leben gibt und die hatte ihm gehört! Sie sagte es ja selbst -- und er

hatte es nicht gewußt. Nicht einmal geahnt. Und nun stürmte er -- auch

schon seit Jahren -- durchs Leben und suchte nach dem Kleinod einer

echten großen Liebe und betäubte sich mit tausend andern wertlosen

Genüssen, weil er nicht fand, was er suchte. Und auch hier, auch jetzt

bei dieser zufälligen Bekanntschaft hatte er in erster Linie nur ans

Geld gedacht und die gute Partie in Betracht gezogen, und hatte soeben

mit eigenen Füßen das fast vergessene Pflänzchen Liebe zertreten, das

vielleicht -- nach Jahren noch -- heimlich für ihn blühte -- -- -- Ach,

Unsinn! -- die Zeiten der Romantik waren vorbei -- so was gab's ja gar

nicht mehr!

* * * * *

»Mir ist jetzt besser -- und ich darf wohl gehn?« fragte neben ihm eine

scheue Stimme.

Er sah das blasse Gesicht, den gequälten hilflosen Ausdruck ihrer

Augen -- und ihm war, als ob all das forcierte Herrenmenschentum

seiner letzten Jahre von ihm abfiele und ein letzter unverbrauchter

Rest seiner unverdorbenen, ungekünstelten wahren Natur diesem andern

Menschen da vor ihm entgegendrängte. Nicht dem Kinde mehr, das ihn

einst geliebt hatte, sondern dem Weibe, das jetzt durch ihn litt.

Wie mit drängenden Händen, all seiner spöttischen Überlegenheit, seinem

hochmütigen Selbstbewußtsein zum Trotz, wollte es ihn auf die Kniee

ziehn -- fast mit Gewalt hielt er sich aufrecht. Aber sprechen mußte

er jetzt, zu laut redete die innere Stimme und ein langunterdrücktes

zwingendes Etwas forderte endlich sein Recht. Er beugte sich vor und

griff nach ihrer Hand.

»Verzeihen Sie mir, Leonie!« bat er -- und ein hinreißender Ton von

Wärme und Ehrlichkeit, ein Ton wie er ihn vielleicht nie in seinem

Leben gefunden, klang aus seinen Worten.

»Verzeihen Sie mir -- und glauben Sie meinen Worten: Ich hatte um Sie

werben wollen, weil Sie ein schönes, kluges und -- reiches Mädchen sind

-- jetzt aber werbe ich um Sie, weil ich Sie liebe und weil ich eine

Frau brauche, die mich sehr liebhat und die -- mir viel verzeiht.

Leonie, Sie haben mich einst liebgehabt -- ist nicht ein kleines

Restchen von der alten Liebe übriggeblieben?«

Sie schüttelte den Kopf, wollte widersprechen und -- brach in Tränen

aus.

Da legte er den Arm um sie und zog sie näher zu sich heran und nahm ihr

sanft die Hände vom Gesicht.

»Jetzt nicht aus Landsmannschaft -- freiwillig und von Herzen bitte ich

um einen Kuß, Leonie --!«

Sie drängte ihn zurück.

»Nicht so, Doktor Erdmann -- ach Gott, wir sind ja inzwischen viel

zu alt und vernünftig geworden! -- -- So schnell kann ich's nicht

überwinden,« sagte sie traurig.

Er ließ nicht nach, hielt ihre Hand fest trotz des Sträubens --

Lieselott hatte so oft gesagt: Bitten und betteln kannst du wie kein

anderer -- die Frau wollt' ich sehn, die _dir_ was abschlägt. Nun

sollte sich's zeigen. Ein alter Autler verzagt nicht gleich bei der

ersten Panne.

»So werde ich warten. Vielleicht kommt noch einmal die Stunde, wo wir

uns wieder jung fühlen. Sie dreizehn und ich zweiundzwanzigjährig.

Ist's nicht in der Romantik der Postkutsche, so vielleicht in der Prosa

des Doktorzimmers -- ich habe Geduld.« Er zog sich einen Stuhl heran

und setzte sich ihr gegenüber. Und sah sie an -- und allmählich ging in

dem ernsten treuherzigen Blick seiner Augen das innere Leuchten auf,

das einst ihr Kinderherz gefangengenommen. Sie wollte es nicht sehn --

unruhig rückte sie in ihrem breiten Sessel hin und her.

»Aber Sie haben ja Gäste, Doktor!«

»Macht nichts -- die haben erst recht Zeit zum warten.« Er zog seine

Uhr. »Also in fünf Minuten, so lange gebe ich Ihnen Zeit. Dann werden

Sie mir verziehen haben.«

Da mußte sie wider Willen lächeln -- die Panne war überwunden, das

Fahrzeug wurde wieder flott. Er rückte seinen Stuhl näher.

»Bitte, sagen Sie mir's!«

»Ich glaube beinah', man kann Ihnen wirklich nicht lange böse sein,

Doktor Erdmann.«

»Das ist noch längst nicht genug! Hab' ich nicht auch Zinsen zu fordern

nach so vielen Jahren?«

Sie errötete und strich hastig mit der Hand über Stirn und Scheitel.

»Und ich glaube auch, daß Sie ein guter Arzt sind -- mein Kopf ist

jetzt wieder ganz frei.«

»Und Ihr Herz, Leonie?«

»Das ist -- nicht mehr frei.«

»Sondern --?«

»Es gehört einem -- Landsmann, Doktor -- und Sie sind ja ein

Oldenburger,« sie lächelte schalkhaft.

»Vier Minuten fünfzig Sekunden!« sagte er zufrieden und steckte seine

Uhr ein. »Bekomme ich jetzt meinen Kuß?«

Da widersprach sie nicht mehr, als er den Arm um sie legte --

Unser gemeinsamer Mann.

Zwischen Riva und Bozen war's. Im August. Daß es außerdem noch glühend

heiß war, brauche ich bei dieser Ort- und Zeitangabe kaum noch

hinzuzufügen, es versteht sich von selbst.

Wir saßen zu sechsen im Coupé, hatten die Vorhänge dicht

zusammengezogen, weil unsere glanzmüden Augen nicht mehr imstande

waren, die märchenhafte Pracht der sonndurchglühten Dolomiten, den

ewigblauen Südlandshimmel und die strahlende, blendende, sengende,

unerbittliche Sommersonne zu ertragen. Und weil die reifenden

Trauben zwischen dem bläulich schimmernden Weinlaub unsern Durst zu

Tantalusqualen steigerten. Und -- »Kärlchen« gab sich vergebliche Mühe,

mit seinen zweifelhaften Witzen die flaue Stimmung zu beleben.

Es wäre höchst unschlau, wollte ich jetzt schon verraten, wer

»Kärlchen« war und in welchem Verhältnis er zu uns fünfen im

allgemeinen und zu einer von uns im besonderen stand.

Den Durst habe ich schon erwähnt. Doch auch der Hunger begann sich

zu regen. Wir hatten sehr zeitig und nicht allzu üppig in Riva

gefrühstückt und keinen Proviant bei uns. Dank der abnormen Temperatur

streikte selbst der letzte Rest unserer Reiseschokolade, die »der

Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe« eine unlösbare chemische

Verbindung mit ihrer Staniolhülle eingegangen war. Kärlchen nannte es

eine Mesalliance und wurde mit mattem Lächeln dafür quittiert. Die von

Millionen Fliegen, Wespen und anderem fliegenden Getier umschwirrten

Butterbrötchen des Bahnhofbüfetts in Mori hatten uns auch nicht locken

können, und bis Bozen waren noch gut drei Stunden -- so harrten wir

hungernd und halb verschmachtet auf Trient, wo es, wie Kärlchen

tröstend versicherte, vorzügliche Würstchen und Bier geben sollte.

Inzwischen hielt unser Bummelzug mit echt italienischer Gemütsruhe und

Zeitvergeudung an jeder kleinsten Station, ohne daß wir uns auch nur

die Mühe gaben, den Fenstervorhang zu lüften, um den Namen zu lesen.

Unser Coupé war übrigens auch so weit rückwärts, daß wir meist noch bei

der vorletzten Station weilten, während unsere Lokomotive schon vor der

nächsten hielt.

»Abgespannt!« sagte Kärlchen mit verächtlicher Betonung und sah uns

der Reihe nach strafend an, weil sein letztes Bonmot keinen Eindruck

mehr gemacht hatte. »Ihr seid mir 'ne nette verhungerte, verdurstete,

schlafmützige Reisegesellschaft! Ist das der Lohn für meine Tugend?«

Beleidigt stand er auf und ging hinaus. Bald darauf hielt der Zug,

unser Wagen schmorte in der Sonnenglut.

»Verdurstet? O Gott, verschmachtet bin ich, ganz halbtot!« seufzte

eine. »Und das nennt sich Vergnügungsreise!«

Neue Passagiere schoben sich schwitzend und stöhnend mit ihrem

Handgepäck durch den engen Korridor. Ein dicker Herr blieb stehen und

schnaubte mit zornrotem Angesicht: »Das ist aber unerhört, meine Damen

-- nebenan das Frauencoupé ist leer und hier sitzen Sie Ihrer fünf im

Raucher!«

»Wir haben ja einen Herrn bei uns, der raucht sogar für drei,«

verteidigten wir uns.

»So -- wo ist er denn?«

»Karl! Kärlchen! Komm doch herein!«

Aber Kärlchen meldete sich nicht, ohne Zweifel war er ausgestiegen.

»Kann jeder sagen,« brummte mißtrauisch unser Choleriker und suchte

ein Häuschen weiter Unterschlupf zu finden. Immer noch drängten Leute

vorüber, in dem überfüllten Zuge ging's um jedes Mauseloch.

Wieder ein paar Herren der Schöpfung -- und wie ein Kampfhahn hob der

eine an: »Meine Damen ...!« Doch schon fiel ihm unsere temperamentvolle

Jüngste ins Wort, vertrat ihm die Coupétür und erklärte in ihrer

raschen energischen Art: »Der Platz ist aber _wirklich_ besetzt,

meine Herren!« Und im Übereifer und um neuem Ansturm und Vorwürfen

vorzubeugen, setzte sie hinzu: »Der gehört unserem gemeinsamen Mann!«

Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen · 第 2 / 5 段