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Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
~so markiert~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Wenn
Landsleute sich begegnen
und andere Novellen
von
Jassy Torrund
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Übersetzungsrecht vorbehalten
Wenn Landsleute sich begegnen.
Nie in ihrem ganzen Leben war Leonie Wilten so grenzenlos überrascht
und enttäuscht gewesen -- und dennoch nicht ohne das Gefühl einer leis
und heimlich aufzuckenden Freude, wie an jenem Frühlingsabend, wo die
Großeltern, von ihrem gewohnten Spaziergang heimkehrend, ihr den ins
Haus geschneiten Gast vorstellten.
Die beiden Gäste vielmehr: den ~Dr. med.~ Erdmann und dessen Schwester,
die mit eigenem Automobil in der Kreisstadt waren und auf dem Heimweg,
weit draußen auf der Chaussee, eine gründliche Panne erlitten hatten.
Großvater Neuhaus, der alte Automobilhasser, der alle Welt und den
alle Welt kannte, war mit halb schadenfroher Neugier hinzugetreten und
hatte im Dämmern des Märzabends den ihm flüchtig bekannten Arzt eines
weitentlegenen Kirchdorfes erkannt und ihm ohne Besinnen Hilfe und
Unterstand angeboten. Beides hatte ~Dr.~ Erdmann dankend angenommen
und mit Hilfe von ein paar Arbeitern das verunglückte Vehikel in
Großvaters Schuppen geschleppt. Er hatte dann um Wagen und Pferd nach
Hause telephoniert, sich ein wenig gesäubert -- denn er und Lieselott,
seine Schwester, hatten schon eine halbe Stunde angestrengt und im
Schweiße ihres Angesichts über dem widerspenstigen Auto gearbeitet,
ehe Hilfe kam -- und nun erschienen die beiden späten unerwarteten
Gäste im hellen behaglichen Speisezimmer von »Haus Friede«, wo der
gedeckte und mit großem Schneeglöckchensträußen geschmückte Abendtisch
schon bereit stand. Sie wurden dem Haustöchterchen und ihrem Vetter Luz
Neuhaus vorgestellt und erzählten in lebhaftem Durcheinander, lachend
und scheltend, ihr Abenteuer. Vor drei bis viertehalb Stunden konnte
der Einspänner mit dem braven Füchslein, das schon so oft die Sünden
des eigensinnigen Schnauferls gutmachen mußte, nicht da sein. Man hatte
also vollauf Zeit, recht bekannt und vergnügt miteinander zu werden.
Improvisierte Feste sind oft die allergelungensten, und dieser ins Haus
geschneite Abendbesuch war im wahren Sinne des Worts ein Fest für die
sehr einsam lebende Familie des großen Ziegeleibesitzers.
Der kleine Unfall brachte die bisher einander Fremden schnell und
zwanglos nahe, und das Gespräch glitt leichtbeschwingt vom Hundertsten
ins Tausendste. Man grub gemeinsame Beziehungen aus, erzählte die
neuesten Anekdoten und Varietéwitze, lachte und plauderte, und während
all dieser Zeit zerbrach Leonie Wilten sich den feinen klugen Kopf,
wann und wo sie diesen ~Dr.~ Erdmann mit der langen weißen Narbe über
Stirn und Schläfe schon gesehen hätte. Denn eben diese Narbe haftete
zäh und fest in ihrer Erinnerung, die mußte sie schon einmal im Leben
gesehen haben, nur daß sie damals viel breiter und noch frisch und
rot war, während sie jetzt wie ein schmaler weißer Strich über das
sonnverbrannte Gesicht des Landarztes lief. Aber wann? aber wo?
Lieselott Erdmann beschrieb mit drolliger Empörung und fast
dramatischer Anschaulichkeit eine der zahlreichen Pannen, die sie und
ihr Bruder im letzten halben Jahr, seit er glücklich-unglückseliger
Autobesitzer war, erlitten hatten. Zerstreut hörte Leonie zu,
während unter der Schwelle ihres Bewußtseins beständig die Frage
bohrte: Wann? wo? -- als wenn den tiefsten Hintergrund ihres Hirns
ein undurchdringlicher Vorhang verhüllte, den sie trotz aller
Mühe nicht imstande war zu lüften. Jeder weiß, wie aufreizend
und gedankenabsorbierend solch vages Erinnern ist -- und nur
höflichkeitshalber warf Leonie die Frage dazwischen: »Also um ein
einziges kleines verlorenes S--tiftchen?«
Es passierte ihr sonst selten, daß sie den scharftrennenden St-Laut
der nordwestlichen Provinzen, den halbvergessenen Dialekt ihrer
Heimat, anwandte, und ~Dr.~ Erdmann, der soeben den beiden Herren
eine flüchtige Skizze der neuesten Bremsvorrichtung für Bergfahrer
aufzeichnete, wandte sich überrascht um.
»Sie sind doch wohl keine Hiesige, gnädiges Fräulein?«
»Meine Enkeltochter ist in Schleswig-Holstein geboren -- bitte weiter,
lieber Doktor!«
Die Aufforderung des alten Herrn blieb unbeachtet.
»Dann sind wir ja beinah' Landsleute! -- ich bin nämlich ein
Oldenburger Kind,« rief der Doktor erfreut.
»_Landsleute!_«
Das war's. Wie auf ein Stichwort zerriß der Vorhang in Leonies Hirn
von oben bis unten -- und ein kleines, längstvergessenes Erlebnis der
Vergangenheit schob sich mit einem Ruck erlöst und lebendig in den
Vordergrund.
Tief atmete sie auf und ward im selben Moment wie mit Blut übergossen.
So sah der Mann aus, ihr Helfer und Erlöser aus banger Not? -- ihr
ritterlicher »Landsmann«, den sie einst im fernen fremden Lande
getroffen und der sie ...
Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, alles Blut ebbte zum Herzen
zurück und _das_ war der Moment, wo sie die große Enttäuschung empfand.
Jahrelang hatte sie auf ihn gewartet, ihn wiederzusehen gehofft, den
Helden ihrer Backfischträume, ihren Lohengrin, ihren Gralsritter,
kühn und zart zugleich, den idealschönen schlanken Jüngling mit der
blutroten Narbe auf der weißen Stirn und dem weichen blondgelockten
Haar, das ihm das Aussehen eines Dichters gab -- und nun dieser
wohlbeleibte Vierziger -- dafür taxierte sie ihn -- mit fast kahlem
Schädel und dem lebemännisch gestutzten Prinz Heinrich-Bart -- ein und
derselbe -- diese beiden so himmelweit verschiedenen Köpfe!
Und dennoch -- wenn sie näher zusah -- ja, die Augen waren noch
dieselben: braun, mit einem goldig aufleuchtenden warmen Schimmer
und jenem undefinierbaren Ausdruck, der sie ihr einst so lieb und
unvergeßlich gemacht. Und dann die Narbe -- und die Landsmannschaft!
Aber Leonie wollte ganz sicher gehen.
Nachdem der Großvater noch einiges gefragt und ~Dr.~ Erdmann
beiläufig erzählt hatte, daß er in Breslau und Greifswald studiert
und nach bestandenem Staatsexamen zufällig den erkrankten Landarzt in
Groß-Lutschine vertreten hätte, um nach dessen Tode halb wider Willen
seine Praxis zu übernehmen und so in diesem verlorensten Winkel der
Mark Brandenburg hängenzubleiben. Er, dessen Wünsche und Hoffnungen
eigentlich immer auf die Universitätskarriere gerichtet waren, seit
Jahren nun schon hier ansässig und so eins geworden mit seinem Beruf
und dem Landleben, daß er seine hochfliegenden Pläne längst verschmerzt
hatte -- warf Leonie heuchlerisch die Bemerkung hin: »Schade nur, daß
die Gegend hier gar so flach und reizlos ist -- wenn's wenigstens Hügel
und Seen gäbe wie daheim! Oder Berge wie in Schlesien -- Sie kennen das
schlesische Gebirge wohl nicht?«
»O doch, ich kenne beides: das Riesengebirge wie die Sudeten.
Einen großen Teil meiner Universitätsferien verlebte ich bei einem
Jugendfreunde meines Vaters in Mittelwalde. Na ja -- Berge sind
ja ganz schön und nett, um drauf herumzukraxeln -- aber für einen
Schnauferlbesitzer und Landdoktor ist halt doch das Flachland das
bequemste Terrain -- und Heide und Kiefernwald haben auch ihren Reiz,«
sagte er heiter, und wieder gab das Lächeln seinem stark gewordenen
Gesicht mit den schlaffen Zügen etwas Jugendliches, denselben
treuherzig liebenswürdigen Ausdruck von einst, dessen Leonie sich so
gut, ach! so gut erinnerte.
Und wieder, wie im Lustspiel, war das richtige Stichwort gefallen:
_Mittelwalde_.
Kein Zweifel -- er war's!
Mein Gott, wie das alles lebendig wurde! Wie die alten Zeiten
heraufstiegen, beschworen von dem einzigen Wort: Landsleute!
Aber nicht jetzt, während Leonie sich unterhalten und die Pflichten
des Haustöchterchens wahrnehmen mußte, hatte sie Zeit, ihren Gedanken
Audienz zu geben und längstvergessene Blicke und Worte aus der Tiefe
ihres Erinnerns heraufzubeschwören. Erst spät in der Nacht, als das
brave Füchslein »Wittkopp« den ~Dr.~ Erdmann und seine Schwester
abgeholt und beide das Versprechen eines baldigen Gegenbesuches in
Groß-Lutschine mitgenommen hatten -- und als Leonie allein in ihrem
Zimmer am Fenster stand und in die tiefe Finsternis der Märznacht
hinausstarrte, zogen wie in einem Kaleidoskop die Bilder der Jugendzeit
an ihr vorüber.
Damals -- vor fünfzehn oder sechzehn Jahren, hatten die guten Nönnchen
von Mariahilf noch ziemlich unklare Begriffe übers Reisen, kannten
ein Kursbuch wohl nur vom Hörensagen, und wenn die Klostermädel in
die Ferien fuhren, brachte Verondl, die alte »weltliche« und ach! so
rührend weltungewandte Bonne sie zur Bahn, löste jedem ein Billett,
und nun: Fahrt zu in Gottes Namen! Und legte den Ausgelassenen der
guten kleinen Mater Helenens Abschiedswort noch einmal dringend ans
Herz: »Daß ihr mir unterwegs aber brav den Rosenkranz betet und hübsch
gesittet die Augen niederschlagt, und um Jesu und aller lieben Heiligen
willen mit keinem fremden Menschen anbändelt!«
Die übermütigen jungen Dinger, selig ihrer Freiheit, quiekten vor Wonne
und pfefferten ihre zahmen Tauchnitzbände, die erlaubte Reiselektüre,
ins Gepäcknetz und der Rosenkranz blieb zutiefst in der Tasche stecken.
Statt dessen frisierten sie sich alsogleich im Coupé wechselseitig nach
der neusten Mode und der Devise: je toller, je besser -- und erzählten
einander heiß und eifrig ihre kleinen Schulmädelerlebnisse und die
wundersamsten Geschichten von harmlosem vetterlichen Flirt.
So fuhren einmal ihrer acht oder neun, jede mit ihrem Billett in
der Tasche, aber allesamt nur mit einem einzigen für alle acht oder
neun Reisekörbe gültigen Gepäckschein versehen -- Verondl expedierte
bequemlichkeitshalber alles Gepäck in Bausch und Bogen -- nach Kamenz,
dem großen mittelschlesischen Knotenpunkt. Dort trennten sich ihre
Wege, einige wurden hier schon abgeholt, andere mußten noch mit der
Post weiter. Der ältesten, einer angehenden Seminaristin, waren die
jüngeren alle anvertraut.
Leonie fuhr zu ihren Großeltern in die Grafschaft Glatz. Daheim in
Neustadt war just ein Brüderchen zur Welt gekommen, und die Mama
brauchte Ruhe und Schonung. Damals hatte Großvater noch die Pachtung
Charlottenhof, erst viel später kaufte er die große Ziegelei im
Brandenburgischen, die ihn zum reichen Manne machte.
Großmama hatte geschrieben: »Du nimmst dir ein Billett bis Wartha,
so weit geht jetzt die neue Bahn, die letzte Strecke mußt du mit der
Post fahren, und in Glatz holt dich der Wagen ab.« Aber an Verondl
schienen alle Fortschritte der Kultur spurlos vorüberzugehen, in
konservativem Eigensinn und weltfremder Ahnungslosigkeit beharrte sie
bei ihrer Meinung: »Papperlapapp -- was die Grafschafter Mädel sein,
die sein noch allemal bis Kamenz gefahren, so wird es auch diesmal wohl
stimmen,« und also lautete auch Leonies Billett wie das der andern nur
bis Kamenz, und ihr Gepäck wurde gleichfalls bis dorthin expediert.
Station Kamenz. Hu, war das ein Hasten und Drängen auf dem großen
Bahnsteig, Stoßen und Werfen mit Koffern und Körben, ein Schreien
von Schaffnern und Kellnern, Kommen und Gehen von Zügen -- den
Klostermädeln wurde himmelangst. Aber die Seminaristin wußte Rat:
»Kommt nur, jetzt trinken wir erst mal gemütlich Kaffee, und
ich besorg' euch derweil die Postbilletts. Gebt mir alle eure
Portemonnaies.«
Ihrer vier saßen um den Kaffeetisch, die übrigen waren schon von
ihren Leuten in Empfang genommen -- da stürzte die Älteste wie eine
erschreckte Henne auf ihre Küchlein los: »Jesses, Leonie, du mußt
augenblicklich weiter, dein Zug geht ja bis Wartha! Da steht er zum
Glück noch -- fix, fix!«
Und Leonie lief, daß ihr die kurzen Röcke um die Beine flogen, der
Schaffner packte und schob sie ins erste beste Coupé -- ein Pfiff,
ein Ruck -- der Zug ging ab. Neben ihm her rannte die Seminaristin:
»Leonie, Leonie, wohin soll ich dir denn deinen Korb nachschicken?«
»Charlottenhof bei Glatz,« schrie Leonie zurück -- dann verschwand
das letzte bekannte Gesicht -- Büsche, Bäume, Häuser flogen an ihren
Augen vorüber -- sie wandte den Blick und sah sich unter lauter fremden
Menschen, noch dazu lauter Herren -- o Schreck und Entsetzen! -- der
Schaffner hatte die Verspätete Hals über Kopf ins Rauchabteil geschoben.
Was würden die Schwestern sagen, wüßten sie dies! Zagend hob das
erschrockene Klosterkind die Augen -- alles nur fremde ernsthafte
Gesichter, die sie gleichgültig anstarrten oder ihre Zeitung lasen --
bloß ihr gegenüber ein hübscher blondhaariger junger Mensch, der halb
lächelnd, halb neugierig auf sie schaute. Sie blickte an sich nieder
-- da saß sie, hochrot, atemlos, zusammengekauert wie ein Häuflein
Unglück, in der einen Hand ihren Schirm und das krampfhaft geballte
Taschentüchlein, mit dem sie wohl eben noch ein erschrockenes Tränchen
abtupfen gewollt, in der andern ihr Billett, das die Seminaristin ihr
im letzten Augenblick zwischen die Finger gedrückt hatte. Sie griff in
die Tasche, um es ins Portemonnaie zu stecken -- Herrgott, die war ja
leer, nichts drin als der Rosenkranz, der verräterisch klimperte, als
wolle er sich für das Vergessensein rächen. Sie wurde noch röter und
heißer vor Schreck, wie mit Blut übergossen -- mit weitaufgerissenen
entsetzten Augen starrte sie ihr freundliches Gegenüber an: Jesus
Maria, ihr Portemonnaie war fort -- sie hatte keinen Pfennig Geld bei
sich! Wovon um Himmels willen sollte sie ihr Postbillett bezahlen? Hier
im fremden Lande, wo sie keine Menschenseele kannte, wo sie ganz allein
und verlassen war?
Sie stürzte ans Fenster -- weit, weit dahinten lag das Kamenzer Schloß
-- näher und näher rückten die unbekannten Berge, auf die sie sich so
grenzenlos gefreut hatte, und die sich jetzt auf sie zu stürzen, ihr
das Herz abdrücken zu wollen schienen. Sie bückte sich, suchte auf dem
Boden, riß ihren Schirm auf, schüttelte das Taschentüchlein auseinander
-- nichts -- nichts! Und nun entsann sie sich schreckensvoll deutlich:
Dora Dunker, die Seminaristin, hatte ihr das Portemonnaie ja überhaupt
nicht wiedergegeben, hatte in Angst und Eile wohl selber darauf
vergessen.
Lieber Gott -- ach lieber guter Gott, was nun?!
Die arme kleine Dreizehnjährige, die zum erstenmal in ihrem Leben
allein auf Reisen war, vergaß alles Selbstbewußtsein ihrer »höheren
Töchterwürde« und brach in Tränen aus. Sie weinte fassungslos,
lautschluchzend, wie Kinder weinen. O wenn Mama und Papa dies wüßten,
wie's ihrem Kinde in der weiten wildfremden Ferne ging! Das Heimweh
überwältigte sie und preßte ihr das Herz zusammen.
Erstaunt blickte einer oder der andere auf das weinende Kind, jemand
redete sie an, in einer fremden Sprache, die sie nicht verstand.
Fast alle Insassen des Abteils waren Russen oder Polen, die in die
schlesischen Bäder reisten.
»Warum weinen Sie, Fräulein -- Fräulein Leonie?« fragte plötzlich eine
freundliche Stimme. Der junge Mann ihr gegenüber beugte sich weit vor,
seine Stirn mit der blutroten Narbe, seine treuherzigen braunen Augen
waren dicht vor ihrem Gesicht. Sein lockiges Haar fiel ihm über die
Stirn, er strich es hastig zurück und wurde rot wie ein Mädchen. Das
kleidete ihn gut und gab der schüchternen kleinen Pensionärin Mut, ihm
zu antworten. In stockenden Worten vertraute sie ihm ihr großes Unglück
an.
Er lachte hellauf und legte die Hand beruhigend auf ihren Arm. »Wenn's
weiter nichts ist!« sagte er leichthin, »das Billett von Wartha nach
Glatz kostet einen Taler, den borg' ich Ihnen mit dem allergrößten
Vergnügen.«
Leonie atmete auf. O wie dankbar war sie ihrem jungen Retter! Wie ein
Heiland kam er ihr vor, einer, der sich ihrer Not erbarmte hier unter
all den fremden Leuten, die nicht mal ihre Sprache verstanden.
In Wartha besorgte er ihr richtig ein Billett und brachte ihr außerdem
noch ein großes Glas Limonade. Wie gut die schmeckte nach der heißen
staubigen Fahrt!
»Hier bauen sie jetzt den großen Tunnel für die Eisenbahn,« sagte
er. »Wir aber fahren noch mit der Postkutsche über den Berg ins
Glatzerländchen hinein -- es lebe die Romantik, die nun bald tot und
begraben sein wird -- schade!«
Wie hübsch das klang! Es erinnerte sie an die Literaturstunde bei der
klugen lieben Mater Theresia -- ach, wenn sie selber nur auch irgend
etwas Kluges und Schönes hätte sagen können! Statt dessen sagte sie
ganz prosaisch: »In Glatz holt mich sicher der Großpapa ab, da kann er
Ihnen gleich den Taler wiedergeben. Wenn nicht ...«
»Hole ich ihn mir selbst in Charlottenhof,« sagte er lustig. »Ich hab'
ja Ihre Adresse gehört, als Sie einstiegen, Sie sind mir also ganz
sicher.« Und beide lachten. O himmlische Ferienzeit!
Leonie war noch niemals mit der Post gefahren, es dünkte sie herrlich,
der Postillon blies: »So leben wir, so leben wir alle Tage ...« und die
Köpfe von dem dicken Ehepaar gegenüber stießen unsanft aneinander, als
die gelbe Kutsche über das vorsintliche Straßenpflaster hinausstolperte.
Leonie und ihr ritterlicher junger Freund saßen rückwärts, und er
erzählte ihr dies und das. Namensnennung erschien allen beiden wohl
als unnütze und überflüssige Zeremonie, genug, daß sie wußte, er
studierte in Breslau Medizin und führe zu einer Silberhochzeitsfeier
nach Mittelwalde. Auf der Rückreise wollte er sie dann vielleicht in
Charlottenhof besuchen. Ach, wenn er's nur täte! Sie hoffte brennend,
daß Großpapa sie nicht selber abholen und ihr junger Freund somit nach
Charlottenhof kommen müsse, um sich seinen Taler wiederzuholen.
Daß sie ein Klostermädel sei, brauche sie gar nicht erst zu sagen,
hatte er lachend gemeint. Das säh' man ihr ja auf zehn Schritt
Entfernung an. Aber das möcht' er grad besonders gern leiden!
Bis jetzt hatte Leonie in anerzogener Schüchternheit noch nicht viel
gesprochen, allmählich aber taute sie auf, wurde lebhafter und stach
mit ihren heimatlichen spitzen S-t und S-p lustig in der deutschen
Sprache herum. Da fragte er: »Sie sind doch gewiß aus Hannover,
Fräulein Leonie?
»Nein, aus Neus-tadt in Hols-tein.«
»Aber da sind wir ja Landsleute!«
»Nein, wie reizend!« rief sie erfreut. »Haben Sie es gleich gemerkt?«
»Auf der S-telle,« kopierte er.
»Aber Sie s-prechen doch gar nicht so?«
»Ich hab' mir's leider schon abgewöhnt.«
»Ach, das sollte ich ja auch, Mère Angèle sagt mir alle Tage, es klänge
so abscheulich affektiert -- aber ich kann's doch nicht!« klagte Leonie
und flog mit ihrem Kopf gegen seine Schulter, weil die Postkutsche
plötzlich anhielt. Der Postillon öffnete den Schlag: »Wollen die
Herrschaften vielleicht aussteigen? Itze kimmt nämlich dar gruße Berg.«
Ächzend krochen die zwei Dicken heraus. Leonie wollte ihnen folgen, da
hielt jemand ihre Hand fest. »Nein, bitte, bleiben Sie doch, Fräulein
Leonie! Wir haben unser Billett ehrlich bezahlt und wir zwei sind ja so
schlank und dünn, uns spüren die vier Postgäule gar nicht.«
Leonie guckte hinaus, richtig schirrte der Postillon zwei kräftige
Vorspannpferde vor seinen Wagen, vierspännig fuhren sie den Berg hinauf
-- das war Leonie in ihrem ganzen Leben noch nicht passiert! Mit einem
wohligen kleinen Seufzer sank sie ins Polster zurück und der Wagen
ratterte langsam bergan.
»Jetzt wird's erst gemütlich,« sagte ihr junger Beschützer. »Erzählen
Sie mir von zu Hause, Fräulein Leonie -- ist's da hübsch?«
Sie dachte, er müsse es doch eigentlich selber wissen, wie hübsch es in
Holstein sei, aber sie genierte sich, ihn zu fragen, aus welcher Gegend
oder Stadt er stamme, und erzählte von der holsteinischen Schweiz
und den Seen, von der Ostsee und dem weißen Strande und den kühlen
Buchenwäldern ihrer Heimat. Er hörte still zu und sah sie mit seinen
schönen guten Augen an -- und dann auf einmal sagte er: »Ich freue mich
doch zu sehr, daß wir zwei Landsleute uns hier in der Fremde getroffen
haben!«
»Ach ja,« erwiderte Leonie und seufzte tief auf -- »was hätt' ich wohl
anfangen sollen ohne Sie?«
Und wieder sah er sie an, sein Blick ging wie eine Liebkosung über sie
hin, sie dachte: ob sie ihm wohl ein klein bißchen gefiele? und fühlte
sich stolz und beseligt in dem Gedanken.
»Wissen Sie auch, was zwei Landsleute tun müssen, wenn sie einander in
der Fremde begegnen?« fragte er.
»Nein,« sagte das arglose Klosterkind und blickte ihm mit großen
fragenden Augen ins Gesicht. Er lächelte unmerklich und beugte sich
etwas vor.
»Sie müssen sich einen Kuß geben,« sagte er ernsthaft.
Dem armen Kinde wurde schwül und angst, aber gleich darauf sonderbar
feierlich zumute.
»_Müssen_ sie das wirklich? Ach nein!« meinte sie ungläubig. Dies war
eine schwere und wichtige Sache -- ach, wenn nur eins von den ältern
Mädeln dagewesen wäre und ihr gesagt hätte, was sie tun solle!
»Es ist ein alter heiliger Brauch!« sprach er von der erhabenen Höhe
seiner zwei- oder dreiundzwanzig Jahre herab und nickte ihr ermunternd
zu. »Sonst hat man sein Vaterland nicht richtig lieb!«
Ach -- sie und ihr liebes Holstenland, ihre Heimat, nicht liebhaben?
Hatte sie nicht eben erst davon geschwärmt und sich mit Sehnsucht daran
erinnert, wie schön und herrlich es dort in den grünen rauschenden
Buchenwäldern sei?
»Also bitte -- liebe kleine Landsmännin!« drängte er.
»Ja, wenn es denn sein muß« -- ergeben faltete sie ihre Hände, sein
feierlicher Orakelton wirkte hypnotisierend, sie ward ganz willenlos
und litt es geduldig, daß er sich herüberbeugte und sie küßte. Sehr
leise und sanft, sie spürte den Hauch und Druck seiner Lippen und das
komische Kitzeln seines kleinen weichen Schnurrbärtchens -- und schloß
die Augen.
Das war so süß, so feierlich! Ach, es war doch eine reizende Sitte, daß
sich zwei Landsleute in der Fremde einen Kuß geben mußten!
Ein klein wenig befangen waren sie nachher aber doch alle beide,
nur hin und wieder fiel ein Wort, wie traumverloren -- und fast wie
eine Erlösung dünkte es Leonie, als die zwei Dicken auf der Höhe des
Warthaberges wieder einstiegen. Was die nur hatten, und weshalb die
Frau ihr so strafende Blicke zuwarf? Ob sie etwas gemerkt hatten von
dem Kuß? Sie zuckte die Achseln und warf die Lippe auf, recht wie
ein kleines schnippisches Schulmädel: Pöh -- was wußten die von der
Landsmannschaft und dem wunderhübschen Brauch? Verstohlen guckte sie
ihren Freund an -- der nickte ihr zu. Wie himmlisch war's, so ein
kleines, heimlich süßes Geheimnis zu haben! Wovon kein Mensch etwas
wußte -- das sie später nicht mal der guten Großmama beichtete. Von der
Hilfe ihres freundlichen Landsmannes und dem geliehenen Taler erzählte
sie wohl -- von dem Landsmannschaftskuß nicht ein Sterbenswörtchen.
Der Abschied war kurz und herzlich. In Glatz wartete schon Großvaters
alter Johann Nepomuk, der sie nach Charlottenhof holen sollte.
Großvater war bei der Heuernte und Großmama hatte sich den Fuß
verstaucht, so daß keines von beiden abkommen konnte. Und Leonie
freute sich dessen wie ein Schneekönig, ihr junger Freund hatte hoch
und heilig versprochen, sie in längstens drei Tagen in Charlottenhof
zu besuchen. Fröhlich riefen sie einander »Auf Wiedersehn« zu, er
stand und schwenkte sein buntes Mützchen und Leonie blickte sich wohl
hundertmal nach ihm um.
Er war nie nach Charlottenhof gekommen.
Auch nach acht Tagen, auch nach vier Wochen nicht. Leonie sah ihn
niemals wieder.
Bis heute! Und nun hätte sie weinen mögen, wie ein Mensch sich so
verändern konnte. War das der schlanke schöne Jüngling von einst, der
damals die sterbende Romantik der Bergpost beklagt? Derselbe, der ihr
so ritterlich beigestanden, der sie so zart und andächtig auf die
Lippen geküßt hatte? Dieser behäbige Landdoktor, der im Automobil in
der Welt umherkutschierte und aussah, als hätte er in seinem Leben
schon ungezählte Liebeshändel angebändelt und ungezählte Mädchenlippen
geküßt? Dessen Devise wohl auch, wie bei den meisten, Wein, Weib --
Pläsier war -- so wenigstens sah er aus! Wie einer, dem von seiner
Jugend und vom Idealismus seiner Jugend keine Spur mehr geblieben ist.
Und der das kleine Klostermädel, das er einst in übermütiger Laune
geküßt, bis in den Tod vergessen hatte!
Die Scham brannte in ihrem Herzen und mehr noch der Schmerz -- ein so
wunderlich heißer Schmerz, um so unbegreiflicher, als sie selbst doch
seit Jahren nicht mehr an das kleine Erlebnis ihrer Jugend gedacht
hatte.
Aber damals -- damals -- --!
Was wir Jahr um Jahr liebevoll und andächtig mit uns herumgetragen, das
wächst uns unmerklich ans Herz, bleibt uns heilig, und würden wir auch
alt wie Methusalem -- und rüttelt eine unberufene Hand daran, tut's uns
weh, und wir spüren dann erst, wie tief und fest die Erinnerung saß.
All die Jahre, wo sie ihn nicht vergessen konnte, wo sie bei Tage an
ihn gedacht und nachts von ihm geträumt, standen wieder auf wie Tote,
die aus ihrer Gruft gerufen werden, um Zeugnis zu geben. Die langen
Ferienwochen, wo ihr kleines sehnsüchtiges Herz von einem Tag zum
andern gehofft und gewartet; frühmorgens freudig den jungen Sommertag
begrüßte: Heut kommt er, heut kommt er ganz gewiß! -- und abends
vor sehnsüchtigem Klopfen und bitterster Enttäuschung keine Ruhe in
Großmutters schneeweißem weichen Gastbette fand.
O, über das erste holde Erwachen der jungen Seele, wo sie noch ahnend
und unbewußt ihre Flügel regt; wo ein Blick zum Erlebnis, ein Wort
oder Kuß zum welterschütternden Drama wird! Und dies alles, dies
erste Aufwachen, dies zagende Sicherschließen der Knospe war mit ihm
verknüpft -- o wie teuer, wie über alles teuer war er damals ihrem
Herzen!
Sie dachte an die Jahre in der Pension, wenn die Klostermädel
einander ihre kleinen Ferienerlebnisse anvertrauten; wo ihre eigenen
allerschönsten Geschichten immer mit dem Satz begannen: »Als ich zu den
Großeltern in die Ferien fuhr ...« Aber von dem Kuß nie ein einziges
Wort! Das war ihr alleiniges, ihr heiliges und süßestes Geheimnis, von
dem selbst ihr Beichtvater, der alte liebe Pater Regens, nichts erfuhr.
Küssen war doch keine Sünde? Die Großen taten's ja alle, und beichten
brauchte man das wahrlich nicht! Und _Er_ wollte ja kommen, er wußte
doch, daß sie bei den guten Nönnchen in Mariahilf war -- und er _mußte_
ganz sicher einmal kommen, hatte er's nicht versprochen? Und hatte er
sie nicht geküßt?
Heimlich sparte sie sich Groschen für Groschen von ihrem Taschengelde
ab, und als sie nach einem Vierteljahr -- während dessen sie kein
einziges Mal zum Konditor gegangen war, sich nicht _eine_ seidene
Zopfschleife gekauft und immer die weggeworfenen Federn der andern
heimlich aus dem Papierkorb »geklaubt« hatte, um nur ja jeden Pfennig
zu sparen -- endlich so viel beisammen hatte, wechselte sie das
Kleingeld um und trug ihren Taler immer bei sich, ganz blitzblank
gerieben und in ein blauseidenes Säckchen eingebeutelt, damit sie ihn
gleich bei der Hand hätte, wenn er käme.
* * * * *
Die achtundzwanzigjährige Leonie, die am Fenster stand und ihre
heiße Stirn an die kühle Scheibe drückte -- während auf dem finstern
Hintergrund der mondlosen Frühlingsnacht all diese Jugendbilder licht
und hell an ihrem Geiste vorüberzogen -- die klug und kühl und
vernünftig gewordene Leonie, die alleinstehende wohlhabende Waise,
die zehnmal schon hätte heiraten können und an jedem Bewerber etwas
auszusetzen fand -- wandte sich hastig ab, damit ihre dummen Tränen die
klargeputzte Scheibe nicht trüben sollten.
Sie zündete ihr Licht an und begann sich auszukleiden. Jählings kam
ihr ein wunderlicher Einfall, und ehe sie sich dessen versah, kniete
sie vor ihrer Kommode und suchte im untersten Schubfach zwischen altem
vergessenen Kram, welken Kotillonsträußchen und kleinen Andenken aus
der Jugendzeit, nach einem eingelegten Ebenholzkästchen. Und als sie
es gefunden hatte und auf das kleine Vexierschloß drückte, sprang der
Deckel mit einem schwachen Laut auf -- wie ein Seufzer klang's -- und
ein verstaubtes zerknittertes Seidenbeutelchen kam zum Vorschein.
Sie zog die Schnur auseinander und mußte beinah' lächeln: da lag ihr
gesparter Taler aus der Pensionszeit, der fünfzehn Jahre lang treu und
pietätvoll aufgehobene!
Nun konnte sie ihn seinem Besitzer ja wiedergeben!
Und sie mußte es wohl -- über kurz oder lang würden die Taler außer
Kurs sein, hatte neulich jemand gesagt -- und auch dieser hatte dann
keinen Wert mehr.
Gedankenvoll hielt sie ihn in der Hand, den alten, alten Taler, an
dem soviel süße und traurige Erinnerungen hingen. Der einst so blank
geputzt gewesen -- unwillkürlich griff sie nach einem Zipfel ihrer
weichen Flanellmatinee und rieb und putzte an der alten Silbermünze
-- und mußte nun wirklich lachen. Schnell steckte sie das Beutelchen
zwischen Handschuh und Schleier oben im ersten Fach, wo's ihr bequem
zur Hand war -- bei erster Gelegenheit sollte Doktor Erdmann seinen
Taler wiederhaben.
Als sie längst im Bette lag, zerbrach sie sich noch den Kopf, wie sie's
anstellen sollte, ihm unbemerkt das geliehene Geld zurückzugeben.
Nun -- die Gelegenheit würde sich schon finden. Sie und ihr Vetter Luz
Neuhaus, Großvaters rechte Hand und dereinstiger Nachfolger, waren
ja dringend eingeladen, die Geschwister Erdmann in Groß-Lutschine
zu besuchen. Luz -- das Lächeln ihrer Lippen wandelte sich zu einem
Seufzer, wie sie an diesen Luz dachte, den smarten Geschäftsmann,
den Großmutter ihr so gern zum Mann geben wollte, und den sie nicht
leiden mochte; zu dem -- obwohl sie ihn von klein auf kannte -- sie so
gar kein rechtes Zutrauen fassen konnte. Kalt wie 'ne Hundeschnauze,
dachte sie, der richtige Engländer -- ihr Leben lang hatte sie für die
Englishmen nicht viel übrig gehabt, obgleich sie nicht viel mehr von
ihnen wußte, als was sie aus den langweiligen Tauchnitzbänden ihrer
Pensionszeit herausgelesen hatte.
* * * * *
»Lieselott, wo steckst du denn?«
~Dr.~ Richard Erdmann kam breitbeinig in die Laube gestiefelt, wo seine
Schwester sich den seltenen Genuß gönnte, ein Stündchen -- das feiernde
Strickzeug im Schoß, in den Journalen zu blättern.
»Komm nur, du mußt gleich Medizin machen!«
»Schon wieder mal? -- Ach, du lieber Himmel!« seufzte die Schwester.
»Hilft nix, mein Döchting --« Schwerfällig ließ er sich auf einen
Gartenstuhl fallen und strich seufzend mit der Hand über das bei seinen
sechs- oder siebenunddreißig Jahren schon bedenklich gelichtete Haupt.
»Haste Haarweh, schöner Jüngling?« fragte Lieselott mit heuchlerischem
Bedauern. »Ja ja -- dreie war's heut früh, als du aus dem ›Bären‹
heimkamst. Ich hab's wohl gehört.«
»Still, altes Scheusal -- laß mich nachdenken. Ach -- der verdammte
Brummschädel!« Er zog ein paar Rezeptformulare aus der Tasche und
begann seine Formeln niederzuschreiben, wobei er jedes Wort halblaut
vor sich hinsprach.
»Kodeïn 0,4.«
Lieselott blickte ihm über die Hand aufs Papier.
»Ist nicht mehr da,« sagte sie ruhig. »Gestern abend das letzte
verbraucht.«
»Na, dann geben wir Phenazetin -- ist auch egal. 2,0 also -- tut genau
dieselben Dienste.«
»~Nux vomica~ ...«
»Du -- _nein_, Richard!« Lieselott hielt die schreibende Hand fest.
»Nicht ~Nux vomica~ -- auch noch Medizin kochen heut zum Sonntag? Fällt
mir ja im Traum nicht ein!«
Wieder rieb der Doktor seinen schmerzenden Schädel.
»Laß ihn, er ist blank genug,« sagte Lieselott hartherzig.
»Ja, -- was soll ich denn sonst geben?«
Die gewandte Apothekerin schlug ein anderes Mittel vor, das nicht erst
gekocht zu werden brauchte.
»Hm --« machte der Bruder nachdenklich. Dann riß er sich energisch
zusammen.
»Nein, nein -- das sind Weiberfisimatenten! Mit so was darfst du mir
nicht kommen, das weißt du,« sagte er kurz -- in diesem Punkte verstand
er keinen Spaß und schrieb sein ~Nux vomica~ nur desto kräftiger hin.
»So --!« tief aufatmend hob er die Augen, -- da saß Lieselott über
ihre Zeitschriften gebeugt und kümmerte sich nicht mehr um ihn. Jetzt
galt's, sie herumzukriegen.
»Lieseken?!«
Keine Antwort. Er langte über den Tisch und zupfte die Lesende
derb-liebevoll am Ohr: »Jesses, jesses, was sollt' ich wohl machen,
wenn du mal heiratest, altes Scheusal?«
»Dasselbe -- schöner Jüngling!« gab sie prompt zurück -- und las weiter.
»Geh schon und mach die Rezepte!« bat er.
»Mach du sie doch selbst, mein Lieber -- hast ja ohnehin nichts zu tun.
Ich will auch meine Ruh' am Sonntag.«
Er gähnte ostentativ. »Bin müd zum Umsinken.«
»Ja, vom Skaten.«
»Nee -- vom Auteln. Du, Lies -- das Schnauferl ist noch mein Tod.«
»Das glaub' ich selbst.«
»Sei gut, Lieserl, geh in die Apotheke!«
Seufzend stand Lieselott auf. »Du gönnst einem doch keine Sekunde Ruh'!«
Nach einer Weile kam er ihr nach in die »Apotheke.«
Da war es bei herabgelassenen Jalousien kühl und still wie in der
Kirche; nur eine Fliege summte durchs Zimmer und stieß ihren dicken
Brummkopf schlaftrunken gegen die Scheibe.
»Fertig?«
»Ja -- gleich.«
Er zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich rittlings darauf.
»Also Sonnabend!« sprach er mit nachdenklicher Betonung und sah ihr zu,
wie sie mit flinken Fingern geschickt und emsig mit der blankgeputzten
Wage und den winzigen Gewichtchen hantierte und die großen weißen
Porzellanbüchsen und dickbäuchigen Glasflaschen wieder in Reih' und
Glied auf die Regale setzte. Weiß Gott, ein Verlaß war schon auf das
Mädel, gewissenhaft und pflichttreu bis in die Fingerspitzen -- keine
andere würd's je so gut verstehen. Eigentlich jammerschade, daß ihr
junges frisches Leben hier versauern sollte. Und wer war daran schuld?
Kein anderer als er. Um seinetwillen hatte Lieselott erst neulich
wieder einen Bewerber, den wohlhabenden Domänenpächter Wilpert,
abgewiesen. Beinah' ein Bedauern ergriff ihn um die Schwester, die es,
wahrhaftigen Gott, wert wäre, einen andern Platz im Leben auszufüllen.
Für Mann und Kinder zu sorgen, glücklich zu sein und glücklich zu
machen.
Statt dessen hatte er in barem, blankem Egoismus ihr junges tüchtiges
Leben an sein eingerostetes Junggesellentum geschmiedet, amüsierte sich
auf eigene Faust, und selbst wenn er -- »ihr zulieb« wie er sagte --
ein paar gute Freunde einlud, hatte sie doch nur die Last davon.
»Daß nur auch alles recht gut und reichlich ausfällt!« sagte er, die
lästigen Gedanken abschüttelnd.
»Und dem Hausherrn keine Schande macht!« setzte Lieselott lachend hinzu
und schloß die letzte Büchse. »Keine Angst! Tip-top von der Bouillon
bis zum Mokka.« Noch einmal sprachen sie das ganze Menü durch, das für
Sonnabend, wo »Doktors« eine ihrer kleinen gemütlichen Gesellschaften
gaben, aufgestellt war.
»Weißt du was?« unterbrach er sie zwischen Aal und Rehrücken. »Wollten
nicht Fräulein Wilten und ihr Vetter in dieser Woche kommen?««
»Ja -- sie fragten an, welchen Tag es uns passe.«
»So schreib ihnen doch, sie möchten Sonnabend kommen. 's geht schon in
einem Aufwaschen hin -- und es macht sich besser, weißt du.«
»Hm.«
»Bist ja so einsilbig, Lieseken?«
Lieselott zuckte die Achseln. »Was soll ich groß dazu sagen? Meine
Meinung kennst du.«
»'s ist wirklich 'n nettes Mädel. Und Knöppe hat sie auch.«
»Aber zum Flirten zu schade, das merke dir! Wie Unzählige hast du schon
›nett‹ und ›lieb‹ gefunden -- eine sogar ›herzig‹. Ach, Dicker, wenn du
doch endlich mal Ernst machen wolltest! Ich hab's manchmal so satt und
der Vater wird auch alle Tage älter und brauchte mich daheim.«
»Wollen sehen, was sich tun läßt. Also schreib nur, hörst du? Sie
gefällt mir wirklich recht gut. Und die Aussichten wären nicht
schlecht, hör' mal. Reuter wußte gut Bescheid. Einige Sechzigtausend
hat sie jetzt schon, und mindestens Vierzig kriegt sie noch mal von
dem Großalten. Hunderttausend -- hab' ja immer gesagt, billiger tu'
ich's nicht.« Er dehnte sich -- »au, mein Schädel! Ich leg' mich jetzt
drei Minuten aufs Ohr, sonst halt' ich's nicht aus. Nachher auteln wir
irgendwohin.«
»Fällt mir nicht ein. Und dir wär's auch besser, du bliebest daheim und
brächtest mal deine Bücher in Ordnung.« Sie wollte an ihm vorbeigehen,
da hielt er sie am Schürzenzipfel fest.
»Ach, süßes Schwesterherz -- das tust du mir nicht an!«
»Aber sicher. Die Wochenrechnung steht nicht in meinem Kontrakt. Du
hast den ganzen Sonntagnachmittag -- mach dich nur drüber her.«
»Goldenes Seelchen! Komm, ich geb' dir auch 'nen Kuß!«
»Laß mich!«
Ohne weiteres nahm er sie um die Taille, zog die sich Sträubende
herunter, küßte und streichelte sie und bettelte so herzbeweglich mit
Mund und Blick, bis er sie glücklich herum hatte: erst autelten sie ein
paar Stunden und abends holten sie gemeinsam die Wocheneintragung nach.
Wie Gott den Schaden bei Licht besah, arbeitete Lieselott abends allein
über den Büchern -- und der Doktor saß wie gewöhnlich im »Bären«.
So ging es nun immer.
Nicht, als ob er nicht ein gewissenhafter Arzt und beruflich völlig
auf seinem Posten gewesen wäre. Im Gegenteil: nicht dran zu tippen.
Er studierte eifrig seine Fachschriften und machte fast jeden Herbst
in Berlin einige Kurse mit, so daß er sich beruflich immer auf der
Höhe hielt. Aber das übrige drum und dran. Lieselott behauptete: eine
Frau, die den Unsoliden ans Haus zu fesseln verstände und ihm seine
kleine Eskapaden abgewöhnte, täte ihm nötiger als das tägliche Brot;
die Schwester, in ihrer nachsichtigen Liebe, ließe ihm gar zuviel durch
die Finger gehen. -- Möglich, daß sie recht hatte! In philosophischen
Augenblicken, die -- seit »Wittkopp« durch das Schnauferl ersetzt war
-- jetzt sehr viel seltener kamen, sah er's auch selber ein. So auf
einsamen Überlandfahrten -- ringsum nur Wald und Feld, nickende Ähren
und schwermütig rauschende Kiefern, oder das tausendfältige Blühen der
märkischen Heide, über sich den weiten blaßblauen Himmel der nordischen
Tiefebene mit Vogelruf und Sonnenschein -- findet der hastende Mensch
noch Zeit und Sammlung, in sich selber einzukehren, und ehrlich gestand
er sich: Die erste beste nehm' ich nicht -- dazu hat Lieselott mich
viel zu sehr verwöhnt. Eine Doktorsfrau muß Opfer bringen können. Erst
recht die Frau von so einem alten ausgepichten Egoisten wie ich. Und
dazu muß sie mich liebhaben, sehr lieb sogar. Aber woher nehmen und
nicht stehlen?
Als tüchtiger Arzt mit ausgedehnter wohlhabender Landpraxis galt er für
eine gute Partie. Und er selbst suchte eine reiche Braut. Ein Arzt,
der an die Zukunft und Sicherstellung einer Familie zu denken hat, muß
dies tun, sagte er sich. Und hübsch, gescheit und liebenswürdig sollte
sie nebenbei auch noch sein -- woher sollte da wohl -- bei soviel
vernünftigem Abwägen und so großen Ansprüchen -- noch die Liebe kommen?
Er nahm nicht die erste beste -- auch nicht die Zehnte und Zwölfte
und war siebenunddreißig Jahre alt und ein eingerosteter Junggesell
geworden, als er bei jener abendlichen Panne im März Fräulein
Leonie Wilten kennen lernte. Gut gefallen hatte sie ihm gleich, und
was er später über ihre Vermögensverhältnisse hörte, tat seinen
freundschaftlichen Gefühlen erst recht keinen Abbruch.
Um Ostern hatte man sich wieder getroffen, zufällig, bei einem
ersten Frühlingsausflug. Das Wetter war nach langen griesgrämigen
Schnee- und Regenwochen verlockend schön, die Waldhänge waren blau
von Veilchen und die Amsel sang im Morgen- und Abenddämmern ihre
wonnetrunkenen Lieder; die Sonne lachte, wie nur eine frühaufstehende
Ostersonne Ende April strahlen und lachen kann. Kein Wunder also,
daß alle Welt unterwegs war und des Doktors Schnauferl sich mit
dem Landauer des Ziegeleibesitzers an einem halben Wegs gelegenen
vielbesuchten Ausflugsort traf. Man improvisierte ein Picknick, sang
Mailieder und pflückte Veilchen und Anemonen am sonnigen Waldhang
-- es wurde der gemütlichste Sonntagnachmittag, den man sich denken
konnte, und Fräulein Leonie machte dem ~Dr.~ Richard Erdmann einen
noch viel nachhaltigeren Eindruck als das erstemal. Als man sich spät
in der Nacht trennte, nahmen Erdmanns das felsenfeste Versprechen der
Neuhausschen Enkel, bestimmt im Monat Mai ihre Gegenvisite abzustatten,
mit nach Groß-Lutschine. Und gleich in der zweiten Maiwoche hatten sie
sich richtig angesagt, und Lieselott ersuchte sie telephonisch, am
Sonnabendnachmittag vier Uhr den üblichen »Löffel Suppe« mitzuessen.
Nun war der Sonnabend da, die Kochfrau waltete ihres Amts und Lieselott
steckte nach einem letzten Revidiergang ihre schweren blonden Zöpfe
fest und war eben -- hochrot vor Eile und Aufregung -- im Begriff,
die hellseidene Bluse zu schließen, als ihr Bruder in Hemdsärmeln
hereinstürmte: »Um Himmels willen -- die Gäste kommen ja schon!«
Aber es war nur ein Schreckschuß; ein Bauernwagen aus der Nachbarschaft
brachte einen verunglückten Hütejungen mit gebrochenem Arm, den der
Doktor zurechtrichten sollte. Lieselott, schon im ~Full dress~, mußte
helfen, band eine große Schürze um und tat wie immer ruhig und besonnen
ihre Pflicht. Zwischendurch fragte Richard: »Ist auch alles fertig?
Habt ihr denn auch oben ins Gastzimmer einen Leuchter hingestellt?« --
denn einige der Gäste sollten über Nacht bleiben. Da mußte Lieselott
trotz des Stöhnens ihres armen Patienten lachen. So lang die Woche war
und so viel Arbeit ihr oblag -- um nichts hatten Seine brüderlichen
Gnaden sich gekümmert. Nicht mal um Wein und Zigarren -- nun fragte er,
um doch etwas zu tun, nach dem Leuchter.
Sie beruhigte ihn -- und kaum waren der Patient und seine Mutter
geschient und getröstet entlassen, als wieder ein Wagen vorfuhr:
diesmal ein herrschaftlicher, der die am weitesten wohnenden Gäste,
Fräulein Wilten und ihren Vetter, brachte -- die grad noch drüberzu
kamen, wie das arme alte Auszüglerweib den Doktor, der ihren Jüngsten
umsonst geschient und verbunden hatte, noch auf der Treppe bis in den
Himmel lobte und pries.
Luz Neuhaus verzog spöttisch den Mund und bemerkte trocken: »Wenn er's
oft so treibt, dürfte er keine großen Schätze sammeln,« wofür seine
Cousine ihn nicht eben mit einem freundlichen Blick bedachte.
Oben an der Tür wartete schon die Hausfrau, um ihre Gäste zu begrüßen.
Lieselott bestand ihre oft geübte Rolle auch heut wieder mit Glanz.
Nichts fehlte und alles ging wie am Schnürchen, die ganze Gesellschaft
amüsierte sich köstlich. So gut, daß selbst Luz Neuhaus, der steife
Englishman, wie seine Cousine ihn nannte, auftaute und der hübschen
lustigen Hausfrau in seiner etwas phlegmatischen Art den Hof machte.
Alle Wetter! -- in der steckte doch noch Feuer, Rasse -- die war anders
wie seine tugendreiche Cousine mit ihrer ewigen Ernsthaftigkeit. ~Dr.~
Erdmann revanchierte sich dafür ausgiebig; er und besagte Cousine kamen
sich in diesen kurzen Stunden um sehr vieles näher. Ein Glück nur, daß
die bildhübsche kokette Frau des Kreisbaumeisters, Erdmanns letzte und
außergewöhnlich andauernde Flamme, heut anderweitig engagiert war, weil
ein Hauptmann v. Schütze, ein Vetter der Erdmanns, als schneidiger
Courmacher vorhanden war, der ihr, ihrer Meinung nach, zehnmal besser
zu Gesicht stand als der behäbige Doktor.
Hin und her spannen sich zarte Fäden.
Nicht allzu fest, das gestatteten die gastlichen Pflichten der Wirte
nicht, aber schon war eine neue Begegnung beim großen Johannimarkt in
der Kreisstadt verabredet.
»Was meinen Sie zu _der_ Kreuzung?« fragte lakonisch und vielsagend der
Kreisbaumeister, dem es naturgemäß ein beruhigender Gedanke war, den
Doktor, diesen Schwerenöter und dauerhaften Courmacher seiner Frau,
anderweitig festgelegt zu sehen.
Der Rechtsanwalt folgte dem deutenden Blick.
»Nicht übel. Zudem -- hier heißt's wirklich: alle beide oder keiner.
Solange der Bruder nicht fest engagiert ist, heiratet Lieselott ganz
sicher nicht, dafür kenn' ich sie. Na, die Wilten ist ja ein gescheites
Frauenzimmer, die soll ihn wohl fest an die Kandare nehmen.«
»Damit er ihr nachher mit seinem Schnauferl um so gewisser durchgeht,«
spottete der Ehemann. Beide lachten. Man saß bei Kaffee und Zigarren
zwanglos um kleine Tische gruppiert. Während der Hausherr sich eifrig
und halblaut mit Leonie unterhielt, fühlte diese wiederholt heimlich
in die Tasche, wo ihr Taler steckte, den sie heut seinem Eigentümer
zurückerstatten wollte. Doch das »wie« war immer noch die ungelöste
Frage. Unauffällig mußte es geschehen, und doch wollte sie ihn nicht
einfach irgendwo hinlegen, daß sich nachher die Dienstboten ein
willkommenes Extra-Trinkgeld daraus machten. So hörte sie ein wenig
zerstreut den Worten ihres Nachbars zu. Nebenan in der Fensterecke
saßen ein paar behäbige Pächter und schimpften laut über die hohen
Löhne und schlechten Zeiten. »Uff!« stöhnte der eine, eben aus
Marienbad Zurückgekehrte, der dem leckeren Aalgericht wohl mehr als
dienlich zugesprochen, »nichts auf der Welt ist umsonst und der Tod
kostet erst recht einen Haufen Geld, -- das kann man in den großen
Bädern erleben.«
»Schadet nix, das bezahlen die lachenden Erben,« gab der andere zurück.
»Aber auch das armselige bissel Leben und Pläsier was man so auf der
Welt hat -- zum Beispiel, was meinen Sie? hat mein Schreiber nicht
neulich die kleine Wirtschaftselevin um den Hals genommen und geküßt?
Der Kerl war betrunken, weiter nichts -- aber das Mädel geht hin und
verklagt ihn, und er wird zu zwanzig Emchen verknackst. Fast wie in
Amerika. Nicht mal 'nen Kuß mehr umsonst!«
Alles lachte über den komischen Zorn des bekannten Bonvivant und
vermutete, daß hinter dem Schreiber wohl der Gutsherr selber stecken
mochte.
»'s ist gut, daß die Küsse nicht immer so hoch im Kurse standen!«
rief der Rechtsanwalt und schlenkerte seine Finger, als hätt' er sie
verbrannt. »Herrgott, was hätten wir in unserer Jugend blechen müssen!
All' die kleinen niedlichen Mädel -- und nicht 'n Pfennig hat's einen
gekostet! Haben sie alles für umsonst getan, und aufs Dutzend immer
noch einen zugegeben -- was, Dicker?«
Das Gespräch schien den Doktor unangenehm zu berühren, er suchte es
durch eine gleichgültige Bemerkung abzulenken. Aber der Rechtsanwalt,
Erdmanns Jugend- und Studienfreund protestierte.
»Ach was -- nun laß mal dein Auto, Dicker, und bekenne Farbe: Wieviel
Schulden hättst _du_ wohl heut noch abzuzahlen, solltest du für jedes
Küßchen in Ehren zwanzig Emchen blechen?«
»Gar keine,« sagte Erdmann kurz.
»Na, tu nur nicht so, du Tugendfritze!« widersprach der andere. »Von
einem wenigstens weiß ich sicher. Hat dich allerdings bare drei Mark
gekostet, und warst doch damals noch ein junger Bursch in den ersten
Semestern, dem jeder ›Böhm‹ leid tat, den du nicht in Bier und Zigarren
anlegen konntest.«
»Ich --? Ih Gott bewahre! Was dir nicht einfällt!«
»Na, na, schieß nur mal los und beichte, du!«
»Bei Gott, ich hab' keine Ahnung. Laßt doch die alten Geschichten,
Kinder, wir sind ja hier nicht unter uns Pastorentöchtern.«
»Ach die Damen -- denen macht's gerade Spaß. Erzähl nur, Dicker!«
»Erzählen, Doktor!« baten die Damen. »Ach bitte, erzählen Sie einen
Schwank aus Ihrem Leben.«
»Ich weiß keinen.« Ärgerlich warf der Doktor seine Zigarette in den
Aschenbecher und griff nach einer neuen.
»So -- und das niedliche kleine Klostermädel, dem du vorgeschwindelt,
du seiest ihr Landsmann? Der du drei Mark gepumpt und hinterher einen
Kuß als Belohnung verlangt hast?«
»Unsinn! Die Sache verhielt sich ganz anders.«
Leonie Wilten saß steif und hochaufgerichtet in ihrem Sessel, ihre
Hände waren eiskalt, in ihren Ohren gellte es wie Trompetenstöße, und
ihr feines Gesicht unter tiefdunklen Scheiteln ward abwechselnd rot und
blaß. Was würde sie zu hören bekommen?
»So erzähl doch, Richard!« bat jetzt auch Lieselott. »Davon weiß sogar
ich nicht mal etwas.«