Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nächte

zwischen den Beinen der Löwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls

willig geschehen ließ. Zum Dank dafür biß er sie eines Tages in einem

Anfall von Wuth dermaßen in den Schwanz, daß das Blut strömte und sie

zeitlebens eine Narbe behielt. -- Nach einigen Jahren starb der Spitz an

Altersschwäche und Constantine schien untröstlich über diesen Verlust.

Man gab ihr verschiedene andere Hunde, die sie alle erwürgte; endlich

ließ sie den einen am Leben, aber sie zeigte demselben nur die größte

Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine Gefälligkeit. Sie starb auch

bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach ihrem bösen Spitz.«

Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu bellen,

und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem Gestrüpp

hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter trug ihr

Kleines, welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich zutraulich

und fletschten die Zähne, und hielten die Hände flehend den Kindern hin,

die sie vielleicht erkannten, weil sie sie öfters gesehen hatten, denn

diese Affen gehörten zu der Menagerie; gewiß waren sie entsprungen.

-- Die Prinzessin ließ sogleich Milch und Semmel für sie bringen und mit

Aepfeln und Nüssen sie in ein Zimmer locken, wo sie eingesperrt wurden.

Nach diesem Ereigniß, welches die Kinder sehr beschäftigte, da sie sich

gar nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen können,

wandelten sie zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der

Ferne, Joly und Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz

besonders gern in dem Wald zu sein und die Prinzessin befürchtete, das

Blut, welches er in des Löwen Käfig geleckt hatte und sein Antheil an

des Löwen Mahlzeit möge in ihm böse Gelüste entwickelt haben. Jedes Mal,

wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig und er vermochte kaum seinen

grausamen Appetit unter einer gleißnerischen Freundlichkeit zu

verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb an einem rosarothen

Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu halten, in der

Hoffnung, ihn von seinen sündhaften Begierden zu heilen und ihm gute

Gewohnheiten zu geben.

[Buntbild: Das große Abenteuer.]

Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurückgelegt

hatten und Lisi meinte, sie müßten zurückkehren, indem sie Mlle. Gogo

ganz aus dem Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes

Knistern im Dickicht; die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus

spitzte die Ohren und Joly zog den Schwanz ein und floh eilend dem

Schloß zu. Den Kindern fing es an ganz unheimlich zu werden, sie wußten

nicht warum, und doch blieben sie stehen und blickten regungslos nach

der Stelle, woher das Geräusch kam.

Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebüsch sich

theilte und niemand anders als der Löwe hervortrat; sehr feierlich und

behutsam blickte er um sich her und schritt mit wahrhaft majestätischem

Anstand auf die Kinder zu. Beiden schlug das Herz heftig und Lisi war so

erschrocken, daß sie in Ohnmacht fiel. Die kleine Prinzessin verlor aber

nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im Vertrauen auf ihre alte

Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die Schulter und blieb vor der

ohnmächtigen Lisi stehen. Der Löwe kam näher; er sah gar nicht grimmig

aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif und legte sich

dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm ihren ganzen Muth zusammen,

schaute dem Thier in die Augen und sprach einige freundliche Worte zu

ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch in den Käfig brachte.

Plötzlich aber vernahm man im Gebüsch Hundegebell und menschliche

Tritte. Der Löwe horchte, sprang erschrocken auf und stürzte der andern

Seite des Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebüsch hemmte

seine Flucht. Jäger kamen herbei und nahten auf Schußweite; vier Schüsse

krachten auf ein Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem kläglichen

Gebrüll fiel das edle Thier nieder und wälzte sich in seinem Blute.

Niemand wagte es, sich dem König der Thiere während seines Todeskampfes

zu nähern. -- Die Prinzessin aber wandte sich der ohnmächtigen Freundin

zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle. Gogo auch bald wieder zu

sich kam.

Wie aber hatte der große Löwe den Käfig durchbrechen und in den Wald

gelangen können?

In der vorhergehenden Nacht waren durch die Kohlen eines Bratwurstfeuers

unter andern Buden auch die Menagerie in Brand gerathen. Das trockene

Holz des Gerüstes hatte rasch die Flammen verbreitet, welche allen

Löschungsversuchen des Menageriebesitzers trotzten. Die Thiere stießen

die schrecklichsten Töne aus; sie liefen angsterfüllt in ihren Käfigen

umher; die Papageien schlugen mit den Flügeln, die Affen sprangen herum

und schrieen wie die kleinen Kinder; aber die Raubthiere waren

fürchterlich. Der Tiger fletschte die Zähne, indem er sich in den

Hintergrund des Käfigs zurückzog, er schien das feindliche Element

auffressen zu wollen; -- trostlos sprang der Eisbär in seinem Gefängniß

hin und her; die Hitze erschien ihm unerträglich, und als sein schöner

weißer Pelz Feuer fing, da meinte man, die ganze Welt müsse untergehen,

so tief und trostlos war sein Brummen. Der Panther und der Luchs

versuchten an den eisernen Stäben empor zu klettern, sie klammerten sich

fest daran, bis dieselben glühend wurden; heulend ließen sie dann los

von ihrem Halten und fielen auf den Boden des Käfigs herab, wo sie in

gewaltigem Todeszucken im Rauch erstickten und dann verbrannten.

Als der Menageriebesitzer sah, daß er das Feuer nicht mehr löschen

konnte, war er darauf bedacht, wenigstens einige seiner Prachtstücken zu

retten, und er versuchte den Wagen, worauf der Käfig des Löwen stand,

aus der Wagenreihe herauszuziehen; dabei fiel derselbe aber um, die Thür

sprang durch die Erschütterung auf und der vom Feuer und Todesangst

wilde Löwe kam heraus. Das Thier war keineswegs wüthend, als es seine

Freiheit erlangte, im Gegentheil war es schüchtern und furchtsam und es

wäre dem Menageriebesitzer ein Leichtes gewesen, es wieder

einzuschließen, wenn er nicht selbst unter dem umgestürzten Wagen

gelegen hätte. Ehe er sich unter demselben hervorhelfen konnte, war der

Löwe langsamen Schrittes durch die schreiende und fliehende

Menschenmenge, die das Feuer herbeigelockt hatte, dem Walde

zugeschritten. Er hatte sich sogar einige Mal sehr würdevoll umgeschaut

und als er die Feuerflamme sich noch ein Mal betrachtet hatte, war er

zögernd in das Dickicht verschwunden.

Nachdem der Menageriebesitzer noch einige andere Thiere in Sicherheit

gebracht hatte, war er seinem Löwen in den Wald gefolgt in der Hoffnung,

ihn zurückzulocken; derselbe hatte aber seitdem die Bekanntschaft einer

Schafheerde gemacht und einen Hammel verspeist. Dadurch war ihm der Sinn

für die Freiheit aufgegangen; sein Instinkt war erwacht und er gehorchte

nicht mehr der bekannten Stimme, sondern entfernte sich von dem rufenden

Herrn in würdevollem Schritt.

Man erzählte nun, der Löwe habe auch ein Kind erwürgt und die Polizei

hielt es demnach für ihre Pflicht, sich in die Sache zu mischen. Trotz

den dringenden Bitten des Menageriebesitzers, der so gern seinen Löwen

erhalten wollte, wurden Jäger ausgeschickt, um den gefährlichen Gast der

Wälder und Felder zu erlegen, damit derselbe kein weiteres Unheil

anrichten könne.

Kapitel 11.

Aus der Naturgeschichte des Löwen.

Und herein mit bedächtigem Schritt

Ein Löwe tritt.

Er sieht sich stumm

Ringsum

Mit langem Gähnen.

Er schüttelt die Mähnen.

Und legt sich nieder.

Als der letzte Lebensfunke des Löwen verlöscht war, kam der

Menageriebesitzer herbei; er warf sich über die Leiche seines

Prachtstückes und weinte laut. Mit seinen Thieren hatte der arme Mann

sein Vermögen verloren. Die kleine Prinzessin erbot sich, ihm die Haut

des Löwen abzukaufen, sie wollte dieselbe ausstopfen lassen und im

Lustschlößchen aufstellen, da ein in dessen Umgegend erschossener Löwe

gewiß zu den Seltenheiten gehöre; dann lud sie den betrübten Mann ein,

seine Affen in Empfang zu nehmen, deren Erscheinen man sich jetzt

erklären konnte. Jetzt bemerkte man auch, daß das kleine Aeffchen an

Brandwunden leide und man verband es mit kühlender Salbe, wobei es ganz

still hielt.

Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin zu

trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen über seine Thiere zu

thun und sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe.

»Den Löwen,« erzählte er, »habe ich, als er noch ganz klein war, einem

Araber abgekauft. Der Araber hatte nämlich ausfindig gemacht, daß ein

Löwenpaar in einer Höhle seine Jungen groß ziehe. Die Löwen pflegen nun

niemals ihre Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd bei

ihnen. Wenn die Löwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen

beschäftigt; der Löwe aber, welcher meist müde von der Jagd nach Hause

kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da

schläft er oft sehr fest mit den Kleinen um die Wette. Diesen Augenblick

hatte der Araber nun von einem nahen Baume erlauert; als die Löwin

einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die Höhle und nahm

zwei kleine Löwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten etwas und

der Vater knurrte im Schlafe so stark, daß der Araber schon meinte, er

sei verloren; er eilte so schnell als möglich fort nach einer Stelle auf

einem Hügel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches indeß noch

nicht erreicht, als er die Löwin hinter sich her kommen sah mit dem

Ausdruck und dem Gebrüll der höchsten Wuth. In großen Sätzen durchras'te

sie das Thal und der Araber wäre verloren gewesen, wenn er nicht die

Gegenwart des Geistes gehabt hätte, eines der kleinen Löwen

niederzulegen, so daß die Mutter es finden mußte. Dann bestieg er das

Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Löwen brachte, hatte

derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so daß das Blut

in Strömen herabrieselte. Ich mußte dem Araber viel Geld für den jungen

Löwen zahlen und hatte dann noch große Mühe, ehe ich ihn groß brachte;

da können Sie es sich wohl denken, wie sehr es mich betrübt, das schöne

Thier nun verloren zu haben.« Thränen strömten seinen Wangen herab; dann

erzählte er weiter:

»Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Löwen erzählt worden und

dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner Lebensweise.

Wenn der Löwe in Gesellschaft jagt, so wird der älteste immer zuerst das

Wild anfallen. Ist er so glücklich, dasselbe zu erlegen, so streckt er

sich während einer Viertelstunde an dessen Seite nieder, um wieder zu

Odem zu kommen, und seine Gefährten lagern sich um ihn her. Hat er sich

genugsam ausgeruht, so erhebt er sich und verzehrt den Bauch und die

Brust des getödteten Thieres; das sind die Lieblingsbissen des Löwen.

Sodann legt er sich abermals nieder, ohne daß seine Gefährten oder seine

Jungen sich die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn sein Hunger

vollständig befriedigt ist, fallen sie über das getödtete Thier her und

zerfleischen es. So auch wenn ein junger Löwe auf der Jagd glücklich

war, und ein alter ihm naht, wird er sich stets zurückziehen und warten

bis der alte seine Mahlzeit vollendet hat.«

»Ich beobachtete einst einen großen Löwen, welcher im Gebüsch lag, und

verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm

richtete, gleichsam um Kräfte und Blick zu üben.«

»Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fußreise nach

einer Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne

stand schon ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein

Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebüsch

beschatteten Felsen, erfrischte sich mit einem kühlen Trunk an der

Quelle und streckte sich dann auf dem Felsen nieder, wo er, nachdem er

seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald darauf erweckte ihn indeß

die Hitze der Sonne, welche die Felsenwände zurückstrahlte, und als er

die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Füßen einen großen Löwen,

welcher in liegender Stellung seine glühenden Augen auf ihn gerichtet

hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine

Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen blickte er nach seiner

Flinte und machte eine Bewegung dieselbe zu ergreifen. Dem Löwen entging

solches indeß nicht, er richtete das Haupt empor und erhob ein

furchtbares Gebrüll. Zu verschiedenen Malen erneuerte der arme Mann den

Versuch seine Waffen zu fassen und jedes Mal drohte ihm der wüthende

Löwe von Neuem mit seinem Gebrüll. Die Lage des Hottentotten wurde immer

peinlicher; der Felsen, worauf er lag, ward so heiß, daß er kaum seine

nackten Füße darauf konnte ruhen lassen. Tag und Nacht verstrichen, ohne

daß der Löwe seine Lage gewechselt hätte. Abermal ging die Sonne empor

und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so heftig, daß die schmerzhaften

Füße ganz gefühllos wurden. Gegen Mitte des Tages erhob sich der Löwe

und begab sich an die Quelle, indem er bei jedem Schritt den Kopf

umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und so bald als dieser nur

die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte das Thier über ihn

herzustürzen; als es getrunken hatte, legte es sich wieder an seinen

Platz und es verstrich eine zweite Nacht, ohne daß sich das Auge des

Königs der Wälder von dem armen Hottentotten abwandte.«

»Am nächsten Morgen erhob sich der Löwe abermals, um seinen Durst zu

löschen, als ein fernes Geräusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und

verschwand im Gebüsch.«

»Der Hottentotte nahm alle seine Kräfte zusammen, um seine Flinte zu

ergreifen, und wollte sich, nachdem dieses ihm gelungen, aufrichten,

fiel aber wieder nieder, da seine Füße ihn nicht tragen konnten. Mit der

Flinte kroch er an die Quelle und trank in langen Zügen; dann erst

betrachtete er seine Füße und entdeckte, daß seine Zehen ganz verbrannt

waren. Er setzte sich nieder, um die Rückkehr des Löwen zu erwarten,

entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu entladen, da er ihn aber

nicht zurückkehren sah, begann er auf allen Vieren den Weg nach seiner

Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem Reisenden zu begegnen, der

ihm weiter helfe, was auch geschah; man brachte ihn an einen sichern

Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er verlor indeß die Zehen und konnte

niemals wieder sich des vollständigen Gebrauchs seiner Füße erfreuen.«

»Der Löwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, gesättigt

ist er aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar die Flucht

oder zeigt Furcht. Sucht er auch wegen der Menge der Jäger sich zu

entfernen, so weicht er doch nur langsam und Schritt vor Schritt und

wendet sich von Zeit zu Zeit um. Erreicht er einen Wald, so flieht er

schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann geht er wieder schrittweis,

oder wird er zu sehr gedrängt auch laufend, aber nie springend. Er läuft

wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er aber selbst

angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe ist. Auch ist

es wahr, daß er das Feuer fürchtet. Er hat keine besondere Vorliebe für

Menschenfleisch, und zieht jedes andere demselben vor. Nur wenn er zu

alt ist, um Jagd auf die Thiere zu machen, nähert er sich gern den

Städten und fängt Kinder zu seiner Nahrung. Er giebt den Hottentotten

immer den Vorzug vor den weißen Menschen, vielleicht weil sie

unbekleidet sind; er durchbricht oft die Reihen der Jäger, um sich das

erwählte Opfer heraus zu suchen. -- Wenn der Löwe alt wird, verliert er

die Zähne; dann hat er wenig Muth und man sah einen Löwen, der vor einem

Schweine floh, welches sich wehrte und die Borsten gegen ihn sträubte.

Er kann übrigens viele Pfeilschüsse aushalten, nur nicht in den Weichen.

Am Kopf ist er am festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das

Flehen der Frauen. Eine Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand,

sah plötzlich einen Löwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken

vor ihm nieder und bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen,

da soll er aufgestanden und fortgegangen sein. Die Absicht des Löwen

verräth der Schwanz; wenn sich derselbe nicht bewegt, so ist das Thier

guter Laune. Ist es das nicht, so schlägt er mit dem Schweif auf die

Erde, und bei wachsender Wuth sich selbst auf den Rücken, gleichsam als

wollte er seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kämpft die Löwin für

ihre Jungen, so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor den

Waffen zu erschrecken. Wenn man indeß dem Löwen eine Decke über Kopf und

Augen wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden,

so furchtsam ist er.«

»Zwei Jäger stießen plötzlich auf einen Löwen, welcher im Gras lag und

mit dem Schweif schlug; Beide sehen ein, daß es um sie geschehen sei;

als der Löwe nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus,

packte das Thier an der Mähne und klammerte sich fest an ihn. Der Löwe

schüttelte und wälzte sich mit dem Unglücklichen, welcher endlich von

seinem Halten loslassen mußte. Schon sah er den Rachen über sich

geöffnet, als er mit beiden Händen hineinfuhr und des Löwen Zunge

packte. Während dem zielte der andere Jäger nach dem Thier und traf es

tödtlich.«

»Sobald ein Pferd einen Löwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum und

Gebiß, sondern reißt mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Löwe

verfolgt indeß das Pferd und läßt den Reiter liegen.«

»Als ich,« erzählte der Menageriebesitzer, »weiter in der Nähe des

kleinen Sonntagflusses reiste, hörte ich zum ersten Mal die Löwen die

ganze Nacht hindurch brüllen. Das Brüllen besteht aus einem groben

unartikulirten Laute, der etwas Hohles hat, wie der Schall eines

Sprachrohrs. Es ist ein Mittelding zwischen U und O und scheint aus der

Erde zu kommen, so daß man die Richtung nicht errathen kann. Daher

wissen die erschreckten Thiere auch nicht, wohin sie fliehen sollen,

sondern laufen im Dunkeln hin und her und fallen dem Feind in den

Rachen. Während des Brüllens hält nämlich der Löwe das Maul gegen die

Erde. An unserm Vieh konnten wir es jedes Mal erkennen, wenn sich Löwen

näherten, selbst wenn sie nicht brüllten. Die Hunde wagten nicht einen

Laut von sich zu geben, die Ochsen und Pferde holten tief Athem und

zogen langsam an den Riemen, womit sie an die Wagen gebunden waren,

legten sich auf die Erde und standen wieder auf, als wenn sie in

Todesangst wären. Die uns begleitenden Hottentotten machten sodann

Feuer, legten ihre Wurfspieße neben sich und die Europäer luden die

Flinten mit Kugeln. Obschon die Löwen das Feuer fürchten, so wußten die

Hottentotten doch Beispiele, daß sie Menschen davon weggeholt und ganz

in der Nähe aufgefressen hatten. Sie verboten, zur Unzeit zu schießen,

damit im Finstern nicht ein Mensch getroffen werde und beschlossen, das

Thier mit ihren Spießen anzugreifen, während andere sich ihm an die Füße

hängen sollten. Sie behaupteten, daß der Löwe den Menschen, den er

überwältigt und unter sich liegen hat, nicht sogleich tödte, wofern

derselbe ruhig bleibt, sondern ihm erst später unter fürchterlichem

Gebrüll einen Schlag auf die Brust gebe. Die Hottentotten waren indeß

sehr muthig und bezeigten keine Furcht. Einer der Ochsen zeigte sich

ganz besonders ängstlich, so daß es ihm sogar vor Schreck im Leibe

rumpelte; eben so benahm sich auch ein Hengst und beide Thiere hatten

noch nie einen Löwen gesehen. Dagegen scheinen die gemsenartigen Thiere

ihn nicht zu wittern, da sie an seinem Versteck oft so sorglos

vorübergehen, wenn sie an's Wasser wollen, um ihren Durst zu löschen

und dann auch meist seine Beute werden. Will man durch Flüsse setzen,

so pflegt man mit der großen Ochsenpeitsche so laut als möglich zu

klatschen, um auf diese Weise die lauernden Löwen aus ihrem Hinterhalte

zu vertreiben. Das Klatschen der Peitsche tönt weiter als ein

Flintenschuß.«

»Ein Hottentotte bemerkte eines Tages am obern Sonntagsfluß, daß ihm ein

Löwe zwei Stunden lang nachschlich und schloß daraus, daß derselbe nur

die Nacht abwarte, um über ihn herzufallen. Da er nichts als einen Stock

bei sich hatte, versteckte er sich beim Einbruch der Nacht in eine Kluft

an einem Abgrund, steckte Hut und Wamms auf den Stock, den er aus der

Kluft herausragen ließ, indem er ihn von Zeit zu Zeit bewegte. Der Löwe

schlich ganz leise wie eine Katze herbei, dann sprang er auf den Hut zu

und stürzte die Felsen hinab.«

»Es ist merkwürdig, daß der Löwe den Menschen gewöhnlich nur verwundet

oder eine Weile wartet, bis er ihm den tödtlichen Streich giebt, während

er die Thiere augenblicklich tödtet. So hatte einer zwei Ochsen, als sie

kaum vom Wagen ausgespannt waren, auf der Stelle den Rücken entzwei

geschlagen. Ein Mann hatte es mit seinen zwei Söhnen gewagt, Jagd auf

einen Löwen zu machen. Sie waren zu Fuß, und als der Löwe hervorstürzte,

hatte er schnell Einen ergriffen und ihn unter sich geworfen und dennoch

hatten die beiden Andern Zeit, den Löwen zu erschießen und den

Unglücklichen zu retten. Ich habe selbst einen am Backen scheußlich

verwundeten Hottentotten gesehen, dem auf einer Jagd ein Löwe bloß

diesen Biß beigebracht hatte, ohne ihm weiter etwas zu thun. Ein anderer

hatte einen Mann bloß in den Arm gebissen. Da er in der Regel keinen

Widerstand begegnet, so scheint er den Muth leicht zu verlieren, wenn

man ihm dergleichen entgegensetzt. In der Berberei, wo er die Uebermacht

des Menschen mehr kennen gelernt hat, soll er sich sogar mit

Stockschlägen von Weibern und Kindern vertreiben lassen.«

»Die Stärke des Löwen ist außerordentlich. Er schleppt ein Rind im

Rachen fort, wie die Katze eine Maus und springt damit sogar über

Gräben. Ein Büffel ist ihm jedoch zu schwer. Am Buschmannsfluß sahen

zwei Bauern einmal einen Löwen, welcher einen Büffel fortschleppte; sie

vertrieben aber den Löwen, weil sie selbst Lust nach dessen Beute

hatten. Er hatte dem Büffel das Gedärm aus dem Leibe gerissen, um ihn

leichter fortschaffen zu können. Als sie das Fleisch auf den Wagen luden

und fortfuhren, sah er sich recht oft aus dem nahen Wald nach ihnen um,

ohne Zweifel nicht ohne großen Verdruß. Wenn er den Sieg über den Büffel

davon trägt, so geschieht das bloß durch Ueberfall aus einem

Hinterhalte, nicht durch freien Kampf auf dem Felde. Er springt auf ihn

los, setzt ihm die Klauen an den Hals, schlägt ihn mit der Tatze in's

Gesicht, schlingt sich um den Kopf, zieht ihn bei den Hörnern zu Boden

und sucht ihm Maul und Nase zuzudrücken, bis er erstickt oder an seinen

Wunden verblutet.«

»Uebrigens wehren sich die Büffel, besonders wenn sie Kälber haben, und

ein Löwe soll von einer Heerde Kühe, welche er bei hellem Tage angriff,

todt gestoßen worden sein.«

»Ein Dutzend gewöhnlicher Hofhunde werden übrigens bei Tag auch Meister

des Löwen. Sein Stolz hält ihn nämlich ab, vor ihnen zu fliehen und er

setzt sich blos hin, um sie mit den Tatzen abzuwehren, womit er freilich

2-3 todt schlägt, aber von den andern zerrissen wird.«

»Der Löwe ist viel leichter zu tödten als andere Thiere; Büffel und

große Gemsen laufen mit einem Schuß durch Bauch und Gedärme davon, der

Löwe aber bekommt gleich Erbrechen und wird unvermögend zu laufen. Der

Löwe ist übrigens eines der trägsten Raubthiere und giebt sich nicht

gern die Mühe, etwas aufzusuchen, so lange er nicht vom Hunger gedrängt

ist.«

»Am Kohmiesberge, im Lande der Nomaden, wollte ein Hottentotte eine

Heerde Vieh in's Wasser treiben, als er einen Löwen entdeckte. Er floh

mitten durch die Heerde in der Hoffnung, daß der Löwe eher ein Stück

Vieh ergreifen würde, als ihm zu folgen. Keineswegs. Der Löwe brach

durch die Heerde und folgte dem Hottentotten, der jedoch noch so

glücklich war, auf einen Aloebaum zu klettern und sich hinter einen

Haufen Nester des grauen Webervogels zu verstecken. Der Löwe that einen

Sprung hinauf, verfehlte aber seinen Zweck und fiel auf den Boden.

In mürrischem Schweigen ging er um den Baum, warf dann und wann einen

schrecklichen Blick hinauf, legte sich endlich nieder und ging 24

Stunden nicht von der Stelle. Endlich begab er sich nach der Quelle, um

seinen Durst zu löschen; der Hottentotte stieg herunter und lief nach

Haus, welches nur eine halbe Stunde entfernt war. Der Löwe folgte ihm

und kehrte erst 300 Schritt vom Hause um.«

Leben und Schicksale des Katers Rosaurus oder die kleine Prinzessin und ihre Katze · 第 4 / 5 段