Wenn der Tiger irgend ein großes Thier, z. B. ein Pferd oder einen

Büffel getödtet hat, so zerreißt er es nicht an der Stelle der That,

sondern er schleppt es in die Tiefe des Waldes mit einer Leichtigkeit,

daß die Schnelligkeit seines Laufes gar nicht durch die Schwere des

Gegenstandes gehemmt zu sein scheint. Der Tiger ist vielleicht das

einzige Thier, das man nicht zähmen kann; er ist immer bös, sowohl wenn

man ihn gut, als wenn man ihn schlecht behandelt. Nicht Gewohnheit,

nicht Zeit vermag ihn zu bändigen; er zerreißt die Hand, welche ihm

Nahrung reicht, wie die, welche ihn schlägt und alles Lebendige

erscheint ihm nur als erschaffen, um seine Beute zu werden. Die Tigerin

wirft wie die Löwin 4-5 Junge, und ihre Wuth steigert sich bis zu einem

entsetzlichen Grade, wenn man dieselben raubt.

_Der Panther_

gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Er sieht wild aus, hat ein stets

unruhiges Auge; seine Bewegungen sind heftig und seine Stimme gleicht

der eines wüthenden Hundes. Die Zunge ist rauh und sehr roth; die Zähne

sind stark und spitzig, die Krallen hart und scharf. Das Fell ist schön,

mit schwarzen ringelartigen Flecken besäet. Der Panther gleicht an

Gestalt und Größe einer Dogge von guter Raçe, nur mit kürzern Beinen.

In Persien und andern Theilen von Asien pflegt man den Panther zur Jagd

zu benutzen, ohne ihn jedoch zähmen zu können, denn er verliert nie

seinen wilden Charakter und wenn man sich seiner bedienen will, bedarf

es großer Mühe, um ihn abzurichten und noch größere Vorsicht, um ihn

auszuführen und zu benutzen.

_Die Unze_

ist zahlreicher und weiter verbreitet als der Panther. Sie lebt

gewöhnlich in Arabien und im südlichen Asien; man bedient sich ihrer

dort zur Jagd, weil in den heißen Ländern Asiens die Hunde selten sind.

Die Unze hat indeß den Geruch nicht so fein wie der Hund und kann das

Wild nicht nach seiner Fährte verfolgen; auch würde es nicht im

schnellen Laufe verfolgen können, sondern jagt nur nach dem Gesicht und

kann sich nur aus dem Hinterhalt auf ihre Beute stürzen und sie

niederwerfen.

_Der Leopard_

hat dieselben Gewohnheiten und denselben Charakter, wie der Panther,

aber man kann ihn nicht so leicht zähmen; er bewohnt den Senegal und

Guinea, wo man ihn sehr häufig findet. Panther, Unze und Leopard

bewohnen nur die hintersten Landesstrecken von Asien und Afrika; sie

halten sich am liebsten im dichten Walde und am Ufer der Flüsse auf oder

auch in der Nähe entlegener menschlicher Wohnungen, wo sie den

Hausthieren auf dem Wege nach der Quelle gern auflauern. Sie fallen

selten Menschen an. Leicht erklettern sie Bäume, von deren Zweigen sie

auf ihre Beute herabstürzen. Obgleich sie meistens sehr mager sind, so

gilt ihr Fleisch doch als Leckerbissen für den Reisenden.

Wilhelm wendete bald sein Interesse von dem Bericht des

Menageriebesitzers ab und den Affen zu, welche auch gar zu lustig

anzuschauen waren. Sie befanden sich in einem großen Bauer, worin sie

unaufhörlich umhersprangen. Ueberall gab es allerliebste Affengruppen.

Hier flöhte eine alte Aeffin ihr Kind mit mütterlicher Liebe; dort

wickelten sie einige Bonbons aus Papierhüllen und grinzten freudig über

den Fund. Manche balgten sich, andere schaukelten sich in großen Ringen,

die mit Seilen aufgehängt waren, oder sie wiegten sich in Zweigen, die

man im innern Raum des Bauers angebracht hatte. Wilhelm meinte immer,

diese Thiere müßten Menschen sein, weil sie so menschliche Bewegungen

zeigten.

Was ihn aber mehr als alles andere an diesen Affenbauer fesselte, das

waren die zahllosen Kinder, welche umherstanden und im Anschauen

vertieft nicht Acht hatten auf ihre Habseligkeiten. So war es dem

kleinen Taschendieb schon gelungen, einige Taschentücher und einen

wohlgefüllten Arbeitsbeutel zu rauben und in seine Rocktasche zu

verbergen.

[Buntbild: Rosaurus in dem Löwenkäfig.]

Kapitel 9.

Die böse That und deren Folgen.

Und ist das Fädchen noch so fein gesponnen,

Am Ende kommt es doch ans Licht der Sonnen.

Plötzlich vernahm man Geräusch an der Thür und es hieß: -- »die kleine

Prinzessin käme, um die Thiere zu sehen.« Alles blickte nach ihr hin und

freuete sich über ihr freundliches Grüßen und über ihren hübschen Anzug.

-- Wie sie vor den Käfig des großen Löwen trat, stieß sie einen lauten

Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus, denn sie erkannte auf

den ersten Blick ihren Rosaurus. Sie wollte auch gleich mit der Hand

durch die Eisenstäbe fahren, um den kleinen Liebling zu streicheln und

zu trösten, aber Mlle. Gogo riß sie erschrocken zurück. -- Der

Menageriebesitzer wurde sogleich gefragt, wie er zu dem Kätzchen

gekommen sei? und er erzählte, daß er es einem unbekannten Knaben

abgekauft habe, welcher noch in diesem Augenblick hier gewesen, -- er

wolle sogleich nach ihm suchen.

Wilhelm war aber nicht zu finden und das ging auch ganz natürlich zu;

denn als er das Gespräch über das Kätzchen hörte, wurde ihm bang ums

Herz und er kroch unter einen Tisch, worauf Papageien standen, und

dessen unterer Raum mit einem Leinwandvorhang versehen war; da war er

sicher geborgen. Durch ein Loch konnte er Alles sehen, was in der

Menagerie vorging, und hören konnte er auch Alles. So mußte er denn

Zeuge sein, wie der Menageriebesitzer das Kätzchen aus dem Löwenkäfig

holte und einen Thaler erhielt, während er doch nur einen Groschen dafür

bezahlt hatte. Wilhelm ärgerte sich recht, daß er nicht selbst ein so

gutes Geschäft gemacht habe.

Es wurde ihm indeß sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es

befand sich unter demselben eine große Aeffin im Wochenbette, welche den

unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und

unter dem Käfig der Aeffin stand der eines brütenden Pelikans, welcher,

ebenfalls entrüstet über die Störung, Wilhelm so arg biß, daß die Hosen

zerrissen und das Blut strömte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in

der Schule hatte, fürchtete auf diese Weise ganz untüchtig zum Sitzen zu

werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo

ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt hatte, um hervor zu kriechen

und sich hinter diesem verborgen zu halten.

Da aber das Böse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging es

seiner Aufmerksamkeit nicht, daß der dicke Herr eine sehr wohlgefüllte

Börse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld für die Schlange gezahlt

hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange fraß nämlich so

eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie mit der

freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch ihren

Speichel schlüpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme Thier

unbarmherzig in ihren Rachen, und man fühlte, wie es im tiefen Schlund

noch zappelte.

Wilhelm meinte, der dicke Herr sähe gewiß so aufmerksam zu, daß er es

nicht merken würde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und

die Börse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in

demselben Augenblick fühlte Wilhelm, daß sie von einer anderen,

kräftigeren Hand gefaßt wurde, welche unter dem Rocke schon mußte geruht

haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft

auf einen Ruck sein Unterarm wie ein dürres Stück Holz zerknickt.

Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich

ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei

Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr

Polizei-Präsident. »Aha, sagte dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe

ich, stiehlst du so bald nicht wieder.«

Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden

und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber

der Menageriebesitzer erzählte ihr, daß es derselbe Knabe sei, der ihren

Rosaurus für den Löwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren

seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstände. »Nein, dieser

verdient kein Mitleid!« meinten die Leute.

Aber er litt doch große Schmerzen; blaß und zitternd stand er da und

alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufällig in

der Nähe war, untersuchte den Arm und erklärte, derselbe müsse sogleich

eingerichtet werden.

»Das soll in meinem Haus geschehen,« sagte der Polizei-Präsident; »ich

will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. Seine

Eltern taugen gewiß nicht viel, sonst würde der Junge nicht so

durchtrieben sein.«

So wurde denn Wilhelm fortgebracht, während die kleine Prinzeß mit ihrem

Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch viel

angenehmer als früher zu machen. -- Sie konnte sich gar nicht denken,

wie er in des bösen Knaben Hände gekommen sei und als Mlle. Gogo endlich

nähere Erkundigungen einzog, und man nach der Beschreibung Wilhelms und

nach dem Arbeitsbeutel, den er noch besaß, die lange Jenny als die

Ursache von Rosaurus Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren

erklärt, daß sie nie wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden

solle, was allerdings eine große Strafe und auch eine große Schande war.

Der Vater schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde

von da artiger zurückkehren.

Es war recht gut, daß Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause fehlte

es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum

abgehauen und war dabei ertappt worden, da mußte er zur Strafe für die

Waldbuße arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein

Geld zu Hause.

Im Hause des Präsidenten fehlte es indeß an Nichts. Wilhelm lag im

reinlichen Bett in einer hübschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente

ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und

kühlende Getränke zu genießen, später sorgte man für kräftigere Nahrung;

ein freundlicher Arzt besuchte ihn täglich und der Präsident brachte ihm

Bilder und Bücher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm

Geschichten zu erzählen, er wußte deren sehr schöne: von klugen Kindern,

die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Nützliches zu

richten, sie benutzten, um andere Menschen zu überlisten und zu

betrügen; er erzählte auch von Verbrechen, die lange geheim gehalten

wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den Uebelthäter zur

Strafe brachten.

_Der Finger Gottes._

In einem kleinen Städtchen lebte einst eine glückliche Familie; die

Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens

Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur

Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachsüchtiges Gemüth und in den

Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft

die Geschwister schwer gekränkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er

diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch

immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine

blinde Wuth aus und äußerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen

indeß nie so bedeutend waren, daß sie eine andere Strafe als die Rügen

des Vaters veranlaßt hätte.

Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen in

Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf seinen

Gegner losgehen, dieser aber, stärker wie er, ergriff ihn beim Kragen

und warf ihn zur Thür hinaus.

Rache brütend ging Ludwig nach Hause; er mußte vor einem Bauerngut

vorbei, welches dem Vater seines Gegners gehörte und einst dessen

Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem Beleidiger wohl keinen größern

Schabernack anthun, als wenn er dasselbe niederbrannte. Noch immer war

er in der Aufregung des Zorns und rasch griff er nach dem Feuerzeug und

warf einige glimmende Schwammstückchen ins Fenster. Da diese aber nicht

gleich zündeten, nahm er ein Wachslichtchen, welches auf der Schwester

Weihnachtsbaum gestanden hatte, und warf es brennend in das Stroh.

-- Dann ging er weiter. Er hatte kaum die böse That gethan, als sein

Zorn sich legte und er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht

Feuer fangen. Als er aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den

Feuerlärm. Er eilte nach der Brandstätte, er half mit löschen und

retten; er war unermüdlich und scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein

Kind aus den Flammen, wobei er selbst sehr beschädigt ward; aber nichts

konnte das ungestüme Pochen seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war

niedergebrannt; die Besitzer dankten denen, die beim Retten behülflich

gewesen waren und Ludwig vor allen Andern; der Dank that diesem aber

sehr weh. Er hätte gern sein Hab' und Gut hingegeben, um ihn zu

entschädigen. -- Man quälte sich mit Vermuthungen, wer das Feuer

angelegt habe; weder der Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand

beleidigt; sie kannten keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem

Mordbrenner, als ein Wachsstöckchen, welches verlöscht war und seinen

Zweck nicht erfüllt hatte. Es giebt so viele Wachsstöckchen in der Welt.

Dieses konnte unmöglich auf den Schuldigen führen.

Ludwig ward täglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen

erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen quälte ihn; auch

fürchtete er, man möge doch einmal entdecken, daß er ein Mordbrenner sei

und ihn dafür bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und

verhört. -- Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs Vater

zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die bunten

Wachslichter für den Weihnachtsbaum gekauft; so wußte er, wo solche

Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des

Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte

man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhört,

gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt

selbst das Geheimnißvollste an den Tag.

Christian, der Sohn eines Tagelöhners, ging einst an einem Garten

vorüber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Früchte waren ganz reif

und hatten die schönsten rothen Backen. »Das will ich mir merken,«

dachte der naschlustige Knabe, »heute Nacht, wenn es dunkel ist, da

komme ich und hole sie mir.« -- Als er fort war, kam Peter, der Sohn des

Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim mit einem

Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr müde, und da er noch weit von

Hause war, legte er sich vor die Gartenthür, welche eine Art von Obdach

bot, und schlief ein. -- Er wachte auf durch ein Geräusch und sah Jemand

in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig umgeschaut,

aber den in dem Schatten der Thür ruhenden Hirtenknaben nicht entdeckt.

Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den Einsteigenden,

wollte ihn aber nicht stören, weil er fürchtete, derselbe könne ihn

schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief weiter. Am

andern Morgen ward er unsanft von dem Gärtner geweckt, welcher ihn für

den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei schleppen wollte; aber

Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den Inhalt seines Bettelsacks

vor und nannte, da alles nichts half, den wirklichen Dieb. Wirklich fand

der Gärtner, welcher gleich in Christians Wohnung ging, die gestohlenen

Früchte, während Christian noch fest schlief; er hatte ja einen Theil

der Nacht durchwacht und war fest überzeugt, daß Niemand ihn gesehen

habe. -- Gott sieht es aber immer und weiß es auch immer also zu lenken,

daß die menschliche Gerechtigkeit es erfahre und daß schon auf Erden die

Strafe den Verbrecher erreicht.

Im Anfang hörte Wilhelm nur mürrisch zu; er hatte ja Schmerzen und diese

Schmerzen hatte der Mann, welcher da vor ihm saß, verursacht. Nach und

nach aber erweichten die liebevollen Worte sein Gemüth; es war ihm oft

zu Muthe, als werde es plötzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein

Schleier vor seinen Augen herab und er erkannte eine Wahrheit; diese

Wahrheit hieß aber: Ehrlich währt am längsten.

Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum

ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm,

frug der Präsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: »sage mir

doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner

Tasche wolltest?«

_Wilhelm._ Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen.

_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das gestohlen sei?

_Wilhelm._ O ja! das wußte ich sehr wohl.

_Präsident._ Wußtest du denn nicht, daß das Stehlen unrecht sei?

_Wilhelm._ Das wußte ich nicht so ganz genau; ich wußte nur, daß man

gestraft wird, wenn man sich dabei ertappen ließ und ich habe mich

niemals ertappen lassen (hier lächelte Wilhelm triumphirend).

_Präsident._ Machte dir denn das Stehlen Freude?

_Wilhelm._ Ja! sehr große, besonders wenn ich es recht geschickt anfing

und wenn es mir mit großer Mühe gelang. Auch war ich froh, wenn ich

etwas nach Hause brachte; und zu Hause konnte man alles brauchen.

_Präsident._ Wußten denn deine Eltern, daß das, was du nach Hause

brachtest, gestohlenes Gut sei?

Wilhelm schwieg verlegen; er scheute sich, seine Eltern zu verrathen;

»die Eltern, sagte er, schickten mich mit der Schwester aus, um zu

betteln -- es ging aber gar zu langsam, wir brachten nur wenig zusammen,

kaum genug, ein Brod zu kaufen und ich wollte doch auch manchmal ein

Stückchen Kuchen essen. Man sieht so schöne Sachen bei den Conditoren am

Fenster stehen, das giebt Lust zu naschen und ich fand es ungerecht, daß

die Reichen allein solche gute Sachen genießen sollten.«

_Präsident._ Als Gott Reiche und Arme schuf, muß er wohl sehr weise

Absichten gehabt haben. Der Arme kann übrigens reich, der Reiche arm

werden, der Arme wird aber nur reich durch Arbeit, nicht durch

Diebstahl; denn auf der Sünde ruht kein Segen. Ich will dir Mittel an

die Hand geben, die dich reich machen können, wenn du brav und arbeitsam

werden willst.

_Wilhelm._ Ja, das will ich!

_Präsident._ Nun, so gieb mir die Hand darauf, daß du nie wieder fremdes

Eigenthum an dich nehmen wirst.

Wilhelm versprach es.

_Präsident._ Auch versprich mir nie zu lügen.

Wilhelm versprach es auch.

_Präsident._ So will ich dich in eine Schule bringen, wo du erzogen und

unterrichtet wirst; dann laß ich dir ein Handwerk lernen, welches dich

ernähren kann, und du kannst dir eins wählen.

_Wilhelm._ Ich möchte gern Bäcker oder Conditor werden.

_Präsident._ Haha! wohl wegen der guten Kuchen.

_Wilhelm._ Ich meine, es muß eine Freude sein, das bereiten zu können,

was so vielen Leuten gut schmeckt.

_Präsident._ Brav, mein Junge; es ist recht, wenn man nicht blos an sich

selbst, sondern auch an Andere denkt. Bist du mir noch böse, daß ich dir

den Arm in meiner Tasche zerbrach. Ich kann in meiner eignen Tasche doch

machen, was ich will, und was sich unberufen hinein verirrt, muß sich

alles gefallen lassen.

_Wilhelm._ Ich bin jetzt recht froh, daß Sie mir den Arm zerbrachen und

ich will Ihnen immer recht dankbar dafür sein, wenn Sie mir etwas

Tüchtiges lernen lassen.

Als der Präsident eines Tages der kleinen Prinzessin begegnete, fragte

diese:

»Was macht der kleine böse Junge?«

»Er ist kein böser Junge mehr,« antwortete der Präsident, »und es würde

gar keine bösen Jungen in der Welt geben, wenn die Eltern nicht böse

wären.« Er erzählte hierauf, wie Wilhelm erzogen worden und daß er noch

andere Geschwister habe. Die Prinzessin frug nun, ob diese auch so böse

wären? Man ließ sich nach ihnen erkundigen und hörte bald nur Gutes von

Dorothea; die Prinzessin ließ sie kleiden und in eine Strick- und

Nähschule schicken. Die kleine Hanne wurde aber in einer

Klein-Kinderbewahrschule untergebracht, wo sie beten, singen, stricken

und hübsche Verschen lernte; man hielt sie auch dazu an, sich die Nase

zu putzen und die Hände zu waschen, was sie zu Hause nicht nöthig hatte;

auch mußte sie hübsch sittsam sein. Der Präsident sagte: auf solche

Weise rette man die Kinder von dem Verderben, und führe ihre Seelen dem

Himmel zu.

Kapitel 10.

Das große Abenteuer.

Verliere den Muth nicht in Gefahr,

Gott wacht und schützt dich immerdar.

Täglich besuchte die Prinzessin den Löwen und brachte eine Stunde in der

Menagerie zu. Sie war dem Thier sehr dankbar, daß er ihr Kätzchen nicht

gefressen hatte, und wollte ihm ihre Erkenntlichkeit beweisen, indem sie

ihm alle Tage einige Pfund Fleisch brachte. Dieses Fleisch war hübsch in

Stücken geschnitten und auf Papier in einem zierlichen Körbchen

geborgen, welches der Bediente ihr nachtrug. Die Fleischstücken reichte

sie selbst dem Löwen durch das Gitter und sie machte es dabei nicht wie

der Menageriebesitzer bei der Fütterung, welcher ihm das Fleisch,

nachdem er es gereicht hatte, mit dem eisernen Haken so oft wieder

entzog, um ihn recht böse zu machen und den Zuschauern ein Beispiel

seiner bestialischen Wuth zu geben. Nein, sie reichte es dem Löwen recht

schnell und ohne sich zu fürchten. Der Löwe kannte auch bald seine

kleine Wohlthäterin, besonders wenn sie Rosaurus mitbrachte, der ihr

gewöhnlich auf der Schulter saß. Wenn sie mit ihrem Gefolge eintrat,

legte er sich ganz sanftmüthig vor das Gitter nieder und empfing dankbar

sein Geschenk; dabei pflegte er mit Rosaurus um die Wette zu schnurren.

Im Sommer bewohnte die Prinzessin ein Lustschlößchen in einer kleinen

Entfernung von der Stadt; dort durfte sie recht lustig herumspringen und

recht wenig Stunden haben. Damit sie ihre Gespielinnen nicht entbehre,

wurde Lisi mitgenommen. Joly und Rosaurus durften natürlich nicht

fehlen. Das Schlößchen war von einem hübschen Garten umgeben und an den

Garten stieß ein kleiner Wald. Die Kinder durften sich darin nach

Belieben ergehen und erfreueten sich des Landlebens, indem sie Blumen

suchten, Kränze banden oder Seifenblasen machten. Letztere unterhielten

besonders Rosaurus recht gut, welcher immer danach haschte und sehr

verwundert war, wenn sie unter seinen Sammetpfötchen zerplatzten. Joly

war ebenfalls sehr verlegen, wenn die Kinder ihm ihre Seifenblasen auf

die Nase zerplatzen ließen; er bellte dieselben oft an, zog das

Schwänzchen ein und riß vor ihnen aus. Uebrigens vertrug er sich viel

besser als im Anfang mit Rosaurus. Obgleich sich wohl dann und wann bei

Freßgelegenheiten ein Streit zwischen Beiden erhob wegen des Mein und

Dein, so konnten sie doch recht oft niedlich zusammenspielen.

-- Rosaurus mochte wohl einsehen, daß Joly im Vergleich mit dem Pudel

Kartusch ein sehr wohl erzogener und höflicher Hund sei.

Eines Tages saß die Prinzessin mit Lisi und Mlle. Gogo am Rand des

Wäldchens auf weichem Rasen und flochten Kränze; Joly und Rosaurus

spielten neben ihnen und sie sprachen, wie das häufig geschah, vom

großen Löwen, den sie erst gestern besucht hatten. Die Prinzessin lobte

ihn abermals, daß er dem Rosaurus nichts zu Leid gethan, worauf Lisi

sagte:

»Ich habe neulich gelesen, daß der Löwe, obgleich er eigentlich die

Einsamkeit liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewöhnen und mit

ihnen freundlich verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab

es in Paris im Jardin des plantes eine Löwin, Namens Constantine, welche

während mehrerer Jahre mit einem kleinen Spitz sehr glücklich lebte. Man

hatte letzteren, welcher weiß und schwarz war, in ihren Käfig geworfen,

und er hatte sich, an allen Gliedern zitternd, in einen Winkel

verkrochen. Die Löwin erhob sich langsam, brüllte mit dumpfer Stimme und

näherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein klägliches Geschrei

ausstieß und eine flehende Stellung anzunehmen schien. Sein

verzweiflungsvoller Blick schien die Löwin zu rühren; denn sie legte

sich ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Fütterung

Constantine ihre Nahrung gab, ließ sie etwas für den Spitz übrig; er

aber wagte nicht irgend etwas davon zu berühren; ja der größte Hunger

würde ihn nicht vermocht haben, seinen dunkeln Winkel zu verlassen.

Am nächsten Tage fürchtete er sich weniger und entschloß sich, das zu

verzehren, was die Löwin für ihn übrig gelassen hatte. Am zweiten Tag

wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach der Löwin

zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Löwin nicht eher zu fressen,

als bis er selbst sich gesättigt hatte, und wenn sie es wagte, sich

früher dem Fleisch zu nähern, so sprang der Spitz ihr wüthend in's

Gesicht und biß sie mit allen Kräften.

Leben und Schicksale des Katers Rosaurus oder die kleine Prinzessin und ihre Katze · 第 3 / 5 段