_Vater._ Ja die Dorte zwingt es immer mit ihren Thränen, der Wilhelm
aber mit dem Verstande. Das ist ein kluger Kopf! der wird es noch weit
bringen.
_Dorte._ Bis zum Galgen! so meinte neulich ein dicker Herr.
_Mutter._ Wer war der Schändliche, der sich unterstand, das von meinem
Wilhelm zu sagen?
_Dorte._ Ich kenne ihn nicht, es war am Sonntag.
_Vater._ Wo der Wetterjunge 12 Groschen nach Hause brachte.
_Dorte._ Ja! die er sich mit Lügen verdient hatte.
_Mutter._ Wie so denn?
_Dorte._ Er hatte sich an einer Straßenecke aufgestellt, wo viele Leute
vorüber gehen mußten; dort that er, als ob er weine und etwas suche. Kam
nun ein Mitleidiger vorüber und frug: was ihm fehle? so klagte er, daß
er einen Groschen verloren habe, wofür er für die kranke Mutter Arznei
habe kaufen sollen; nun werde er Schläge erhalten, wenn er nach Hause
käme. Und mancher Vorübergehende schenkte ihm einen Groschen. So wie der
Geber sich aber entfernt hatte, begann die Geschichte von Neuem.
_Vater._ Der Blitzjunge!
_Dorte._ Ja, und wie gut er weinen konnte! selbst wenn ich Hunger habe
und mit leerem Magen betteln muß, kann ich es nicht so gut.
_Mutter._ Du wirst aber immer ein dummes Mädchen bleiben.
_Dorte._ Ich möchte aber auch nicht so ankommen, wie Wilhelm an jenem
Tage.
_Vater._ Nun, wie kam er denn an?
_Dorte._ Ein dicker Herr, der ihm schon ein Mal einen Groschen geschenkt
hatte, kam zufällig denselben Weg wieder zurück. Wilhelm erkannte ihn
aber nicht wieder und begann abermals, um den verlorenen Groschen zu
weinen und zu schluchzen. Da gab der Herr ihm eine Ohrfeige rechts und
eine links und sagte: -- »Vielleicht rettet dich das von dem Galgen.«
[Buntbild: Rosaurus wird gestohlen.]
Man hörte hier die Hausthür gehen und herein trat Wilhelm mit einem sehr
vergnügten Gesicht. Er hielt etwas unter der Rocktasche verborgen und
als er sich versichert hatte, daß niemand Fremdes im Zimmer sei, zog er
einen schweren Arbeitsbeutel von grünem Sammet hervor.
Der Vater erhob sich bei diesem Anblick von seinem Lager, die Mutter
rückte dem Tisch näher, Dorte und die kleine Hanne blickten mit
neugierigen Augen nach dem erbeuteten Gegenstande in der Hoffnung, etwas
Erfreuliches daraus hervorlangen zu sehen. Vater und Mutter erwarteten
Geld, die Kinder Lebensmittel. Wilhelm erzählte, er habe den Beutel
einem kleinen Mädchen vom Arm geschnitten bei der großen Brücke. »Die
wird sich wundern!« sagte er; »sie hat gar nichts gemerkt; auch war es
schon etwas dunkel.«
Er öffnete den Beutel und heraus kam -- _Rosaurus_; er schien sich nicht
ganz behaglich zu fühlen, ja sogar auf einen feindseligen Angriff gefaßt
zu sein; denn er machte einen gewaltigen Katzenbuckel und begann zu
knurren und zu pusten. Die Kinder lachten. »Nun,« meinte der Vater, »da
hättest du auch etwas Besseres erwischen können.« Glücklicherweise fand
sich nebst einem Taschentuch auch ein Fünfgroschenstück im Beutel; auch
kramte Wilhelm einige Semmeln und Aepfel aus, die er in der Dämmerung
von Bäckern und Höckern gestohlen hatte. -- Man theilte solche unter
sich und verzehrte sie.
Rosaurus fühlte sich keineswegs heimisch in dieser Umgebung, er war ja
an den fürstlichen Palast gewöhnt; auch verschmähte er die Brodkrumen,
welche Dorte ihm bot, und machte ein ganz philosophisches und
nachdenkliches Gesicht. Vielleicht dachte er an seiner Pathen
Versprechungen von Bisquit und Leckerbissen, denn er brach in ein
klägliches Miau aus.
»Was sollen wir nur mit der Katze anfangen, Wilhelm?« sagte die Mutter,
»du wirst uns doch nicht zumuthen, unsere Kaffee-Milch mit ihr zu
theilen. Wirf sie zum Fenster hinaus oder setze sie vor die Thür.«
»Das arme Thier,« meinte Dorte; »es ist gewiß gewohnt, recht gut
verpflegt zu werden und wird sich auf der Straße unbehaglich fühlen; wir
wollen es bis morgen früh behalten, dann trag ich es in ein vornehmes
Haus, wo man es gewiß aufnimmt.«
»Nein, nein!« sagte Wilhelm, »die Katze ist mein und bleibt hier. Ich
weiß schon, was ich mit ihr anfange. Morgen geht das Vogelschießen los,
da bringe ich sie in die Menagerie und verkaufe sie als einen Braten für
den großen Löwen. Wenn ich auch nichts dafür bekomme als den freien
Eintritt. Ich sehe so etwas gar zu gern, besonders die Affen -- von
ihnen kann man recht geschickt stibitzen lernen. Auch giebt es dort
gefüllte Taschen, erreichbare Taschentücher, unbeachtete Arbeitsbeutel
-- kurz eine gute Ernte für arme und geschickte Leute.«
In dieser Gesellschaft brachte Rosaurus die Nacht zu, und schlummerte in
Dortens Schooß so sanft, wie in seiner Puppenwiege.
Am andern Morgen ward es sehr bald lebendig, denn es war der Tag der
Holzlese und Vater und Mutter gingen in den Wald. Beide waren dafür
bekannt, daß sie lieber frische Aeste abbrachen, als sich mit dem alten
Holz begnügten; dadurch fiel ihre Erndte auch immer reichlicher aus, als
die anderer armen Leute.
Wilhelm und Dorte sollten in die Schule gehen; letztere wusch und kämmte
vorher das Schwesterchen; dann gab sie Rosaurus ihre Milch und trank
ihren Kaffee schwarz. Wilhelm dehnte sich aber noch lange auf seinem
Strohsacke.
»Willst du nicht aufstehen?« sagte Dorte, »es ist bald Zeit zur Schule.«
Langsam erhob er sich, frühstückte und machte Anstalt, die Schwester zu
begleiten. Als sie die Thür hinter sich geschlossen hatten, sagte Dorte:
»Es freut mich, daß Hannchen heute nicht so ganz allein bleibt, wie
gewöhnlich.«
»Wer ist denn bei ihr?« frug der Bruder.
»Nun das Kätzchen.«
»Potztausend! das hatte ich ganz vergessen,« sagte er, indem er noch ein
Mal die Thür aufriß, rief er in die Stube. »Hanne, wenn du mir das
Kätzchen anrührst, so kriegst du Prügel!« --
Hannchen war aber ein sehr unfolgsames Kind; sie war nicht zum Gehorsam
erzogen worden, und man brauchte ihr nur etwas zu verbieten, so bekam
sie Lust, es zu thun. Als sie sich also allein mit Kätzchen sah, ging
sie auf dasselbe zu, um es zu streicheln. Rosaurus ließ sich das wohl
gefallen und schnurrte; dann nahm sie das Kätzchen auf den Arm und trug
es im Zimmer umher. -- Dann meinte die Kleine, sie wolle etwas zum
Fenster hinaus sehen; deshalb stieg sie auf einen Stuhl, machte das
Fenster auf und lud Kätzchen ein, sich aufs Gesims zu setzen und die
Vorübergehenden zu betrachten.
Rosaurus schien Gefallen daran zu finden und nahm seine philosophische
Stellung auf den Hinterbeinen an und überlegte sich, was er thun wolle?
Das Fenster war sehr niedrig, ein kleiner Sprung und Rosaurus war auf
der Straße. Vielleicht konnte er sich dann leicht in der Stadt zurecht
finden, und ins Schloß oder wenigstens zu einer Freundin des
Prinzeßchens gelangen.
Rosaurus fand diesen Schritt sehr gerathen, er machte Anstalt, die
innere Fensterbrüstung mit der äußeren zu vertauschen; -- Hannchen
wollte es nicht leiden und erfaßte den Flüchtling beim Schwanz -- aber
Rosaurus schlug seine Krallen in des Kindes Händchen und husch! -- unten
war er, worauf er in gestrecktem Laufe die Straße verließ.
Kapitel 7.
Weitere Erlebnisse des jungen Katers Rosaurus.
Wer jetzt das Thierlein liebt,
Wird einst auch Menschen lieben,
Wer jetzt das Thierlein quält,
Wird Menschen einst betrüben.
Als Rosaurus an das Ende der Straße gelangt war, hielt er im raschen
Laufe an, um wieder zu Athem zu kommen; er setzte sich auf einen
Prallstein, um die unbekannte Straße und seine eigene Lage besser zu
überschauen. Ach! er war in eine ganz fremde Welt gerathen, in welcher
er sich nicht zurecht finden konnte. Fremde Menschen gingen an ihm
vorüber, ohne ihn eines Blickes zu würdigen; ach! wie fühlte Rosaurus
sich unglücklich und verlassen. -- Plötzlich aber schien sein Schicksal
sich aufzuklären; zwei kleine wohlgekleidete Mädchen kamen daher,
begleitet von ihrer Bonne. Sie hatten große Arbeitstaschen und schienen
in die Schule gehen zu wollen. Rosaurus erkannte Lisi und Amelie, seine
beiden Freundinnen, und hoffte, die Stunde seiner Erlösung habe
geschlagen. Er sprang hinunter vom Prallsteine und eilte auf die Kinder
zu, sich mit einem ausdrucksvollen Katzenbuckel an Lisi anschmiegend und
ihr zwischen die Füße laufend. Die Kinder blieben stehen.
»Ach! das niedliche Kätzchen,« sagte Amelie, »das sieht doch gerade aus,
wie der Rosaurus der Prinzessin.«
_Lisi._ Wie käme dieser aber hierher? der schlummert wahrscheinlich noch
in seiner Wiege, oder frühstückt Milch und Bisquit, während dieses arme
Thierchen hier ziemlich hungrig zu sein scheint.
_Amelie._ Könnten wir es doch mitnehmen, das Kätzchen sieht uns an, als
wolle es unseren Schutz anflehen, es hat gewiß seinen Herrn und seine
Heimath verloren.
»O!« sagte die Bonne, »es gehört wahrscheinlich in eins der benachbarten
Häuser, man wird es bald suchen und wir würden einen Diebstahl begehen,
wenn wir es mit uns nehmen wollten.« Lisi meinte auch, daß sie doch
unmöglich ein Kätzchen mit in die Schule bringen könnten, und schlug
vor, dem armen Thiere etwas zu fressen zu geben und nach beendeter
Schule wieder an dieser Stelle vorüber zu gehen, um es mitzunehmen, wenn
es noch immer so verlassen, einsam und unglücklich sein sollte.
Die Kinder brockten zufolge dieses Beschlusses, den auch die Bonne
billigte, etwas Bisquit und Semmel auf einen reinlichen Stein der
Straßenecke, wünschten dem Kätzchen guten Appetit und gingen von dannen.
Da Rosaurus wirklich großen Hunger hatte und ihm kein Mittel zu Gebote
stand, sich seinen Freundinnen zu erkennen zu geben, indem sie die
Katzenbuckel-Sprache doch nicht so ganz deutlich zu verstehen schienen,
stürzte er sich gefräßig über das Bisquit her, indem er sorgfältig die
Semmelbrocken liegen ließ. -- Er sollte indeß, noch ehe er die Mahlzeit
vollendet hatte, gestört werden; denn er vernahm aus der Ferne ein
furchtbares Donnern und Krachen, und meinte einen Augenblick, die ganze
Welt gehe unter; sein Gemüth beruhigte sich nicht, als er die
Veranlassung dieses Geräusches erblickte. Es kam nämlich ein Ungeheuer
die Straße entlang gesaust; war es ein Thier? war es etwas Anderes? Es
hatte vier glänzende Augen, acht Beine, und noch außerdem vier Räder,
welche den ungeheuren Lärm verursachten. -- Später erfuhr Rosaurus wohl,
daß es eine Kutsche mit zwei Rädern sei, aber damals war er ja gar zu
unerfahren in der Welt. Als das Ungethüm sich auf ihn zu bewegte,
ergriff er die Flucht; er wähnte sich verfolgt, weil die Kutsche
denselben Weg einschlug, wie er, und so lief und lief er denn, bis er in
eine Seitenstraße gerieth, wo der gefährliche Feind vorüber fuhr. So
hatte Rosaurus in der wilden Flucht sich weit entfernt von der Stelle,
wo Lisi und Amelie ihn wieder zu finden gedachten. Rosaurus sollte aber
bald noch andere Gefahren kennen lernen. --
Ein vierbeiniges Geschöpf ließ sich nämlich am äußersten Ende der Straße
erblicken. Rosaurus dachte sich gleich, daß dasselbe ein Hund sei,
obgleich es keineswegs dem Joly glich, es war gewiß viermal größer als
Joly, hatte ganz schwarzes gelocktes Haar, lange herunterhängende Ohren
und kleine schwarze Augen, welche unter dichten Haarbüscheln
hervorglänzten.
Als der Pudel Kartusch den Rosaurus erblickte, stutzte er einen
Augenblick und legte durch ein kurzes abgebrochenes Gebell seine
katzenfeindlichen Gesinnungen an den Tag. Rosaurus war unschlüssig über
seinen Vertheidigungsplan. Konnte er hoffen, mit seinen zarten Krallen
dem großen Hund Ehrfurcht einzuflößen, wie dem kleinen Joly? Gewiß
nicht! Ihm erschien also die Flucht das gerathenste zu sein. Ach, er
wußte nicht, wie schnell Kartusch laufen konnte! -- Kartusch hatte
großen Respekt vor den Krallen der Katzen, aber gar keinen vor ihren
Schwanz, und als er letzteren sich zugewendet sah, verfolgte er mit
freudigem Bellen das arme geängstete Thier. Rosaurus hörte sein
Schnaufen und Knurren, sein drohendes Gebell immer näher rücken, immer
mehr schwand der Raum zwischen ihm und seinem Verfolger; er fühlte schon
den heißen Athem des Pudels und glaubte auch schon dessen Zähne zu
fühlen -- da ersah er einen Baum -- noch ein Mal strengte er seine
schwindenden Kräfte an und sprang hinauf -- bloß ein kleines Stück
seines Schwänzchens blieb in Kartusch's Zähnen zurück; das that zwar
weh, es blutete, aber sein kostbares Leben war doch gerettet. Rosaurus
blickte hohnlächelnd und pustend herab auf den wüthend bellenden
Kartusch, der sich gar nicht darüber zufrieden geben konnte, daß seine
Beute ihm entrissen war. -- Endlich wurde Kartusch durch einen Pfiff
seines Herrn abgerufen.
»O, hätte der doch eher gepfiffen,« seufzte Rosaurus, indem er seinen
blutenden Schwanz leckte.
O welch ein Unglück! dieser Schwanz, sein Stolz, seine Freude; dieses
Glied seines Körpers, welches dem Kater eine Aehnlichkeit mit den
Kometen des Himmels giebt, es war verstümmelt; Rosaurus war auf ewig
geschändet! Er überließ sich ganz seinem Schmerz und brach in laute
Klagen aus.
Diese Klagen vernahm eine muntere Knabenschaar, welche so eben aus der
Schule kam. Das ist der Augenblick, wo die Kinder am übermüthigsten zu
sein pflegen. Sie nahmen Steine und warfen nach dem armen schreienden
Thier. Rosaurus flüchtete immer höher in die dichtesten Zweige des
Baumes; er zog sich hinter die verschlungendsten Aeste zurück und suchte
sich zu schützen gegen das Wurf-Material, welches von allen Seiten in
seiner Nähe einschlug, entweder vorbeiflog oder an den schützenden
Zweigen abprallte. Ein kühner Knabe entschloß sich, an dem Baum hinauf
zu klettern; alle jubelten über diesen Entschluß; der Steinregen war zu
Ende und die Jugend blickte neugierig und mit reger Theilnahme dem
Kletternden nach; Rosaurus hatte sonach eine neue Gefahr zu fürchten.
Der kletternde Knabe mußte sich an die innern Baumäste halten, wo
Rosaurus von den Steinen hingetrieben war, so daß letzterer sich
genöthigt sah, seine Zufluchtsstätte zu verlassen und die äußersten
Spitzen der höchsten Aeste aufzusuchen. Rosaurus war sehr leicht, ihn
trug das dünnste Zweigelchen; die Vögel flohen erschreckt aus den
Wipfeln des Baums, indem sie ein ängstliches Piep Piep ausstießen, und
Rosaurus verspürte in diesem Augenblick einiges Gelüste nach dem
Vogelspiel, er mußte aber diese strafbaren Gedanken unterdrücken wegen
der eigenen Gefahr, welche auch wirklich mit jeder Minute stieg; denn
als der Knabe auf dem Baum nicht Rosaurus selbst packen konnte, ergriff
er den Ast, auf dessen äußersten Spitzen das arme geängstete Thier saß
und schüttelte denselben so stark, daß er sich nicht länger darauf
halten konnte. Rosaurus stürzte aus der schwindelnden Höhe herab, unter
lautem Freudenruf der Schuljugend.
Jedes andere unbeflügelte Thier würde unstreitig den Hals gebrochen
haben; aber die Katzen haben die große Geschicklichkeit, immer auf den
Beinen zur Erde zu gelangen; das war auch jetzt der Fall mit Rosaurus.
-- Seine Füße waren freilich geprellt und hätten der Ruhe und Pflege auf
weichem Bettchen bedurft; aber unter dieser blutdürstigen Umgebung
konnte er nicht weilen -- er mußte wieder zu schneller Flucht greifen
und unter neuem Steinregen davon laufen. -- Als er endlich sich sicher
glaubte, fühlte er sich von einer kleinen aber kräftigen Hand gepackt
und eine wohlbekannte Stimme rief. »Du bist mein,« und steckte Rosaurus
unter seinen Rock.
Es war niemand anders als Wilhelm, welcher aus der Schule kam und, in
der Hoffnung, dem Löwen zwei Braten, d. h. zwei Kätzchen, bringen zu
können, die ganze Verfolgung des armen Thiers geleitet hatte.
Es gab indeß großen Spektakel zu Haus, als Wilhelm Rosaurus Flucht
entdeckte und in dem armen abgehetzten, verstümmelten Kätzchen sein
Eigenthum erkannte. Hannchen wurde von ihm geschimpft, geschlagen und
gekneipt, bis Dorte ihr zu Hülfe kam.
Am Nachmittag sah Wilhelm indeß ganz anders aus, als am Morgen, denn er
hatte sich sorgsam gewaschen und gekämmt, eine wohlgeflickte
Sonntagsjacke angethan, die verschossenen Hosen stramm gezogen, die
Strümpfe in die Höh gebunden und die Schuhe geschwärzt. »Jetzt,« sagte
er, »bin ich ein schmucker Mensch und ich glaube, der Löwe würde mich
verspeißen, wenn er könnte; ich bin ganz geeignet, um ihm Appetit
einzuflößen.« Rosaurus wurde nun in die Rocktasche gesteckt und so gings
zum Vogelschießen.
Man zog gerade den großen hölzernen Vogel unter Musik und
Kanonenschüssen empor. Es war ein Adler mit zwei Köpfen. Kronen, Scepter
und Reichsapfel waren vergoldet. Es wurde Rosaurus recht unheimlich im
Gedränge, denn Wilhelm war immer da, wo es am dichtesten war und zwar
aus guten Gründen.
Viele Buden mit Sehenswürdigkeiten waren aufgeschlagen. Da gab es
Wachsfiguren, Panoramen, Seiltänzer, Taschenspieler und Marionetten zu
sehen; am meisten gab es aber Eßbuden, welche die herrlichsten Bissen
aufgestellt hatten. Da zischten und dampften Bratwürste, dort gab es
Kuchen, Torten, Früchte; Rosaurus verspürte großen Appetit und auch noch
andere empfanden solchen.
Viele Leute kauften und ließen es sich wohl schmecken; aber viele
standen dabei und konnten sich nichts kaufen und man sah es ihnen doch
an den Augen an, daß sie es so gern gethan hätten; das waren die Armen.
Darunter gehörte auch Wilhelm. -- Er tröstete sich aber mit dem
Gedanken, daß er noch vor Schlafengehen sich auf irgend eine Weise ein
Stück Kuchen verschaffen werde und mit diesem Trost lief er zur
Menagerie.
Diese war leicht aufzufinden, denn vor derselben schrien Papageien und
tanzten Affen in wunderlichen Sprüngen. Wilhelm bot dem Besitzer der
Menagerie sein Kätzchen zum Verkauf. »Das ist ein rechtes Futter,« sagte
der Mann in verächtlichem Ton, »das füllt ja kaum einen hohlen Zahn des
Löwen aus; doch um des Spaßes willen nehm ich dir den Kater ab. Da hast
du einen Groschen, und wenn du sehen willst, wie dein Kätzchen gefressen
wird, so kannst du in einer Stunde wieder kommen, da wird gefüttert --
du sollst eingelassen werden, ohne zu zahlen.«
Wilhelm lief nun mit seinem Groschen zur Kuchenbude. Er dachte zwar
daran, daß der Vater ihm befohlen habe, alles Geld nach Hause zu
bringen; »da müßte ich doch ein rechter Narr sein!« sagte er zu sich
selbst, kaufte ein Stück Kuchen, welches er sehr gemüthlich verzehrte,
während einige seiner armen Schulkameraden ihm nicht ohne Neid zusahen.
Kapitel 8.
Die großen Katzen.
Tiger! Tiger! Flammenpracht!
In des Waldes dunkler Nacht,
Wo die kühne Meisterhand,
Die sich dieses unterstand,
Daß die Gluth sie angefaßt,
Die du in den Augen hast.
Ward aus Himmel oder Höll'
Ausgeschöpft die Feuerquell?
Alles wie aus einem Guß!
Welche Hand! und welcher Fuß!
Wo die Esse, die so stolz,
Dieses Hirn aus Erz dir schmolz!
Aller Wesen letzter Tag
Tiger ist dein,
Was du anfaßt, das ist roth,
Was du angefaßt, ist todt.
Tiger, Tiger, fürchterlich!
Der das Lamm schuf -- schuf er dich?
Als Wilhelm nach der Menagerie zurückkam, vernahm er schon lautes
Brüllen. Im Vorplatz wurden große Stücke Fleisch zerschnitten; diese
wurden sodann vertheilt, und Wilhelm weidete sich an der Freßbegierde
der Thiere, an ihren scharfen Zähnen und an den wilden Tönen, welche sie
dabei ausstießen. Man warf das Kätzchen in des Löwen Käfig; es zitterte,
und Wilhelm dachte schon, das große Thier werde seiner Angst bald ein
Ende machen und es unter seiner Riesentatze ersticken. Aber nein! der
Löwe schien es gar nicht zu bemerken, es konnte ganz sicher bei ihm
leben; wenn er es nicht aus Zufall zertrat, mit Willen that er es gewiß
nicht. Kätzchen verlor auch wirklich bald alle Angst; es leckte von dem
blutigen Fleisch, welches der Löwe zur Mahlzeit erhielt -- das arme
Thier mußte ja auch sehr hungrig sein; der Löwe ließ es sogar geschehen,
daß es ein kleines Stückchen fraß, und als es gesättigt war, zeigte es
sogar Lust, mit dem Schweif des Königs zu spielen, wie es mit Mlle.
Gogo's Mützenschleife gespielt hatte.
Als nun die Thiere gefüttert waren, räusperte sich der
Menageriebesitzer, und indem er mit einem Stock nach den verschiedenen
Käfigen deutete, gab er mit lauter Stimme folgenden Bericht. »Sie sehen
hier, meine Herrschaften, den großen Löwen aus Bengalen. Er ist einer
der größten, die man je in Europa gesehen hat, indem er 9 Fuß lang und 5
Fuß hoch ist. Seine prächtige Gestalt, sein fester Blick, sein stolzer
Gang und sein furchtbares Gebrüll zeugen von seiner Kraft. Seine
ungeheure Muskelstärke verräth sich durch die großen Sprünge die er
macht, um auf seine Beute zu stürzen und durch das Schlagen seines
Schweifes, womit er einen Ochsen zu Boden werfen kann. Sein gewöhnlicher
Gang ist langsam und würdevoll; er pflegt blos zu laufen, wenn er
verfolgt wird. Hinter Gebüsch und Rohr verbirgt er sich und lauert auf
das vorübergehende Wild, welches an einer nahen Quelle zu trinken
pflegt; mit einem ungeheueren Sprunge stürzt er über dasselbe her, indem
er seine Krallen tief in dessen Seiten schlägt und mit seinen Zähnen
dessen Hinterschädel zerbricht. Wenn er im Sprung seine Beute verfehlt
hat, so läßt er sie laufen und versucht nicht, sie zu verfolgen, sondern
legt sich abermals auf die Lauer. Hat er sich satt gefressen, so legt er
sich nieder und schläft zwei bis drei Tage, bis der Hunger ihn wieder
aufweckt. Wenn der Löwe unter eine Heerde geräth, so tödtet er Alles,
was ihm vorkommt, selbst wenn er gesättigt ist. Sein Muth ist nicht so
groß, als man glauben möchte; er greift nur kleinere und schwächere
Thiere an, und wenn er sich in den Bereich der menschlichen Wohnungen
geschlichen hat, so kann man ihn mit einigem Lärm oder auch mit einer
brennenden Fackel verjagen. Indem er die Haut seines Gesichts und
vorzüglich die Stirnhaut mit großer Leichtigkeit bewegt, kann er den
Ausdruck seiner Physiognomie sehr oft wechseln und ihr den einer
furchtbaren Wuth geben, welcher durch die Beweglichkeit seiner Mähne,
die er emporsträuben und nach allen Richtungen hin wenden kann, sehr
erhöht wird. Die Löwin ist kleiner, ruhiger und feiger, als der Löwe,
doch wenn sie Junge hat, ist sie furchtbarer als er, indem sie sich dann
auf Menschen und Thiere ohne Unterschied stürzt, sie tödtet und ihren
Kleinen zuträgt, denen sie bei Zeiten lehrt, das Blut zu saugen und das
Fleisch zu zerreißen. Der Löwe säuft wie ein Hund. Sein Gebrüll ist so
stark, daß man es des Nachts in der Wüste für Donner halten könnte;
er stößt es täglich 5 bis 6 Mal aus, besonders häufig, wenn Regen zu
erwarten steht. Wenn der Löwe Menschen und Thiere zusammen findet,
so fällt er lieber die letztern an, es sei denn, daß ein Mensch ihn
schlägt, bei welcher Gelegenheit er den Beleidiger gewiß schnell
herausfindet. Der Elephant, das Rhinozeros, der Tiger und das Nilpferd
sind die einzigen Thiere, welche ihm Widerstand leisten können und
welche er auch gern vermeidet, wenn er kann. Das Fleisch des Löwen hat
einen unangenehmen starken Nachgeschmack; doch essen die Neger es gern.
Der Löwe gehört dem Katzengeschlecht an, man vergleiche ihn nur mit dem
kleinen Kätzchen, welches ihm Gesellschaft leistet. Beide haben 30
scharfe Zähne, beide Pfoten mit langen starken Krallen, die sie nach
Belieben einziehen und herausstoßen können; beide haben denselben Bau
des Kopfes und tragen denselben Raubthiercharakter.
_Der Tiger_
gehört ebenfalls zum Katzengeschlecht. Während der Löwe als erstes unter
den fleischfressenden Thieren gilt, ist der Tiger das zweite. Ihm fehlt
die Würde des Löwen; er ist immer blutdürstig und fällt gern die
Menschen an. Ihm fehlt auch des Löwen edler Anstand; sein Körper ist zu
lang, seine Beine zu niedrig; das Haupt hat keine Mähne, die Augen sind
unstät und die Zunge blutroth; er ist von einer unersättlichen Blutgier,
von einer empörenden Grausamkeit beseelt; sein einziger Instinkt scheint
eine stete Wuth zu sein, welche ihn oft so weit verblendet, daß er seine
eigenen Jungen frißt und deren Mutter zerreißt, wenn sie dieselben
vertheidigen will.
Glücklicher Weise sind diese Thiere nicht sehr zahlreich und blos auf
das heißeste Klima Ostindiens beschränkt.